Bürgerkrieg in Deutschland. Unter der Losung „Gegen die Gefahr des Bolschewismus“ sammelten die Putschisten ihre Anhänger (Teil III)


Bildmontage: HF

09.09.10
TheorieTheorie, Arbeiterbewegung, TopNews 

 

von Otto Hennicke, bereitgestellt von Reinhold Schramm

Die Rote Ruhrarmee

Die Vorbereitung des Kapp-Putsches im Ruhrgebiet


Dem Ruhrgebiet, dem industriellen Herzen Deutschlands, wandten die Kappisten neben Berlin ihre besondere Aufmerksamkeit schon in der Vorbereitung des Putsches zu. Ohne die Eroberung des Ruhrgebietes war ihr Unternehmen von vornherein aussichtslos. Deshalb war hier die ideologische und militärische Vorbereitung des Staatsstreiches besonders umfangreich.

 Ideologisch bedienten sich die Putschisten vornehmlich zweier Mittel. Einmal schürten sie mit Hilfe der Rechtspresse die Unzufriedenheit der Massen mit der Koalitionsregierung. Dabei spekulierten sie darauf, die Empörten in die Arme der Reaktion zu treiben. Das sollte sich jedoch bald als eine Fehlrechnung erweisen.

 Andererseits versuchte die Konterrevolution, von ihren Putschvorbereitungen durch demagogische Manöver abzulenken. Durch Gerüchte und Lügenmeldungen der reaktionären Presse versuchte man, die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf einen angeblich drohenden Linksputsch abzulenken. Unter der Losung „Gegen die Gefahr des Bolschewismus“ sammelten die Putschisten ihre Anhänger und erwarben das Vertrauen der Regierung. Die zahlreichen und heftigen Aktionen der Ruhrarbeiter, die oft unter kommunistischer Führung stattfanden, nahmen sie zum Anlass, der KPD vorzuwerfen, sie wolle in nächster Zeit einen Umsturzversuch durchführen. Sie selbst gaben sich als Retter des Vaterlandes aus.

 Aber das waren demagogische Lügen. War auch die Errichtung der Diktatur des Proletariats das nie verheimlichte Ziel der KPD, so hatte sie sich doch in Kenntnis der augenblicklich fehlenden Voraussetzungen für den Sieg der proletarischen Revolution die Übernahme der Macht nicht als sofortige Aufgabe gestellt. Noch hatte sie nicht die Mehrheit der Arbeiter hinter sich und sah deshalb ihre Aufgabe vorläufig darin, die Rechtssozialisten zu entlarven und die Massen zu gewinnen. Von einer militärischen Vorbereitung eines Umsturzes konnte keine Rede sein. Es gab keinerlei militärische Organisation innerhalb der Arbeiterschaft, von einem Gerippe der Roten Armee usw.  gar nicht zu reden.

 Kleine sektiererische Gruppen in einigen größeren Industrieorten des Ruhrgebietes versuchten zwar, eine bewaffnete Aktion vorzubereiten, blieben aber isoliert und hatten später keinen Einfluss auf die Bildung der Roten Ruhrarmee.

 Die militärische Aktion der Putschisten dagegen war vorzüglich vorbereitet. Unter dem Deckmantel der antibolschewistischen Propaganda wurden im ganzen Ruhrgebiet in den Monaten vor dem Putsch konterrevolutionäre Truppenteile und Verbände stationiert.

 Der ganze Bezirk Niederrhein und ein Teil Westfalens lagen in der 50 Kilometer breiten entmilitarisierten Zone längs des Rheins, in der laut Versailler Vertrag der Aufenthalt von Truppen untersagt war. Nur eine geringe Belegung mit bewaffneten Kräften war von der Entente gestattet worden. Diese Bestimmungen wurden durch die Aufstellung von Freikorps, Zeitfreiwilligenverbänden, Einwohner- und Sicherheitswehren und Hundertschaften der Sicherheitspolizei durchbrochen oder umgangen. Sämtliche bewaffneten Verbände unterstanden dem Wehrkreiskommando VI in Münster, Generalleutnant Freiherrn von Watter, und verteilten sich wie folgt:

 In Münster und näherer Umgebung lag das Freikorps Lichtschlag als Reserve des Wehrkreiskommandos (drei Bataillone des Reichswehrschützenregiments 107, eine Eskadron Kavallerie, eine Batterie schwerer Feldhaubitzen, vier Batterien Feldartillerie, ein Panzerzug, Nachrichten- und Kraftfahrformationen). In Düsseldorf war das Reichswehrschützenregiment 61 stationiert (ein Bataillon Husaren, ein Bataillon Ulanen, das Freikorps Düsseldorf-Niederrhein, die Batterie von Freutz); das Reichswehrschützenregiment 62 (Freikorps Wesel, Freikorps Libau, Batterie Pellengahr) war auf die Städte Wesel, Hamborn, mit schwächeren Kommandos auf Oberhausen, Sterkrade, Dinslaken, Lohberg, Elenhofen und Dorsten verteilt; sein Kommandeur Kabisch hatte Wesel zu seinem Stützpunkt ausersehen. Mühlheim beherbergte das Freikorps Schulz (zwei Bataillone, eine Batterie), Elberfeld das Freikorps Hacketau und das Abschnittskommando mit General von Gillhausch, Remscheid das Freikorps Lützow. In Essen, Gelsenkirchen und Wesel standen außerdem etwa 1.000 Mann der Sicherheitspolizei.

 Ergänzt wurde dieser militärische Apparat durch ein ausgedehntes Nachrichten- und Spitzelsystem, das in den Händen des Freikorpsführers Lichtschlag lag.

 Zusätzlich wurden in allen Kreisen Zeitfreiwilligenverbände aufgestellt, die sich aus Weißgardisten, Studenten, Bürgern, Offizieren, Beamten und einer ganzen Anzahl von Arbeiteraristokraten zusammensetzten. In jedem Landkreis gab es etwa 350 bis 450 Freiwillige, sehr gut ausgesuchte Leute. Es waren meist solche Typen, die bei der Arbeiterschaft sehr stark kompromittiert waren. Damals gab es in etwa 30 Landkreisen des Ruhrgebietes 12.000 zeitfreiwillige Soldaten. Das entspricht einer Formationsstärke von etwa vier Regimentern.

 Über das Zeitfreiwilligenkorps Remscheid (ZKR) sind einige Einzelheiten bekannt. Es wurden nur Leute mit Kriegserfahrung herangezogen, da man wegen der Stimmung der Arbeiter nicht exerzieren konnte. Das Korps war als Geheimorganisation aufgebaut, so dass die Mitglieder immer nur einige der übrigen Angehörigen kannten. Über das Reichswehrkommando Wippenfürth erhielt das ZKR Waffen und Munition vom Freikorps Hacketau. Bis zum Tage X wurden diese in sicheren Depots gelagert. Ähnlich mag es in anderen Orten gewesen sein.

 Severings Aufzeichnungen enthalten einige Angaben über den Aufbau der Einwohner- und Sicherheitswehren. Auch das System dieser Organisationen überzog das ganze Ruhrgebiet. Diese nach der Novemberrevolution zur Unterstützung der Polizeiorgane geschaffenen Bürgerwehren wurden bald fest den Polizeibehörden untergeordnet. Im Frühjahr 1919 begannen Mitglieder der USPD und der KPD in die Wehren einzudringen und stellten damit die „Zuverlässigkeit der Wehren im Ernstfall in Frage“(7), wie Severing es ausdrückt.

 Das hatte zur Folge, dass Severing die Auflösung der Sicherheitswehren betrieb und ihre Ersetzung durch staatliche Sicherheitspolizei verlangte.

