Zur Rolle des Antikommunismus heute *


Antikommunismus

02.07.14
TheorieTheorie, Kultur, TopNews 

 

von Wolfgang Abendroth 1974

Seit es die ersten Ansätze zu einer organi- sierten Arbeiterbewegung gibt, musste es das Ziel der herrschenden Klasse und der mit ihnen kombinierten Regierungen sein, die Entwicklung des Klassenbewusstseins des Proletariats und des Kampfes für den Sozialismus als Vorstufe einer kommunisti- schen Gesellschaftsordnung mit allen Mitteln zu behindern.

Sie konnten sich zwar generell drauf verlassen, dass ihre Ideologien gleichzeitig die herrschenden Ideologien der gesamten Gesellschaft waren [1] und also zunächst auch von den Massen des Proletariats geglaubt wurden. Sobald sich aber in den spontanen Kämpfen der Arbeiter um Verteidigung und Verbesserung ihrer Lebenshaltung gegen die Angriffe des Kapitals oder in den politischen Auseinandersetzungen um die Erkämpfung der Demokratie in noch so kleinen Gruppen noch so winzige Kerne mit entwickeltem Klassenbewusstsein zu bilden begonnen hatten, haben Staatsapparat und ökonomisch herrschende Klassen, mochten sie sonst untereinander noch so große Differenzen haben, alles daran gesetzt, alle anderen Schichten der Gesellschaft wenigstens insoweit im Zeichen einer gemeinsamen Propaganda und einer übereinstimmenden Vorstellungsweise und Stimmungswelle zu vereinen, dass kommunistisches und sozialistisches Denken als des Teufels, als Ausgeburt der Barbarei, aller Verbrechen und der Verneinung jeder möglichen Moral hingestellt werden sollte.

Daran hat sich in allen kapitalistischen Ländern und insbesondere in Deutschland seit den Tagen des Kölner Kommunisten-Prozesses
[2] 1852 nichts geändert. Denn dieser antikommunistischen Stimmungswelle bedarf es zur Erhaltung der kapitalistischen Produktionsverhältnisse, weil sich nur auf diese Weise die Ausbreitung von Klassenbewusstsein in der ausgebeuteten Klasse dieses Systems verhüten und die Zustimmung der Bevölkerung zur terroristischen Ausschaltung kritischen Denkens gegenüber diesem System gewinnen lässt. -

Bei der Vorbereitung und der Durchführung des Sozialistengesetzes 1878 hat sich deshalb keineswegs zufällig der gleiche Vorgang wiederholt, so sehr er auch ansonsten den damals längst der Form nach anerkannten Prinzipien wissenschaftlicher Objektivität, liberaler Öffentlichkeit und Rechtsstaatlichkeit zu widersprechen schien [3]. Und als die deutsche Sozialdemokratie, nach dessen Überwindung im Erfurter Programm auch für ihr eigenes Bewusstsein die Klassenpartei des Proletariats, die in ihrer Klasse Klassenbewusstsein entwickeln sollte, geworden war, zur wählermäßig stärksten Partei des Deutschen Reiches aufstieg, wurde zunächst 1899 in der Zuchthausvorlage versucht, sie wieder in die Illegalität zu verweisen [4]. Als sich das als unmöglich erwiesen hatte, weil der Widerstand zu groß war und (wenigstens begrenzt) die liberalen Parteien und das Zentrum in die Bahnen rechtsstaatlicher Überlegungen zurückzwang, wurde 1904 prompt der Reichsverband gegen die Sozialdemokratie [5] gegründet, dessen von Unternehmern und obrigkeitsstaatlichen Professoren aus allen nichtsozialistischen Parteien zur Täuschung der Massen produzierte „Anti“-Ideologie vor den „gemeingefährlichen Bestrebungen“ der SPD und des Marxismus warnen und bewahren sollte.

