W. I. Lenin – Gegen Dogmatismus und Sektierertum in der Arbeiterbewegung

03.09.13
TheorieTheorie, News 

 

von N. G. Semrjugina - Reinhold Schramm (Bereitstellung)

Proletarier aller Länder, vereinigt euch!
[Teil 5]

Eine Auswahl von Schriften und Reden – Zusammengestellt von N. G. Semrjugina – Aus dem Buch „Der ,linke Radikalismus’, die Kinderkrankheit im Kommunismus“

VIII. Keinerlei Kompromisse?

»Wir haben im Zitat aus der Frankfurter Broschüre [20] gesehen, mit welcher Entschiedenheit die „Linken“ diese Losung aufstellen. Es ist traurig mitanzusehen, wie Leute, die sich zweifellos für Marxisten halten und Marxisten sein möchten, die Grundwahrheiten des Marxismus vergessen haben. Engels, der ebenso wie Marx zu jenen überaus seltenen Schriftstellern gehört, bei denen jeder Satz einer jeden größeren Arbeit von bewundernswerter Tiefe des Inhalts ist, schrieb 1874 gegen das Manifest der 33 blanquistischen Kommunarden [21] folgendes:

„,Wir sind Kommunisten’ (schrieben in ihrem Manifest die blanquistischen Kommunarden), weil wir bei unserem Ziel ankommen wollen, ohne uns an Zwischenstationen aufzuhalten, an Kompromissen, die nur den Sieg vertagen und die Sklaverei verlängern.’

Die deutschen Kommunisten sind Kommunisten, weil sie durch alle Zwischenstationen und Kompromisse, die nicht von ihnen, sondern von der geschichtlichen Entwicklung geschaffen werden, das Endziel klar hindurchsehen und verfolgen: die Abschaffung der Klassen, die Errichtung einer Gesellschaft, worin kein Privateigentum an der Erde und an den Produktionsmitteln mehr existiert.

Die Dreiunddreißig sind Kommunisten, weil sie sich einbilden, sobald sie nur den guten Willen haben, die Zwischenstationen und Kompromisse zu überspringen, sei die Sache abgemacht, und wenn es, wie ja feststeht, dieser Tage ,losgeht’ und sie nur ans Ruder kommen, so sei übermorgen ,der Kommunismus eingeführt’. Wenn das nicht sofort möglich, sind sie also auch keine Kommunisten.

Kindliche Naivität, die Ungeduld als einen theoretisch überzeugenden Grund anzuführen!“ (F. Engels, „Programm der blanquistischen Kommuneflüchtlinge“, aus der deutschen sozialdemokratischen Zeitung „Der Volksstaat“, 1874, Nr. 73, nach dem Sammelband „Artikel 1871 bis 1875", russ. Übersetzung, Petrograd 1919, S. 52/53.)

Engels bringt in demselben Aufsatz seine tiefe Hochschätzung für Vaillant zum Ausdruck und spricht von dem „unbestrittenen Verdienst“ Vaillants (der ebenso wie Guesde ein hervorragender Führer des internationalen Sozialismus gewesen war, bevor beide im August 1914 den Sozialismus verrieten). Aber den offenkundigen Fehler lässt Engels nicht ohne gründliche Analyse. Sehr jungen und unerfahrenen Revolutionären scheint es, natürlich ebenso wie kleinbürgerlichen Revolutionären, sogar wenn sie sehr ehrwürdigen Alters und reich an Erfahrungen sind, außerordentlich „gefährlich“, unverständlich, ja falsch zu sein „Kompromisse zu erlauben“. Und viele Sophisten (die übermäßig oder allzu „erfahrene“ Politikaster sind) argumentieren ebenso wie die von Gen. Lansbury erwähnten englischen Führer des Opportunismus: „Wenn den Bolschewiki dieses oder jenes Kompromiss erlaubt ist, warum sollen wir dann nicht beliebige Kompromisse schließen dürfen?“ Die Proletarier aber, die in zahlreichen Streiks geschult worden sind (um nur diese eine Erscheinungsform des Klassenkampfes herauszugreifen), pflegen sich die von Engels dargelegte überaus tiefe (philosophische, historische, politische und psychologische) Wahrheit ausgezeichnet anzueignen. Jeder Proletarier hat einen Streik mitgemacht, hat „Kompromisse“ mit den verhassten Unterdrückern und Ausbeutern miterlebt, wo die Arbeiter die Arbeit aufnehmen mussten, entweder ohne überhaupt etwas erreicht zu haben oder indem sie darauf eingingen, dass ihre Forderungen nur teilweise befriedigt wurden. Jeder Proletarier erkennt, dank dem Milieu des Massenkampfes und der starken Zuspitzung der Klassengegensätze, in dem er lebt, den Unterschied zwischen einem Kompromiss, das durch die objektiven Verhältnisse erzwungen ist (wenn die Streikkasse leer ist, wenn die Streikenden keine Unterstützung von außen erhalten, wenn sie bis zum äußersten ausgehungert und erschöpft sind), einem Kompromiss, das bei den Arbeitern, die ein solches Kompromiss geschlossen haben, die revolutionäre Hingabe und Bereitschaft zum weiteren Kampf keineswegs beeinträchtigt – und andererseits einem Kompromiss von Verrätern, die ihren Eigennutz (Streikbrecher schließen ebenfalls ein „Kompromiss“!), ihre Feigheit, ihren Wunsch, sich bei den Kapitalisten lieb Kind zu machen, ihre Empfänglichkeit für Einschüchterungen, manchmal auch für Überredungskünste, für Almosen, für Schmeichelleien der Kapitalisten, hinter objektiven Ursachen verbergen (besonders viele solcher Kompromisse von Verrätern finden wir in der Geschichte der englischen Arbeiterbewegung bei den Führern der englischen Trade-Unions, doch haben fast alle Arbeiter in allen Ländern ähnliche Erscheinungen in dieser oder jener Form beobachtet).

