Eine Stele für die Arbeiterbewegung


Bezirksvorsteher Hanno Bremer (links) und Uwe Koopmann enthüllen in Gerresheim die Stele "Arbeiterbewegung".

21.05.11
ArbeiterbewegungArbeiterbewegung, Düsseldorf, NRW 

 

Industriepfad Düsseldorf-Gerresheim ehrt KPD und DKP

In Untergerresheim wurde jetzt die vorerst letzte Stele des Förderkreises Industriepfad Düsseldorf-Gerresheim enthüllt. Insgesamt geben 20 Stationen auf der vier Kilometer langen Strecke Auskunft über die Entwicklung von Manufaktur und Industrie im 19. und 20. Jahrhundert, über Produktivkräfte und Produktionsverhältnisse.

Die dreiseitige Stele mit dem Titel "Arbeiterbewegung" ist eine deutliche Darstellung der Klassenkämpfe: Auf einer Seite eine klare Übersicht über die Stationen des Industriepfades, auf der zweiten Seite ein Überblick über die Arbeiterbewegung in der roten Industriestadt Düsseldorf: "Düsseldorf wurde in den 1920er Jahren eine der Hochburgen der KPD." Verwiesen wird auf Barrikadenkämpfe und Straßenschlachten gegen die Nazis.

Die dritte Seite der Stele beschäftigt sich speziell mit der Arbeiterbewegung in Gerresheim. Für den Glashüttenbesitzer Ferdinand Heye galt das "Herr-im-Haus-Prinzip" - durchgesetzt mit Polizei, Kündigungen und Vertreibung aus den Werkswohnungen. Trotzdem - und deshalb - wurde hier die SPD im 19. Jahrhundert stark - und stark verfolgt.

Nach der Revolution von 1918 entschied sich besonders Untergerresheim für die KPD, "die hier bei der Hütte bei Reichstagswahlen auf mehr als 70 Prozent der Stimmen kam." Im Herzen von Untergerresheim, dem Roten Platz, wurde jetzt die Stele aufgestellt. Das Herz hatte auch bei den Gegner der KPD einen Namen: "Klein-Moskau". Bereits am 5. Mai 1933 gab es daher eine umfassende Razzia von SA und Polizei. Es gab 300 Verhaftungen mit einem "Kessel" am Heye-Bad. An seiner Rückseite informiert die Stele: "Trotzdem hielt der Widerstand der linken Gruppen hier an."

Schließlich wird der Bogen bis in die Gegenwart geschlagen: Nach dem Zweiten Weltkrieg "blieb die KPD/DKP um die Glashütte herum eine wichtige politische Gruppe", die hier regelmäßig in der Bezirksvertretung vertreten war.

Die Stelen sind, anders als in der Antike, keine Grabsäulen, sondern Fingerzeige, die einen Bezug zur Gegenwart haben und in die Zukunft deuten. Der Förderkreis unter seinem Vorsitzenden Professor Niklaus Fritschi kämpft daher dafür, markante Industriearchitektur wie die Elektrozentrale und das Kesselhaus der Gerresheimer Glashütte und den Gerresheimer Bahnhof unter Denkmalschutz zustellen. Diese Auseinandersetzungen wurden bereits erfolgreich abgeschlossen. Jetzt geht es darum, die Bauwerke für eine soziale und kulturelle Nutzung zu sichern. Die Stadt Düsseldorf hat sich dieser Pflicht bisher entzogen. Aber der "Klassenkampf" ist noch nicht beendet.

Anmerkungen zur Übergabe der Stele "Arbeiterbewegung"
Gerresheim, Nachtigallstraße, 21. Mai 2011

Sehr geehrter Herr Prof. Fritschi,
sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Genossinnen und Genossen aus der Arbeiterbewegung,

Karl Marx (5. Mai 1818 - 14. März 1883), einer der Urväter der deutschen und internationalen Arbeiterbewegung, hätte vielleicht seine Freude, ausgerechnet in Düsseldorf auf diese Stele zur Geschichte der Arbeiterbewegung zu treffen. In unserer Phantasie können wir Adolph Joseph Maria Bermbach (14. September 1821 - 1875) an seiner Seite sehen. Bermbach war Rechtsanwalt und Ratsherr in Gerresheim. Bei dem Kölner "Kommunisten-Prozess" war er einer Helfer von Marx, der aus der Domstadt ins Exil getrieben wurde.

