Zur Rolle des Antikommunismus heute [Teil II]


Antikommunismus

03.07.14
TheorieTheorie, Antifaschismus, Kultur, TopNews 

 

von Wolfgang Abendroth (1974)

Dies Modell der Ideologie des Antimarxismus, das die bürgerliche „öffentliche Meinung“ und die bürgerlichen Sozialwissenschaften vor dem Ersten Weltkrieg charakterisiert hat, musste durch den Sieg der Oktoberrevolution 1917 eine neue Qualität gewinnen. Denn von nun an ging es nicht nur darum, die tägliche Entfaltung der Klassenkämpfe und des Klassenbewusstseins der Arbeiter innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft zu behindern, sondern unmittelbar um die Existenz des Kapitalismus selbst. -

Die Weltgeschichte war in die neue Phase der unmittelbaren Aktualität des [zeithistorischen] Übergangs von den kapitalistischen zu sozialistischen Produktionsverhältnissen eingetreten. -

Der bloße Antimarxismus des vergangenen Zeitabschnitts musste sich zum aggressiven Antikommunismus wandeln. -

Denn der [vorläufige] Sieg der marxistisch-leninistischen Partei in der RSFSR (der dann auf alle Gebiete der heutigen [damaligen und historischen] UdSSR erweitert wurde) hatte neben die nach wie vor von der kapitalistischen Produktionsweise beherrschten Staaten zum ersten Mal ein sozialistisches System gestellt, dessen Ziel es war, zu kommunistischen Produktionsverhältnissen zu gelangen und dessen Führungspartei sich kommunistisch nannte. -

Als seit Ende Oktober 1918 die Revolution begonnen hatte, auch nach Deutschland überzugreifen, stand für die Führung aller monopolistischen Zusammenschlüsse des Kapitals fest: Hier war der Hauptfeind. Der Bolschewismus war für ihn die Weltgefahr. Die „Antibolschewistische Liga“ wurde am 10. Januar 1919 gegründet [11]. -

Es galt, das Land mit einer Propagandawelle gegen den Kommunismus zu überschwemmen und nun auch die demoralisierten Führer jenes reformistischen Flügels der Arbeiterbewegung als Bundesgenossen zu gewinnen, die den Ersten Weltkrieg unterstützt hatten. -

Das Bündnis Ebert-Hindenburg, die – geheimen (ach so „demokratischen“) – Vereinbarungen zwischen einem Mitglied des Rates der Volksbeauftragten, der seine Kollegen täuschte, und der Obersten Heeres-Leitung des Kaisers, garantierten den innenpolitischen Erfolg [12]. -

Auch hier war das deutsche Beispiel nur eine (wenn auch besonders charakteristische und politisch wichtige) Variante der internationalen Entwicklung; die Interventionskriege gegen die russische Revolution, die dem Bürgerkrieg parallel liefen, waren der militärische Ausdruck dieses internationalen Antikommunismus, der überall ideologisch erst recht verstärkt werden musste, nachdem sich [historisch] erwiesen hatte, dass der [revolutionär-emanzipatorische] Arbeiterstaat nicht geschlagen und vernichtet werden konnte.

Die Wandlung des Antisozialdemokratismus und Antimarxismus der Periode vor der Oktoberrevolution in den Antikommunismus der darauf folgenden Zeit verschob das Grundproblem, dass die herrschenden Klassen – nun längst unter Führung der monopolistischen Zusammenschlüsse des Kapitals – nur herrschende Klassen bleiben können, wenn sie die Gesamtgesellschaft durch eine irrationale Anti-Ideologie betäuben, allerdings in doppelter Weise: Die Spaltung der internationalen Arbeiterbewegung in eine reformistische Richtung, die den real gewordenen Staat des Sozialismus nicht als den ihren akzeptierte, und in einen revolutionären Flügel, der sich – ob mit kritischen Vorbehalten gegen dessen jeweils aktuelle Politik, ob dogmatisch und ohne Diskussion – mit ihm identifizierte, verwandelte erstens die reformistischen Parteien in vollem Maße, also sehr viel stärker als vorher die Parteien der alten, noch ungespaltenen, zweiten Internationale, in ein Objekt ihres Zugriffs, gelegentlich (aber nur dem Scheine nach) sogar in ihren wesentlichen Träger. -