Es gibt natürlich einzelne, außerordentlich schwierige und verwickelte Fälle, in denen es nur mit größter Mühe gelingt, den wirklichen Charakter dieses oder jenes „Kompromisses“ richtig zu bestimmen, wie es Fälle von Mord gibt, in denen es gar nicht leicht ist zu entscheiden, ob ein durchaus gerechtfertigter oder sogar notwendiger Totschlag (z. B. in Notwehr) oder eine unverzeihliche Fahrlässigkeit oder gar ein fein eingefädelter heimtückischer Plan vorliegt. Es versteht sich von selbst, dass es in der Politik, wo es sich mitunter um äußerst komplizierte – nationale und internationale – Wechselbeziehungen zwischen den Klassen und Parteien handelt, sehr viele weit schwierigere Fälle geben wird als die Frage, ob ein bestimmtes „Kompromiss“ bei einem Streik berechtigt oder ob es das verräterische „Kompromiss“ eines Streikbrechers, eines verräterischen Führers usw. war. Ein Rezept oder eine allgemeine Regel, brauchbar für alle Fälle („keinerlei Kompromisse“!), fabrizieren zu wollen wäre Unsinn. Man muss selbst einen Kopf auf den Schultern haben, um sich in jedem einzelnen Fall zurechtzufinden. Gerade darin besteht unter anderem die Bedeutung der Parteiorganisation und der Parteiführer, die diesen Namen verdienen, dass man durch langwierige, hartnäckige, mannigfaltige, allseitige Arbeit aller denkbaren Vertreter der gegebenen Klasse * die notwendigen Kenntnisse, die notwendigen Erfahrungen, das – neben Wissen und Erfahrung – notwendige politische Fingerspitzengefühl erwirbt, um komplizierte politische Fragen schnell und richtig zu lösen.

Naive und ganz unerfahrene Leute bilden sich ein, es genüge, die Zulässigkeit von Kompromissen überhaupt anzuerkennen – und schon werde jede Grenze verwischt zwischen dem Opportunismus, gegen den wir einen unversöhnlichen Kampf führen und führen müssen, und dem revolutionären Marxismus oder Kommunismus. Wenn aber solche Leute noch nicht wissen, dass alle Grenzen sowohl in der Natur als auch in der Gesellschaft beweglich und bis zu einem gewissen Grade bedingt sind, so ist ihnen nicht anders zu helfen als durch anhaltende Belehrung, Erziehung, Aufklärung, durch politische und alltägliche Erfahrung. Wichtig ist, dass man es versteht, unter den praktischen Fragen der Politik jedes einzelnen oder besonderen historischen Augenblicks diejenigen herauszufinden, in denen die hauptsächliche Spielart der unzulässigen, verräterischen Kompromisse zum Ausdruck kommt, die den für die revolutionäre Klasse verhängnisvollen Opportunismus verkörpern, und alle Kräfte auf die Bloßstellung dieser Kompromisse, auf den Kampf gegen sie zu konzentrieren. Während des imperialistischen Krieges 1914–1918 zwischen den zwei Gruppen von Ländern, die gleichermaßen eine Raub- und Eroberungspolitik trieben, war eine solche hauptsächliche, entscheidende Spielart des Opportunismus der Sozialchauvinisten, d. h. das Eintreten für die „Vaterlandsverteidigung“, die in einem solchen Kriege praktisch der Verteidigung der räuberischen Interessen der „eigenen“ Bourgeoisie gleichkam. Nach dem Kriege waren die Verteidigung des räuberischen „Völkerbundes“ [22], die Verteidigung der direkten oder indirekten Bündnisse mit der Bourgeoisie des eigenen Landes gegen das revolutionäre Proletariat und die „Räte“-bewegung, die Verteidigung der bürgerlichen Demokratie und des bürgerlichen Parlamentarismus gegen die „Rätemacht“ die hauptsächlichen Äußerungen jener unzulässigen und verräterischen Kompromisse, die in ihrer Summe den für das revolutionäre Proletariat und seine Sache verhängnisvollen Opportunismus ergaben.

„Demzufolge ist jeder Kompromiss mit anderen Parteien ... jede Politik des Lavierens und Paktierens mit aller Entschiedenheit abzulehnen...“

schreiben die deutschen Linken in der Frankfurter Broschüre.