 Im Herbst 1919 wurden dann die Sipoverbände aufgestellt. Die Wehren löste man nach und nach auf und teilweise sogar mit Gewalt. Dieser Prozess stand in seinem Anfang, als der Kapp-Putsch ausbrach. Die Wehren setzten sich sehr unterschiedlich zusammen. Severing bezeichnete die von Dortmund und Essen als „die besten des Reviers“. In ihnen fehlten die revolutionären Arbeiter. Sie bestanden vor allem aus Mehrheitssozialisten. Diese Tatsache sollte in den Kämpfen eine besondere Bedeutung haben.

 Trotz aller geschilderten Maßnahmen gelang es nicht, bis zum Kappschen Staatsstreich alle militärischen Vorbereitungen im Ruhrgebiet abzuschließen. Im westfälischen Teil, insbesondere in Hagen und Umgebung waren außer den Einwohnerwehren noch keine militärischen Formationen stationiert. Hier stand die Belegung mit Sicherheitspolizei erst kurz bevor. Dies ist die Erklärung dafür, dass in Hagen und Umgebung in den ersten Tagen nach dem Putsch der bewaffnete Aufstand der Arbeiter siegreich blieb und sich hier das erste militärische Zentrum bildete.

 Die gegenrevolutionäre Gesinnung der militärischen Verbände war der Arbeiterschaft des Ruhrgebietes aus früheren Zusammenstößen bekannt. Während des ganzen ersten Halbjahres 1919 hatte General Watter durch den Belagerungszustand regiert und seine Garden im Bürgerkrieg geübt.  Da seine Truppen zu schwach waren, um das ganze Gebiet gleichzeitig niederzuhalten, wurde über die einzelnen Kreise nacheinander der Ausnahmezustand verhängt und die Bevölkerung terrorisiert. Dabei ging das Militär völlig eigenmächtig vor. Severing beklagte sich darüber, dass die Unterführer des Generals Anordnungen träfen, die von größter politischer Tragweite seien, ohne sich mit ihm in irgendeiner Weise verständigt zu haben. „Das galt insbesondere bei der Verhängung des Ausnahmezustandes ... Oft waren ganz wilde Nachrichten die Gründe von Truppenentsendungen.“(8)

 Die revolutionären Arbeiter sollten in Einzelgefechten durch eine Übermacht geschlagen werden. Dabei gingen die Söldner derart brutal und hemmungslos vor, dass sich selbst Watter gezwungen sah, wenigstens formal dagegen einzuschreiten. In einem Befehl schrieb er: „Dies Benehmen muss aufhören. Es erregt mit Recht Missfallen in der Bevölkerung ... Wenn es wie bisher weitergeht, braucht man sich nicht zu wundern, wenn die Zivilbevölkerung den Rest der Achtung, den sie noch vor den Reichswehrsoldaten besitzt, verliert ...“(9)

 An einem Blutzoll der Arbeiter war der Soldateska besonders gelegen. Dabei tat sich namentlich das Freikorps Lichtschlag hervor. Es war in Hagen aufgestellt worden und hatte sich am 9. Januar 1919 den Abzug aus der Stadt mit Waffengewalt erzwingen müssen. Schon während des Generalstreiks im Februar 1919 kam es bei Hervest-Dorsten zu einem blutigen Zusammenstoß zwischen Söldnern und Arbeitern. Am 15. April 1919 schossen Lichtschlag-Soldaten in Werden im Kreise Mettmann, in dem kein Belagerungszustand herrschte, ohne jeden Grund in eine Arbeiterversammlung. Ein Arbeiter wurde getötet, mehrere Dutzend wurden widerrechtlich gefangengenommen und unter gemeinen Beschimpfungen und Misshandlungen abtransportiert. Ende April 1919 verhängte Lichtschlag über die Kreise Hagen und Schwelm den Belagerungszustand. Er ließ seine Truppen einmarschieren, die sich durch Haussuchungen und Waffenbeschlagnahme verhasst machten.

