W. I. Lenin – Gegen Dogmatismus und Sektierertum

09.09.13
TheorieTheorie, News 

 

von N. G. Semrjugina - Reinhold Schramm (Bereitstellung)

Eine Auswahl von Schriften und Reden –

Aus dem Artikel „Das Letzte Wort des bundistischen Nationalismus“
[32] [Teil 7]

„Wer A gesagt hat, muss auch B sagen“ – wer sich auf den Standpunkt des Nationalismus gestellt hat, der gelangt naturgemäß zu dem Wunsch, seine Nationalität, seine nationale Arbeiterbewegung mit einer chinesischen Mauer zu umgeben, der lässt sich auch dadurch nicht beirren, dass in jeder Stadt, Ortschaft und Siedlung besondere Mauern gebaut werden müssen, den bringt es nicht einmal in Verlegenheit, dass er durch seine Taktik der Entzweiung und Zersplitterung das große Vermächtnis der Annäherung und Vereinigung der Proletarier aller Nationen, aller Rassen, aller Sprachen zunichte macht.«

(„Iskra“ Nr. 46, 15. August 1903. / Werke, Bd. 6, S. 519–520.)

Aus dem Resolutionsentwurf über Maßnahmen zur Wiederherstellung des Friedens in der Partei, eingebracht im Rat der SDAPR am 15. (28.) Januar 1904

»Die einen oder anderen Meinungsverschiedenheiten über die verschiedenen Fragen hat es stets gegeben und wird es unvermeidlich geben in einer Partei, die sich auf eine gigantische Volksbewegung stützt und es sich zur Aufgabe macht, die bewusste Trägerin dieser Bewegung zu sein, die jedes Zirkelwesen und eng sektiererische Ansichten entschieden ablehnt. Um jedoch würdige Vertreter des klassenbewussten kämpfenden Proletariats, würdige Teilnehmer der internationalen Arbeiterbewegung zu sein, müssen die Mitglieder unserer Partei aus allen Kräften danach streben, dass keine persönlichen Meinungsverschiedenheiten über die Auslegung der von unserem Parteiprogramm anerkannten Prinzipien und über die Methoden ihrer Durchführung die einmütige Zusammenarbeit unter der Leitung unserer zentralen Körperschaften stören noch jemals stören können. Je tiefer und breiter wir unser Programm und die Aufgaben des internationalen Proletariats verstehen, je höher wir die Bedeutung der positiven Arbeit für die Entwicklung der Propaganda, der Agitation und der Organisation schätzen, je weiter wir entfernt sind vom Sektierertum, vom kleinlichen Zirkelwesen und von Rangstreitigkeiten – mit um so größerer Energie müssen wir zu erreichen suchen, dass die Meinungsverschiedenheiten unter den Parteimitgliedern ruhig und sachlich erörtert werden, dass diese Meinungsverschiedenheiten unsere Arbeit nicht stören, unsere Tätigkeit nicht desorganisieren und das richtige Funktionieren unserer zentralen Körperschaften nicht hemmen.« (Veröffentlicht 1904 in der Broschüre: N. Schachow. „Der Kampf um den Parteitag“. Genf. / Werke, Bd. 7, S. 139–140.)

Aus dem Artikel „Der Partisanenkrieg“

»Welches sind die Grundforderungen, die jeder Marxist bei der Untersuchung der Frage der Kampfformen stellen muss? [Hervorhebungen – R. S.] Erstens unterscheidet sich der Marxismus von allen primitiven Formen des Sozialismus dadurch, dass er die Bewegung nicht an irgendeine bestimmte Kampfform bindet. Er erkennt die verschiedensten Kampfformen an, und zwar „erfindet“ er sie nicht, sondern fasst nur die im Verlauf der Bewegung von selbst entstehenden Formen des Kampfes der revolutionären Klassen verallgemeinernd zusammen, organisiert sie und verleiht ihnen Bewusstheit. Der Marxismus lehnt alle abstrakten Formeln, alle doktrinären Rezepte entschieden ab und fordert ein aufmerksames Eingehen auf den sich tatsächlich abspielenden Massenkampf, der mit der fortschrittlichen Entwicklung der Bewegung, mit dem wachsenden Bewusstsein der Massen, mit der Verschärfung der ökonomischen und politischen Krisen immer neue und mannigfaltigere Methoden der Verteidigung und des Angriffs hervorbringt. Deshalb denkt der Marxismus gar nicht daran, ein für allemal irgendwelche Kampfformen abzulehnen. Der Marxismus beschränkt sich keineswegs nur auf die Kampfformen, die im gegebenen Augenblick allein möglich sind und angewandt werden, sondern hält es für unvermeidlich, dass bei Änderung der jeweiligen sozialen Situation neue, in der gegebenen Periode unbekannte Kampfformen aufkommen. Der Marxismus lernt in dieser Beziehung, wenn man sich so ausdrücken darf, aus der Massenpraxis und ist weit davon entfernt, darauf Anspruch zu erheben, die Massen Kampfformen zu lehren, die von Stuben„systematikern“ ertüftelt werden. Wir wissen, sagte zum Beispiel Kautsky, als er die Formen der sozialen Revolution untersuchte, dass die kommende Krise uns neue Kampfformen bringen wird, die wir jetzt nicht voraussehen können.

