Sein und Bewusstsein [Teil 8]


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08.07.14
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von Sergej L. Rubinstein

Psychische Tätigkeit und objektive Realität. - Das Problem der Erkenntnis

2. Das Psychische als das Ideelle

Im gnostischen Verhältnis zur objektiven Realität treten die psychischen Erscheinungen als deren Abbild auf. Eben auf Grund dieses Verhältnisses lassen sich die psychischen Erscheinungen als ideelle Erscheinungen kennzeichnen; im erkenntnistheoretischen Bereich erscheint das Psychische als das Ideelle. Das bedeutet selbstverständlich nicht, dass die psychischen Erscheinungen aufhören, ideelle Erscheinungen zu sein, wenn sie in einem anderen Zusammenhang betrachtet werden, zum Beispiel als Funktion des Gehirns. Die Charakteristika der psychischen Erscheinungen hängen ebenso wie die aller anderen nicht davon ab, von welchem Gesichtspunkt aus sie betrachtet werden. Die psychischen Erscheinungen als solche stehen objektiv in einem gnostischen Verhältnis zur objektiven Realität; deshalb behalten sie immer das Charakteristikum des Ideellen. Aber eine irradiierende Ausweitung dieser Qualität des Psychischen über die Grenzen des Bezugssystems hinaus, in dem es in dieser Eigenschaft tatsächlich in Erscheinung tritt, auf das Psychische im ganzen, auf alle seine Zusammenhänge und Vermittlungen kann nichts anderes als theoretischen Wirrwarr hervorbringen.

Dieses Charakteristikum des Psychischen bezieht sich vor allem auf das Produkt oder Resultat der psychischen Tätigkeit, auf das Abbild oder die Idee in ihrem Verhältnis zum Gegenstand oder Ding. Die Verwandlung des Verhältnisses zwischen Idee und Ding in ein grundlegendes erkenntnistheoretisches Verhältnis (das in Wirklichkeit die Wechselwirkung zwischen dem Menschen, dem Subjekt, und der Welt ist) bildet die Quelle für die universelle Ausweitung dieses Charakteristikum (vgl. die vorhergehenden Seiten). Als das Problem bei Plato aufkam, war es nicht zufällig mit der Gegenüberstellung der Ideen und der sinnlich gegebenen Dinge verknüpft. Durch ihren ideellen Charakter ist die Idee (oder das Bild) vor allem insofern gekennzeichnet, als sie sich im Wort objektiviert, sich in das System des gesellschaftlich erarbeiteten Wissens einfügt und somit für das Individuum zu einer gewissen „objektiven Realität“ wird und eine relative Selbständigkeit erhält, als ob sie sich aus der psychischen Tätigkeit des Individuums ausgliederte. Die psychische Tätigkeit erhält aber erst mittelbar, sekundär die Eigenschaft des Ideellen, weil ja erst ihr Produkt, ihr Ergebnis die Idee, das Abbild ist. Die psychische Tätigkeit ist vorwiegend in ihrem Resultat ideell. Dem Materiellen kann die psychische Tätigkeit nur insofern als geistige Tätigkeit entgegengesetzt werden, als sie mit einem ideellen Inhalt erfüllt ist, der im Prozess der gesellschaftlich organisierten Erkenntnis erworben wird.

Die analytische Ausgliederung des Verhältnisses zwischen Abbild und Gegenstand tritt als Gegenüberstellung des Ideellen und des Materiellen auf. Dadurch entsteht die Gefahr der Isolierung des Ideellen vom Materiellen, ihrer äußerlichen, dualistischen Gegenüberstellung. Die Jahrhunderte währende Diskussion über dieses Problem begann bereits mit Aristoteles’ Kampf gegen den „Chorismos“, gegen die Absonderung der Ideen von den Dingen bei Plato.

Die Anerkennung der Existenz des Ideellen, seiner Spezifität und relativen Selbständigkeit im Verhältnis zur materiellen Welt sowie die Überwindung seiner Isolierung sind zwei miteinander zusammenhängende Aspekte. Der eine bezieht sich auf das Verhältnis zwischen Abbild oder Idee und Gegenstand, der andere auf das Verhältnis der Idee zum Subjekt, zu dessen Erkenntnistätigkeit.

Den Weg zur Lösung des ersten Aspektes des Problems zeigt die Widerspiegelungstheorie auf, die in der Erkenntnistheorie den materialistischen Monismus verwirklicht. Die These, dass sich der gnostische Inhalt der Empfindungen, Wahrnehmungen usw. nicht vom Gegenstand trennen lässt (und dass die Empfindungen und Wahrnehmungen Abbilder der Dinge sind, bedeutet eben dies), überwindet die Absonderung des Abbildes, der Idee vom Gegenstand. Sie bestimmt auch die Art und Weise, in der die Widerspiegelungstheorie des dialektischen Materialismus den bereits von Aristoteles begonnenen Kampf gegen die Verselbständigung der Ideen abschließt.

Die Abbilder, die Ideen (Begriffe, Gedanken) lassen sich in ihrem gnostischen Inhalt nicht vom Gegenstand, von der objektiven Realität trennen, die unabhängig von ihnen existiert. Sie sind aber auch nicht mit dem Gegenstand identisch, erstens, weil sie niemals den ganzen unendlichen Reichtum, die ganze Fülle seines Inhalts ausschöpfen, und zweitens, weil ihr ursprünglicher, unmittelbar sinnlich gegebener Inhalt sich im Erkenntnisprozess verändert, und zwar durch Analyse und Synthese, durch Abstraktion und Verallgemeinerung, mit deren Hilfe das Denken zu einer immer allseitigeren und tieferen Erkenntnis des Gegenstandes fortschreitet. Die Tatsache, dass die Idee und der sinnlich gegebene Gegenstand nicht zusammenfallen, bildet den Ausgangspunkt und die Scheinbegründung für die Absonderung der Idee vom Ding.

