Zur Rolle des Antikommunismus heute [Teil III]


Antikommunismus

04.07.14
TheorieTheorie, Antifaschismus, Kultur, TopNews 

 

von Wolfgang Abendroth (1974)

Jedoch hatte diese Ideologie des Antikommu- nismus [vgl. Teil II] in den europäischen Län- dern und insbesondere in Deutschland noch eine zusätzliche Funktion (und daher auch differen- ziertere Formen und eine breitere Basis).

In der ersten Periode nach 1945, in der sich die USA schon vor der deutschen Kapitulation ein- deutig für die unbedingte Wiederherstellung des Kapitalismus in Europa entschieden hatten, mussten sie sich in Form der Politik des „containment“ von den Kompromissen mit der UdSSR – zuletzt noch in Gestalt des Potsdamer Abkommens – lösen, die ursprünglich eine selbständige demokratische Entwicklung der europäischen Völker, und daher auch durch die Übergangsform der antifaschistischen Demokratie deren Recht auf eigene Entscheidung über ihre Produktionsverhältnisse, sichern sollten.

In der zweiten Phase, die ihr rasch folgte, galt es für die USA – und nun schon im Bündnis mit den in Machtstellung und Selbstbewusstsein wiederhergestellten kapita- listischen Klassen der westeuropäischen Staaten –, durch die Politik des „roll back“ zu versuchen, diejenigen Staaten, in denen sich nach 1945 der Sozialismus „eingenistet“ hatte, zu „befreien“, also sie erneut der kapitalistischen Produktionsweise zu unter- werfen.

Für beides war eine Massengrundlage notwendig, die nur durch die Ideologie des Antikommunismus vermittelt werden konnte.

Dabei kam den herrschenden Klassen und den USA stets eins gleichsam zu Hilfe: Je offensichtlicher der aggressive Charakter der Politik der USA (und dann des Brüsseler Paktes und später der NATO) wurde, desto mehr war das langsam entstehende System der zunächst nur antifaschistischen, dann sozialistischen Staaten östlich der Elbe zu Abwehrmaßnahmen und zu system-autarker Regeneration ihrer Produktion genötigt. Das musste in einer Lage geschehen, in der generell ein großer Teil der Produktivkräfte durch die Räubereien des Dritten Reiches, dessen Okkupation alle diese Länder ausgesetzt gewesen waren, oder durch den Krieg angeschlagen oder vernichtet worden war. Auf der anderen Seite stand der durch die Rüstungskonjunktur vor dem Kriegseintritt der USA und dann durch die Kriegskonjunktur höchst entwickelte Produktionsapparat der USA, der Aufstiegshilfen gewähren (und daran noch verdienen) konnte (z.B. Marshall-Plan). -

Der Lebensstandard – auch für die breiten Massen – konnte also in den Ländern, die sich – die Grenze wurde praktisch durch die Anwesenheit amerikanischer Truppen bestimmt – für denKapitalismus entschieden (wenn auch keineswegs stets freiwillig), unvermeidlich zunächst höher sein und rascher wachsen als in den Ländern, die aus Not und Zerstörung sozialistische Volkswirtschaften entwickeln wollten. Daher war hier gelegentlich anfänglich die Massen-Sympathie schwankend, soweit diese Massen den Zusammenhang nicht rational verstanden.

Die verständliche Folge war, dass hier also bei der politischen Absicherung des wirtschaftlichen Aufbaus – besonders angesichts der ständigen Intervention „westlicher“ Geheimdienste und des damals unmittelbar aggressiven Militärpakts der Westmächte – erneut die schweren Fehler der stalinistischen Durchgangsphase repetiert wurden (Welle der Prozesse des Anfangs der fünfziger Jahre in Polen, Ungarn, der Tschechoslowakei, „Ärzte“-Anklage in der UdSSR). So erhielt auch von hier aus die Ideologie des Antikommunismus Scheinargumente, die ihr halfen, die Verbrechen, die in ihrem eigenen Namen tagtäglich begangen wurden, in Vergessenheit zu bringen. Das war ein entscheidendes Problem in allen europäischen Staaten.Im Zeichen dieses Gleichgewichts war es mittels der Ideologie des Antikommunismus, wie sie in jeweils der Situation adäquater Weise propagiert wurde, möglich, die französischen und italienischen Parteien nicht nur aus den Regierungskoalitionen zu verdrängen, sondern – das gilt in Italien nur begrenzt – fast zwei Jahrzehnte lang völlig zu isolieren. Dadurch konnten für lange Zeit die französischen Sozialisten und die italienischen Sozialdemokraten (dort damals nicht die PSI) im Lager der kapitalistischen Restauration und sogar ihrer Kolonialkriegeintegriert werden. -

Abermals war es den Kommunisten häufig nicht gelungen, durch differenzierte Bekämpfung des Antikommunismus diesem Erfolg des Klassengegners, der das wichtigste Objekt des antikommunistischen Angriffs, die reformistischen Parteien, für eine lange Periode voll für sich erobern konnte, zu begegnen. Auch ein sozialistischer Staat, Jugoslawien, geriet dabei in eine äußerst widersprüchliche Situation – mit allen Folgen, die das abermals für die ideologische Ausnutzung durch den Antikommunismus hatte. Die Fälle Wolfgang Leonhard (so bedeutungslos er an sich heute ist) oder Richard Löwenthal sind ein typischer Ausweis dieser Lage.