Zweitens musste der irrational-aggressive Charakter dieser Anti-Ideologie ins Ungemessene gesteigert werden. Denn sie hatte von nun an nicht mehr nur die Funktion, die eigene Arbeiterklasse vom jetzt deutlich unmittelbar aktuell gewordenen [revolutionär-emanzipatorischen] Kampf um die Transformation der kapitalistischen in die sozialistische Gesellschaft abzuhalten, sondern auch den imperialistischen Krieg gegen den Staat des existierenden Sozialismus, gegen die Sowjetunion, mit dem Ziel ihrer Liquidierung vorzubereiten, falls eine Situation entstehen würde, die es außenpolitisch erlaubte, ihn zu beginnen.

Die großen Schwierigkeiten für den auf ein vorher ökonomisch zurückgebliebenes Gebiet beschränkten Aufbau einer sozialistischen Gesellschaft, die unvermeidlich häufig zu Widersprüchen zwischen dem eigenen Anspruch und den bitteren Realitäten des Tages, deshalb auch zu Experimenten und Verzerrungen führen mussten, gaben dabei dem Antikommunismus immer wieder propagandistische Anknüpfungsmöglichkeiten. Das war – nicht nur in den beiden Jahrzehnten zwischen beiden Weltkriegen – in besonders starkem Maße dann der Fall, wenn in den inneren Diskussionen der kommunistischen Weltbewegung irgendwelche Gruppen das Maß verloren und um der Verteidigung irgendwelcher besonderer Positionen willen vergaßen, dass trotz aktueller Mängel und Fehler die UdSSR der Staat des Sieges der Arbeiterklasse und des Sozialismus blieb (oder auch umgekehrt die Existenz von Schwierigkeiten leicht widerlegbar völlig leugnen wollten).

II.

Der Appell dieser antikommunistischen Propaganda an die Furcht der Massen vor dem Unbekannten, an alle Instinkte, die sich in unmittelbare Gewaltsamkeit bei Verzicht auf kritisches Denken umsetzen lassen, musste dabei um so mehr gesteigert werden, je näher die große Krise am Ende der zwanziger und zu Beginn der dreißiger Jahre kam. Auch die Kirchen ließen sich – wie die Enzyklika Quadragesimo anno vom 15. Mai 1931 nur zu gut belegt – dafür einspannen [13]. Nicht nur in der Wirkung dieser Propaganda, sondern auch nach der Stimmung und dem Willen der Konzernherren verband sich diese Stimmungsmache rasch mit der unmittelbaren Vorbereitung des Faschismus [14]. So musste sie immer heftiger werden.

Das bittere Ende hat das deutsche Volk erlebt. Die kleinbürgerlichen Massen gingen im Zeichen dieser antikommunistischen Stimmung in der Krise, als ihre Existenz bedroht war, von den traditionellen bürgerlichen Parteien, die sie mit getragen hatten, zu der Partei über, die sie noch heftiger vertrat, zu Hitlers [der] NSDAP [der kapitalfaschistischen Partei des Monopolkapital]. Verführt durch den Antikommunismus, verweigerte sich die Mehrheit der sozialdemokratischen Arbeiter, dem einzigen, was sie, ihre Partei und ihre Gewerkschaften, was die Demokratie noch vor dem Sieg der Barbarei und Inhumanität hätte retten können, dem Bündnis mit den Kommunisten. Der siegreiche [Kapital-] Faschismus begründete seine volle Diktatur in der Reichstagsbrand-Notverordnung mit dem Antikommunismus [15].

