Die Entstehung der marxistischen Philosophie (Teil 45)

31.05.13
TheorieTheorie, News 

 

von Teodor Oiserman - Reinhold Schramm (Bereitstellung)

Die Schaffung der Grundlagen des dialektischen Materialismus und des wissenschaftlichen Kommunismus.

Die theoretische Begründung der dialektisch-materialistischen und kommunistischen Weltanschauung. Der Kampf gegen die philosophischen und politischen Konzeptionen des bürgerlichen Radikalismus.

3. Auseinandersetzung mit der junghegelianischen Kritik des Proudhonismus. Einschätzung der Lehre Proudhons. Der wissenschaftliche Kommunismus und die Aufgaben einer kritischen Überwindung der bürgerlichen Nationalökonomie.

In seinem Konspekt zur „Heiligen Familie“ stellt Lenin ausdrücklich fest, dass „Marx Proudhon vor den Kritikern der Literatur-Zeitung in Schutz nimmt und der Spekulation seine ausgesprochen sozialistischen Ideen gegenüberstellt. Marx spricht in sehr lobendem Ton von Proudhon (wenngleich es auch kleine Vorbehalte gibt, z. B. ein Hinweis auf die Umrisse zu einer Kritik der Nationalökonomie von Engels in den Deutsch-Französischen Jahrbüchern)“. [1]

Wir müssen auf das Verhältnis der Verfasser der „Heiligen Familie“ zu Proudhon, dessen kleinbürgerliche Anschauungen sie bald danach heftig kritisiert haben, genauer eingehen.

Die Junghegelianer bekämpften Proudhon als einen Vertreter des französischen Sozialismus, welchen sie auf alle möglichen dogmatischen Abstraktionen reduzieren, wobei sie seinen realen sozialen Inhalt völlig ignorieren. [2] Edgar Bauer zum Beispiel schrieb über Proudhon: „Proudhon findet also etwas Absolutes, eine ewige Grundlage in der Geschichte, einen Gott, der die Menschheit lenkt, die Gerechtigkeit.“ [3]

Dieser Vorwurf der Verabsolutierung des Begriffs der Gerechtigkeit ist zwar zweifellos nicht ganz unberechtigt, im großen und ganzen aber berührt die Kritik der Junghegelianer an der Lehre Proudhons deren wesentlichen Inhalt, das Problem des Privateigentums, nicht. Die „kritischen Kritiker“ ließen die von Proudhon aufgeworfenen Fragen nicht nur unbeantwortet, sondern versuchten auch noch, sie als Scheinprobleme zu diskreditieren. Dabei standen die Fragen, mit denen sich Proudhon herumschlug, auch vor seinen deutschen Opponenten. Die Verfasser der „Heiligen Familie“ weisen nach, dass das Prinzip des Selbstbewusstseins, was sich die Junghegelianer auch darunter vorstellen mochten, die spekulative Formulierung des demokratischen Prinzips der Gleichheit ist, das den eigentlichen Inhalt der Proudhonschen Konzeption der Gerechtigkeit ausmacht. „Wenn Edgar einen Augenblick die französische Gleichheit mit dem deutschen Selbstbewusstsein vergleicht, wird er finden, dass das letztere Prinzip deutsch, d. h. im abstrakten Denken, ausdrückt, was das erstere französisch, d. h. in der Sprache der Politik und der denkenden Anschauung, sagt. Das Selbstbewusstsein ist die Gleichheit des Menschen mit sich selbst im reinen Denken. Die Gleichheit ist das Bewusstsein des Menschen von sich selbst im Element der Praxis, d. h. also das Bewusstsein des Menschen vom andern Menschen als dem ihm Gleichen und das Verhalten des Menschen zum andern Menschen als dem ihm Gleichen.“ [4]