Ein Wunder, dass diese Linken bei solchen Ansichten den Bolschewismus nicht entschieden verurteilen! Es ist doch unmöglich, dass die deutschen Linken nicht wissen, dass die ganze Geschichte des Bolschewismus, sowohl vor als auch nach der Oktoberrevolution, voll ist von Fällen des Lavierens, des Paktierens, der Kompromisse mit anderen, darunter auch mit bürgerlichen Parteien!

Krieg führen zum Sturz der internationalen Bourgeoisie, einen Krieg, der hundertmal schwieriger, langwieriger, komplizierter ist als der hartnäckigste der gewöhnlichen Kriege zwischen Staaten, und dabei im voraus auf das Lavieren, auf die Ausnutzung von (wenn auch zeitweiligen) Interessengegensätzen zwischen den Feinden, auf Übereinkommen und Kompromisse mit möglichen (wenn auch zeitweiligen, unbeständigen, schwankenden, bedingten) Verbündeten verzichten – ist das nicht über alle Maßen lächerlich? Ist das nicht dasselbe, als wollte man bei einem schwierigen Aufstieg auf einen noch unerforschten und bisher unzugänglichen Berg von vornherein darauf verzichten, manchmal im Zickzack zu gehen, manchmal umzukehren, die einmal gewählte Richtung aufgeben und verschiedene Richtungen zu versuchen? Und Leute, die so wenig einsichtig und so unerfahren sind (noch gut, wenn sich das durch die Jugend erklärt: es ist das natürliche Vorrecht der Jugend, eine zeitlang solche Dummheiten zu reden), konnten bei manchen Mitgliedern der Kommunistischen Partei Hollands – einerlei, ob direkt oder indirekt, offen oder versteckt, ganz oder teilweise – Unterstützung finden!!

Nach der ersten sozialistischen Revolution des Proletariats, nach dem Sturz der Bourgeoisie in einem Lande, bleibt das Proletariat diese Landes lange Zeit schwächer als die Bourgeoisie, schon allein wegen der ungeheuren internationalen Verbindungen der Bourgeoisie [Hervorhebungen – R. S.], dann aber auch infolge der elementar und ständig vor sich gehenden Wiederherstellung, Wiederbelebung des Kapitalismus und der Bourgeoisie durch die kleinen Warenproduzenten des Landes, das die Bourgeoisie gestürzt hat. Einen mächtigeren Gegner kann man nur unter größter Anspannung der Kräfte und nur dann besiegen, wenn man unbedingt aufs angelegentlichste, sorgsamste, vorsichtigste, geschickteste sowohl jeden, selbst den kleinsten „Riss“ zwischen den Feinden, jeden Interessengegensatz zwischen der Bourgeoisie der verschiedenen Länder, zwischen den verschiedenen Gruppen oder Schichten der Bourgeoisie innerhalb der einzelnen Länder als auch jede, selbst die kleinste Möglichkeit ausnutzt, um einen Verbündeten unter den Massen zu gewinnen, mag das auch ein zeitweiliger, schwankender, unsicherer, unzuverlässiger, bedingter Verbündeter sein. -

Wer das nicht begriffen hat, der hat auch nicht einen Deut vom Marxismus und vom wissenschaftlichen, modernen, Sozialismus überhaupt begriffen. Wer nicht während einer recht beträchtlichen Zeitspanne und in recht verschiedenartigen politischen Situationen praktisch bewiesen hat, dass er es versteht, diese Wahrheit in der Tat anzuwenden, der hat noch nicht gelernt, der revolutionären Klasse in ihrem Kampf um die Befreiung der gesamten werktätigen Menschheit von den Ausbeutern zu helfen. -

Und das Gesagte gilt in gleicher Weise für die Periode vor und nach der Eroberung der politischen Macht durch das Proletariat.

Unsere Theorie ist kein Dogma, sondern eine Anleitung zum Handeln, pflegten Marx und Engels zu sagen, und der schwerste Fehler, das schwerste Verbrechen solcher „patentierten“ Marxisten wie Karl Kautsky, Otto Bauer u. a. besteht darin, dass sie das nicht begriffen, dass sie es nicht verstanden Haben, diese Theorie in den wichtigsten Augenblicken der Revolution des Proletariats anzuwenden. „Die politische Tätigkeit ist nicht das Trottoir des Newski-Prospekts“ (das saubere, breite, glatte Trottoir der schnurgeraden Hauptstraße Petersburgs), pflegte schon N. G. Tschernyschewski, der große russische Sozialist der vormarxschen Periode zu sagen. Die russischen Revolutionäre haben seit Tschernyschewski das Ignorieren oder Vergessen dieser Wahrheit mit unzähligen Opfern bezahlt. Es gilt, um jeden Preis zu erreichen, dass die linken Kommunisten und die der Arbeiterklasse ergebenen Revolutionäre Westeuropas und Amerikas die Aneignung dieser Wahrheit nicht so teuer bezahlen, wie die rückständigen Russen sie bezahlt haben.