 Aber die anderen Freikorps standen Lichtschlag in nichts nach. Am 5. April 1919 löste zum Beispiel das Freikorps Schulz in Mülheim eine Versammlung mit Handgranaten auf und tötete dabei zwei Arbeiter. Weil dabei auch Soldaten zu Schaden kamen, wurden 54 Arbeiter von einem Kriegsgericht zu Gefängnisstrafen verurteilt. Anfang Februar 1920 rückte mit der Verhängung des Ausnahmezustandes das Freikorps Lützow in Remscheid ein und zog den Hass der Massen durch Zeitungsverbote und Verhaftungen von revolutionären Arbeitern auf sich.

 Diese wenigen Beispiele reichen aus, um sich ein Bild davon zu machen, welchen Hass und Groll die arbeitende Bevölkerung den Noskesöldnern entgegenbrachte, schon ehe Kapp mit ihnen seinen Putsch durchführte.
 Andererseits ist erklärlich, dass die Berliner Putschisten angesichts der angeführten Tatsachen auf die Unterstützung Watters und seiner Truppen rechneten und auch rechnen konnten. H. Mahnken, Adjutant im Freikorps Lichtschlag, bemerkte später ganz offen, dass Watter über eine Truppe verfügte, die „in ihren besten und stärksten Kräften dem Unternehmen von Kapp vollen Erfolg wünschen musste“.(10)

Die Haltung Watters und seiner Truppen zum Putsch


 Watters Beteiligung an der Vorbereitung und Durchführung des Staatsstreichs ist direkt nachweisbar. Anfang März schrieb ihm Major Lützow, der offenbar als Verbindungsmann zwischen den Berliner Verschwörern und seinem Vorgesetzten diente: „Die Aktion muss und wird bis spätestens zum 15. dieses Monats vor sich gehen. Das Freikorps Lützow ist dazu unbedingt in Berlin notwendig. Sein Abtransport aus dem Rheinland muss von Ihnen sofort befohlen werden, und zwar ohne Rücksicht auf die dortigen Verhältnisse und vorherige Infühlungtretung mit dem Reichswehrgruppenkommando I  und dem Reichswehrministerium, da sonst zu viel Zeit verloren würde und die Genehmigung durch obige Stellen sehr fraglich ist.“(11) 

 Bestätigend vermerkte das Zeitfreiwilligenkorps Remscheid: „das Freikorps Lützow sollte in den Tagen um Mitte März nach Berlin abtransportiert werden und hatte bereits dorthin Teile seiner Truppen in Vormarsch gesetzt, als es von der Nachricht vom Kapp-Putsch überrascht wurde.“(12) 
  Watter gehörte zu den aktiven Vorbereitern und Teilnehmern am Putsch. Die Haltung seiner Unterführer, die er als Akteure vorschob, ist dafür ein weiterer Beweis. Auf den Kasernen der Freikorps wehten am Sonntag, dem 14. März, schwarzweißrote Fahnen. Die Truppen bekannten sich provozierend und offen zu Kapp.

 Watter selbst war vorsichtiger. Er trat nicht offen, in Proklamationen, zu Kapp über, um sich ein Hintertürchen offenzuhalten. Aber er weigerte sich auch bis zum 16. März, als die Niederlage Kapps offenkundig war, sich offen auf den Boden der alten Regierung zu stellen.

 In seinen Aufrufen lesen wir nur: „... Die Truppen sind bereitzuhalten, um für Ruhe und Ordnung zu sorgen.“ „Ich wende mich entschieden gegen jeden Rechts- und Linksradikalismus ... Die Errungenschaften der bisherigen Gesetzgebung sowie die von der Nationalversammlung beschlossene Verfassung garantiere ich ...“(13) Seinen Vertrauten gegenüber aber ist er aufrichtiger: „Habe mich von der alten Regierung losgesagt, kann mich aber wegen Volksstimmung nicht auf den Boden der neuen Regierung stellen.“(14)

 Schon am 14. März befiehlt er das Korps Lichtschlag ins Ruhrgebiet, um den Generalstreik und die Bewaffnung der Arbeiter gegen Kapp zu verhindern, wohlgemerkt Truppen, die sich offen für Kapp erklärt hatten.