Das Verhältnis der Junghegelianer zu Proudhon ist im Grunde nur eine spezielle Erscheinungsform des allgemeinen Verhältnisses zwischen den deutschen spekulativen Denken und den französischen sowie englischen Vertretern des Sozialismus und Kommunismus. „Die Kritik der Franzosen und Engländer“, bemerken Marx und Engels, „ist nicht so eine abstrakte, jenseitige Persönlichkeit, die außer der Menschheit steht, sie ist die wirkliche menschliche Tätigkeit von Individuen, die werktätige Glieder der Gesellschaft sind, die als Menschen leiden, fühlen, denken und handeln. Darum ist ihre Kritik zugleich praktisch, ihr Kommunismus ein Sozialismus, in dem sie praktische, handgreifliche Maßregeln geben.“ [5]

Diese Bemerkung konstatiert zwar die Tatsachen, enthält jedoch keinerlei Hinweis darauf, dass der Unterschied zwischen den deutschen spekulativen Konzeptionen und den sozialistischen Lehren der Franzosen und Engländer auch dadurch bedingt ist, dass sie der theoretische Ausdruck unterschiedlicher Klasseninteressen sind. Wenn Marx und Engels den sozialen und politischen Inhalt der Philosophie des Selbstbewusstseins, deren feindselige Haltung gegenüber den Interessen der Unterdrückten und Ausgebeuteten charakterisieren, erklären sie diese Besonderheiten der „kritischen Kritik“ hauptsächlich aus ihrem spekulativen Charakter, aus ihrer Abgeschlossenheit vom realen Leben. Anders ist es mit Proudhon; seine Lehre lässt sich nicht auf bloße spekulative Konstruktionen reduzieren, sie ist der theoretische Ausdruck der Lage und der Interessen einer ganz bestimmten Klasse. „Er schreibt nicht aus dem Interesse der selbstgenügsamen Kritik, aus keinem abstrakten, selbstgemachten Interesse, sondern aus einem massenhaften, wirklichen, historischen Interesse, aus einem Interesse, das es weiter als zur Kritik, nämlich zur Krise bringen wird. Proudhon schreibt nicht nur im Interesse der Proletarier; er selbst ist Proletarier, Ouvrier. Sein Werk ist ein wissenschaftliches Manifest des französischen Proletariats und hat daher eine ganz andre historische Bedeutung als das literarische Machwerk irgendeines kritischen Kritikers.“ [6]

Wenn Marx und Engels Proudhon als Ideologen des französischen Proletariats bezeichnen und seine Schrift „Was ist das Eigentum?“ ein wissenschaftliches Manifest des französischen Proletariats nennen, so deutet dies darauf hin, dass der wissenschaftliche Sozialismus noch nicht völlig ausgereift ist. Irrig wäre jedoch die Annahme, dass sich Marx und Engels mit der Lehre Proudhons identifizieren; richtiger sagt man wohl, dass sie in dieser Etappe ihrer weltanschaulichen Entwicklung in Proudhon und den anderen Vertretern des damaligen Sozialismus und Kommunismus ihre Verbündeten sehen. Weiter oben wurde bereits festgestellt, dass die außerordentlich hohe Wertschätzung der Philosophie Feuerbachs in der „Heiligen Familie“ durchaus nicht besagt, dass Marx und Engels Feuerbachs Ansichten teilen. Dasselbe kann man, nur mit noch größerer Berechtigung, über ihr Verhältnis zu Proudhon sagen. Der ganze Inhalt der „heiligen Familie“ lässt erkennen, dass Marx und Engels, die die dialektisch-materialistische und kommunistische Weltanschauung [Weltaneignung] entwickeln, den kleinbürgerlichen Sozialisten, den Idealisten und Metaphysiker Proudhon um Haupteslänge überragen. Wie erklärt sich dann aber die oben zitierte Einschätzung oder, besser gesagt, Überschätzung Proudhons? Ein Grund liegt darin, dass die Verfasser der „Heiligen Familie“ in ihm nicht bloß den Theoretiker des französischen Proletariats, sondern den französischen Arbeiter gesehen haben, der selbständig eine sozialistische Theorie erarbeitet. Dieses Urteil über Proudhon entspricht im Prinzip ihrem Urteil über Wilhelm Weitling, wovon bereits im ersten Teil des Buches die Rede war. Allerdings war Weitling zum Unterschied von Proudhon nicht nur ein Arbeiter, sondern hat auch wirklich den Interessen der deutschen Arbeiter auf einer bestimmten Stufe ihrer geschichtlichen Entwicklung Ausdruck verliehen.