Im engeren Zusammenhang mit der Frage nach dem Verhältnis zwischen Bild und Gegenstand, Idee und Ding steht das Verhältnis zwischen Abbild, Idee und Subjekt. Die Isolierung des Abbildes, der Idee, muss auch in dieser Beziehung überwunden werden: Ideen (Begriffe) entstehen nicht ohne die Erkenntnistätigkeit des Subjekts, das Abbild existiert nicht außerhalb der Widerspiegelung der Welt, der objektiven Realität, im Subjekt. Dabei ist die Frage nach dem Verhältnis zwischen dem Abbild, der Idee und dem Objekt und nach deren Verhältnis zum Subjekt ein und dieselbe Frage, nämlich die nach der Stellung und die Rolle der Abbilder (der Ideen) in der Wechselwirkung des Subjekts mit der objektiven Welt.

Die relative Absonderung der Ideen von den Dingen, des Erkenntnisinhaltes vom sinnlich gegebenen Sein hängt damit zusammen, dass sich die Ideen in der Erkenntnistätigkeit des Subjekts bilden (durch Analyse und Synthese, durch Abstraktion und Verallgemeinerung), in einer Tätigkeit also, die die empirischen Ausgangsdaten, in denen die Objekte der Wirklichkeit unmittelbar erscheinen, verändert. Andererseits ist die Unabhängigkeit des ideellen Inhalts der Erkenntnis vom Subjekt, also seine Objektivität, durch seine Abhängigkeit vom Sein bedingt, dessen Widerspiegelung er ist. Die richtige Auffassung des Verhältnisses zwischen den Bildern, Ideen, Gedanken, dem ideellen Erkenntnisinhalt und den sinnlich gegebenen Dingen und Erscheinungen, dem Objekt der Erkenntnis, setzt eine richtige Auffassung ihres Verhältnisses zum Subjekt, zu dessen Erkenntnistätigkeit voraus, und umgekehrt, eine richtige Auffassung des Verhältnisses zwischen dem Erkenntnisinhalt und der Erkenntnistätigkeit des Subjekts ist unmöglich ohne eine richtige Auffassung von dessen Verhältnis zum Erkenntnisobjekt. Hat man das eine nicht richtig verstanden, kann man auch das andere nicht richtig verstehen.

Die Verneinung der idealistischen Absonderung und der dualistischen Gegenüberstellung von ideeller und materieller Welt (der objektiven Realität) und dem mit dieser in Wechselwirkung stehenden Subjekt, schließt die relative Selbständigkeit des ideellen Inhalts der wissenschaftlichen Erkenntnis gegenüber den sinnlich gegebenen materiellen Dingen und dem Subjekt, also die Objektivität des ideellen Gehalts der Erkenntnis, nicht aus.

Die Produkte der menschlichen Erkenntnistätigkeit (die sinnlichen Abbilder, Gedanken, Ideen) werden, indem sie sich im Wort objektivieren, selbst zu Objekten der weiteren Denkarbeit. Der Zusammenhang, die wechselseitige Abhängigkeit der Ideen, der Begriffe macht diese von der Denktätigkeit des Subjekts (und vom empirisch gegebenen Inhalt des einzelnen Objekts) relativ unabhängig. In diesem Zusammenhang erscheint der Inhalt der subjektiven Erkenntnistätigkeit in umgestalteter Form. Jedes Glied des Systems, das in dem potentiell unbegrenzten Reichtum seines dabei verwandelten Inhalts gedacht wird, tritt nicht mehr als Gedanke des Individuums auf, sondern als dessen Objekt. So wird zum Beispiel eine im Denkprozess entstehende Zahl, die die quantitativen Beziehungen zwischen einer Vielzahl von Gegenständen aufdeckt, in ein System einbezogen, zum Beispiel in eine unendliche Zahlenreihe, mit der jede einzelne Zahl durch bestimmte Beziehungen verbunden ist. In einer jeden dieser zahllosen Verbindungen mit einer unendlichen Menge anderer Zahlen tritt jede Zahl in einer neuen Qualität auf (sagen wir die 4 als 3 + 1, 2 + 2, als 2 × 2, 2², als 5 – 1, 6 – 2, als {...} usw.). In dieser Mannigfaltigkeit ist jede Zahl ein durch das Denken des Individuums nicht ausschöpfbares ideelles Objekt.

Das System, in das die Gedanken des Individuums eingehen (wobei sie sich verwandeln), das Produkt seiner Erkenntnisfähigkeit ist das System der wissenschaftlichen Kenntnisse, das sich im Laufe der gesellschaftlich-historischen Entwicklung herausbildet. Es ist für das Denken des Individuums „objektive Realität“, die es als von ihm unabhängig existierendes gesellschaftliches Eigentum vorfindet und die es sich durch seine Erkenntnistätigkeit zu eigen machen muss. Im Bildungsprozess, dem gesellschaftlich organisierten Erkenntnisprozess des Menschen, tritt das in der historischen Entwicklung entstandene System der Wissenschaft für das Individuum als Objekt der Aneignung auf.