 Am 16. März, als Watter merkte, dass der Putsch fehlgeschlagen war, trat er den Rückzug durch die Hintertür an und wandte sich mit folgenden Worten an seine Soldaten: „... Nachdem mir Reichsminister Noske heute durch das Telefon ausdrücklich versichert hat, dass die alte Regierung den unheilvollen Aufruf zum Generalstreik nicht gegeben hat, ihn im Gegenteil ebenso verurteilt wie wir und alles einsetzen wird, ihn rückgängig zu machen, so stelle ich mich unter die alte Regierung.“(15)

 Auf seine Maßnahmen gegen die Ruhrarbeiter hatte dieser Wandel praktisch keine Auswirkungen; sie wurden in der gleichen Weise, lediglich als „Regierungsmaßnahmen“ deklariert, durchgeführt. 
 
Die ersten Abwehrmaßnahmen des Proletariats

  Im Laufe des 13. März wurde der Kappsche Staatsstreich im Ruhrgebiet bekannt. Sofort kam es überall zu Protestaktionen, Demonstrationen, Kundgebungen und Streiks. Das Proletariat erkannte die Größe der hereingebrochenen Gefahr und ging ohne Zögern und Schwanken geschlossen zur Abwehr über. Bis zum 15. März waren die Teilstreiks durch die Tätigkeit der Parteien und Gewerkschaften zu einem allumfassenden, gewaltigen Generalstreik zusammengewachsen. Am 15., 16. und 17. März streikten zum Beispiel 80 Prozent der Bergarbeiter, das waren etwa 330.000 Mann.

 Doch damit nicht genug. Ihre Erfahrungen im Kampf der letzten Jahre belehrten sie, dass der Generalstreik allein nicht ausreicht, um über die bewaffneten Putschisten einen Sieg zu erzwingen. So entschlossen, wie sie den Streik begonnen hatten, forderten sie auch ihre Bewaffnung.

 Bei den Versuchen der Arbeiter, sich zu bewaffnen, kam es in vielen Städten des Ruhrgebiets, namentlich in seinem westlichen Teil, zu bewaffneten Auseinandersetzungen mit den Staatsorganen. Überall dort, wo starke Polizei- und Freikorpskommandos stationiert waren, misslangen die ersten unorganisierten Versuche der Arbeiter, die Söldner zu entwaffnen und sich selbst in den Besitz der Waffen zu setzen.

 Die praktische Führung des Kampfes gegen die Putschisten lag in den Händen von Aktionsausschüssen und Vollzugsräten. Diese Ausschüsse und Räte wurden sofort im Ortsmaßstab gebildet, und zwar meist durch Vereinbarungen der Parteiführungen. Sie waren in den einzelnen Orten recht unterschiedlich zusammengesetzt und wechselten außerdem in ihrer Zusammensetzung auch im Verlaufe des Kampfes. Anfangs gehörten ihnen neben der KPD, SPD, USPD und den Gewerkschaften oft auch Vertreter der bürgerlichen Zentrumspartei an. So verschieden wie ihre Zusammensetzung war anfangs auch die Tätigkeit dieser Organe. Sie leiteten die Aktionen der Arbeiter, verhandelten mit den Bürgermeistern und Landräten über die Kontrolle der Tätigkeit der staatlichen Behörden und Verwaltungen, setzten reaktionäre Beamte ab oder verhafteten sie und übernahmen zeitweilig die Macht in einzelnen Orten. Auch die Tätigkeit der Räte wandelte sich im Verlaufe der Abwehrkämpfe.
 
 Die Unterschiede rührten daher, weil die Arbeiterparteien über den Charakter des Putsches und über die notwendigen Maßnahmen des Proletariats verschiedener Meinung waren.

 Noch am 13. März erschienen die ersten Flugblätter und Aufrufe der Parteien und Gewerkschaften, in denen man versuchte, dem spontan ausgebrochenen Kampf Richtung und Ziel zu geben.