Schließlich – und dies ist keineswegs unwichtig – bezieht sich die Hochschätzung Proudhons in diesem Falle auf sein erstes und bestes Werk, das in der Geschichte des vormarxschen Sozialismus tatsächlich eine nicht unbedeutende Rolle gespielt hat. Später, im Jahre 1865, hat Marx einmal im Hinblick auf Proudhon an J. B. v. Schweizer geschrieben: „Sein erstes Werk ,Qu’est-ce que la propriété?’ ist unbedingt sein bestes Werk. Es ist epochemachend, wenn nicht durch neuen Inhalt, so doch durch die neue und kecke Art, Altes zu sagen. In den Werken der ihm bekannten französischen Sozialisten und Kommunisten war natürlich die ,propriété’ nicht nur mannigfach kritisiert, sondern auch utopisch ,aufgehoben’ worden. Proudhon verhält sich in jener Schrift zu Saint-Simon und Fourier ungefähr wie sich Feuerbach zu Hegel verhält. Verglichen mit Hegel ist Feuerbach durchaus arm. Dennoch war er epochemachend nach Hegel, weil er den Ton legte auf gewisse, dem christlichen Bewusstsein unangenehme und für den Fortschritt der Kritik wichtige Punkte, die Hegel in einem mystischen Clair-obscur gelassen hatte.“ [7]

Auf welche Punkte nun hat Proudhon den Ton gelegt? Auf das Problem des Eigentums, auf die sozialen Missstände, die das Eigentum hervorgerufen hat, und auf die Frage der Notwendigkeit seiner Aufhebung. [8] „Herausfordernder Trotz, der das ökonomische ,Allerheiligste’ antastet, geistreiche Paradoxie, womit der gemeine Bürgerverstand gefoppt wird, zerreißendes Urteil, bittre Ironie, dann und wann durchschauend ein tiefes und wahres Gefühl der Empörung über die Infamie des Bestehenden, revolutionärer Ernst – durch alles das elektrisierte ,Quest-ce que la propriété?’ und gab einen großen Anstoß bei seinem ersten Erscheinen.“ [9] Dieses Urteil von Marx und Engels über Proudhons erstes Buch, zwanzig Jahre nach dem Erscheinen der „Heiligen Schrift“, macht das Verhältnis der Begründer des Marxismus zu Proudhon im Jahre 1845 verständlicher.

Die Verfasser der „Heiligen Familie“ schätzen also Proudhon, weil er bemüht war, die Idee der Negation des Privateigentums systematisch zu entwickeln. „Alle Entwicklungen der Nationalökonomie haben das Privateigentum zur Voraussetzung. Diese Grundvoraussetzung gilt ihr als unumstößliche Tatsache, die sie keiner weiteren Prüfung unterwirft, ja auf welche sie, wie Say naiv gesteht, nur ,accidentellement’ zu sprechen kömmt. Proudhon nun unterwirft die Basis der Nationalökonomie, das Privateigentum, einer kritischen Prüfung, und zwar der ersten entschiedenen, rücksichtslosen und zugleich wissenschaftlichen Prüfung. Dies ist der große wissenschaftliche Fortschritt, den er gemacht hat, ein Fortschritt, der die Nationalökonomie revolutioniert und eine wirkliche Wissenschaft der Nationalökonomie erst möglich macht. Proudhons Schrift ,Qu’est-ce que la propriété?’ hat dieselbe Bedeutung für die moderne Nationalökonomie, welche Sieyès’ Schrift ,Qu’est-ce que le tiers état?’ für die moderne Politik hat.“ [10]