Was hätten die beiden Herren bei ihrem Gang durch die Geschichte der Arbeiterbewegung in Düsseldorf und Gerresheim nicht alles entdecken können?!

Bestürzt wären sie vielleicht, wenn sie auf die Südseite des Heyebades treten würden und nach der Glashütte schauen möchten. Aber: da ist keine Glashütte mehr. Marx hätte vermutlich schnell den Kopf eingeschaltet, vielleicht sogar im "Kapital" (MWE, Band 23) nachgeschlagen und erkannt: Es liegt in der Gesetzmäßigkeit der kapitalistischen Entwicklung, dass das Kapital nach Akkumulation strebt, nach Konzentration und Monopolisierung der Produktion - und dabei nach Vernichtung "überflüssiger" Arbeitsplätze sucht.

Bei einem Rückblick hätte Bermbach dem Marx vielleicht gesteckt: Nicht nur die Hütte und 6.000 Arbeitsplätze sind weg. Weg ist auch ein ganzes Arbeiterquartier: die Altstadt. Die ehemaligen Straßen verweisen auf Wittekind, Höstel, Loitz, Kreuznach. Das waren Orte mit Glasindustrie. Die Industrie gibt es nicht mehr. Gleichzeitig ist aber der Weltkonzern Owens Illinois, er gehört zu den größten Glasproduzenten weltweit, immer größer geworden.

Marx würde Bermbach erklären, warum Kapital wuchert, warum Arbeiterklasse bedroht ist.

Die Altstadt war Heimat eines Teiles der Gruppe "Gerresheimer 10". Sie erfuhren, dass Bedrohung sogar Bedrohung des Lebens sein kann. Ergänzend zu dem Hinweis auf der Stele zur "Razzia von Gerresheim" sei daran erinnert, dass es gleich nach der Machtübergabe an die Nazis Todesurteile gegen Arbeiter gegeben hat, die in der Weimarer Republik nicht belangt wurden, nun aber dem Zorm der NS-Justiz ausgesetzt waren. Ich erinnerte an die vollstreckten Todesurteile gegen Emil Schmidt, Peter Huppertz und Otto Lukat. Sie wurden 1934 im Gefängnis Ulmer Höh mit dem Beil des Henkers enthauptet.

Ihre Richter und die beteiligten Staatsanwälte wurden nach 1945 nicht belangt. Über 50 Jahre galten die Opfer als Täter. Das erinnert an die Opfer vom 16. April 1945. Stellvertretend nenne ich den Gerresheimer Theodor Andresen. Auch das Urteil zu ihrer Exekution an der Mauer hinter dem Franz-Jürgens-Kolleg wurde von keinem Gericht aufgehoben. Das geschah erst nach über 50 Jahren durch ein Bundesgesetz.

Von der Altstadt in die Neustadt, in die Nachtigall, zur Meistersiedlung. Hier gab es überall das klassische Arbeiter-Milieu. Hier wusste man sich zu wehren. 1979 sollten über 1.000 Wohnungen der Glashütte verkauft werden. Die Arbeiter fürchteten die Kündigung, wenn die Häuser in die Hand eines Spekulanten fallen würden. Und sie kämpften dagegen, besonders die Frauen waren aktiv - und erfolgreich. Für alle Wohnungen gab es einen "Zusatzvertrag", der lebenslanges Wohnrecht sicherte und - besonders wichtig in dieser Situation - Kündigungen wegen "Eigenbedarf" ausschloss.

Zum Abschluss möchte ich mit Karl Marx und Joseph Bermbach den Blick noch einmal gerne auf unseren Bahnhof richten. Auch er ist Teil der Geschichte der Arbeiterbewegung. Dabei ging es nicht nur um die diversen Fahrten zwischen Gerresheim und Erkrath. Manche ungebetenen Fahrgäste mussten sogar Angst haben, hier auszusteigen.

Heute geht es darum, diesen Bahnhof in seiner Architekturgeschichte und in seiner sozialen Funktion für die Bevölkerung zu sichern. Diese Stele möge deshalb auch ein Fingerzeig zum Bahnhof sein. Sie mahnt uns, den Bahnhof nicht aufzugeben.

 







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