In den Produkten der psychischen, gnostischen Tätigkeit ist der Übergang aus der Sphäre des Psychischen als des Gegenstands der psychologischen Forschung in die Sphäre des ideellen Inhalts des Wissens, des mathematischen, physikalischen usw. Wissens, vollzogen (eben dieses ist ideell im eigentlichen Sinne des Wortes), das bestimmte Seiten des Seins widerspiegelt, das außerhalb und unabhängig von der Erkenntnistätigkeit existiert. Das heißt sowohl, dass die psychische Tätigkeit Widerspiegelung der objektiven Realität ist, oder anders ausgedrückt, dass sie im Endergebnis durch ihre Produkte in etwas qualitativ Anderes, Spezifisches übergeht, in mathematisches, physikalisches usw. Wissen von diesen oder jenen Seiten der Eigenschaften des Seins. Das Wesen des sogenannten Psychologismus, eines Kernstücks des subjektiven Idealismus, besteht eben darin, dass er diese Fundamentalthese ignoriert, den objektiven ideellen Inhalt des Wissens auf das Denken des Individuums reduziert und dieses lediglich in seiner Abhängigkeit von den aufeinanderfolgenden Stufen des kognitiven (psychischen) Prozesses sieht, der zu diesen Kenntnissen geführt hat. Er lässt jedoch die wechselseitige Abhängigkeit des objektiven Gehalts der Gedanken, die die Gesetzmäßigkeiten der objektiven Realität widerspiegeln, unberücksichtigt.

Infolge der Abhängigkeit der Kenntnisse vom Sein und der gegenseitigen Abhängigkeit der verschiedenen Bereiche des Wissens wird der Inhalt der Kenntnisse in bestimmter Hinsicht vom Subjekt unabhängig. Das sind die erkenntnistheoretischen Wurzeln das Platonismus, der klassischen Form, in der der sogennannte objektive Idealismus in der Geschichte auftritt. Das sind auch die erkenntnistheoretischen Wurzeln jedes objektiven Idealismus, der die Ideen, den ideellen Gehalt des Wissens von den sinnlich gegebenen Fakten der materiellen Welt trennt und diese gleichzeitig dem erkennenden Subjekt, seiner Denktätigkeit, entgegensetzt. (Da der objektive Idealismus den ideellen Gehalt des Wissens von der Erkenntnistätigkeit, von der psychischen Tätigkeit des Subjekts isoliert, erscheint er in der Form des sogenannten Antipsychologismus, der ähnlich wie der sogenannte Psychologismus ein Kernstück des subjektiven Idealismus ist.)

Die Positionen sowohl des objektiven als auch des subjektiven Idealismus (und letzten Endes auch des Antipsychologismus und des Psychologismus) sind mit einer falschen Alternative verknüpft. Danach sei der Inhalt des Wissens entweder objektiv – dann existiere er außerhalb der Erkenntnistätigkeit des Subjekts –, oder er sei das Produkt der Erkenntnistätigkeit des Subjekts – dann sei er nur subjektiv. In Wirklichkeit entstehen keinerlei Ideen, Begriffe und Kenntnisse ohne Erkenntnistätigkeit des Subjekts. Das schließt jedoch nicht deren Objektivität aus. Die Objektivität des Wissens setzt nicht voraus, dass es ohne menschliche Erkenntnistätigkeit entsteht. Der ganze ideelle Wissensinhalt ist sowohl die Widerspiegelung des Seins als auch das Resultat der Erkenntnistätigkeit des Subjekts. Jeder wissenschaftliche Begriff ist sowohl eine Gedankenkonstruktion als auch die Widerspiegelung des Seins.

Für den platonischen objektiven Idealismus sind die Ideen, die Begriffe, der Inhalt der wissenschaftlichen Kenntnisse unmittelbar, intuitiv gegeben. [59] Auf diese Weise wird die Denktätigkeit aufgehoben, durch die die Begriffe, die Ideen erst entstehen. Dementsprechend wird das Bewusstsein des Individuums als einfache Projektion des objektiven Wissensbestandes betrachtet. Alles, was zum objektiven Wissenbestand gehört, wird direkt in das individuelle Bewusstsein übertragen und als etwas unmittelbar Gegebenes angenommen. Auf diese Weise wird eigentlich die Denktätigkeit aufgehoben, mit der der Mensch das wissenschaftliche System der Kenntnisse, das sich im Prozess der gesellschaftlich historischen Entwicklung herausgebildet hat, analysiert, in sein individuelles Bewusstsein überführt, sich aneignet und bei der Lösung der ihm gestellten Aufgaben anwendet. Die Denktätigkeit des Individuums, der Prozess des Denkens, wird überhaupt beseitigt: Der objektive Idealismus liquidiert das Denken als Gegenstand der psychologischen Untersuchung völlig. Auf Grund dieses Standpunktes versuchten die Vertreter des objektiven Idealismus platonischer Richtung, jede Denkoperation zu leugnen, indem sie diese auf die Gesamtheit der Beziehungen zwischen den angeblich von Ewigkeit her gegebenen statischen Begriffen – den Gliedern dieser Beziehungen – zu reduzieren versuchten (Russell, Couture) [60].

Bei Hegel erscheint im Unterschied zum platonischen Idealismus die Bewegung des Denkens als Tätigkeit und Vermittlung, die Idee selbst wird zum Subjekt gemacht und tritt an dessen Stelle. Auf diese Weise wird die Bewegung des Denkens auf die Bewegung der Produkte des Denkens reduziert, das an die Stelle der Erkenntnistätigkeit des Subjekts gesetzt wird. Die geschichtliche Entwicklung des Wissens wird als Tätigkeit des Subjekts dargestellt.

Unzweifelhaft beruht jede Denkoperation auf bestimmten, logisch formulierbaren Beziehungen und ihren Eigenschaften. So ist das Verhältnis der Implikation zwischen zwei Thesen (p > g; aus p ergibt sich g) eine logische Operation, die es erlaubt, aus zwei gleichzeitig gegebenen Hypothesen eine dritte abzuleiten (p > g, g > r, p > r), und zwar auf Grund ihrer Transitivität, durch die das Verhältnis der „Implikation“ gekennzeichnet ist. Andererseits besteht aber kein Zweifel daran, dass auch die logischen Beziehungen als Ergebnis der Denktätigkeit, als Resultat der Denkoperationen aufgedeckt werden.