Dass das möglich wurde, dass die reformistische Arbeiterpartei, notwendig stets auch Objekt des antikommunistischen Angriffs – sowohl in dem Sinne, dass sie derartigen Stimmungen leicht erliegt, wie in dem anderen Sinne, dass sie von ihm zerschlagen wird, wenn er völlig triumphiert und keinerlei Rücksichten mehr zu nehmen braucht –, nicht aus diesem Zugriff befreit wurde, lag gewiss auch daran, dass die Kommunisten Fehler machten. Sie hatten zeitweise nicht verstanden, den Antikommunismus differenziert zu bekämpfen, Nuancen, auf die es dabei ankommt, klar zu unterscheiden, an sie anzuknüpfen, und die Massen und ihre reformistischen Führer Schritt für Schritt aus ihren eigenen Erfahrungen lernen zu lassen. Das ist zwar nicht das Thema dieses Aufsatzes. Aber man muss es wissen, wenn man die gegenwärtige Funktion des Antikommunismus bestimmt und analysiert, wie man ihn erfolgreich schlagen kann. Denn so wenig herrschende Klassen grundsätzlich aus der Geschichte lernen können – sie müssten ihr eigenes Ende beschwören, wenn sie das täten – und so sehr sie (das leider um so besser) nur taktische Tageskonsequenzen aus ihr ziehen, so gewiss muss es die Arbeiterklasse, ihre Partei und das Volk tun, wenn es siegen und die (gleichwohl teilweise unvermeidlichen) Schwierigkeiten und Widersprüche der langen Periode des Übergangs zur neuen sozialistischen Gesellschaft mildern will.

Aber seine eigene Wahrheit hat der Antikommunismus dann – nach dem Siege Hitlers – voll entfaltet. Auch wenn er zeitweise – 1939 – zu außenpolitischen Kompromissen mit der Sowjetmacht genötigt war, hat er seine innenpolitische Propaganda und seinen innenpolitischen Terror gegen alles, was an Humanität erinnern konnte, nicht einen Tag gemildert. Die nationalsozialistische [= die kapitalfaschistische] Diktatur war Höhepunkt und Resultat des Antikommunismus. Ihr Endziel hieß Krieg gegen die UdSSR, ihre Methode Auschwitz und Vernichtungslager. -

Das chilenische Beispiel zeigt heute [1973/1974] – vier Jahrzehnte später –, dass sich an diesen Grundproblemen nichts geändert hat.

Die kapitalistischen Staaten, die 1939 in den Krieg mit dem Dritten Reich verwickelt waren und also 1941 durch den Überfall Hitlers [= der deutschen Finanz- und Monopolbourgeoisie und deren kapitalfaschistischen und staatsterroristischen Macht] auf die UdSSR oder durch ihren späteren Kriegseintritt zu deren Bundesgenossen wurden, waren in einer widerspruchsvollen Situation. Ihre herrschenden Klassen wollten (und mussten in ihrem eigenen Interesse) den imperialistischen Konkurrenten Drittes Reich schlagen; ihr Volk wollte die faschistische Inhumanität vernichten und die [bürgerliche] Demokratie (auch für das deutsche Volk) erkämpfen. Dieser wichtige Widerspruch der neuen Periode – kompliziert durch eine Unzahl anderer, sekundärer Konflikte – ist die Basis dessen, was dann kam und zum Zeitabschnitt des kalten Krieges überleitet, an dessen vorläufigem Ende wir nun [1973/1974] stehen.

III.