Zweitens fordert der Marxismus unbedingt ein historisches Herangehen an die Frage der Kampfformen. Diese Frage außerhalb der historisch-konkreten Situation behandeln heißt das Abc des dialektischen Materialismus nicht verstehen. In verschiedenen Augenblicken der ökonomischen Evolution, in Abhängigkeit von den verschiedenen politischen, nationalkulturellen Bedingungen, den Lebensverhältnissen usw. treten verschiedene Kampfformen in den Vordergrund, werden zu Hauptformen des Kampfes, und im Zusammenhang hiermit erfahren wiederum auch die zweitrangigen Kampfformen von untergeordneter Bedeutung, eine Veränderung. Zu versuchen, die Frage der Anwendbarkeit eines bestimmten Kampfmittels zu bejahen oder zu verneinen, ohne eingehend die konkrete Situation der gegebenen Bewegung auf der gegebenen Stufe ihrer Entwicklung zu untersuchen, heißt den Boden des Marxismus völlig verlassen.

Das sind die beiden grundlegenden theoretischen Leitsätze, die wir zur Richtschnur nehmen müssen. Die Geschichte des Marxismus in Westeuropa gibt uns eine Unmenge von Beispielen, die das Gesagte bestätigen.« („Proletari“ [Der Proletarier] Nr. 5, 30 September 1906. / Werke, Bd. 11, S. 202–203.)

Aus dem „Vorwort zur russischen Übersetzung des Buches ,Briefe und Auszüge aus Briefen von Joh. Phil. Becker, Jos. Dietzgen, Friedrich Engels, Karl Marx u. a. an F. A. Sorge und andere’“

»Ein Vergleich dessen, was Marx und Engels über Fragen der englisch-amerikanischen und über Fragen der deutschen Arbeiterbewegung geäußert haben, ist äußerst aufschlussreich. Zieht man in Betracht, dass Deutschland einerseits, England und Amerika andererseits verschiedene Stadien der kapitalistischen Entwicklung, verschiedene Formen der Herrschaft der Bourgeoisie als Klasse im ganzen politischen Leben dieser Länder darstellen, so gewinnt ein solcher Vergleich besonders große Bedeutung. Vom wissenschaftlichen Standpunkt aus sehen wir hier ein Musterbeispiel materialistischer Dialektik, die Fähigkeit, je nach den konkreten Besonderheiten dieser oder jener politischen und ökonomischen Verhältnisse verschiedene Punkte, verschiedene Seiten einer Frage in den Vordergrund zu rücken und hervorzuheben. Vom Standpunkt der praktischen Politik und Taktik der Arbeiterpartei aus sehen wir hier ein Musterbeispiel dafür, wie die Schöpfer des „Kommunistischen Manifests“ die Aufgaben des kämpfenden Proletariats je nach den verschiedenen Etappen der nationalen Arbeiterbewegung der verschiedenen Länder bestimmen.

Am englisch-amerikanischen Sozialismus kritisierten Marx und Engels am schärfsten seine Losgelöstheit von der Arbeiterbewegung. Wie ein roter Faden zieht sich durch alle ihre zahlreichen Äußerungen über die „Sozialdemokratische Föderation“ (Social Democratic-Federation) in England [33] und über die amerikanischen Sozialisten die Beschuldigung, dass sie den Marxismus in ein Dogma, in „starre Orthodoxie“ verwandelt haben, dass er ihnen „ein Credo, keine Anleitung zum Handeln“ [34] ist, dass sie es nicht verstehen, sich der theoretisch hilflosen, aber lebendigen, von den Massen getragenen, machtvollen Arbeiterbewegung einzufügen, die neben ihnen abläuft. „Hätten wir“, ruft Engels in dem Brief vom 27. Januar 1887 aus, „von 1864 bis 1873 darauf bestanden, nur mit denen zusammenzuarbeiten, die offen unsere Plattform anerkennen – wo wären wir heute?“ Und in einem vorhergehenden Brief (vom 28. Dezember 1886) schreibt er, auf den Einfluss der Ideen Henry Georges auf die Arbeiterklasse in Amerika eingehend:

„Ein oder zwei Millionen Arbeiterstimmen im nächsten November für eine bona fide Arbeiterpartei sind augenblicklich unendlich viel mehr wert als hunderttausend Stimmen für eine doktrinär einwandfreie Plattform.“

Das sind sehr interessante Stellen. Bei uns fanden sich Sozialdemokraten, die sich beeilten, sie für die Verteidigung der Idee eines „Arbeiterkongresses“ oder einer Art Larinscher „breiter Arbeiterpartei“ auszunutzen. Warum denn nicht für die Verteidigung des „Linksblocks“? fragen wir solche voreiligen Engels-„Benutzer“. Die Briefe, denen die Zitate entnommen sind, entstammen der Zeit, das die Arbeiter in Amerika bei den Wahlen für Henry George stimmten. Frau Wischnewetzky – eine Amerikanerin, die einen Russen geheiratet hatte und Schriften von Engels übersetzte – bat ihn, wie aus der Engelschen Antwort an sie zu ersehen ist, Henry George tüchtig zu kritisieren. Engels schreibt (am 28. Dezember 1886), dass die Zeit dafür noch nicht gekommen sei, denn es sei viel wichtiger, dass sich die Arbeiterpartei konsolidiere, und sei es auch auf einer nicht ganz korrekten Plattform. Später würden die Arbeiter selbst erkennen, worauf es ankomme, sie würden es verstehen, „durch die eignen Fehler zu lernen“, „aber alles, was jene nationale Festigung der Arbeiterpartei – gleichgültig auf welcher Plattform – verzögern oder verhindern kann, würde ich als großen Fehler ansehen...“

Dabei verstand Engels natürlich ausgezeichnet, wie unsinnig und reaktionär die Ideen H. Georges vom sozialistischen Standpunkt aus waren, und stellte dies viele Male fest. Im Sorgeschen Briefwechsel gibt es einen überaus interessanten Brief von K. Marx vom 20. Juni 1881, worin er H. George als einen Ideologen der radikalen Bourgeoisie beurteilt. „Der Mann ist theoretisch total arriére [zurückgeblieben. Die Red.]“, schrieb Marx. Und mit diesem ausgesprochen reaktionären Sozialisten scheut Engels sich nicht, bei den Wahlen zusammenzugehen, wenn es nur Leute gibt, die den Massen „die Folgen ihrer eigenen Fehler vorhersagen können“ (Engels im Brief vom 29. November 1886).

Über die „Ritter der Arbeit“ (Knights of Labor) [35], die damalige Organisation der amerikanischen Arbeiter, schrieb Engels im gleichen Brief: „Die faulste Seite der Knights of Labor war ihre politische Neutralität... Der erste große Schritt, worauf es in jedem neu in die Bewegung eintretenden Land ankommt, ist immer die Konstituierung der Arbeiter als selbständige politische Partei, einerlei wie, solange es nur eine distinkte Arbeiterpartei ist.“«

(Geschrieben am 6. [19.04.] April 1907. Veröffentlicht 1907 in St. Petersburg im von P. Dauge herausgegebenen Buch. / Werke, Bd. 12, S. 360–362.)

Aus dem Artikel „Gegen den Boykott (Aus den Notizen eines sozialdemokratischen Publizisten)“ [36]

»Der russischen Sozialdemokratie fällt unzweifelhaft die Pflicht zu, unsere Revolution sorgfältigst und allseitig zu erforschen, in den Massen die Kenntnis ihrer Kampfformen, Organisationsformen usw. zu verbreiten, die revolutionären Traditionen im Volke zu festigen, die Massen zu überzeugen, dass man einzig und allein durch revolutionären Kampf einigermaßen ernsthafte und einigermaßen dauerhafte Verbesserungen erringen kann, sowie unentwegt die ganze Niedertracht jener selbstzufriedenen Liberalen zu enthüllen, die die gesellschaftliche Atmosphäre mit dem Gifthauch der „konstitutionellen“ Liebedienerei, Verräterei und Moltschalinerei [37] verpesten. Ein Tag des Oktoberstreiks oder des Dezemberaufstandes [38] bedeutete und bedeutet in der Geschichte des Befreiungskampfes hundertmal mehr als Monate lakaienhaften Geredes der Kadetten in der Duma über den nichtverantwortlichen Monarchen und das konstitutionell-monarchistische Regime. Wir müssen dafür sorgen – außer uns wird niemand dafür sorgen –, dass das Volk diese lebenserfüllten, inhaltsreichen und in ihrer Bedeutung und ihren Folgen großen Tage viel genauer, eingehender und gründlicher kenne als jene Monate „konstitutioneller“ Stickluft und Balalaikin-Moltschalinscher Blüte [39], von denen dank der wohlwollenden Nachsicht Stolypins und seines Zensur- und Gendarmeriegefolges die Organe unserer liberalen Parteipresse und parteilos-„demokratischen“ (man höre und staune!) Presse so eifrig posaunen.