Die russischen revolutionären Sozialdemokraten haben vor dem Sturz des Zarismus wiederholt die Dienste der bürgerlichen Liberalen in Anspruch genommen, d. h., sie haben eine Menge praktischer Kompromisse mit ihnen geschlossen. In den Jahren 1901 und 1902, noch vor der Entstehung des Bolschewismus, schloss die alte Redaktion der „Iskra“ (zu der Plechanow, Axelrod, Sassulitsch, Martow, Potressow und ich gehörten) ein formelles Bündnis (allerdings nicht auf lange) mit Struve, dem politischen Führer des bürgerlichen Liberalismus, verstand es aber gleichzeitig, ununterbrochen den rücksichtslosesten ideologischen und politischen Kampf gegen den bürgerlichen Kampf gegen den bürgerlichen Liberalismus und gegen die geringsten Äußerungen seines Einflusses innerhalb der Arbeiterbewegung zu führen. Dieser Politik sind die Bolschewiki stets treu geblieben. Seit 1905 haben sie systematisch das Bündnis der Arbeiterklasse mit der Bauernschaft gegen die liberale Bourgeoisie und den Zarismus verfochten, ohne zugleich jemals die Unterstützung der Bourgeoisie gegen den Zarismus (z. B. im zweiten Stadium der Wahlen oder bei Stichwahlen) abzulehnen und ohne den unversöhnlichsten ideologischen und politischen Kampf gegen die bürgerlich-revolutionäre Bauernpartei, die „Sozialrevolutionäre“, einzustellen, die sie als kleinbürgerliche, sich fälschlich zu den Sozialisten zählende Demokraten entlarvten. Im Jahre 1907 schlossen die Bolschewiki bei den Wahlen zur Duma auf kurze Zeit formell einen politischen Block mit den „Sozialrevolutionären“. Mit den Menschewiki waren wir in den Jahren 1903–1912 wiederholt mehrere Jahre hindurch formell in einer einheitlichen sozialdemokratischen Partei, ohne jemals den ideologischen und politischen Kampf gegen diese Opportunisten und Schrittmacher des bürgerlichen Einflusses auf das Proletariat einzustellen. Während des Krieges gingen wir ein gewisses Kompromiss mit den „Kautskyanern“, den linken Menschewiki (Martow) und einem Teil der „Sozialrevolutionäre“ (Tschernow, Natanson) ein, tagten zusammen mit ihnen in Zimmerwald und Kienthal [23] und erließen gemeinsame Manifeste, haben aber niemals den ideologischen und politischen Kampf gegen die „Kautskyaner“, gegen die Martow und Tschernow eingestellt oder abgeschwächt (Natanson starb 1919 als uns durchaus nahestehender, mit uns fast solidarischer volkstümlerischer „revolutionärer Kommunist“ [24]). Im Augenblick des Oktoberumsturzes schlossen wir einen zwar nicht formellen, aber sehr wichtigen (und sehr erfolgreichen) politischen Block mit der kleinbürgerlichen Bauernschaft, indem wir das Agrarprogramm der Sozialrevolutionäre voll und ganz, ohne jede Änderung, übernahmen, d. h., wir gingen unzweifelhaft ein Kompromiss ein, um den Bauern zu beweisen, dass wir sie nicht majorisierten, sondern uns mit ihnen verständigen wollen. Gleichzeitig schlugen wir den „linken Sozialrevolutionären“ [25] einen (bald darauf von uns verwirklichten) formellen politischen Block einschließlich der Teilnahme an der Regierung vor. Nach Abschluss des Brester Friedens sprengten die linken Sozialrevolutionäre diesen Block und gingen später, im Juli 1918, zum bewaffneten Aufstand gegen uns und in der Folgezeit zum bewaffneten Kampf gegen uns über.

Es ist daher begreiflich, dass wir die Angriffe der deutschen Linken gegen die Zentrale der Kommunistischen Partei Deutschlands, weil sie den Gedanken an einen Block mit den „Unabhängigen“ (der „Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands“, den Kautskyanern) zulässt, für ganz unernst halten und in ihnen einen klaren Beweis dafür sehen, dass die „Linken“ unrecht haben. Bei uns in Russland gab es ebenfalls Menschewiki (die der Regierung Kerenski angehörten), die den deutschen Scheidemännern entsprechen, und linke Menschewiki (Martow), die zu den rechten Menschewiki in Opposition standen und den deutschen Kautskyanern entsprechen. Den allmählichen Übergang der Arbeitermassen von den Menschewiki zu den Bolschewiki konnten wir deutlich im Jahre 1917 beobachten: Auf dem I. Gesamtrussischen Sowjetkongress im Juni 1917 hatten wir nur 13 Prozent der Stimmen. Die Mehrheit gehörte den Sozialrevolutionären und den Menschewiki. Auf dem II. Sowjetkongress (am 25.X.1917 alten Stils) hatten wir 51 Prozent der Stimmen. Warum hat in Deutschland derselbe, völlig gleichartige Drang der Arbeiter von rechts nach links nicht sofort zur Stärkung der Kommunisten, sondern zunächst zur Stärkung der Zwischenpartei der „Unabhängigen“ geführt, obwohl diese Partei niemals irgendwelche selbständigen politischen Ideen besass, niemals eine selbständige Politik trieb, sondern stets nur zwischen den Scheidemännern und den Kommunisten hin und her schwankte?

