"Ein Verbrecher produziert Verbrechen"


Bildmontage: HF

11.08.18
TheorieTheorie 

 

Karl Marx´ Abschweifung über produktive Arbeit

Von Richard Albrecht

Natürlich soll mit diesem Kurzhinweis hier weder die Ästhetik der schwieligen Faust noch die Politik des rauchenden Colts befördert werden ... freilich an Marx´ Notizen zur produktiven Arbeit 1862/63 erinnert werden[1]. Marx´ einleitende kurze Abschweifung[2], die der kommentierten Gliederung zur Produktivität von Kapital (als sich selbst verwertendem Wert), produktiver und unproduktiver Arbeit vorangestellt ist, wirkt strategisch durchdacht und bündig formuliert. Und Marx führt keineswegs zufällig, sondern bewußt an der Sozialfigur des Verbrechers und dessen vielfältigen Wirkungen zur Produktivkraftentwicklung seine Kritik der "philisterhaften Apologeten der bürgerlichen Gesellschaft" vor:

"Ein Philosoph produziert Ideen, ein Poet Gedichte, ein Pastor Predigten, ein Professor Kompendien usw. Ein Verbrecher produziert Verbrechen. Betrachtet man naeher den Zusammenhang dieses letztren Produktionszweigs mit dem Ganzen der Gesellschaft, so wird man von vielen Vorurteilen zurueckkommen. Der Verbrecher produziert nicht nur Verbrechen, sondern auch das Kriminalrecht und damit auch den Professor, der Vorlesungen ueber das Kriminalrecht haelt, und zudem das unvermeidliche Kompendium, worin dieser selbe Professor seine Vortraege als "Ware" auf den allgemeinen Markt wirft. Damit tritt Vermehrung des Nationalreichtums ein. [...]

Der Verbrecher produziert ferner die ganze Polizei und Kriminaljustiz, Schergen, Richter, Henker, Geschworene usw.; und alle diese verschiednen Gewerbszweige, die ebenso viele Kategorien der gesellschaftlichen Teilung der Arbeit bilden, entwickeln verschiedne Fähigkeiten des menschlichen Geistes, schaffen neue Bedürfnisse und neue Weisen ihrer Befriedigung. Die Tortur allein hat zu den sinnreichsten mechanischen Erfindungen Anlass gegeben und in der Produktion ihrer Werkzeuge eine Masse ehrsamer Handwerksleute beschäftigt.

Der Verbrecher produziert einen Eindruck, teils moralisch, teils tragisch, je nachdem, und leistet so der Bewegung der moralischen und aesthetischen Gefühle des Publikums einen "Dienst". Er produziert nicht nur Kompendien über das Kriminalrecht, nicht nur Strafgesetzbuecher und damit Strafgesetzgeber, sondern auch Kunst, schöne Literatur, Romane und sogar Tragödien, wie nicht nur Müllners "Schuld" und Schillers "Räuber", sondern selbst "Ödipus" und "Richard der Dritte" beweisen. Der Verbrecher unterbricht die Monotonie und Alltagssicherheit des bürgerlichen Lebens. Er bewahrt es damit vor Stagnation und ruft jene unruhige Spannung und Beweglichkeit hervor, ohne die selbst der Stachel der Konkurrenz abstumpfen wuerde. Er gibt so den produktiven Kräften einen Sporn. Während das Verbrechen einen Teil der überzähligen Bevölkerung dem Arbeitsmarkt entzieht und damit die Konkurrenz unter den Arbeitern vermindert, zu einem gewissen Punkt den Fall des Arbeitslohns unter das Minimum verhindert, absorbiert der Kampf gegen das Verbrechen einen andern Teil derselben Bevölkerung. Der Verbrecher tritt so als eine jener natürlichen "Ausgleichungen" ein, die ein richtiges Niveau herstellen und eine ganze Perspektive "nützlicher" Beschäftigungszweige auftun.

Bis ins Detail können die Einwirkungen des Verbrechers auf die Entwicklung der Produktivkraft nachgewiesen werden. Wären Schlösser je zu ihrer jetzigen Vollkommenheit gediehn, wenn es keine Diebe gäbe? Wäre die Fabrikation von Banknoten zu ihrer gegenwärtigen Vollendung gediehn, gäbe es keine Falschmünzer? Hätte das Mikroskop seinen Weg in die gewöhnliche kommerzielle Sphäre gefunden [...] ohne Betrug im Handel? Verdankt die praktische Chemie nicht ebensoviel der Warenfälschung und dem Bestreben, sie aufzudecken, als dem ehrlichen Produktionseifer? Das Verbrechen, durch die stets neuen Mittel des Angriffs auf das Eigentum, ruft stets neue Verteidigungsmittel ins Leben und wirkt damit ganz so produktiv wie Streiks auf Erfindung von Maschinen. Und verlässt man die Sphäre des Privatverbrechens: Ohne nationale Verbrechen, wäre je der Weltmarkt entstanden? Ja, auch nur Nationen?"

So gesehen verweisen Marx´ historisch-kritische Reflexionen, Hinweise und Fragen in erfrischender Offenheit auf Sichtweisen und Perspektiven, an die in der zweiten Hälfte des ganzdeutschen Karl-Marx-Jahres 2018 einmal so unverstellt wie unideologisch erinnert werden sollte.

[1] Text in Karl Marx; Friedrich Engels, Werke Band 26. Erster Teil. Berlin: Dietz, 1965 [= MEW 26.1]: 363-388

[2] Ebenda: 363-364; im Netz unter anderem bei marxists.org https://www.marxists.org/deutsch/archiv/marx-engels/1863/tumw/compact/add1-11.htm sowie im Gutenberg-Projekt http://gutenberg.spiegel.de/buch/-4978/1 und bei Trend http://www.trend.infopartisan.net/trd0910/t150910.html

 







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