Mohr und General


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04.09.14
ArbeiterbewegungArbeiterbewegung, Kultur, Theorie 

 

von Eleanor Marx-Aveling

[Eleanor über Friedrich Engels und Vater Karl]

„Bei einer Seite von meines Vaters wie auch Engels’ Charakter muss ich hier verweilen und mit um so Größerem Nachdruck, als diese Seite der Außenwelt unbekannt und der Mehrzahl der Menschen unglaubwürdig erscheint.
Immer wieder wurde mein Vater als eine sardo- nische, zynische Art von Jupiter geschildert, stets bereit, den Donnerkeil gleicherweise gegen Freund und Feind zu schleudern.

Wer aber jemals und auch nur einmal in seine schönen braunen Augen gesehen hat, welche durchdringend und zugleich so sanft waren, so voll Humor und Güte; wer jemals sein ansteckendes und herzerfreuendes Lachen gehört, der weiß, dass der höhnende, kalte Jupiter nur eine Gestalt der puren Einbildung ist.

Desgleichen Engels. Da gibt es Leute, welche ihn schildern, als wäre er ein Autokrat, ein Diktator, ein bissiger Krittler. In keiner Beziehung trifft das zu. Niemals hat vielleicht ein Mann so mild über andere geurteilt, keiner war mehr hilfsbereit als er. Von seiner uner- schöpflichen Güte gegen jüngere Leute brauchte ich nicht zu sprechen. In jedem Lande finden sich genug, die dafür Zeugenschaft ablegen können. Ich kann nur sagen, dass ich häufig genug gesehen habe, wie er seine eigene Arbeit weglegte, um irgendeinem Jungen einen Freudschaftsdienst zu leisten; dass seine eigenen Arbeiten im Interesse eines Anfängers vernachlässigt wurden.

Nur eines ist es, was Engels niemals verzeiht – Falschheit. Ein Mensch, der unwahr gegen sich selbst ist und noch mehr, welcher seiner Partei untreu ist, findet keine Gnade vor Engels. Das sind ihm die unverzeihlichen Sünden. Außer diesen anerkennt Engels, soweit es andere betrifft, keine anderen Sünden.“ [Siehe: Mohr und General, Berlin 1970, S. 451/452.]

„Aber erst in seinem Verkehr mit Kindern offenbaren sich die köstlichen Seiten von Marxens Charakter. Kinder konnten sich keinen bessern Gesellschafter wünschen. Ich erinnere mich, wie ich beiläufig drei Jahre alt war und Mohr (dieser sein alter Spitzname kommt mir immer wieder auf die Zunge) mich auf seiner Achsel in unserem kleinen Garten in Grafton Terrace herumtrug und Windlingsblüten in meine braunen Locken steckte. Mohr war sicherlich ein prächtiges Pferd; mit wurde erzählt, dass meine älteren Geschwister, darunter mein Bruder, dessen Tod kurz nach meiner Geburt meinen Eltern zeitlebens eine Quelle tiefen Kummers war, Mohr an einige Sessel schirrten, sich selbst darauf setzten und ihn nun ziehen ließen.

In der Tat hat er einige Kapitel des ,Achtzehnten Brumaire’ in Deen Street, Soho, in seiner Eigenschaft als Hühpferd seiner drei kleinen Kinder geschrieben, die hinter ihm auf Stühlen sassen und auf ihn lospeitschten. Ich für meinen Teil, vielleicht weil ich keine Geschwister von entsprechendem Alter hatte, zog Mohr als Reitpferd vor. Auf seiner Schulter sitzend, die Hände in seiner dichten Mähne vergraben, die damals noch schwarz war mit einem Stich ins Graue, galoppierte ich am liebsten in unserm kleinen Garten herum und über die Felder, die damals noch nicht verbaut waren. [...]