So sind der Antisozialismus und der Antikommunismus ebenso alt wie die Arbeiterbewegung und der Marxismus. Solange die Arbeiterklasse noch in keinem Land gesiegt hatte, ging es darum, ihre Entwicklung zum Klassenbewusstsein, ihre Konstituierung zur selbständig handelnden Klasse, so lange und so weit es irgend möglich war, zu hemmen. Das deutsche Beispiel, das hier geschildert wurde, ist nur ein Beispiel unter vielen. Es gibt kein modernes Land, in dem nicht ähnliche Tendenzen aufgetreten wären. Nur hat das deutsche Beispiel eine Modifikation, die in anderen Ländern, die damals über funktionierende bürgerliche Demokratien verfügten, nicht in gleichem Maße das Feld beherrschte. Antimarxismus bedeutete im Deutschen Reich gleichzeitig den Kampf gegen demokratische Rechte, die die Arbeiter hätten verwenden können. Und weil das Deutsche Reich noch monarchistischer Obrigkeitsstaat war, trat hier der Antimarxismus heftiger und virulenter auf als in anderen Ländern.

I.

Es war objektiv unvermeidlich, dass dieser heftige Druck von außen auf die Arbeiterbewegung sich auch in deren eigenen Kadern immer wieder spiegeln musste. Der Hetze gegen Marx und Engels, aber auch gegen das zunehmend klassenkämpferische Denken in den Reihen der Eisenacher Partei entsprach der Einfluss, den Eugen Dühring auf ihre Mitglieder und Anhänger vorübergehend ausüben konnte [6]. Der antisozialdemokratischen Stimmungswelle von 1878 folgte die Anpassungsneigung von Höchberg und seinen Freunden [7]. -

Und später gab der Revisionismus, so sehr auch Eduard Bernstein für sein eigenes subjektives Bewusstsein zunächst noch der Meinung war, die Methode von Marx und Engels und das Denken des Erfurter Programms nur „weiterzuentwickeln“, in den Reihen der Sozialdemokratie das weiter, was sich außerhalb der Partei in jener Presse und jener wissenschaftlichen Welt zutrug, die sich für die „öffentliche Meinung“ hielt [8].

Denn die Partei der Arbeiterklasse steht nicht außerhalb der Gesellschaft. Sie muss vielmehr Stellungnahme und Kampf der abhängig Arbeitenden in den Widersprüchen der Produktionsverhältnisse und der politischen Machtlage einer Gesellschaft entwickeln und anleiten, die im wesentlichen immer noch von ihren Klassengegnern (und später von deren wesentlichsten Machtträgern, dem Kombinat von Monopolkapital und staatlicher Bürokratie) bestimmt wird. Weil und solange sie ökonomisch und politisch stärker sind als die Kräfte des gesellschaftlichen Fortschritts, dringt ihre Ideologie auch immer wieder in alle Poren des Denkens ihrer unterdrückten Klassen ein. -

Deren eigene – wegen der ständigen Veränderungen von Situationen und konkreten Machtverhältnissen des Tages notwendigen und unvermeidlichen – Diskussionen untereinander, auch in noch so sehr auf die Entwicklung von proletarischem Klassenbewusstsein gerichteten Parteien und Kadern, werden deshalb immer wieder von dieser sie überlagernden Umgebung beeinflusst, ob sie wollen (und sich des Problems bewusst sind) oder nicht. Deshalb wäre es illusionär zu glauben, es gebe irgendeine absolute Garantie gegen diese Gefahr. Am wenigsten wäre es der Versuch, jede Diskussion in den eigenen Reihen gleichsam zu verbieten. Er würde nur dazu führen, sich selbst als versteinerte Sekte auszuschalten und dadurch erst recht das zu bewirken, was man vermeiden wollte – statt zum Initiator zum Hemmnis der Entfaltung von Klassenbewusstsein und Klassenkampf für eine sozialistische und demokratische Gesellschaft zu werden. Auch schon zu den Zeiten der zweiten Internationale hat manche Partei und manche Gruppe diese bittere Erfahrung machen müssen [9]. -