Gewiss, die Sympathien für den Boykott werden bei vielen gerade durch dieses durchaus achtenswerte Bestreben der Revolutionäre geweckt, die Tradition der besten revolutionären Vergangenheit aufrechtzuerhalten, den trostlosen Sumpf des jetzigen grauen Alltags zu beleben durch einen Funken mutigen, offenen, entschlossenen Kampfes. Aber gerade weil uns eine sorgfältige Behandlung der revolutionären Traditionen am Herzen liegt, müssen wir entschieden gegen die Auffassung protestieren, man könnte durch Verwendung einer Losung einer speziellen historischen Epoche zum Widererstehen der wesentlichen Bedingungen dieser Epoche beitragen. Die Wahrung der Traditionen der Revolution, die Fähigkeit, sie auszunutzen für eine ständige Propaganda und Agitation, für die Aufklärung der Massen über die Bedingungen des unmittelbaren und offensiven Kampfes gegen die alte Gesellschaft, ist etwas ganz anderes als die Wiederholung irgendeiner Losung, losgelöst von der Gesamtheit der Bedingungen, unter denen sie entstanden war und Erfolg hatte, als die Anwendung dieser Losung auf wesentlich andere Verhältnisse.

Derselbe Marx, der die revolutionären Traditionen so hoch schätzte und schonungslos jede renegatenhafte und philisterhafte Einstellung zu ihnen geißelte, forderte zugleich von den Revolutionären die Fähigkeit zu denken, die Fähigkeit, die Bedingungen der Anwendbarkeit der alten Kampfmethoden zu analysieren und nicht einfach bekannte Losungen zu wiederholen. [Hervorhebungen – R. S.] Die „nationalen“ Traditionen des Jahres 1792 in Frankreich werden möglicherweise für immer ein Vorbild bestimmter revolutionärer Kampfmethoden bleiben, aber dies hinderte Marx nicht daran, 1870, in der berühmten „Adresse“ der Internationale, das französische Proletariat vor einer falschen Übertragung dieser Traditionen auf die Verhältnisse einer anderen Epoche zu warnen.

So ist es auch bei uns. Wir müssen die Bedingungen für die Anwendbarkeit des Boykotts erforschen, müssen unter den Massen den Gedanken verbreiten, dass der Boykott in Momenten des revolutionären Aufschwungs eine durchaus gerechtfertigte und mitunter notwendige Methode ist (was immer die Pedanten reden mögen, die den Namen Marx zu Unrecht im Munde führen). Ob aber dieser Aufschwung, diese Grundbedingung für die Proklamierung des Boykotts, vorhanden ist – diese Frage muss man selbständig zu stellen verstehen und auf Grund einer ernsthaften Analyse der Tatsachen beantworten. Es ist unsere Pflicht, den Moment eines solchen Aufschwungs vorzubereiten, soweit dies in unseren Kräften liegt, und einen Boykott im entsprechenden Moment nicht abzulehnen, aber zu glauben, dass die Losung des Boykotts allgemein für jede schlechte oder eine ganz schlechte Vertretungskörperschaft anwendbar sei, wäre unbedingt ein Fehler.«

 (Geschrieben am 26. Juni [9. Juli] 1907. Veröffentlicht Ende Juli 1907 in der Broschüre „Über den Boykott der dritten Duma“, herausgegeben in St. Petersburg. Unterschrift: N. Lenin. / Werke, Bd. 13, S. 26–27.)
[Teil 7]

Anmerkungen

32 Der Artikel entlarvte die nationalistische separatistische Position des Bundes.

Der Bund („Allgemeiner jüdischer Arbeiterbund in Litauen, Polen und Russland“) wurde 1897 organisiert und vereinigte hauptsächlich die halbproletarischen Elemente unter den jüdischen Handwerkern. Der Bund war ein Träger des Nationalismus in der Arbeiterbewegung und gehörte der SDAPR als eine autonome, in den das jüdische Proletariat betreffenden Fragen selbständige Organisation an. Nachdem der II. Parteitag der SDAPR die Forderung des Bundes abgelehnt hatte, ihn als den einzigen Vertreter des jüdischen Proletariats anzuerkennen, trat er aus der Partei aus und kehrte erst 1906 in sie zurück. In den wichtigsten politischen Fragen unterstützten die Bund-Leute den opportunistischen, menschewistischen Flügel in der Partei.