Eine der Ursachen war offensichtlich die fehlerhafte Taktik der deutschen Kommunisten, die diesen Fehler furchtlos und ehrlich zugeben und lernen müssen, ihn zu korrigieren. Der Fehler bestand darin, dass sie eine Beteiligung am reaktionären, bürgerlichen Parlament und an den reaktionären Gewerkschaften verwarfen; der Fehler bestand in zahlreichen Äußerungen jener „linken“ Kinderkrankheit, [Hervorhebungen – R. S.] die jetzt offen zum Ausbruch gekommen ist und um so gründlicher, um so schneller, mit um so größerem Nutzen für den Organismus kuriert werden wird.

Die Zusammensetzung der „Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands“ ist ausgesprochen uneinheitlich: neben den alten opportunistischen Führern (Kautsky, Hilferding, in hohem Grade offenbar auch Grispien, Ledebour u. a.), die ihre Unfähigkeit bewiesen haben, die Bedeutung der Rätemacht und der Diktatur des Proletariats zu erfassen und den revolutionären Kampf des Proletariats zu leiten, hat sich in dieser Partei ein linker, proletarischer Flügel gebildet, der erfreulich rasch anwächst. Hunderttausende Mitglieder dieser Partei (die, glaube ich, ungefähr drei Viertel Millionen Mitglieder zählt) sind Proletarier, die Scheidemann den Rücken kehren und sich rasch dem Kommunismus zuwenden. Dieser proletarische Flügel hat schon auf dem Leipziger Parteitag der Unabhängigen (1919) den sofortigen und bedingungslosen Anschluss an die III. Internationale [26] beantragt. Ein „Kompromiss“ mit diesem Flügel der Partei zu fürchten wäre geradezu lächerlich. Im Gegenteil, die Kommunisten müssen unbedingt die geeignete Form eines Kompromisses mit ihm suchen und finden, eines Kompromisses, das einerseits die notwendige völlige Verschmelzung mit diesem Flügel erleichtern und beschleunigen, andererseits aber die Kommunisten in ihrem ideologischen und politischen Kampf gegen den opportunistischen rechten Flügel der „Unabhängigen“ in keiner Weise behindern würde. Wahrscheinlich wird es nicht leicht sein, die geeignete Form eines Kompromisses zu finden, aber nur ein Scharlatan könnte den deutschen Arbeitern und den deutschen Kommunisten einen „leichten“ Weg zum Sieg versprechen.

Der Kapitalismus wäre nicht Kapitalismus, wenn das „reine“ Proletariat nicht von einer Masse außerordentlich manigfaltiger Übergangstypen vom Proletarier zum Halbproletarier (der seinen Lebensunterhalt zur Hälfte durch Verkauf seiner Arbeitskraft erwirkt), vom Halbproletarier zum Kleinbauern (und kleinen Handwerker, Hausindustriellen, Kleinbesitzer überhaupt), vom Kleinbauern zum Mittelbauern usw. umgeben wäre; wenn es innerhalb des Proletariats selbst nicht Unterteilungen in mehr oder minder entwickelte Schichten, Gliederungen nach Landsmannschaften, nach Berufen, manchmal nach Konfessionen usw. gäbe. -

Aus alledem aber ergibt sich für die Vorhut des Proletariats, für seinen klassenbewussten Teil, für die kommunistische Partei absolut unumgänglich die Notwendigkeit, die unbedingte Notwendigkeit, zu lavieren, Übereinkommen und Kompromisse mit verschiedenen proletarischen Gruppen, mit verschiedenen Parteien der Arbeiter und der Kleinbesitzer zu schließen. Es kommt nur darauf an, dass man es versteht, die Taktik so anzuwenden, dass sie zur Hebung und nicht zur Senkung des allgemeinen Niveaus des proletarischen Klassenbewusstseins, des revolutionären Geistes, der Kampf- und Siegesfähigkeit beiträgt. -

Übrigens muss bemerkt werden, dass der Sieg der Bolschewiki über die Menschewiki nicht nur vor der Oktoberrevolution 1917, sondern auch nachher die Anwendung der Taktik des Lavierens, der Übereinkommen und Kompromisse erforderte, natürlich nur eines solchen Lavierens, solcher Übereinkommen und Kompromisse, die den Sieg erleichtern und beschleunigen und die Bolschewiki auf Kosten der Menschewiki festigen und stärken. -

Die kleinbürgerlichen Demokraten (darunter auch die Menschewiki) schwanken unvermeidlich zwischen Bourgeoisie und Proletariat, zwischen bürgerlicher Demokratie und Sowjetsystem, zwischen Reformismus und Revolutionismus, zwischen Liebe zu den Arbeitern und Furcht vor der proletarischen Diktatur usw. Die richtige Taktik der Kommunisten muss darin bestehen, dass man diese Schwankungen ausnutzt, keineswegs darin, dass man sie ignoriert. Um sie auszunutzen, muss man Zugeständnisse an diejenigen Elemente machen, die sich dem Proletariat zuwenden, und zwar dann, wenn sie sich dem Proletariat zuwenden, und insoweit, wie sie sich dem Proletariat zuwenden – gleichzeitig aber muss man den Kampf gegen diejenigen führen, die zur Bourgeoisie abschwenken. Die Anwendung der richtigen Taktik hatte zur Folge, dass der Menschewismus bei uns immer mehr zerfiel und auch weiter zerfällt, dass die verbohrten opportunistischen Führer isoliert werden und dass die besten Arbeiter, die besten Elemente aus der kleinbürgerlichen Demokratie in unser Lager übergehen. Das ist ein langwieriger Prozess, und durch einen übers Knie gebrochenen „Beschluss“: „keinerlei Kompromisse, keinerlei Lavieren!“ kann man dem Wachstum des Einflusses des revolutionären Proletariats und der Mehrung seiner Kräfte nur schaden.