Der Hauptfehler des objektiven Idealismus platonischer Prägung besteht darin, dass er – ohne die Erkenntnistätigkeit des Subjekts zu berücksichtigen – das als ein für allemal gegeben ansieht, was in Wirklichkeit das Ergebnis dieser Tätigkeit ist. Er gibt das niemals fertige Resultat der nie abgeschlossenen Erkenntnistätigkeit fiktiv als etwas ihr a priori Gegebenes aus. Der grundlegende Schluss, der aus der Einsicht in diesen Fehler resultiert, lautet: Die Erkenntnis, ihr ideeller Gehalt – wie objektiv er auch sein mag – entsteht niemals ohne die Erkenntnistätigkeit des Subjekts und existiert nicht unabhängig von ihr.

Damit diese Aussage eindeutig wird und, indem man sie dem objektiven Idealismus gegenüberstellt, nicht auf den Weg des subjektiven Idealismus, des Psychologismus, gerät und zur relativistischen Subjektivierung des menschlichen Wissens führt, müssen wir bei der Charakterisierung der Erkenntnistätigkeit das Verhältnis des Logischen zum Psychologischen noch präzisieren.

Die Vertreter des objektiven Idealismus eliminieren in ihrem bestreben, die Operationen auf die Beziehungen zwischen gegebenen Begriffen zu reduzieren (Russell in seiner Anfangsperiode, Couture u. a.), jede Tätigkeit aus der Sphäre der objektiven Erkenntnis (dadurch schließen sie auch alles Objektive, alles Logische aus; in ihrer Konzeption der Erkenntnistätigkeit sind sie Psychologisten). Sie sehen lediglich den subjektiv-psychologischen Aspekt der Erkenntnistätigkeit. Ihr Logizismus ist die Kehrseite des Psychologismus. Psychologismus und Antipsychologismus sind zwei Seiten ein und desselben Standpunktes, zwei Erscheinungsformen ein und desselben falschen Ansatzes. Um sowohl den Antipsychologismus des objektiven Idealismus als auch den Psychologismus des subjektiven Idealismus wirklich zu überwinden, muss man ihre gemeinsame Grundlage beseitigen. Man muss also das Verhältnis zwischen dem Psychologischen und dem Logischen in der Erkenntnis- oder Denktätigkeit richtig erfassen.

Die Logik wie auch die Psychologie untersuchen das Denken im Prozess seiner Entwicklung. Die Logik untersucht es im Prozess der historischen Entwicklung der objektivierten Erkenntnisresultate; die Psychologie aber hat es nur mit dem Denken des Individuums zu tun. Jede Erkenntnis- (Denk-) Tätigkeit des Individuums ist eine psychische Tätigkeit, die als solche Gegenstand der psychologischen Untersuchung sein kann. Gegenstand der psychologischen Forschung ist das Denken des Individuums in der ursächlichen Abhängigkeit von den Bedingungen, unter denen er sich vollzieht. Die psychischen Gesetze sind die Gesetze des Denkens als eines Prozesses, als der Denktätigkeit des Individuums. Sie bestimmen den Verlauf seines Denkens in gesetzmäßiger (ursächlicher) Abhängigkeit von den Bedingungen, unter denen sich der Denkprozess vollzieht. Die Logik aber formuliert jene Beziehungen zwischen den Gedanken (den Produkten der Denktätigkeit), die vorhanden sind, wenn das Denken seinem Objekt, dem Sein, der objektiven Realität, adäquat ist [61]. Also ist ein und dieselbe Erkenntnistätigkeit des Individuums sowohl Gegenstand der psychologischen als auch der logischen Untersuchung. Dabei sind der Prozess und sein Ergebnis – das Abbild – in der Erkenntnistätigkeit des Individuums untrennbar miteinander verbunden. Deshalb darf man die psychologische Untersuchung nicht auf den Prozess unabhängig von seinem „Produkt“ oder Resultat beziehen, ebensowenig wie man bei der Analyse der Wechselbeziehungen der Gedanken im Erkenntnisinhalt diese vom Denkprozess losreißen darf, dessen Ergebnis sie sind.

Hauptgegenstand der psychologischen Forschung ist die Aufdeckung der ursächlichen Gesetzmäßigkeiten im Ablauf des Denkprozesses, der zu den Ergebnissen der Erkenntnis führt, die den in den Sätzen der Logik ausgedrückten Beziehungen entsprechen.

Der Schlüssel zur wirklichen Lösung der Frage nach der Beziehung zwischen Psychologie und Logik (einer Lösung, die sowohl den Psychologismus als auch den Antipsychologismus überwindet), liegt darin, dass der Gedanke sowohl das Produkt des Denkens (der resultative Ausdruck des Denkprozesses) als auch die Form der widergespiegelten Existenz seines Objektes ist. Diese zwei Thesen bilden ein einheitliches Ganzes, weil auch der Denkprozess durch das Objekt, das sich in ihm in Form des Gedankens manifestiert, determiniert ist. Das Denken vermittelt die Abhängigkeit des Gedankens vom Objekt und wird von diesem wiederum determiniert. Auf diese Weise wird die „Logik“ des Seins (als des Denkobjekts) im Erkenntnisprozess zur Struktur des Denkens. Das Denken formt sich in der individuellen Entwicklung des Menschen in dem Maße, in dem sich dieser Übergang vollzieht. Wenn das Denken der logischen Struktur des Objekts überhaupt nicht entspräche, gäbe es zweifellos auch im Gedanken keine Logik. Bei der faktischen Herausbildung des Denkens in der individuellen Entwicklung bestimmt die logische Struktur der Objekte den Aufbau des Denkens und dadurch auch die Logik des Gedankens.

