Sie war, sie ist, sie wird sein


Rosa Luxemburg

07.10.13
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von Jean-Jacques de Carnaque (Zusammenstellung)

Rosa Luxemburg zum Kennenlernen

I. Der Mensch

Mary Alice Waters, eine bekannte sozialis- tische Journalistin in den USA, nennt sie „einer der größten (Revolutionäre), den die Mensch- heit jemals hervorgebracht hat.

Man kann die Menschen nur richtig verstehen, wenn man sie liebt

„Innerlich fühlen ich mich in einem Stückchen Garten wie hier (im Gefängnis, meine Anm.) … viel mehr in meiner Heimat als auf einem Parteitag … ich werde hoffentlich auf dem Posten sterben: in einer Straßenschlacht oder im Zuchthaus. Aber mein innerstes Ich gehört mehr meinen Kohlmeisen als den Genossen.“

„Zwi – Zwi“ … Das ist die erste leise Regung des kommenden Frühlings – trotz Schnee und Frost und Einsamkeit glauben wir- die Kohlmeise und ich – an den kommenden Frühling. Und wenn ich den vor Ungeduld nicht erleben sollte, dann vergessen Sie nicht, dass auf meiner Grabestafel nichts stehen darf außer „Zwi-zwi …“

„Einfach und gut sein, das löst und bindet alles und ist besser als alle Klugheit und Rechthaberei. Aber wer soll mich daran erinnern, wenn nicht einmal die Mimi da ist? Die wußte mich zu Hause so manches mal durch ihren schweigenden, langen Blick auf den richtigen Weg zu führen, daß ich sie … immer wieder abküssen musste …“

„Mensch sein ist vor allem die Hauptsache. Und das heißt: fest und klar und h e i t e r sein, ja heiter trotz alledem und alledem, denn heulen ist ein Geschäft der Schwäche. Mensch sein heißt, sein ganzes Leben ‚auf des Schicksals großer Waag‘ freudig hinwerfen, wenn’s sein muß, sich zugleich aber an jedem hellen Tag und jeder schönen Wolke freuen …“

„Eine Welt muss umgestürzt werden, aber jede Träne, die geflossen ist, obwohl sie abgewischt werden könnte, ist eine Anklage, und ein zu wichtigem Tun eilender Mensch, der aus roher Unachtsamkeit einen Wurm zertritt, begeht ein Verbrechen.“

Leo Lania, investigativer Journalist und Schriftsteller in der Weimarer Republik, über ihre Briefe: „Es gibt hier Briefe, die wie Kapitel aus einem Roman von Flaubert anmuten, wo in ein paar Sätzen dieser ‚polnischen Jüdin‘ mehr wahre Poesie, mehr deutsches Wesen steckt als in neun Zehnteln der deutschen Lyrik. Weil sie nicht gedichtet, sondern erlebt sind.“

„Gestern lag ich lange wach - ich kann jetzt nie vor 1 Uhr einschlafen, muß aber schon um 10 ins Bett, weil das Licht gelöscht wird, dann träume ich mir Verschiedenes im Dunkeln. Gestern dachte ich also: Wie merkwürdig das ist, daß ich ständig in einem freudigen Rausch lebe - ohne jeden besonderen Grund. So liege ich z.B. hier in der dunklen Zelle auf einer steinharten Matratze, um mich im Hause herrscht die übliche Kirchhofsstille, man kommt sich vor wie im Grabe; vom Fenster her zeichnet sich auf der Decke der Reflex der Laterne, die vor dem Gefängnis die ganze Nacht brennt. Von Zeit zu Zeit hört man nur ganz dumpf das ferne Rattern eines vorbeigehenden Eisenbahnzuges oder ganz in der Nähe unter den Fenstern das Räuspern der Schildwache, die in ihren schweren Stiefeln ein paar Schritte langsam macht, um die steifen Beine zu vertreten. Der Sand knirscht so hoffnungslos unter diesen Schritten, daß die ganze Öde und Ausweglosigkeit des Daseins daraus klingt in die feuchte, dunkle Nacht. Da liege ich still, allein, gewickelt in diese vielfachen schwarzen Tücher der Finsternis, Langeweile, Unfreiheit, des Winters - und dabei klopft mein Herz von einer unbegreiflichen, unbekannten inneren Freude, wie wenn ich im strahlenden Sonnenschein über eine blühende Wiese gehen würde. Und ich lächle im Dunkeln dem Leben, wie wenn ich irgendein zauberhaftes Geheimnis wüßte, das alles Böse und Traurige Lügen straft und in lauter Helligkeit und Glück wandelt. Und dabei suche ich selbst nach einem Grund zu dieser Freude, finde nichts und muß wieder lächeln - über mich selbst. Ich glaube, das Geheimnis ist nichts anderes als das Leben selbst; die tiefe nächtliche Finsternis ist so schön und weich wie Sammet, wenn man nur richtig schaut; und in dem Knirschen des feuchten Sandes unter den langsamen, schweren Schritten der Schildwache singt auch ein kleines schönes Lied vom Leben - wenn man nur richtig zu hören weiß. In solchen Augenblicken denke ich an Sie und möchte Ihnen so gern diesen Zauberschlüssel mitteilen, um immer und in allen Lagen das Schöne und Freudige des Lebens wahrzunehmen, damit Sie auch im Rausch leben und wie über eine bunte Wiese gehen.