Scheinradikale Phrase kann das größte Hindernis gegen wirklich radikales Handeln einer unterdrückten Klasse werden, wenn sie die nur durch Diskussionen zu ermittelnde strategische und taktische Analyse der Situation verhindert. Denn unterdrückte Klassen und Völker lernen jeweils durch ihre eigene Erfahrung im tagtäglichen Kampf mit ihren Unterdrückern, nie durch Theorie allein, so sehr es der Theorie bedarf. -

Das ändert nichts an jener alten Erfahrung, die schon aus dieser Periode der Ideologie des Anti-Marxismus (und damals Antisozialdemokratismus) gewonnen werden konnte, die vor dem Zusammenbruch der zweiten Internationale und ihrer Kapitulation vor dem Imperialismus entstand:

Die bloße Anti-Ideologie der herrschenden Klassen gegen den Sozialismus entsteht unvermeidlich und ist für die herrschenden Klassen lebenswichtig, sobald eine Arbeiterbewegung, deren Ziel der Sozialismus ist, entsteht. Sie ist gleichzeitig barbarisch; denn sie präpariert die Massen für ihr Mitwirken im imperialistischen Krieg. Deshalb ist es stets notwendig, gegen sie ständig und systematisch anzukämpfen. -

Sie dringt – verdeckt oder unverdeckt – stets sogar in die Reihen der Partei ein, die den Kampf für den Sozialismus anleiten will. -

Aber sie muss gleichwohl eine Partei mit wirklicher Diskussion bleiben. -

Darum muss immer wieder und in immer neuen Formen der Kampf gegen den Antimarxismus auch in ihren eigenen Reihen aufgenommen werden, wie ihn einst in klassischer Weise Friedrich Engels im „Anti-Dühring“ führte [10], mit dem Resultat, dass solche Gruppen, die dem Antimarxismus langfristig erliegen, aus der Partei der Arbeiterklasse auszuscheiden haben.«

[Teil I von III]

* Der vorliegende Aufsatz ist die verbesserte Fassung einer in den marxistischen Blättern, 11. Jg. (1973), Heft 5, S. 24-32, veröffentlichten Arbeit.

Anmerkungen

1 Vgl. dazu Karl Marx und Friedrich Engels, Die deutsche Ideologie, in: Marx/Engels, Werke, Bd. 3, Berlin 1958, S. 46 ff.

2 Vgl. dazu Friedrich Engels, Der Kommunisten-Prozess zu Köln, in: ebenda, Bd. 8, Berlin 1960, S. 398 ff., und Karl Marx, Enthüllungen über den Kommunisten-Prozess zu Köln, ebenda, S. 409 ff., vgl. ferner das Vorwort von Friedrich Engels zur Neuauflage von 1885, ebenda, Bd. 21, Berlin 1962, S. 198 ff.

3 Vgl. dazu Franz Mehring, Geschichte der deutschen Sozialdemokratie, 4. Band, 5. Auflage, Stuttgart 1913, S. 127 ff.

4 Vgl. dazu Institut für Marxismus-Leninismus, Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, Bd. 2, Berlin 1966, S. 30 ff.

5 Ebenda, S. 339 ff.

6 Vgl. dazu Mehring, a.a.O., S. 121 ff.

7 Ebenda, S. 167 ff.

8 Dazu ausgezeichnet Franz Mehring, a.a.O., S. 353 ff.

9 Man denke z. B. an die Weiterentwicklung jener Fraktion der „Jungen“ in der deutschen Sozialdemokratie, die nach dem Sozialistengesetz für ihr eigenes Bewusstsein mit diesem Ziel zum Kampf gegen August Bebel antrat; die meisten ihrer Führer haben – nicht zufällig – entweder im pro-imperialistischen Flügel der Revisionisten oder offen im Lager der Bourgeoisie geendet. Vgl. dazu Franz Mehring, a.a.O., S. 323 ff.

10 Marx/Engels, Werke, Bd. 20, Berlin 1971.

Quelle: Abendroth, Wolfgang: Bedeutung und Wirkungsweise des Antikommunismus – Zur Rolle des Antikommunismus heute, in: Das Argument, Nov. 1974.

01.07.2014, Reinhold Schramm (Bereitstellung)


VON: WOLFGANG ABENDROTH (1974)






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