Im kalten Kriege, der bald deutlich zwei Mächte, die USA und die [zeitgeschichtliche] UdSSR, als weltpolitisch entscheidende Exponenten sah, wurde in allen Ländern der Antikommunismus zur zentralen Ideologie der kapitalistischen Restauration und ihrer neuen Form der stets intensiveren Verschmelzung der Staatsmacht mit den riesigen Gebilden des Monopolkapitalismus. Er wurde gleichzeitig international zunächst die zentrale Ideologie des Kampfes für die Aufrechterhaltung der kolonialen Unterdrückung der vom Imperialismus unterworfenen Völker, nun – nachdem die alten europäischen imperialistischen Staaten den USA immer stärker untergeordnet worden waren – häufig in der neuen Form des Neokolonialismus. Die jahrzehntelange weltpolitische Isolierung der siegreichen chinesischen Revolution (in Form der Nichtanerkennung der Volksrepublik China in den UN) und der Überfall des amerikanischen Satelliten Südkorea auf Nordkorea, die barbarisch geführten Kriege Frankreichs gegen die Völker von Vietnam, Laos und Kambodscha, dann gegen das algerische Volk, und das Suez-Abenteuer Israels, Frankreichs und Englands, liefen ebenso in seinem Namen wie nach ihrer militärischen Entscheidung gegen den Imperialismus die neue Welle der neokolonialistischen Abenteuer, die völlig offenkundig allein unter der Führung der USA erfolgten, vom Überfall Israels auf Ägypten 1967 bis zum Mordzug der USA gegen Vietnam, Laos und Kambodscha. In allen diesen Kriegen, für die internationale Öffentlichkeit am unverhülltesten in den Kämpfen gegen die Völker Indochinas seit dem Eingreifen der USA, trat deutlich hervor, dass sie im Grade der Inhumanität, Skrupellosigkeit und Barbarei sich kaum von Hitlers Taten unterscheiden ließen, dass also die Ideologie des Antikommunismus unter dem Vorwand der Verteidigung von „Demokratie“, „Humanität“ und „rechtsstaatlichem Schutz gegen totalitäre Staatsmacht“ (wie sie angeblich – teilweise wirklich als irrational verselbständigte politische Gewalt – im „Stalinismus“ aufgetreten war) in der Realität das gleiche geblieben war, was sie einst als (wenn auch nicht einzige) Basis des deutschen Nationalsozialismus [Kapitalfaschismus] gewesen war – die ideologische Begründung für die extremste Negation von Humanität und [bürgerlicher] Demokratie zwecks Aufrechterhaltung monopolkapitalistischer Herrschaft.«

[Teil II von III]

Anmerkungen

11 Vgl. Eduard Saadtler, Als Antibolschewist 1918/1919, Düsseldorf 1935, S. 36 ff.

12 Vgl. Hans Herzfeld, Die deutsche Sozialdemokratie und die Auflösung der nationalen Einheitsfront im Kriege, Leipzig 1928, S. 384 ff., Zeugenaussage des Generals Wilhelm Groener im Münchner Dolchstoß-Prozess über sein Bündnis mit Friedrich Ebert.

13 Papst Pius XI., Weltrundschreiben über die gesellschaftliche Ordnung zum 40. Jahrestag des Rundschreibens Leos XIII. Rerum novarum, authentische deutsche Übersetzung, Berlin 1931, S. 34/35.

14 Das lässt sich von den Diskussionsbeiträgen der außerordentlichen Mitgliederversammlung des Reichsverbandes der deutschen Industrie am 12.12.1929 (vgl. Veröffentlichung des RDI, Nr. 50, S. 41), über die Bad Harzburger Tagung der „nationalen Opposition“ vom 11.10.1931 (vgl. Wippermanns Deutscher Geschichtskalender, 47. Jahrgang, Abtl. A. – Inland –, Leipzig 1932, S. 461) und Hitlers berüchtigten Düsseldorfer Vortrag vor dem Industrie-Club am 27.01.1932 bis zum bitteren Ende leicht nachverfolgen.

15 Reichsgesetzblatt 1933, Teil I, S. 83.

Quelle: W. Abendroth: Bedeutung und Wirkungsweise des Antikommunismus – Zur Rolle des Antikommunismus heute, in: Das Argument, Nov. 1974.

02.07.2014, Reinhold Schramm (Bereitstellung)


VON: WOLFGANG ABENDROTH (1974)






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