In der historischen Entwicklung des Systems der wissenschaftlichen Kenntnisse werden immer neue logische Formen hervorgebracht, die der Natur der Objekte entsprechen. So drückte die aristotelische Logik die Gesetzmäßigkeiten der klassifizierenden Naturwissenschaft aus. Neueste Untersuchungen der mathematischen Logik führten zu neuen logischen Operationen, die über die aristotelischen Syllogismen hinausgehen und die Lösung logischer Aufgaben ermöglichen, die mit Hilfe der traditionellen Logik (deren Basis die vorherige Entwicklungsetappe der wissenschaftlichen Erkenntnis bildet) nicht gelöst werden können.

In der historischen Entwicklung der wissenschaftlichen Erkenntnis eignete sich die Menschheit, noch ehe sie die Gesetze der Logik erkannt und als solche formuliert hatte, faktisch die in diesen Gesetzen widergespiegelte objektive Logik des Seins (des Denkobjekts) im Gesamtprozess der Welterkenntnis an.

Das Denken der Menschen vervollkommnete sich in der Tat immer mehr, in Übereinstimmung mit den Gesetzen der Logik, noch ehe die Menschen diese Gesetze erkannten und sie in ihrem Denken bewusst anzuwenden verstanden. Und auch nach der Entdeckung der logischen Gesetze denken die Menschen wie üblich, indem sie einfach der Logik des Denkobjekts folgen, ohne diese oder jene logische Formel anzuwenden. Es ist die objektive logische Struktur des Systems der wissenschaftlichen Kenntnisse, nicht aber die Regel der Logik, die primär die Formung des menschlichen Denkens bestimmt. Die Regeln der Logik, die der Mensch dann kennenlernt, dienen dazu, das Denken zu kontrollieren und es beim Abweichen vom richtigen Weg zu korrigieren.

Die Entwicklung der logischen Struktur des Denkens lässt sich analog zur sprachlichen Entwicklung verdeutlichen. In seiner individuellen Entwicklung eignet sich der Mensch die grammatische Struktur seiner Muttersprache primär nicht durch das Lernen und Anwenden der grammatischen Regeln an, sondern in der Praxis, im Prozess der Verständigung, nämlich dadurch, dass die grammatische Struktur der Sprache selbst (und nicht die Gesetze oder Regeln der Grammatik, die sie widerspiegeln) die sich bildende grammatische Struktur der Sprache des Kindes determiniert. Die später erworbenen grammatischen Kenntnisse dienen lediglich dazu, die grammatische Struktur der Sprache zu erkennen und zu kontrollieren. Ebenso formt sich die Struktur des Denkens im Laufe der geistigen Entwicklung des Menschen nach den Gesetzen der Logik in dem Maße, in dem er sich das System der wissenschaftlichen Kenntnisse mit der in ihnen enthaltenen logischen Struktur aneignet, die die objektive Logik des Gegenstandes widerspiegelt.

Wenn sich der heranwachsende Mensch im Bildungsprozess das System der wissenschaftlichen Kenntnisse aneignet, eignet er sich praktisch die darin enthaltene logische Struktur der Gedanken an. Auf diese Weise entsteht eine Denkstruktur, die durch das Objekt der Denktätigkeit determiniert ist und immer genauer den immer komplizierter werdenden logischen Systemen entspricht. Deshalb lässt sich das erreichte Strukturniveau des kindlichen Denkens dadurch charakterisieren, dass man die Struktur des Denkens mit den Mitteln der Logik kennzeichnet [62].

Deshalb hatten die „klassische“ Logik und die „klassische“ philosophische Psychologie nicht ganz unrecht, wenn sie behaupteten, dass die Gesetze der Logik in bestimmtem Maße auch die tatsächliche Struktur des Denkens ausdrücken. Obwohl die Gesetze der Logik die Struktur des Denkens ausdrücken, insofern als ihnen das Denken in dieser oder jener Form entspricht, bestimmen sie doch nicht ursächlich den Denkprozess, wie die „Logizisten“ in der Psychologie behaupten, ebensowenig wie die psychologischen Gesetze, die die objektive Gesetzmäßigkeit widerspiegeln, die Gesetze der Logik begründen, wie die „Psychologisten“ in der Logik annehmen.

Der Fehler des Psychologismus besteht nicht darin, dass er die Erkenntnistätigkeit des Individuums als einen psychischen Prozess betrachtet, sondern dass er versucht, die logischen Beziehungen im Inhalt der Gedanken (als Bedingungen für deren Übereinstimmung mit dem Sein) auf das Verhältnis der verschiedenen Stufen des Denkprozesses zueinander und auf deren Abhängigkeit von den Bedingungen des Denkverlaufs zu reduzieren. Der Psychologismus ist deshalb nicht tragbar, weil er die Erkenntnistätigkeit nur unter dem Aspekt betrachtet, der für die psychologische Untersuchung charakteristisch ist (und nicht, weil er sie überhaupt unter diesem Aspekt betrachtet), weil er die logischen Beziehungen der Gedanken zueinander auf die psychologischen Gesetzmäßigkeiten reduziert, welche die Beziehungen zwischen den aufeinanderfolgenden Stufen des Denkprozesses ausdrücken. Er vermischt also letztlich zwei verschiedene Systeme von Beziehungen miteinander, die Welterkenntnis des Individuums und die Beziehungen, in denen diese untersucht werden müssen.

