Zivilgesellschaft oder ideologische Staatsapparate?


Bildmontage: HF

25.08.09
TheorieTheorie, TopNews 

 

Louis Althusser zu Antonio Gramscis Zivilgesellschafts-Begriff

VON DETLEF GEORGIA Schulze

Neuerdings wird sich in der Linken positiv auf das, was Antonio Gramsci die „Zivilgesellschaft“  nannte bezogen. Meistens – und das ist dann wenigstens konsequent – ist damit gleich noch ein positiver Bezug auf den Staat im engeren Sinne, von Gramsci „politische Gesellschaft“  genannt, verbunden. Dies tut nun sicherlich dem italienischen Kommunisten unrecht. Denn ihm ging es nicht um Affirmation, sondern um Analyse der Kampfbedingungen - sowohl in der sog. Zivilgesellschaft als auch der sog. politischen Gesellschaft.

Trotzdem hat Gramsci – so die schon 1977 vom französischen Revolutionär und Philosophen Louis Althusser aufgestellte These – die Entwicklung zur Affirmation des Staates begünstigt. Denn Gramscis Begrifflichkeit führt – in anderen Worten (Zivilgesellschaft / politische Gesellschaft) – wieder die bürgerliche Unterscheidung zwischen bürgerlicher Gesellschaft und Staat in den Marxismus ein. ‚Die Gesellschaft’ wird in dieser – heute als „links“ ausgegebenen – Vorstellung (ungeachtet aller dort vorhandenen klassenmäßigen und sonstigen Vermachtungen) als Ort der freien und gleichen Entfaltung der widersprüchlichen Interessen gedacht. Der Staat verkörpert das darüber stehende Allgemeine. Soweit, so bekannt – und bereits vor der heutigen Zivilgesellschafts-Mode hinlänglich widerlegt.

Louis Althusser (Zu einigen Voraussetzungen der Staatsfrage in der marxistischen Theorie, in: ders., Krise des Marxismus, VSA: Hamburg, 1978, 69 ff.) hat deshalb vorgeschlagen, statt Zivilgesellschaft den Begriff „ideologische Staatsapparate“ zu verwenden. Dieser Begriff mache deutlich, daß Staat und Gesellschaft nicht getrennt seien. Vielmehr unterstreiche er, „daß die Hegemonie sich in Formen entfaltet, die – auch wenn ihr ‚Ursprung' spontan ist – in ideologische Formen integriert und transformiert sind, die in organischer Verbindung zum Staat stehen: zwar kann der Staat diese Formen bereits ‚vorfinden’ (...), aber sie werden unaufhörlich integriert und vereinheitlicht in Formen, die die Hegemonie (der herrschenden Klasse, d. Verf.) sichern.“  (ebd. 73 f.).

Mit dieser Begrifflichkeit wird eine doppelte Illusion vermieden: 1. die der Macht- und Herrschaftsfreiheit der Zivilgesellschaft 2. die, daß Politik nur in der Sphäre des Staates stattfinde. Dies sei ganz im Sinne von Antonio Gramsci, der begriffen hätte, daß es keine besondere „Sphäre der Politik“  gebe, sondern für den „alles Politik“  gewesen sei (74). Der Begriff „ideologische Staatsapparate“ treffe also das, was Gramsci sagen wollte, besser als Gramscis eigener Ausdruck „Zivilgesellschaft“.

Althusser kritisierte – im Gegensatz zu seiner eurokommunistischen ‚Regierungspartei im Wartestand’, der Französischen Kommunistischen Partei, der er angehörte, – die Reduzierung revolutionärer Politik auf die „offiziell anerkannten Formen“  (ebd.) und die Übernahme des (repräsentativen) „Modells des bürgerlichen politischen Apparates“  durch die meisten kommunistischen Parteien. Er vertrat die These, „daß diese grundsätzlich Beeinflussung der kommunistischen Konzeption der Politik durch die bürgerliche Ideologie genau der Punkt ist, an sich die Zukunft der Arbeiterbewegung entscheiden wird“  (75). Für Osteuropa hat er vorläufig – im Negativen – Recht bekommen.

Im Anschluß an Althusser sind verschiedene spezifische Untersuchungen einzelner ideologischer Staatsapparate entstanden: zur Schule, zum Recht, zur Religion, zur Kunst. Einige dieser Arbeiten sind nachgewiesen bei: Kammler / Plumpe / Schöttler, Philosophie der Ideologie oder Theorie des ideologischen Klassenkampfes, in: Alternative (Westberlin) Heft. 118, Feb. 1978, 2 ff. FN 32 - 39; Kolkenbrock-Netz / Schöttler, Für eine marxistische Althusser-Rezeption in der BRD, in: Thieme, Althusser zur Einführung, SOAK: Hannover, 1982, 119 ff., FN 69, 87, S. 165 - 167.

[Dieser Text entstand 1991 im Zusammenhang mit meinen Rezensionen zur Geschichte von DKP/KPD, DS und SAP, blieb damals aber unveröffentlicht.]

weitere Texte von Detlef Georgia Schulze befinden sich unter http://theoriealspraxis.blogsport.de/







<< Zurck
Ja, auch diese Webseite verwendet Cookies. Hier erfahrt ihr alles zum Datenschutz