33 Die Sozialdemokratische Föderation Englands wurde 1884 gegründet. Neben Reformisten (Hyndman u. a.) und Anarchisten gehörte ihr eine Gruppe von revolutionären Sozialdemokraten, Anhängern des Marxismus, wie H. Quelch, T. Mann, E. Aveling und Eleonore Marx an, die den linken Flügel der sozialistischen Bewegung in England vertraten. Friedrich Engels kritisierte die Sozialdemokratische Föderation scharf wegen ihres Dogmatismus und ihres Sektierertums, dafür, dass sie von der Arbeitermassenbewegung in England losgerissen war und deren Besonderheiten ignorierte. Im Jahre 1907 erhielt die Sozialdemokratische Föderation den Namen Sozialdemokratische Partei, diese wiederum bildete 1911 zusammen mit linken Kräften der Unabhängigen Arbeiterpartei die Britische Sozialistische Partei; 1920 nahmen die meisten Mitglieder dieser Partei an der Gründung der Kommunistischen Partei Großbritanniens teil.

34 Lenin zitiert den Brief Friedrich Engels’ an F. A. Sorge vom 29. November 1886.

35 Ritter der Arbeit („Knights of Labor“ oder „Der edle Orden der Ritter der Arbeit“) – eine Organisation amerikanischer Arbeiter, 1869 in Philadelphia von dem Schneider W. Stephans gegründet. 1884 hatte die Organisation über 70 000 Mitglieder, 1886 bereits an die 700 000.

1886 wandte sich die Leitung des Ordens gegen den Generalstreik für den Achtstundentag und verbot seinen Mitgliedern die Teilnahme an ihm. Trotz dieses Verbote nahmen einfache Mitglieder der Organisation am Streik teil. Die Gegensätze zwischen der Masse der Mitglieder und der opportunistischen Führung der Organisation spitzten sich zu; nach 1886 begann der „Edle Orden der Ritter der Arbeit“ seinen Einfluss auf die Massen zu verlieren; Ende der 90er Jahre zerfiel er.

Trotz der verräterischen Politik seiner Führung spielte der „Orden“, besonders in der ersten Zeit seines Bestehens, eine positive Rolle in der Arbeiterbewegung der USA.

36 Der Artikel „Gegen den Boykott“ wurde zu den 1907 in Russland angesetzten Wahlen zur III. Reichsduma geschrieben und war gegen die Sozialdemokraten gerichtet, die trotz der veränderten politischen Lage in Russland – des Anbruchs der Reaktion – darauf bestanden, die Wahlen zur III. Duma zu boykottieren.

37 Moltschalinerei – Gleichwort für Liebedienerei und Unterwürfigkeit (Moltschalin – „Maulhalter“ – Gestalt aus der Komödie des russischen Schriftstellers A. S. Gribojedow „Verstand bringt Leiden“).

38 Dezemberaufstand – der bewaffnete Aufstand gegen den Zarismus im Dezember 1905 in Moskau. Am 7. (20.) Dezember begann in Moskau der politische Generalstreik, der in den bewaffneten Aufstand hinüberwuchs. Es entbrannten blutige Barrikadenkämpfe der Arbeiterkampfgruppen gegen die Kosaken, die Polizei und das zaristische Militär.

Nach neun Tagen gelang es dem Zarismus, den Aufstand zu unterdrücken. Unterdrückt wurden auch die Aufstände, die im Dezember 1905 und im Januar 1906 in einer Reihe von anderen Städten Russlands entbrannten. Der Dezemberaufstand war der Höhepunkt der russischen Revolution von 1905. In diesem Aufstand erhielt das russische Volk, wie Lenin erklärte, seine „Feuertaufe“ für den Sturmangriff auf die Selbstherrschaft im Jahre 1917.

39 Gemeint ist liberale Phrasendrescherei, Liebedienerei und Unterwürfigkeit. Balalaikin – Gestalt aus dem Werk des russischen Schriftstellers M. J. Saltykow-Stschedrin „Eine moderne Idylle“.

Quelle: W. I. Lenin. Gegen Dogmatismus und Sektierertum in der Arbeiterbewegung. Eine Auswahl von Schriften und Reden. Zusammengestellt von N. G. Semrjugina. Verlag Progress Moskau 1972.


VON: N. G. SEMRJUGINA - REINHOLD SCHRAMM (BEREITSTELLUNG)






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