Allerdings untersucht Proudhon, so stellen Marx und Engels weiter fest, nicht solche Formen des Privateigentums wie den Arbeitslohn, den Handel, den Wert, den Preis und das Geld. Dieser Mangel erklärt sich ihrer Meinung nach daraus, dass Proudhon bei der bürgerlichen Widerlegung der politischen Ökonomie von deren eigenen theoretischen Voraussetzungen ausgeht. Dies war, als sich die Gegner der Nationalökonomie zum erstenmal die Aufgabe stellten, sie zu kritisieren, zunächst unvermeidlich. Daher kann auch der Standpunkt Proudhons nur überwunden werden „durch die Kritik der Nationalökonomie, auch der Nationalökonomie, wie sie in der Proudhonschen Fassung erscheint. Diese Arbeit ist erst durch Proudhon selbst möglich geworden, wie Proudhons Kritik die Kritik des Merkantilsystems durch die Physiokraten, die der Physiokraten durch Adam Smith, die des Adam Smith durch Ricardo sowie die Arbeiten Fouriers und Saint-Simons zu Voraussetzungen hat.“ [11]

So wird in der „Heiligen Familie“ auf die Notwendigkeit hingewiesen, über Proudhon hinauszugehen, der im Rahmen der bestehenden Nationalökonomie verbleibt, obwohl er mit ihr polemisiert. Bekanntlich greifen auch die bürgerlichen Ökonomen selbst diese oder jene historische Form des Eigentums an und betrachten sie als Verfälschung des an sich wahren Privateigentums. Marx und Engels ziehen jedoch noch nicht die Schlussfolgerung, dass man dies in gewissem Sinne ebenfalls von Proudhon sagen könnte. Zu dieser Erkenntnis gelangt Marx zwei Jahre später in seiner Schrift „Das Elend der Philosophie“. Vorerst jedoch unterstreichen die Begründer des Marxismus, dass sich Proudhon von den Ökonomen, die sich gegen einzelne Formen des Privateigentums wenden, in folgendem unterscheidet: „Er hat ... konsequent nicht diese oder jene Art des Privateigentums, wie die übrigen Nationalökonomen, auf partielle Weise, sondern das Privateigentum schlechthin auf universelle Weise als den Verfälscher der nationalökonomischen Verhältnisse dargestellt. Er hat alles geleistet, was die Kritik der Nationalökonomie von nationalökonomischem Standpunkte aus leisten kann.“ [12]

Zu welchen positiven Ergebnissen führt nun diese Negation der bürgerlichen politischen Ökonomie von ihren eigenen theoretischen Positionen aus? Die Verfasser der „Heiligen Familie“ stellen fest, dass Proudhon das Prinzip der Arbeitswerttheorie sehr viel konsequenter durchführt als die bürgerlichen Ökonomen. „Proudhon, indem er die Arbeitszeit, das unmittelbare Dasein der menschlichen Tätigkeit als Tätigkeit, zum Maß des Arbeitslohnes und der Wertbestimmung des Produkts macht, macht die menschliche Seite zum Entscheidenden, wo in der alten Nationalökonomie die sachliche Macht des Kapitals und des Grundeigentums entschied, d. h. Proudhon setzt in noch nationalökonomischer, darum widerspruchsvoller Weise den Menschen wieder in seine Rechte ein.“ [13] Das offenbart sich darin, dass Proudhon an der Vorstellung der bürgerlichen Ökonomen von der Ewigkeit der ökonomischen Kategorien des Kapitalismus festhält, diesen Kategorien aber eine vernünftige, gerechte Form zu geben sucht.