Fixiert man aber einerseits die logischen Beziehungen, die zwischen den Gedanken (die dem Sein adäquat sind) bestehen, so darf man andererseits nicht ignorieren, dass es sich dabei um das logische Charakteristikum der Erkenntnistätigkeit in ihrem resultativen Ausdruck handelt. Entsprechend dem Fehler des Psychologismus in der Logik besteht der Fehler des Logizismus in der Psychologie darin, dass die logischen Gesetzmäßigkeiten, welche die Beziehungen der Gedanken zueinander ausdrücken, an die Stelle der Gesetzmäßigkeiten gesetzt werden, welche die Beziehungen zwischen den aufeinanderfolgenden Stufen des Denkprozesses darstellen. Eben diese Vertauschung oder Vermischung der verschiedenen Systeme von Beziehungen, in denen die Erkenntnistätigkeit des Individuums auftritt, muss abgelehnt werden, und nicht die Möglichkeit (und Notwendigkeit), die Erkenntnistätigkeit des Menschen sowohl psychologisch als auch logisch zu kennzeichnen. Das, was man gewöhnlich als logischen Prozess bezeichnet – Analyse, Synthese, Induktionen usw. –, ist in Wirklichkeit nicht eine besondere, logische Tätigkeit, sondern die Erkenntnistätigkeit, logisch ausgedrückt. Das ist der spezielle Ausdruck für die allgemeine These von der Einheit der Logik und der Theorie der Erkenntnisprozesse.

Besondere logische Prozesse, logische Prozesse in „reiner“ Form (die, von den Erkenntnisprozessen losgelöst, nicht nur eine logische, sondern auch eine psychologische Charakteristik zulassen), gibt es beim Individuum nicht. (Das ist die objektive Grundlage dafür, dass Operationen, Prozesse, Tätigkeiten in der Sphäre der „reinen“ Logik von Russell, Couture und anderen abgelehnt werden.) Die logische Operation – Analyse, Synthese, Schluss usw. – ist ein Erkenntnisakt, der durch die logischen Beziehungen, die dem Ausgangspunkt des Erkenntnisprozesses immanent sind, und durch dessen Ergebnis bestimmt ist. Auf der Ebene der psychologischen Untersuchung ist das Primäre und in diesem Sinne Grundlegende nicht die Operation, sondern der Prozess. Die Operation ist ein psychischer Prozess, der bereits eine bestimmte logische Struktur angenommen hat. Der psychische Prozess aber ist, wenn es sich um einen Denkprozess handelt, in de Regel eine Operation im Stadium ihrer Entstehung.

In der logischen Untersuchung tritt der Erkenntnisakt als Operation, in der psychologischen als Prozess auf; die psychologische Untersuchung muss bei jeder Operation den Prozess ihrer Entstehung und Anwendung aufdecken. Wenn aber bei der psychologischen Untersuchung die Operationen in ursprüngliche Einheiten umgewandelt werden, besteht die Gefahr, dass jede Grenze zwischen der psychologischen und der logischen Untersuchung verwischt wird [63].

Spricht man vom Erkenntnisprozess, so darf man sich offensichtlich nicht nur auf den Prozess der individuellen Erkenntnis, der Erkenntnis der Welt durch das Individuum, beschränken, sondern muss auch die historische Entwicklung des Wissens im Auge haben. Die individuelle Erkenntnis der Welt ist durch die Welterkenntnis der Menschheit, durch die historische Entwicklung der wissenschaftlichen Kenntnisse bedingt, genauso wie andererseits die historische Entwicklung der wissenschaftlichen Kenntnisse durch die Erkenntnistätigkeit der Individuen bedingt ist. (Die Erforschung dieses Erkenntnisprozesses, des individuellen Denkens, das durch die historische Entwicklung der Erkenntnis bedingt ist und dessen Ergebnisse sich das Individuum im Lernprozess aneignet, ist Aufgabe der Psychologie. Die Untersuchung der historischen Entwicklung der Erkenntnis aber ist das Anliegen der Erkenntnistheorie, der Gnoseologie, der Epistemologie, der Theorie der wissenschaftlichen Erkenntnis.) Die historische Entwicklung der Erkenntnis ist eigentlich ein Prozess der Wissensentwicklung; bei ihr handelt es sich vorwiegend um das Verhältnis zwischen den objektivierten Resultaten der Erkenntnis, die historisch verifiziert und im System der Wissenschaft verankert sind. Hier treten gesetzmäßig die logischen und nicht die psychologischen Charakterzüge des Erkenntnisprozesses hervor. Ebenso jedoch wie die individuelle Erkenntnis durch die gesellschaftlich-historische Entwicklung des Wissens bedingt ist, ist die historische Entwicklung der wissenschaftlichen Kenntnisse durch die Erkenntnistätigkeit der Individuen bedingt, der Menschen also, deren Arbeit die Entwicklung der wissenschaftlichen Kenntnisse verwirklicht.

So wird nunmehr das wechselseitige Verhältnis zwischen dem psychologischen, dem erkenntnistheoretischen und dem logischen Aspekt der Erkenntnistätigkeit klar. Dadurch wird sowohl der Antipsychologismus des objektiven Idealismus als auch der Psychologismus des subjektiven Idealismus überwunden. Die eben formulierte These, der zufolge das Wissen, sein ideeller Inhalt, wie objektiv er auch sei, niemals ohne die Erkenntnistätigkeit des Menschen als Subjekt der Erkenntnis entsteht und nicht unabhängig von ihr besteht, erhält jetzt einen Sinn, der jede Möglichkeit ausschließt, in Psychologismus, das heißt in subjektiven Idealismus, abzugleiten.

Nach der Absonderung der Ideen von den sinnlich gegebenen Dingen entfällt auch ihre Absonderung von der Erkenntnistätigkeit des Subjekts. Die Ideen sind in die gnostische Beziehung des Menschen zur objektiven Realität, in die Erkenntnistätigkeit des Subjekts, das mit der Welt in Wechselwirkung steht, einbezogen. Das Verhältnis des Abbildes, der Idee zum Ding, in dem das Psychische eben als das Ideelle erscheint, ist nur ein Moment im Wechselverhältnis des Menschen, des Subjekts, zur objektiven Welt. Die Kennzeichnung des Psychischen als des Ideellen drückt eine durch wissenschaftliche Abstraktion ausgesonderte Seite aus, nämlich den Aspekt, unter dem wir das Psychische als das Subjektive charakterisieren.«

Anmerkungen

59 Diese Position nimmt sowohl Husserl als auch Russell ein. (Gemeint sind hier die Arbeitern Russels in der frühen Periode seiner wissenschaftlichen Tätigkeit, als er noch zusammen mit Whitehead Plato-Anhänger war, bevor er Hume-Anhänger und Berkeleyaner wurde.)