Am extremsten musste sich diese vom weltpolitischen Kräfteverhältnis bestimmte Problematik in Westdeutschland spiegeln. Hier war auf Veranlassung der USA, die ihre völkerrechtlichen Pflichten aus dem Potsdamer Abkommen zur einheitlichen Konstituierung einer antifaschistischen Demokratie in Deutschland ab 1946 nicht mehr einhielten und 1948 im Londoner Abkommen brutal zerfetzten, ein eigener Staatent standen, der die DDR, gleichsam im Gegenzug, zu ihrer selbständigen Konstituierung als werdender sozialistischer Staat zwang. -

Die Ideologie des westdeutschen Staates konnte bei dieser Entstehungsweise nur der Antikommunismus sein, und zwar zunächst in seinen aggressivsten Formen. -

Er konnte hier, weil die in ihrer Macht wiederhergestellten früheren herrschenden Klassen und auch der größte Teil des Staatsapparates aus dem Dritten Reich übernommen waren, an dessen Wurzeln vor der Kapitulation von 1945 unmittelbar anknüpfen und musste nur, der neuen Lage der Vorherrschaft der USA angepasst, die Formen seiner Ausdrucksweise notwendig ändern, zumal auch die neuen Ideologiefabrikanten mit den alten häufig genug identisch waren. -

Aber der rasche wirtschaftliche Aufschwung und die Remilitarisierung dieses Staates gaben dieMöglichkeit, mit dieser Staatsideologie der Adenauer-Periode alle Poren der Gesellschaft zudurchdringen. -

Da während fast zweier Jahrzehnte aus den bereits geschilderten Gründen der äußerlich sichtbare Lebensstandard auch der Arbeiterklasse (wenn auch mühselig genug durch den Druck ihrer Gewerkschaften ertrotzt) erheblich über dem des Volkes in der DDR lag (dass das faktisch, wenn man Bildungs-und Gesundheitswesen, Wohnungswesen und öffentliche Dienstleistungen in den Vergleich einbezieht, noch nicht einmal in vollem Maße stimmt, wird erst in letzter Zeit [ - 1973/1974] für den „einfachen Mann“ erkennbar), konnte hier auch die reformistische Arbeiterbewegung weithin zum aktiven Träger der antikommunistischen Ideologen gemacht und stärker denaturiert werden als in jedem anderen europäischen Industriestaat.

IV.

Seit die Rezession 1966/67 und die Krise an den Universitäten die Grenzen und die Fragwürdigkeit der Stabilität des Systems der Verschmelzung von Monopolmacht und Staatsapparat auch in der BRD jedermann vor Augen geführt haben, beginnt eine neue Generation in Arbeiterklasse und Intelligenzschichten sich aus diesem Bann zu lösen [= eine überbewertete (Fehl-)Einschätzung im Elfenbeinturm der bürgerlichen Wissenschaften / R. S.]und – wenn auch vorläufig noch begrenzt – die älteren Teile der abhängig arbeitenden Klasse wieder in Bewegung zu bringen. -

Die frühere, aggressivste Form der antikommunistischen Ideologie in diesem Staat, die die Existenz des sozialistischen Staates jenseits der Elbe schlicht geleugnet hatte und dessen„Befreiung“ für unmittelbar bevorstehend hielt, war ohnedies inzwischen irreal geworden [=Merke: Auch bürgerliche Wissenschaftlichkeit darf nicht zum Wunschdenken verkommen. / R.S.], weil wegen der Veränderung des weltpolitischen Gleichgewichts zugunsten der UdSSR und der sozialistischen Staaten eindeutig auf lange Zeit selbst die USA nicht mehr bereit waren,einen Angriffskrieg gegen die UdSSR um europäischer Probleme willen zu beginnen. [Ein Atomkrieg - zu jener Zeit -wäre der Untergang der gesamten Menschheit. / R. S.] Insofern sind die Verträge von Moskau und Warschau und der Grundlagenvertrag, aber auch die Vereinbarung zwischen Nixon und Breshnew über das Verbot des Atomkrieges nur eine Ratifikation der neuen Realität.

Doch ändert das – abermals unvermeidlich – nichts daran, dass die Ideologie des Antikommunismus ihre alte Gefährlichkeit behält. Sie kann in jeder weltpolitischen wie in jeder innenpolitischen und ökonomischen Krise in alter barbarischer Wildheit und Stärke ausschlagen [-einschließlich der Einsatz von Atomwaffensystemen. / R. S.]. Sie kann das um so mehr, als inzwischen [- 1974 -] in allen kapitalistischen Ländern eine langfristige Stagnationsperiode die langfristige Wachstumsperiode nach dem zweiten Weltkrieg abgelöst hat. Und sie wird in Resten bestehen bleiben, solange kapitalistische Systeme fortbestehen,die ohne die Existenz dieser Ideologie nicht hoffen können, sich gegenüber den wirklichen Interessen der breiten Massen an der Macht zu halten.