Bei aller Würdigung der positiven Momente der Proudhonschen Kritik des Privateigentums gelangen Marx und Engels doch zu dem Ergebnis, dass die Resultate dieser Kritik alles in allem begrenzt und inkonsequent sind. Die bürgerlichen Ökonomen, die zu beweisen versuchen, dass durch die Bewegung des Privateigentums der Nationalreichtum geschaffen wird, erweisen sich als Apologeten des Privateigentums. Im Gegensatz zu ihnen weist Proudhon nach, dass das Privateigentum die Armut erzeugt und darum beseitigt werden muss. Dem Privateigentum stellt er jedoch den „Besitz“ oder das Eigentum der Kleinproduzenten entgegen. Wenn er die Aufhebung des Privateigentums fordert, schlägt er eigentlich nur dessen Umverteilung, nämlich den gleichen Besitz von Eigentum vor. [14] Zwar erklärt er den Besitz für eine „gesellschaftliche Funktion“, doch ändert dies nichts an dem kleinbürgerlichen Wesen seiner Konzeption. Allerdings finden sich in der „Heiligen Familie“ noch keine direkten Hinweise auf diesen klassenbedingten Inhalt seiner Konzeption. Aber die Kritik an Proudhons Vorstellung von der Möglichkeit des gleichen Besitzes von Privateigentum nimmt diesen Schluss im Grunde schon vorweg. „Die Vorstellung des ,gleichen Besitzes’“, schreibt Marx, „ist der nationalökonomische, also selbst noch entfremdeter Ausdruck dafür, dass der Gegenstand als Sein für den Menschen, als gegenständliches Sein des Menschen, zugleich das Dasein des Menschen für den andern Menschen, seine menschliche Beziehung zum andern Menschen, das gesellschaftliche Verhalten des Menschen zum Menschen ist. Proudhon hebt die nationalökonomische Entfremdung innerhalb der nationalökonomischen Entfremdung auf.“ [15] Trotz der anthropologischen Ausdrucksweise sprechen Marx und Engels hier einen Gedanken aus, der Feuerbach niemals in den Sinn gekommen ist, den Gedanken, dass die Produkte der Arbeit, der Produktion vergegenständlichte Beziehungen sind. Das wiederum bedeutet, dass die Produktion bestimmte Verhältnisse der Menschen zueinander – gesellschaftliche Verhältnisse, Produktionsverhältnisse – voraussetzt.

Wenn Marx und Engels also die Bedeutung der Theorie Proudhons überbewerten und ihn gegen die Kritik von rechts in Schutz nehmen, so deuten sie doch schon damals im wesentlichen die Hauptrichtung einer Kritik des Proudhonismus von links an. Sie weisen nach, dass Proudhon unfähig ist, über die bürgerliche Nationalökonomie hinauszugehen, und stellen seiner immanenten Kritik der Nationalökonomie eine Kritik der bürgerlichen Auffassung der ökonomischen Verhältnisse gegenüber, deren theoretischer Ausgangspunkt von der bürgerlichen Nationalökonomie unabhängig ist, nämlich die Erkenntnis der Notwendigkeit des gesellschaftlichen Eigentums, das es erst ermöglicht, die Widersprüche der bisherigen Gesellschaftsentwicklung zu lösen.

Zusammenfassend können wir im Hinblick auf die „Heilige Familie“ sagen, dass sich Marx und Engels in dieser Schrift nicht nur gegen die bürgerliche Ideologie wenden, sondern sich auch vom kleinbürgerlichen utopischen Sozialismus abzugrenzen beginnen. Der bürgerlichen und kleinbürgerlichen Ideologie stellen sie die Grundsätze der von ihnen ausgearbeiteten wissenschaftlichen Ideologie der Arbeiterklasse entgegen, die Idee der objektiven Notwendigkeit des Sozialismus, des Kampfes der Arbeiterklasse gegen die Bourgeoisie, der sozialistischen Revolution, der Ablösung des Privateigentums durch das gesellschaftliche Eigentum. Im Zusammenhang damit erarbeiten sie die Ausgangsthesen des dialektischen und historischen Materialismus