Ein unzweifelhafter Fehler der „Linken“ in Deutschland ist schließlich, dass sie starrköpfig darauf bestehen, den Versailler Frieden [27] nicht anzuerkennen. Je „solider“ und „gewichtiger“, je „entschiedener“ und kategorischer diese Ansicht z. B. von K. Horner formuliert wird, desto unklüger wirkt das. Es genügt nicht, sich von den himmelschreienden Absurditäten des „Nationalbolschewismus“ (Laufenbergs u. a.) loszusagen, der sich – unter den gegenwärtigen Bedingungen der internationalen proletarischen Revolution – bis zu einem Block mit der deutschen Bourgeoisie zum Krieg gegen die Entente [28] verstiegen hat. Man muss verstehen, dass eine Taktik von Grund aus falsch ist, die nicht zugeben will, dass es für ein Rätedeutschland (wenn bald eine deutsche Räterepublik entstehen sollte) unbedingt notwendig sein kann, den Versailler Frieden eine Zeitlang anzuerkennen und sich ihm zu fügen. Daraus folgt nicht, dass die „Unabhängigen“ recht hatten, die zu einer Zeit, als in der Regierung die Scheidemänner sassen, als die Rätemacht in Ungarn [29] noch nicht gestürzt war, als die Möglichkeit der Unterstützung Räteungarns durch eine Räterevolution in Wien [30] noch nicht ausgeschlossen war – die unter den damaligen Bedingungen forderten, dass der Versailler Friedensvertrag unterzeichnet werde. Damals lavierten und manövrierten die „Unabhängigen“ sehr schlecht, denn sie übernahmen mehr oder minder die Verantwortung für die verräterischen Scheidemänner und glitten mehr oder weniger vom Standpunkt des schonungslosen (und kaltblütig geführten) Klassenkrieges gegen die Scheidemänner auf einen Standpunkt „ohne Klassen“ oder „über den Klassen“ hinab.

Gegenwärtig ist aber die Lage unverkennbar so, dass die Kommunisten Deutschlands sich nicht die Hände binden und nicht versprechen dürfen, im Fall eines Sieges des Kommunismus den Versailler Friedensvertrag unbedingt und unter allen Umständen zu annullieren. Das wäre eine Dummheit. Sie müssen sagen: Die Scheidemänner und Kautskyaner haben eine Reihe von Verrätereien begangen, die das Bündnis mit Sowjetrussland und mit Räteungarn erschwert (zum Teil direkt unmöglich gemacht) haben. Wir Kommunisten werden ein solches Bündnis mit allen Mitteln erleichtern und vorbereiten, wobei wir keineswegs verpflichtet sind, den Versailler Frieden unbedingt, und zwar sofort zu annullieren. Die Möglichkeit, ihn mit Erfolg zu annullieren, hängt nicht nur von den deutschen, sondern auch von den internationalen Erfolgen der Rätebewegung ab. Diese Bewegung wurde von den Scheidemännern und Kautskyanern gehemmt, wir aber fördern sie. Das ist der Kern der Sache, das ist der grundlegende Unterschied. Und wenn unsere Klassenfeinde, die Ausbeuter, und ihre Lakaien, die Scheidemänner und Kautskyaner, eine ganze Reihe von Möglichkeiten verpasst haben, die deutsche wie die internationale Rätebewegung, die deutsche wie die internationale Revolution zu stärken, so fällt die Schuld auf sie. Die Räterevolution in Deutschland wird die internationale Rätebewegung stärken, die das stärkste Bollwerk (und das einzig zuverlässige, unbezwingbare, international machtvolle Bollwerk) gegen den Versailler Frieden, gegen den internationalen Imperialismus überhaupt ist. Die Befreiung vom Versailler Frieden unbedingt, unter allen Umständen und unverzüglich an die erste Stelle, vor die Frage nach der Befreiung der anderen vom Imperialismus unterdrückten Länder vom Joch des Imperialismus zu setzen ist kleinbürgerlicher Nationalismus (der Kautsky, Hilferding, Otto Bauer und Co. würdig), aber kein revolutionärer Internationalismus. Der Sturz der Bourgeoisie in einem beliebigen großen Land, darunter auch in Deutschland, ist ein solches Plus für die internationale Revolution, dass man seinetwegen – wenn es notwendig sein sollte – auf eine längere Gültigkeit des Versailler Friedens eingehen kann und muss. Wenn Russland allein imstande war, zum Nutzen für die Revolution mehrere Monate lang den Brester Frieden zu ertragen, so ist nichts Unmögliches daran, dass ein Rätedeutschland im Bunde mit Sowjetrussland zum Nutzen für die Revolution eine längere Gültigkeit des Versailler Friedens erträgt.