Ach Sonitschka, (Liebknecht; ihr Mann saß ebenfalls im Zuchthaus, Anm. J.-J. de P.) ich habe hier einen scharfen Schmerz erlebt. Auf den Hof, wo ich spaziere, kommen oft Wagen vom Militär, vollbepackt mit Säcken oder alten Soldatenröcken und -hemden, oft mit Blutflecken..., die werden hier abgeladen, in die Zellen verteilt, geflickt, dann wieder aufgeladen und ans Militär abgeliefert. Neulich kam so ein Wagen, bespannt statt mit Pferden mit Büffeln. Ich sah die Tiere zum ersten Mal in der Nähe. Sie sind kräftiger und breiter gebaut als unsere Rinder, mit flachen Köpfen und flach abgebogenen Hörnern, die Schädel also unseren Schafen ähnlicher, ganz schwarz, mit großen sanften schwarzen Augen. Sie stammen aus Rumänien, sind Kriegstrophäen... Die Soldaten, die den Wagen fuhren, erzählten, daß es sehr mühsam war, diese wilden Tiere zu fangen, und noch schwerer, sie, die an die Freiheit gewöhnt waren, zum Lastenziehen zu benutzen. Sie wurden furchtbar geprügelt, bis sie begreifen lernten, daß sie den Krieg verloren hatten... An hundert Stück der Tiere sollen in Breslau allein sein; dazu bekommen sie, die an die üppige rumänische Weide gewohnt waren, elendes und karges Futter. Sie werden schonungslos ausgenutzt, um alle möglichen Lastwagen zu schleppen, und gehen dabei rasch zugrunde. - Vor einigen Tagen kam also ein Wagen mit Säcken hereingefahren. Die Last war so hoch aufgetürmt, daß die Büffel nicht über die Schwelle bei der Toreinfahrt konnten. Der begleitende Soldat, ein brutaler Kerl, fing an, derart auf die Tiere mit dem dicken Ende des Peitschenstiels loszuschlagen, daß die Aufseherin ihn empört zur Rede stellte, ob er denn kein Mitleid mit den Tieren hätte. »Mit uns Menschen hat auch niemand Mitleid«, antwortete er mit bösem Lächeln und hieb noch kräftiger ein... Die Tiere zogen schließlich an und kamen über den Berg, aber eines blutete... Sonitschka, die Büffelhaut ist sprichwörtlich an Dicke und Zähigkeit, und die war zerrissen. Die Tiere standen dann beim Abladen ganz still, erschöpft, und eins, das, welches blutete, schaute dabei vor sich hin mit einem Ausdruck in dem schwarzen Gesicht und den sanften schwarzen Augen wie ein verweintes Kind. Es war direkt der Ausdruck eines Kindes, das hart bestraft worden ist und nicht weiß, wofür, weshalb, nicht weiß, wie es der Qual und der rohen Gewalt entgehen soll... Ich stand davor, und das Tier blickte mich an, mir rannen die Tränen herunter - es waren seine Tränen, man kann um den liebsten Bruder nicht schmerzlicher zucken, als ich in meiner Ohnmacht um dieses stumme Leid zuckte. Wie weit, wie unerreichbar, verloren die schönen freien saftiggrünen Weiden Rumäniens! Wie anders schien dort die Sonne, blies der Wind, wie anders waren die schönen Laute der Vögel, die man dort hörte, oder das melodische Rufen des Hirten. Und hier - diese fremde, schaurige Stadt, der dumpfe Stall, das ekelerregende muffige Heu, mit faulem Stroh gemischt, die fremden, furchtbaren Menschen und - die Schläge, das Blut, das aus der frischen Wunde rinnt...

