Monopolherren und Spezialdemokraten 1918 – und bis heute


01.07.14
TheorieTheorie, Arbeiterbewegung, TopNews 

 

von Reinhold Schramm (Bereitstellung)

Aus dem Bericht Johann Reicherts, Geschäftsführer des Vereins Deutscher Eisen- und Stahlindustrieller, über eine Tagung führender Monopolherren im Stahlhof zu Düsseldorf am 9. Oktober 1918

»Tatsächlich war die Lage schon in den ersten Oktobertagen klar. Es kam darauf an: Wie kann man die Industrie retten? Wie kann man auch das Unternehmertum vor der drohenden, über alle Wirtschaftszweige hinwegfegenden Sozialisierung, der Verstaatlichung und der nahen Revolution bewahren? [...]

Die Versammelten waren sich einig darüber, dass unter den bestehenden Verhältnissen die Regierung des Prinzen Max von Baden und des Herrn von Payer unhaltbar sei und und dass sie bald gestürzt werden würde. Man hat die Lebensdauer dieser Regierung auf nicht mehr als 4 bis 5 Wochen veranschlagt, eine Voraussage, die leider auf den Tag zugetroffen ist. Jedenfalls haben sich die Eisenindustriellen von einer schwachen Regierung keine Hilfe versprechen können [...] Einen überragenden Einfluss schien nur die organisierte Arbeiterschaft zu haben. Daraus zog man den Schluss: Inmitten der allgemeinen großen Unsicherheit, angesichts der wankenden Macht des Staates und der Regierung gibt es für die Industrie nur auf seiten der Arbeiterschaft starke Bundesgenossen, das sind die Gewerkschaften [...]

Wenn in dieser großen Masse der organisierten Arbeitnehmer der Gedanke der Zusammengehörigkeit, der Solidarität, mit den Unternehmern für die großen wirtschaftspolitischen Fragen erweckt werden kann, dann – so schien es – ist ein Weg vorhanden, auf dem man künftig zum Besten der deutschen Industrie weitergehen kann, dann ist eine Aussicht auf Rettung

 

 

Vgl. Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, Bd. 3, S. 469 f., Berlin 1966.

Aus einem Brief des Stuttgarter Großindustriellen und Philanthropen Robert Bosch vom 24. Oktober 1918 an Staatssekretär Conrad Haußmann

Ich will nicht verhehlen, dass ich sehr weit links stehe und dass ich eine weitergehende Revolutionierung, als wir sie jetzt erleben, nicht für unerwünscht halten würde [...] Nur das Öffnen großer weiter Sicherheitsventile kann uns vor einer Katastrophe bewahren [...] je weiter wir nach linke gehen, desto eher werden wir Eindruck machen und eine Katastrophe ablenken können, [...] wenn das Haus brennt, löscht man auch schließlich mit Jauche, auf die Gefahr hin, dass es nachher in dem Hause eine Weile nachstinkt.“

Vgl. Hauptstaatsarchiv Stuttgart, Nachlass Haußmann, Büschel 18.

Aus den provokatorischen antisowjetischen Ausführungen des sozialdemokratischen Staatssekretärs Philipp Scheidemann auf der Sitzung der Staatssekretäre am 28. Oktober 1918

„Die Beweismittel reichten zu einem schärferen Einschreiten gegen die russische Botschaft nicht aus. Einen offenbaren Eingriff in die Exterritorialität müsse man vermeiden; aber wenn z. B. eine verdächtige Kurierkiste auf dem Transport zufällig entzweiginge, so lasse sich vielleicht die Abberufung des jetzigen Botschafters verlangen; das komme auch sonst im internationalen Verkehr vor. [1] Vor allem aber könne man einen starken Druck auf die russische Regierung dadurch ausüben, dass man mit den Kohlen zurückhalte, die Deutschland ihnen jetzt liefere. Gewandte Journalisten müssten nach Russland geschickt werden, um in deutschen Zeitungen die furchbaren Zustände dort anschaulich zu schildern und dadurch die Sympathie für den Bolschewismus zu ersticken.“

[1] Dieser heimtückische Rat wurde von den Polizei- und Militärbehörden begierig aufgegriffen und eine Kurierkiste mit belastender Flugblattliteratur präpariert. Deren „zufällige“ Entdeckung führte am 5.11.1918 zur Ausweisung der sowjetischen Botschaft aus Deutschland.

Vgl. Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, Bd. 3, S. 475.

Verfügung des Rates der Volksbeauftragten über den Verbleib der kaiserlichen Minister in ihren Ämtern vom 11. November 1918

»Die Staatssekretäre und die Chefs der Reichsbehörden sind von der Reichsregierung mit der vorläufigen Weiterführung der Geschäfte beauftragt worden. Das Eindringen unbefugter Personen in die Geschäftsräume der Reichsbehörden und die Übernahme amtlicher Geschäfte durch solche Personen ist nicht gestattet.« - »Die Reichsregierung. Ebert, Haase

Vgl. Preußische Tribüne, 14. November 1918.

Quelle: Dokumente zur deutschen Geschichte, 1917 – 1919. VEB Deutscher Verlag der Wissenschaften, Berlin 1975.

 

 


VON: REINHOLD SCHRAMM (BEREITSTELLUNG)






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