60 Dementsprechend entwickeln die Wissenschaftler, die auf dem Standpunkt des objektiven Idealismus stehen, die Zahlentheorie, die Grundlagen der Geometrie usw., in dem sie jede Tätigkeit bei der „Konstruierung“ neuer ideeller Objekte ablehnen und alles auf die Wechselbeziehungen der a priori gegebenen Elemente reduzieren.

Dem Standpunkt des objektiven Idealismus stellt Piaget den „Operationalismus“ entgegen, der zu Bridgman führt. Uns scheint es, als ob Piaget ohne ausreichende Gründe und gleichsam vorbehaltlos dem Operationalismus Bridgmans zustimmt, der auf dem Boden eines offenen Relativismus steht. Bridgman stellt in den Mittelpunkt seiner Betrachtung die Abhängigkeit des Erkenntnisresultats von der Art und Weise der Erkenntnis (z. B. einer bestimmten Größe vom Messverfahren usw.); dabei entfällt völlig die wesentlich stärkere Abhängigkeit der Erkenntnisresultate (des Messens usw.) vom Objekt selbst. Man soll zwar die Abhängigkeit der Erkenntnisresultate von der Art und Weise, wie sie erzielt werden, nicht ignorieren, aber diese Abhängigkeit vermittelt lediglich die grundlegende und entscheidende Abhängigkeit der Erkenntnisresultate vom Objekt, durch dessen Eigenschaften auch die Messverfahren bedingt sind. Eben deshalb müssen bei der Anwendung verschiedener Messverfahren und überhaupt bei der Erkenntnis ein und desselben Objekts bestimmte gesetzmäßige Beziehungen betrachtet werden, die den Übergang von einem Messverfahren, einer Größenbestimmung, zu einem anderen so ermöglichen, dass die Invarianz des Resultats gewahrt bleibt. Aber die Invarianz selbst, die Hauptforderung an die Operationen, die zu einem wissenschaftlichen Begriff führen. Leitet Piaget lediglich aus den Wechselbeziehungen zwischen den Operationen und aus ihrem gegenseitigen Gleichgewicht ab. Effektiv ist dann die Invarianz nicht nur ein Kriterium, sondern auch die Grundlage für die Objektivität des im Denken konstruierten Begriffs, während die Invarianz in Wirklichkeit nur der Indikator für dessen Objektivität ist, die auf der Übereinstimmung mit dem Objekt beruht. Der Begriff ist nicht dann objektiv, wenn er invariant ist; er muss invariant sein, wenn er objektiv ist – das ist die Grundlage. In seinen Untersuchungen von Denkoperationen betont Piaget das Prinzip der Invarianz. Er betrachtet die Operationen als eine höhere Stufe bei der Herstellung des Gleichgewichts zwischen Individuum und Außenwelt; daher müsse die Erkenntnis der Außenwelt, die Berücksichtigung der objektiven Bedingungen des Lebens in den Vordergrund gerückt werden. Die Denkoperationen erscheinen bei Piaget jedoch oft eher als Arten der Anpassung, als dass sie als eigentliche Arten der Erkenntnis auftreten. Dadurch nähert sich Piaget Bridgman. Vgl. J. Piaget, Logic und Psychology. Manchester University Press, 1953, I: „History and Status of the Problem“, pp. 1-8.

61 Damit ist auch klar, dass die Logik keine normative Disziplin ist. Ihre Gesetze sagen nichts darüber aus, was sein soll, sondern sprechen vor allem davon, was ist, davon, welchen Bedingungen ein Gedanke entspricht, der seinem Objekt adäquat ist. Darum kann man erst dann, wenn man die Gesetze der Logik in Normen umgewandelt hat, die sich nicht darauf beziehen, was ist, sondern darauf, was sein soll, behaupten, dass das Denken den Gesetzen der Logik folgen muss, damit es richtige Ergebnisse liefert.

In ähnlicher Weise ist auch die Ethik im wesentlichen keine normative Disziplin: sie sagt primär nichts darüber aus, was sein soll, sondern analysiert das, was ist. Sie ist nicht ein von außen aufgeklebtes Moralisieren, sondern eine Wissenschaft, die das innere Wesen des menschlichen Lebens, der spezifischen menschlichen Beziehungen, enthüllt. Sie zeigt die Bedingungen, die diesen Beziehungen entsprechen, und formulierten sie erst danach als Verhaltensnormen, als Forderungen, die in den Beziehungen zwischen den Menschen beachtet werden müssen. Das Ideal, das die Ethik formuliert, erhält reale Bedeutung, wenn die Möglichkeit und die Perspektive der Entwicklung der menschlichen Beziehungen berücksichtigt werden. Die Ethik ist von der Politik nicht zu trennen, aber sie kann nicht auf die Politik reduziert werden. -

Die von der Ethik bestimmten menschlichen Beziehungen sind gesellschaftlich bedingt (wie alles beim Menschen), aber sie sind nicht gesellschaftliche Beziehungen im Sinne von Beziehungen, welche die Gesellschaft eingeht. Die ethischen Normen haben einen Kern, der bei allen Veränderungen der politischen Situation für die menschlichen Beziehungen wirksam bleibt. Die Ethik kann jedoch von den konkreten Realitäten der Politik nicht getrennt werden. -

Eine Ethik, die sich von der Politik absondert, ist Manilowerei, oder etwas noch Schlimmeres, Scheinheiligkeit und Heuchelei, der Wunsch, ein sittliches Ideal in aller Öffentlichkeit zu verkünden und insgeheim zu wünschen, dass es nicht verwirklicht wird, dass es nicht aufhört, nur „Ideal“zu sein, sondern etwas, das sein soll, das aber nicht existiert.