Oh, mein armer Büffel, mein armer, geliebter Bruder, wir stehen hier beide ohnmächtig und stumm und sind nur eins in Schmerz, in Ohnmacht, in Sehnsucht. - Derweil tummelten sich die Gefangenen geschäftig um den Wagen, luden die schweren Säcke ab und schleppten sie ins Haus; der Soldat aber steckte beide Hände in die Hosentaschen, spazierte mit großen Schritten über den Hof, lächelte und pfiff leise einen Gassenhauer. Und der ganze herrliche Krieg zog an mir vorbei. Schreiben Sie schnell.

Ich umarme Sie, Sonitschka Ihre R.

„ …Rosa Luxemburgs Briefe, die Revolutionärin des Spartakus-Bundes von der Autorin der Gefangenen-Schreiben, die Rebellin des Januar 1919 von der Frau zu trennen, die ihre langlangen Kerker-Gespräche mit Amsel, Kohlmeise, Buchfink, Hummel, Rotkehlchen, Kröte und Raupe führte - den Gartenspötter nicht zu vergessen, dem Rosa Luxemburg ihre grandioseste Laudatio geschrieben hat: einem Gesellen mit keckem Schnabel, der offenbar eher in Lassalles als in Marxens Manier zu singen verstand, so wie er, am 6. Juli 1917 im Gefängnis zu Wronke, in einem Brief an den Freund Hans Diefenbach beschrieben wird:

»Ein ... eigenartiger Kauz. Er singt nicht etwa ein Lied, eine Melodie, wie andere Vögel, sondern er ist ein Volksredner von Gottes Gnaden, er hält Ansprachen an den Garten..., voller dramatischer Aufregung, sprunghafter Übergänge, pathetischer Steigerungen ... Er stellt die gewagtesten Behauptungen auf, widerlegt hitzig Ansichten, die niemand geäußert hat, rennt offene Türen ein, triumphiert dann plötzlich: >Hab' ich's nicht gesagt?< Gleich darauf warnt er feierlich alle, die es hören wollen oder nicht: >Ihr werdet schon sehen! Ihr werdet schon sehen!< (Er hat nämlich die gescheite Gewohnheit, jeden Witz zweimal zu wiederholen.) Es kommt ihm nicht darauf an, dazwischen plötzlich aufzupiepen wie eine Maus, die sich den Schwanz eingeklemmt hat, oder in ein satanisch sein sollendes Lachen auszubrechen, das sich in diesem winzigen Kehlchen unglaublich komisch ausnimmt. Kurz, er füllt den Garten unermüdlich mit blühendstem Unsinn, und man glaubt in der Stille, die während seiner Ansprachen herrscht, die anderen Vögel Blicke tauschen und die Achseln zucken zu sehen. Nur ich zucke nicht die Achseln, sondern .... rufe ihm zu: »Süßer Quatschkopf<. Ich weiß nämlich, daß sein törichtes Geschwätz die tiefste Weisheit ist: ein zweiter Erasmus von Rotterdam singt er das Lob der Torheit mit vollem Bewußtsein ... (und als ich ihm heute, er hatte mehrere Wochen geschwiegen) meinen üblichen Gruß »Süßer Quatschkopf< zurief, kreischte er mir etwas Impertinentes zur Antwort, das beinahe so gedeutet werden konnte: >Du bist ja selbst eine Törin<. das gab ich ihm denn mit dankbarem Lachen sofort zu und war auf einmal geheilt von Bosheit, Unglück und Krankheit.«

Über Rosa sind ungefähr Biographien und unzählige (Ge-)Denkschriften geschrieben worden. Schon in den dreißiger Jahren von den Mitkämpfern Paul Frölich – einer der beiden Verwalter ihres Nachlasses – geschrieben 1938 im französischen Exil und von Henriette Roland Holst-van der Schalk, einer niederländischen Schriftstellerin. Als wissenschaftliche Standardbiographie gilt das von Peter Nettl, einem nach England emigrierten tschechischen Politikwissenschaftler mit einem Lehrstuhl in Oxford, knapp 900 Seiten umfassende Werk. Als beste Kennerin Rosa Luxemburgs gilt Annelies Laschitza. Wer eine Biographie bevorzugt, bei der die private Rosa Luxemburg sehr im Mittelpunkt sollte die von Elzbieta Ettinger lesen. Das neueste kleine Taschenbuch hat Dietmar Dath geschrieben.