Das Erscheinen der „Heiligen Familie“ erregte in Deutschland großes Aufsehen. Um das Buch entbrannte eine lebhafte Diskussion, an der sich neben den zahlreichen Gegnern des Kommunismus auch einige der damals noch wenigen Anhänger von Marx und Engels beteiligten. In der „Kölnischen Zeitung“ zum Beispiel hieß es, die „Heilige Familie“ vertrete entschieden den Standpunkt der sozialistischen Partei und beeindrucke „durch ihre leidenschaftliche Verachtung der Unhaltbarkeit und Sentimentalität aller halben Maßregeln gegen die gesellschaftlichen Übel unserer Zeit“. [16] In einer ausführlichen Rezension von Alexis Schmidt in den „Jahrbüchern für wissenschaftliche Kritik“ wurden Marx und Engels beschuldigt, der Philosophie, dem „deutschen Wesen“, dem Privateigentum usw. den Garaus machen zu wollen. [17]

Bruno Bauer wandte sich gegen die „Heilige Familie“, er verteidigte seine idealistischen Anschauungen und behauptete, man habe ihn nicht richtig verstanden. In der von Moses Heß redigierten Zeitschrift „Gesellschaftsspiegel“ veröffentlichten Marx und Engels eine Erwiderung auf Bauers „Antikritik“. Dieser Beitrag wurde von ihnen in die „Deutsche Ideologie“ übernommen. Sie stellten fest, dass Bauer in seiner „Antikritik“ die Anschauungen zuspitzt, die in der „Heiligen Familie“ kritisiert worden waren. Bauer schreibt zum Beispiel, dass Kritik und Kritiker „die Geschichte gelenkt und gemacht haben, dass sogar ihre Gegner und alle Bewegungen und Regungen der Gegenwart ihre Geschöpfe sind, dass sie allein es sind, die die Gewalt in ihren Händen haben, weil die Kraft in ihrem Bewusstsein“ liegt. [18] Bauers „Antikritik“ machte deutlich, dass die „Philosophie des Selbstbewusstseins“ in einer Sackgasse gelandet war. Mitte der vierziger Jahre [19. Jh.] hatte sich der Junghegelianismus sogar als bürgerlich-demokratische Bewegung erschöpft. Georg Jung schreibt an Marx, dass er „die spekulative Kritik unrettbar aufs Haupt geschlagen“ habe. [19]

Es gelang den Junghegelianern nicht, die Position zurückzuerobern, die sie durch Marx’ und Engels’ Kritik weitgehend verloren hatten.«