62 Piaget hat in seinen Arbeiten versucht, die verschiedenen Stufen der Entwicklung des kindlichen Denkens zu charakterisieren, indem er die auf jeder Stufe errichte Denkstruktur in Formeln der Logik darstellte. Vgl. J. Piaget, Locic und Psychology. Manchester University Press 1953, II: „Psychological Development of Operations“, pp. 18-22; IV: „Conclusion: The Psychological Meaning of the Logical Structures“, pp. 38-48.

63 Das Problem der Operationen und Relationen wird durch ein anderes, damit zusammenhängendes Problem erschwert – das der Operation und der Handlung, des Denkens und der praktischen Tätigkeit.

Goblot brachte in der Logik den Gedanken auf (E. Goblot, Traité des Logique. Paris 1929), dass der Kern jedes Urteils eine Handlung sei, und zwar keine besondere geistige, sondern eine geistig reproduzierte praktische Handlung. Diese falsche These, die eigentlich jeden Unterschied zwischen der praktischen und der theoretischen Tätigkeit, zwischen der Handlung und der Erkenntnis verwischt, versucht Goblot mit der richtigen und wichtigen These zu begründen, dass die Grundlagen eines Urteils nicht die Beziehungen der Prinzipien zueinander sind, sondern die Einführung neuer Objekte in den Verlauf des Urteilens, mit denen nach den Prinzipien operiert wird. Dadurch erweist es sich als unmöglich, das Urteil auf das Verhältnis der Prinzipien zu reduzieren, und als notwendig, mit den Objekten des Urteils zu operieren. Aber damit ist die Reduktion des theoretischen Erkenntnisaktes auf eine sich geistig vollziehende Reproduktion der praktischen Handlungen nicht zu beweisen. Nach dieser Konzeption bedarf die Handlung nicht der Erkenntnis, und die Erkenntnis fügt zur Handlung nichts hinzu.

Ohne die Denkoperation bzw. die geistige Tätigkeit direkt mit der praktischen Tätigkeit zu identifizieren, betrachtet Janet und seine Nachfolger die Operation, die geistige Tätigkeit als „verinnerlichte“ äußere Tätigkeit, als Effekt des Übergangs dieser Tätigkeit auf die innere Ebene. Diese Konzeption führt zur Umwandlung des Denkens in ein reduziertes Duplikat der Handlung; es reproduziert wohl ihre Besonderheiten, spiegelt aber nicht ihr Objekt wider. In der Denktätigkeit tritt dann wohl hervor, dass sie eine Tätigkeit ist, aber die Tatsache, dass sie Denken, Erkennen ist, wird mehr oder weniger auf ein Nichts reduziert. Indes bedarf die Tätigkeit des Menschen der Erkenntnis, jene ist ohne diese nicht möglich. Die praktische Tätigkeit kann nicht auf das äußere Handeln, auf das Manipulieren reduziert werden, auf ihren Ausführungsteil, auf die Bewegungen, durch die sie realisiert wird. Sie schließt notwendigerweise auch die sinnliche, kognitive Seite ein. Die Bewegungen, mit deren Hilfe die Tätigkeit realisiert wird, haben selbst ihre afferente Seite, denn sie werden von den sinnlichen Signalen, den Empfindungen geleitet, reguliert. Die sinnliche Erkenntnis gehört zur Tätigkeit als ein notwendiger Bestandteil, als ihr regulativer „Mechanismus“. Deshalb darf man die Tätigkeit nicht dadurch, dass man die Einheit der wirklichen Tätigkeit sprengt und an die Stelle der Tätigkeit in ihrer Gesamtheit den äußeren Ausführungsteil der Tätigkeit setzt, so darstellen, als ob sie nur auf ihren Ausführungsteil reduziert wäre. Die Tätigkeit ist in diesem Sinne weder das Ursprüngliche, noch ist die von ihr losgerissene Erkenntnis das von ihr Abgeleitete, ihr ideelles „geistiges“ Duplikat. Die praktische Tätigkeit geht tatsächlich der theoretischen voraus; die Ideen sind, wie Marx sagte, in den Prozess der historischen Entwicklung, in die praktische Tätigkeit eingeflochten, und erst später tritt die Produktion der Ideen als eine besondere theoretische Tätigkeit in Erscheinung. In seiner individuellen Entwicklung löst der Mensch (das Kind) seine Aufgaben zuerst auch durch Probieren, durch äußeres Tätigsein mit dem Gegenstand, und erst dann innerlich, auf der Ebene des Ideellen. Dieser Übergang von der Aufgabenlösung durch Probieren zur ideellen, inneren Lösung bedeutet jedoch nicht, dass aus einer praktischen Tätigkeit ohne Bewusstsein ein Bewusstsein ohne praktische Tätigkeit wird. Es ist vielmehr ein Übergang von der niederen Stufe der noch nicht verallgemeinerten Erkenntnis der Bedingungen der Tätigkeit, bei der die Lösung des Problems nicht anders erreicht werden kann als durch eine Reihe einzelner Proben, zu einer höheren, verallgemeinerten Stufe, bei der natürlich die einzelnen Proben wegfallen. Es ist ein Übergang, bei dem sich zwar der Charakter der Erkenntnis verändert, bei dem aber der wechselseitige Zusammenhang zwischen Erkenntnis und Tätigkeit immer erhalten bleibt

Quelle: Sergej L. Rubinstein: Sein und Bewusstsein. Psychische Tätigkeit und objektive Realität. Das Problem der Erkenntnis. Das Psychische als das Ideelle. Akademie-Verlag, Berlin 1977.

07.07.2014, Reinhold Schramm (Bereitstellung)


VON: SERGEJ L. RUBINSTEIN






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