In der Bundesrepublik, in der fast alle Teile der Bevölkerung – wie im Dritten Reich – dieser Ideologie unterworfen gewesen waren, vollzieht sich der Prozess der Auflösung ihres Einflusses auf die Arbeiterklasse und die übrigen nicht vom Monopolkapitalismus profitierenden Schichten langsam und widersprüchlich. [- 1973/1974 -] Es ist kein Zufall, dass in einer Zeit,in der in Frankreich Kommunisten und Sozialisten ein Bündnis bilden, die Führung der SPD noch immer ihre antikommunistischen Beschlüsse von München trotz der Politik des Grundlagenvertrages mit der [historischen] DDR aufrechterhalten und weitgehend durchsetzen kann, dass noch immer auch sozialdemokratische Landesregierungen die offen verfassungswidrigen Berufsverbots-Ministerpräsidentenbeschlüsse vom 28. Januar 1972praktizieren. -

Es ist auch kein Zufall, dass selbst ein großer Teil der Mitträger der Rebellion in junger Generation und Gewerkschaftsbewegung gegen die Politik und die Machtstellung der Restauration noch im Bann antikommunistischer Restvorstellungen steht, der ihre Aktivität teils irrationalisiert und dadurch fehl leitet (wie bei allen ultralinken Gruppen) oder hemmt (wie bei der Mehrheit der Jungsozialisten). -

Denn der Ballast der vier Jahrzehnte seit 1933 [heute seit acht Jahrzehnten] lässt sich nicht in wenigen Monaten beiseite schieben. Es ist deshalb auch leicht zu erklären, dass Teile der jungen Generation durch jede Differenz innerhalb [der historischen Real-] sozialistischer Staaten(Tschechoslowakei) oder zwischen Staaten, die ihrer ökonomisch-sozialen Basis nach den Kapitalismus oder neokoloniale Stabilisierung vorkapitalistischer Verhältnisse längst abgestreift haben (China), und der UdSSR als der sozialistischen Weltmacht [= so, W. Abendroth im Jahr 1973/1974] vorübergehend zu falschen Identifikationen geführt werden. Sie wissen nicht, dass sie dabei antikommunistischen Restvorstellungen aufsitzen und können es – durch lange Traditionen ihres Bildungsweges gehemmt, wie sie sind – zunächst auch nicht wissen. Wenn sie nur in ihren sozialen, politischen und kulturellen Kämpfen in Bewegung geraten sind, können sie jedoch weitergeführt werden – zum vollen Bruch mitdem Antikommunismus durch die eigenen Kampferfahrungen, die sie machen. Das gilt für sozialdemokratische und gewerkschaftliche Arbeiter ebenso wie für Jugendliche undStudenten. -

Nur durch solche differenzierte Bekämpfung des Antikommunismus lässt sich seine ideologische Überlagerung aus den Volksmassen verdrängen. -

Man muss dabei wissen, dass wissenschaftliche Analyse von Zurückgebliebenheiten und Kritik von (wirklichen oder eingebildeten) Fehlern in [vormaligen] sozialistischen Staaten dann kein Antikommunismus ist, sondern ihn im Gegenteil schwächen kann, wenn sie den grundsätzlichen Fortschritt der Errichtung [zukünftiger und emanzipatorisch-]sozialistischer Produktionsverhältnisse anerkennt und bejaht. Aber die Verdrängung seiner Herrschaft über die Massen bietet die einzige Garantie dagegen, dass er [der Antikommunismus] plötzlich in alter Stärke wieder ausschlägt und seine Barbarei voll entfaltet. -

Thomas Mann hat einst den Antikommunismus als die Grundtorheit unseres Jahrhunderts bezeichnet. Er ist mehr – er ist das notwendige Herrschaftsmittel der Systeme des staatsmonopolistischen Kapitalismus und im Katastrophenfall das Mittel, die extremste Barbarei, jeden Massenmord und am Ende neue Formen des [Kapital-] Faschismus [die nahezu vollständige – geistige – Überwachung der Völker heute] durchzusetzen. Deshalb muss man ihn schlagen. Die Veränderung des außenpolitischen Gleichgewichts in der Welt, die die Politik der friedlichen Koexistenz ermöglicht hat, bietet die Chance, den Antikommunismus zurück zudrängen. Es gilt, auch in der BRD, in der diese Aufgabe in Europa am schwersten zu lösen ist, diese Chance zu nutzen [- 1974].«[Teil III von III]

Vgl.: W. Abendroth: Bedeutung und Wirkungsweise des Antikommunismus – Zur Rolledes Antikommunismus heute, in: Das Argument, Nov. 1974.

02.07.2014, Reinhold Schramm (Bereitstellung)


VON: WOLFGANG ABENDROTH (1974)






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