Anmerkungen

1 W. I. Lenin: Konspekt zu Marx’ und Engels’ Werk „Die heilige Familie“. In: Werke, Bd. 38, S. 8.
2 Selbst dort, wo die Junghegelianer den wirklichen sozialen Sinn der Theorie Proudhons wenigstens halbwegs erfassen, interpretieren sie ihn äußerst einseitig. „Proudhon“, erklärt zum Beispiel Edgar Bauer, „schreibt im Interesse derer, die nichts haben; Haben und Nichtshaben sind ihm absolute Kategorien.“ (Zit. in: Friedrich Engels/Karl Marx: Die heilige Familie. In: MEW, Bd. 2, S. 43.) Nachdem Edgar Bauer Proudhon auf diese Weise zurechtgestutzt hat, setzt er ihm auseinander, dass Haben und Nichtshaben einander nicht ausschließen, dass das Nichtshaben ein bestimmtes Haben ist, weil es ein absolutes Nichtshaben nicht gibt. Bei Proudhon aber handelt es sich um ein ganz bestimmtes Nichtshaben, aus dem die Ausbeutung der Werktätigen durch die Grundbesitzer, die Fabrikanten usw. resultiert. Im Gegensatz zu Edgar Bauer erklären Marx und Engels, dass „das Nichthaben nicht bloß eine Kategorie, sondern eine ganz trostlose Wirklichkeit ist“. Und etwas weiter unten: „Das Nichthaben ist der verzweifelte Spiritualismus, eine völlige Unwirklichkeit des Menschen, eine völlige Wirklichkeit des Unmenschen, ein sehr positives Haben, ein haben von Hunger, von Kälte, von Krankheiten, von Verbrechen, von Erniedrigung, von Hebetismus, von aller Unmenschlichkeit und Widernatürlichkeit.“ (Ebenda, S. 44.)
3 Zit. in: Ebenda, S. 34.
4 Ebenda, S. 40/41.
5 Ebenda, S. 162.
6 Ebenda, S. 43.
7 Karl Marx: Über P.-J. Proudhon. In: MEW, Bd. 16, S. 25.
8 Natürlich kritisiert Proudhon das Privateigentum vom Standpunkt des Kleinbürgertums, und das macht die von ihm begründete These von der Notwendigkeit der Aufhebung des Privateigentums, unter dem er das große kapitalistische Eigentum versteht, schließlich hinfällig. Deshalb schreibt Marx: „Trotz aller scheinbaren Himmelsstürmerei findet man aber schon in ,Qu’est-ce que la propriété?’ den Widerspruch, dass Proudhon einerseits die Gesellschaft vom Standpunkt und mit den Augen eines französischen Parzellenbauern (später petit bourgeois) kritisiert, andererseits den von den Sozialisten ihm überlieferten Maßstab anlegt.“ (Ebenda, S. 26.)
9 Ebenda.
10 Friedrich Engels/Karl Marx: Die heilige Familie. In: MEW, Bd. 2, S. 32/33. In dem oben zitierten Brief an Schweizer, in dem die Rolle, die Proudhons Schrift „Was ist das Eigentum?“ gespielt hat, im allgemeinen positiv beurteilt wird, betont Marx zugleich, dass die eigentlich wissenschaftliche Bedeutung dieses Buches nur gering sei: „In einer streng wissenschaftlichen Geschichte der politischen Ökonomie wäre dieselbe Schrift kaum erwähnenswert. Aber solche Sensationsschriften spielen in den Wissenschaften ebensogut ihre Rolle wie in der Romanliteratur. Man nehme z. B. Malthus’ Schrift über ,Population’. In ihrer ersten Ausgabe ist sie nichts als ein ,sensational pamphlet’, dazu Plagiat von Anfang zu Ende. Und doch, wieviel Anstoß gab dies Pasquill auf das Menschengeschlecht!“ (Karl Marx: Über P.-J. Proudhon. In: MEW, Bd. 16, S. 26.)
11 Friedrich Engels/Karl Marx: Die heilige Familie. In: MEW, Bd. 2, S. 32.
12 Ebenda, S. 34.
13 Ebenda, s. 51.
14 A. I. Malysch hat recht: „Die Forderung nach allgemeiner Gleichheit und Freiheit von Ausbeutung auf der Basis des Privateigentums entspricht den klassenmäßigen Erwartungen des Kleinbürgertums.“ [Ebenso, die Forderung nach “BGE“ im Kapitalismus. / R. S.] (А. И. Малыш: Формирование марксистской политической экономии, Москва 1966, стр. 104.)
15 Friedrich Engels/Karl Marx: Die heilige Familie. In: MEW, Bd. 2, S. 44.
16 Zit. in: Wolfgang Mönke: Die heilige Familie. Zur ersten Gemeinschaftsarbeit von Marx und Engels, Berlin 1972, S. 178
17 Siehe ebenda, S. 183–188.
18 Zit. in: Karl Marx/Friedrich Engels: Die deutsche Ideologie. In: MEW, Bd. 3, S. 93.
19 Georg Jung an Karl Marx, 18. März 1845. In: MEGA², III/Bd. 1, S. 458.

Quelle: Teodor Oiserman: Die Entstehung der marxistischen Philosophie. Dietz Verlag Berlin 1980. Vgl.: Auseinandersetzung mit der junghegelianischen Kritik des Proudhonismus. Einschätzung der Lehre Proudhons. Der wissenschaftliche Kommunismus und die Aufgaben einer kritischen Überwindung der bürgerlichen Nationalökonomie.


VON: TEODOR OISERMAN - REINHOLD SCHRAMM (BEREITSTELLUNG)






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