Die Imperialisten Frankreichs, Englands usw. provozieren die deutschen Kommunisten, stellen ihnen eine Falle: „Sagt doch, dass ihr den Versailler Frieden nicht unterschreiben werdet!“ Und die linken Kommunisten gehen wie Kinder in die gestellte Falle, anstatt geschickt gegen den heimtückischen und im gegebenen Augenblick stärkeren Feind zu manövrieren, anstatt ihm zu sagen: „Jetzt werden wird den Versailler Frieden unterschreiben.“ Sich im voraus die Hände zu binden, dem Feind, der heute besser gerüstet ist als wir, offen zu sagen, ob und wann wir mit ihm Krieg führen werden, ist eine Dummheit und keine revolutionäre Tat. [Hervorhebungen – R. S.] -

Den Kampf aufzunehmen, wenn das offenkundig für den Feind und nicht für uns günstig ist, ist ein Verbrechen, und Politiker der revolutionären Klasse, die nicht „zu lavieren, Übereinkommen und Kompromisse zu schließen“ verstehen, um einen offenkundig unvorteilhaften Treffen auszuweichen, sind keinen Pfifferling wert.«
[Teil 5]

(Von Lenin geschrieben im April–Mai 1920. Veröffentlicht als Einzelausgabe im Juni 1920 in Petrograd vom Staatlichen Verlag. Werke, Bd. 31, S. 5–24, 52–63.)

* In jeder Klasse, sogar unter den Verhältnissen des aufgeklärten Landes, sogar in der fortgeschrittensten Klasse, die durch die Zeitumstände zu einem außerordentlich hohen Aufschwung aller geistigen Kräfte gelangt ist, gibt es immer Vertreter der Klasse – und wird es, solange Klassen bestehen, solange sich die klassenlose Gesellschaft nicht völlig konsolidiert, gefestigt und auf ihrer eigenen Grundlage entwickelt hat, unvermeidlich immer Vertreter der Klasse geben – die nicht denken und nicht fähig sind, zu denken. Der Kapitalismus wäre nicht der Kapitalismus, der die Massen unterdrückt, wenn dem nicht so wäre.

Anmerkungen

20 Lenin meint eine Broschüre, die von mehreren deutschen Kommunisten in Frankfurt am Main herausgegeben war und die Auffassungen der „linken Opposition“ darlegte. Lenin kritisierte diese Auffassungen in den Abschnitten V, VI und VIII seines Buches „Der ,linke Radikalismus’, die Kinderkrankheit im Kommunismus“.

Die „linke“, oder wie sie sich selbst nannte, die „prinzipielle Opposition“ wurde im Oktober 1919 aus der KPD ausgeschlossen, worauf die Ausgeschlossenen im April 1920 eine linksopportunistische Partei gründeten, der sie den Namen Kommunistische Arbeiterpartei Deutschlands gaben. Die KAPD degradierte später zu einer Sektierergruppe ohne jede Unterstützung in der Arbeiterklasse.

21 Betrifft das Programm, das 1874 von mehreren nach der Niederwerfung der Pariser Kommune emigrierten Blanquisten in London herausgegeben wurde. Die Blanquisten waren Anhänger einer Strömung in der französischen sozialistischen Bewegung, an deren Spitze Louis-Auguste Blanqui (1805–1881) stand. Wie Lenin schrieb, erwarteten die Blanquisten „die Erlösung der Menschheit von der Lohnsklaverei nicht durch den Klassenkampf des Proletariats, sondern durch die Verschwörung einer kleinen Minderheit von Intellektuellen“.

22 Völkerbund – internationale Organisation, bestand zwischen dem ersten und dem zweiten Weltkrieg; gegründet 1919 auf der Pariser Friedenskonferenz der Siegermächte in ersten Weltkrieg. Nach der Satzung hatte der Völkerbund das Ziel, den Frieden und die Sicherheit zu festigen. In Wirklichkeit leisteten die Führer des Völkerbundes dem Wettrüsten und der Vorbereitung des zweiten Weltkrieges Vorschub.

23 Bezieht sich auf die internationalen sozialistischen Konferenzen in Zimmerwald und Kienthal Schweiz).

Die Zimmerwalder oder I. Internationale Sozialistische Konferenz tagte vom 5. bis zum 8. September 1915.

Die Kienthaler oder II. Internationale Sozialistische Konferenz fand vom 24. bis 30. April 1916 statt.

Beide Konferenzen förderten den Zusammenschluss der linken internationalistischen Kräfte in der sozialistischen Bewegung, die gegen die Imperialisten und den imperialistischen Krieg kämpften.

24 Gemeint sind die „revolutionären Kommunisten“, eine Gruppe, die zu den Volkstümlern tendierte und zunächst der Partei der linken Sozialrevolutionäre angehört, nach deren Aufstand im Juli 1918 aber mit dieser gebrochen hatte. Im September 1918 konstituierte sich die Gruppe als „Partei des revolutionären Kommunismus“. Diese sprach sich für Zusammenarbeit mit der Kommunistischen Partei und für die Unterstützung der Sowjetmacht aus.