Aber Mohr war nicht nur ein ausgezeichnetes Pferd, er war noch was Höheres, ein geradezu einziger und unerreichbarer Geschichtenerzähler. Meine Tanten haben mir oft erzählt, dass Mohr als Junge ein schrecklicher Tyrann war; er zwang sie, im vollen Galopp den Marxberg zu Trier hinunter zu kutschieren, und was noch schlimmer war, er bestand darauf, dass sie die Kuchen äßen, welche er mit schmutzigen Händen aus noch schmutzigerem Teige selbst verfertigte. Aber sie ließen sich dies alles ohne Widerrede gefallen, denn Karl erzählte ihnen zur Belohnung so wundervolle Geschichten. Viele, viele Jahre danach erzählte er Geschichten seinen Kindern. Meinen Schwestern, ich war damals noch klein, erzählte er Geschichten während der Spaziergänge, und diese Geschichten wurden nicht in Kapitel, sondern nach Meilen eingeteilt.

,Erzähle uns noch eine Meile’, verlangten die zwei Mädchen. Was mich angeht, so liebte ich von all den unzähligen wunderbaren Geschichten, welche mir Mohr erzählte, am allermeisten die Geschichte von Hans Röckle. Sie dauerte Monate und Monate; denn es war eine lange, lange Geschichte und endete nie. Hans Röckle war ein Zauberer, wie sie Hoffmann liebte, der einen Spielwarenladen hatte und viele Schulden. In seinem Laden waren die wunderbarsten Dinge: hölzerne Männer und Frauen, Riesen und Zwerge, Könige und Königinnen, Meister und Gesellen, vierfüßige Tiere und Vögel so zahlreich wie in der Arche Noah, und Tische und Stühle, Equipagen und Schachteln groß und klein.

Aber ach! – trotzdem er ein Zauberer war, stak er doch stets in Geldnöten, und so musste er sehr gegen seinen Willen alle seine hübschen Sachen – Stück für Stück – dem Teufel verkaufen. Nach vielen, vielen Abenteuern und Irrwegen kamen aber dann diese Dinge immer wieder in Hans Röckles Laden zurück. Einige von diesen Abenteuern waren schauerlich und haarsträubend wie Hoffmanns Erzählungen, andere wieder komisch, aber alle wurden erzählt mit einem unerschöpflichen Schatze von Erfindungsgabe, Phantasie und Humor.

Mohr las seinen Kindern auch vor. Wie meinen Geschwistern, so las er auch mir den ganzen Homer vor, das ,Nibelungenlied’, ,Gudrun’, ,Don Quijote’ und ‘Tausendundeine Nacht’. Shakespeare war unsere Hausbibel; mit 6 Jahren konnte ich schon ganze Szenen aus Shakespeare auswendig.

Als ich 6 Jahre alt wurde, schenkte mir Mohr zu meinem Geburtstage den ersten Roman – den unsterblichen ,Peter Simple’. Dann kam Marryat und Cooper. Mein Vater las alle diese Bücher mit mir und besprach deren Inhalt ganz ernsthaft mit seinem Töchterlein. Und als das kleine Mädchen – begeistert von Marryats Seefahrergeschichten – erklärte, sie wolle auch ,Postkapitän’ werden, und ihren Vater fragte, ob es nicht ginge, ,Bubenkleider’ anzuziehen und sich auf einem Kriegsschiff anwerben zu lassen, versicherte er, dass dies wohl möglich sei, nur dürfte sie niemandem das geringste sagen, bis die Pläne ganz ausgereift seien. Doch noch ehe diese Pläne reiften, kam die Walter-Scott-Schwärmerei und ich hörte mit Schrecken, dass ich selbst entfernt verwandt sei mit dem verhasstem Stamm der Campbells.

Dann kamen Pläne zur Revolutionierung der (schottischen) Hochlande und zur Wiederholung der Erhebung ,von 45' (1745). Ich muss hinzufügen, dass Marx Walter Scott immer und immer wieder las; er bewunderte ihn und kannte ihn fast ebensogut wie Balzac und Fielding. Während Marx über diese Bücher zu seiner Tochter sprach und ihr zeigte, wo sie das Schönste und Beste in diesen Werken zu suchen habe, lehrte er sie – ohne dass sie es merkte – denken und verstehen.