Wer eine leicht zu lesende, sehr anschaulich das Private mit dem Politischen verbindende Biographie bevorzugt, der ist bei dem Franzosen Max Gallo gut aufgehoben.

[1] Helmut Hirsch: Rosa Luxemburg. Reinbek bei Hamburg 1969, S. 147

[2] www.aphorismen.de/suche?f_autor=2452_Rosa+Luxemburg&seite=3

[3] Rosa Luxemburg: Briefe aus dem Gefängnis. Hamburg: Nikol, 2010, S. 26 f.

[4] Entnommen bei Willems, Barbara: »Zwi - zwi« ... Eine Hommage an Rosa Luxemburg. Berlin: Karl Dietz, 2009, S.

[5] Rosa Luxemburg: Briefe aus dem Gefängnis. Hamburg: Nikol, 2010, S.

[6] Zitiert nach Max Gallo: Rosa Luxemburg. „Ich fürchte mich vor nichts mehr“. München 20012; S. 9

[7] Helmut Hirsch, a. a. O., S. 146

[8] Rosa Luxemburg: Briefe aus dem Gefängnis. Hamburg: Nikol, 2010, S. 67 ff.

[9] Walter Jens: Rosa Luxemburg. Weder Poetin noch Petroleuse, entnommen bei Kristina von Soden (Hrsg.): Rosa Luxemburg. Elefanten Press Berlin 1995, S. 6 ff.

Hier die Übersicht aller mir bekannten Biographien (alphabetisch nach Verfassern geordnet)

Cliff, Tony: Studie über Rosa Luxemburg. London 1959 www.internationalesozialisten.de

Dath, Dietmar: Rosa Luxemburg. Suhrkamp BasisBiographie. Berlin: Suhrkamp, 2010

Drabkin, Jakow: Die Aufrechten. Karl Liebknecht Rosa Luxemburg Franz Mehring Clara Zetkin. Berlin: Dietz,, 1988

Ettinger, Elzbieta: Rosa Luxemburg. Ein Leben. Aus dem Amerikanischen von Barbara Bortfeld. Berlin: Verlag J.H.W. Dietz Nachf., 1990

Frölich, Paul: Rosa Luxemburg. Gedanke und Tat. Mit einem Nachwort von Iring Fetcher. Frankfurt/Main; 1967

Gallo, Max: Rosa Luxemburg. „Ich fürchte mich vor gar nichts mehr“. 2. Aufl. München: Econ Ullstein List Verlag, 2001

Hetmann, Fredrik: Eine Kerze, die an beiden Enden brennt. Das Leben der Rosa Luxemburg. Freiburg im Breisgau: Herder, 1998

Hirsch, Helmut: Rosa Luxemburg in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 1969

Hochdorf, Max: Rosa Luxemburg. Das Leben einer Revolutionärin. Berlin: Verlag der Neuen Gesellschaft, 1930

Holst-van der Schalk, Henriette Roland: Rosa Luxemburg. Ihr Leben und Wirken. Zürich: Jean Christoph-Verlag, 1937

Laschitza, Annelies: Rosa Luxemburg. Im Lebensrausch, trotz alledem. Eine Biographie. Berlin: Aufbau Taschenbuch Verlag, 2000

Nettl, Peter: Rosa Luxemburg. Köln/Berlin: Kiepenheuer & Witsch, 1967

Oelßner, Fred: Rosa Luxemburg. Eine kritische biographische Skizze. Stuttgart: Verlag Das Neue Wort, 1952

Quack, Sibylle: Geistig frei und niemandes Knecht. Paul Levi/Rosa Luxemburg; Politische Arbeit und persönliche Beziehung. Mit 50 unveröffentlichte Briefen. Köln: Kiepenheuer & Witsch, 1983

Schmidt, Giselher: Rosa Luxemburg. Sozialistin zwischen Ost und West, Göttingen/Zürich: Muster Schmidt, 1988

Viele der alten Biographien können preiswert über Buchantiquariate erworben werden.


VON: JEAN-JACQUES DE CARNAQUE (ZUSAMMENSTELLUNG)


Dialog über Rosa Luxemburg  - 31-10-13 20:43
Meine Erwiderung zu den Leserzuschriften zu meinem Beitrag „Sie war, sie ist, sie wird sein“ - 17-10-13 20:46
Leserzuschrift von Katrin Perschke zum Beitrag über Rosa Luxemburg „Sie war, sie ist, sie wird sein“ - 15-10-13 14:00
Zum Beitrag „Sie war, sie ist, sie wird sein“ von J.-J. de Carnaque - 11-10-13 20:25




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