25 Die Partei der linken Sozialrevolutionäre (Internationalisten) bildete anfangs den linken Flügel der Partei der Sozialrevolutionäre. Auf ihrem I. Gesamtrussischen Kongress, der vom 19. bis zum 28. November (2. bis 11. Dezember) 1917 tagte, konstituierte sie sich als selbständige Partei. Um sich den Einfluss auf die Bauernschaft zu bewahren, entschlossen sich die linken Sozialrevolutionäre, mit den Bolschewiki zusammenzuarbeiten. Nach Verhandlungen, die im November und Anfang Dezember 1917 liefen, wurde zwischen den Bolschewiki und den linken Sozialrevolutionären ein Übereinkommen über die Teilnahme der letzteren an der Regierung erzielt. Die linken Sozialrevolutionäre verpflichteten sich, die Politik der Sowjetmacht zu verfechten und wurden in den Rat der Volkskommissare wie auch in eine Reihe von Kollegien der Volkskommissariate aufgenommen.

Obwohl die linken Sozialrevolutionäre den Weg der Zusammenarbeit mit den Bolschewiki eingeschlagen hatten, vertraten sie hinsichtlich der grundlegenden Fragen des sozialistischen Aufbaus andere Ansichten als diese. Die linken Sozialrevolutionäre kämpften gegen den Abschluss des Brester Friedens. Im Juli 1918 organisierten sie einen bewaffneten Aufstand und nahmen damit den offenen Kampf gegen die Sowjetmacht auf.

26 Dritte Internationale, Kommunistische Internationale – revolutionäre proletarische Weltorganisation, Vereinigung der kommunistischen Parteien verschiedener Länder; bestand von 1919 bis 1943.

27 Gemeint ist der Versailler Friedensvertrag, mit dem der imperialistische Weltkrieg 1914–1918 endete. Er wurde am 28. Juni 1919 von den USA, dem Britischen Reich, Frankreich, Italien, Japan und den mit ihnen assoziierten Mächten auf der einen und von Deutschland auf der anderen Seite unterzeichnet. Zweck des Versailler Friedensvertrags war es, die Umverteilung der kapitalistischen Welt zugunsten der Siegermächte zu untermauern und ein System von internationalen Beziehungen zu schaffen, das auf die Abwürgung Sowjetrusslands und die Niederwerfung der revolutionären Bewegung in der ganzen Welt gerichtet wäre.

28 Entente imperialistischer Mächteblock, so genannt nach der 1904 getroffenen anglo-französischen Übereinkunft, der Entente cordiale („herzliches Einvernehmen“). Bis zur Oktoberrevolution gehörte auch Russland der Entente an. Während des imperialistischen Weltkriegs (1914–1918) schlossen sich die USA, Japan und andere Länder der Entente an. Nach der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution waren die Hauptpartner dieses Blocks – England, Frankreich, die USA und Japan – die Organisatoren der militärischen Intervention gegen das Sowjetland und die Einpeitscher der Zertrümmerung revolutionärer Bewegungen in anderen Ländern.

29 Am 21. März 1919 wurde die Rätemacht in Ungarn errichtet.

Die Ententeimperialisten organisierten gegen die Ungarische Räterepublik eine Wirtschaftsblockade und die militärische Intervention. Mit ihrer Offensive steiften sie der ungarischen Konterrevolution den Rücken. Eine der Ursachen des Untergangs der Ungarischen Räterepublik war auch der Verrat der rechten Sozialdemokraten, die ein Bündnis mit dem Weltimperialismus schlossen. Sowjetrussland war im Sommer 1919 von allen Seiten belagert und konnte der Ungarischen Räterepublik nicht helfen. Am 1. August 1919 wurde die Rätemacht in Ungarn gestürzt.

30 Im Herbst 1918 kam es in Österreich zur Revolution. Die Arbeiter und Soldaten stürzten die Habsburgermonarchie, die das Land über 650 Jahre beherrscht hatte. Österreich wurde zur Republik ausgerufen. In Wien und anderen Städten entstanden Arbeiterräte. Im Verlauf der Revolution wurde die Kommunistische Partei Österreichs gegründet. Die breiten Schichten der österreichischen Werktätigen standen jedoch unter dem starken Einfluss der Sozialdemokratie, die alles unternahm, um die weitere Entwicklung der Revolution zu verhindern und es nicht zum Kampf der Arbeiterklasse um die Macht kommen zu lassen. Wegen des Betrugs der Sozialdemokratie an der Arbeiterklasse verloren die Räte ihre Bedeutung. Die Offensive des Proletariats wurde zum Stillstand gebracht.

Quelle: W. I. Lenin. Gegen Dogmatismus und Sektierertum in der Arbeiterbewegung. Eine Auswahl von Schriften und Reden. Verlag Progress Moskau 1972. Zusammengestellt von N. G. Semrjugina.


VON: N. G. SEMRJUGINA - REINHOLD SCHRAMM (BEREITSTELLUNG)






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