In gleicher Weise sprach dieser ,bittere und verbitterte’ Mann mit seinen Kindern über Politik und Religion. Ich selbst erinnere mich wohl, wie ich einst als Kind religiöse Bedenken hatte. Wir hatten in einer römisch-katholischen Kirche der prächtigen Musik gelauscht, die einen so tiefen Eindruck auf mich machte, dass ich mich Mohr anvertraute. Mohr setzte mir in seiner ruhigen Weise alles so klar und deutlich auseinander, dass von der Zeit an bis heute mich auch nicht der leiseste Zweifel mehr anwandelte. Und wie er mir die Geschichte des Zimmermannsohnes erzählte, den die Reichen töteten, so einfach und erhaben! Oft und oft hörte ich ihn sagen: ,Trotz alledem, wir können dem Christentum viel verzeihen, denn es hat gelehrt die Kinder zu lieben.’

Marx selber hätte sagen können: ,Lasst die Kleinen zu mit kommen’, denn wo immer er auch ging, war er von Kindern umringt. Ob er auf Hampstead Heath sass – eine weite offene Heide nördlich von London nahe unserem alten Heim –, ob in einem der Parks, gleich sammelte sich eine Schar von Kindern um ihn, den großen Mann mit dem langen Haar und Bart und den guten braunen Augen. Ganz fremde Kinder kamen so an ihn heran und hielten ihn oft in der Straße auf, ebenso zutraulich waren die Tiere zu ihm. Einmal erinnere ich mich, hielt ein wildfremder zehnjähriger Knabe ohne weiters den ,Chef der Internationale’ in Maitland Park an und sagte zu ihm: ,Swop knives’. Nachdem er Marx erklärt hatte, dass ,swop’ in der Schuljungensprache ,tauschen’ meinte, holten beide ihre Messer heraus und verglichen sie. Das Messer des jungen hatte nur eine Klinge, Marxens zwei, diese aber waren fürchterlich stumpf. Nach einigem Hin und Her wurde der Handel abgeschlossen, die Messer getauscht und der ,gefürchtete Chef der Internationale’ gab einen Penny darauf, weil sein Messer gar so stumpf war.

Mit welcher Geduld und Sanftmut antwortete Mohr auf alle meine Fragen, als amerikanische Kriegsgeschichten und Blaubücher die Marryat und Scott für einige Zeit verdrängt hatten. Dafür brütete ich tagelang über englischen Regierungsberichten, über Landkarten von Amerika. Nie klagte Mohr über meine Unterbrechungen, obwohl es sehr störend für ihn gewesen sein muss, sein ewig plauschendes Kind um sich zu haben, während er an seinem großen Werk arbeitet; aber nie ließ er in seinem Kinde den Gedanken aufkommen, dass es ihm im Wege sei. Um dieselbe Zeit, ich erinnere mich noch sehr gut, hatte ich die unerschütterliche Überzeugung, dass Abraham Lincoln (Präsident der Vereinigten Staaten Amerikas) unmöglich ohne meinen Rat auskommen könne, und so adressierte ich lange Briefe an ihn, welche Mohr lesen und zur Post tragen musste. Viele, viele Jahre später zeigte er mir die kindlichen Briefe, die ihn so belustigt, dass es sie so lange aufbewahrt hatte.

Und so war denn Mohr durch all die Jahre meiner Jugend ein idealer Freund.“ (Eleanor Marx-Aveling) [Siehe: Mohr und General, Berlin 1970, S. 271/272, 272–277.]

Quelle: Marx/Engels – Über die Jugend. Dietz Verlag Berlin 1974.

01.09.2014, Reinhold Schramm (Bereitstellung)

[1] Friedrich Engels und Karl Marx (stehend) vorn die Töchter Laura, Eleanor und Jenny (vor Juni 1864)
https://de.wikipedia.org/wiki/Karl_Marx


VON: ELEANOR MARX-AVELING






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