Die Kommunistische Partei stellt sich an die Spitze der Massenbewegung


 Die Kommunistische Partei Deutschlands war die einzige Partei, die vor dem Putsch gewarnt hatte.  Schon Mitte Februar wandte sie sich mit einem Aufruf an die Mitglieder der SPD, in dem es heißt: „Die wirklichen Herren sind also die Ludendorff und Lüttwitz, und sie schleppen Eure regierenden Parteiführer willenlos hinter sich her. Aber morgen schon kann die Stunde sein, wo Ihr Euch entscheiden müsst, ob Ihr für Ludendorff und das deutsche Kapital kämpfen wollt oder gegen ihn und mit den übrigen Arbeitern zusammen.“(16)

 Noch am 10. März schrieb die Zentrale der KPD: „Wenn jedoch die militärische Gegenrevolution sich zunächst mit den Mitteln, die ihr die Einrichtungen der Republik an die Hand geben, vorwärts arbeitet, so wäre es jedoch eine große Täuschung zu glauben, dass damit die Mittel der Gewalt für sie ausscheiden. Gleichzeitig mit der Propaganda und Vorarbeit auf so genanntem demokratischem Weg geht Hand in Hand die systematische Vorbereitung von Pogromen und Putschen größten Stils.“ Sie wies darauf hin, „dass die revolutionäre Arbeiterklasse sich auf überraschende Aktionen der militärischen Gegenrevolution gefasst machen muss“.(17)

 So, wie die KPD als einzige Partei die Lage vor dem Putsch richtig eingeschätzt hatte, gab sie auch während des Putsches als einzige Partei die richtigen Losungen heraus. Nur die KPD ging in ihren Forderungen über den Generalstreik hinaus und setzte sich damit an die Spitze der Massenbewegung. Schon am 13. März abends gab die Bezirksleitung der KPD Rheinland-Westfalens ein Flugblatt heraus, in dem sie klar die nächsten Aufgaben umriss. Sie gab den Arbeitern konkrete Ratschläge über die notwendigen Maßnahmen.

 „Heraus aus den Betrieben. Auf zum Generalstreik über ganz Deutschland.  
 Wählt sofort in jedem Betrieb, in jeder Werkstatt euren Arbeiterrat. Wählt die Besten und Tüchtigsten. Wählt nur Arbeiter, die auf dem Boden der Diktatur des Proletariats stehen. 
 Euer Arbeiterrat hat zuerst die Bewaffnung des Proletariats, die Entwaffnung der Bourgeoisie auszuführen. 
 Fordert Freilassung aller politischen Gefangenen.“(18)

 Mit diesen Losungen übernahm die KPD die ideologische Führung des Kampfes. Sie rief auf gegen die putschenden Militaristen, aber nicht für die Ebert-Bauer-Noske. Der Kampf musste im Gegenteil auch gegen die Koalitionsregierung weitergeführt werden, die den Militaristen die Vorbereitung des Umsturzversuches erst ermöglicht hatte. Gleichzeitig mit der Bekämpfung der Kappisten galt es, die Sozialimperialisten zu entlarven und den Massen „die ganze Unvermeidlichkeit der Diktatur der extremsten Reaktionäre (Kornilow in Russland, Kapp und Konsorten in Deutschland) als einzige Alternative gegenüber der Diktatur des Proletariats“(19) zu beweisen. Dementsprechend lautete die Antwort der KPD auf ein irreführendes Flugblatt der SPD und USPD, das ein Zusammengehen der Bezirksvorstände der KPD, SPD und USPD vorspiegelte: „Die Bezirksleitung der KPD (Rheinland-Westfalen, wie auch für den Unterbezirk Remscheid-Barmen-Elberfeld) lehnt jede Gemeinschaft mit der Ebert-Noske-Partei ab.“(20)

 Da sich diese Antwort nicht gegen die Mitgliedermassen, sondern nur gegen die rechte Parteiführung der SPD wandte, war sie nicht der Ausdruck einer sektiererischen Politik, sondern der einzige erfolgversprechende Weg zur Schaffung einer schlagkräftigen Einheitsfront des Proletariats. Nicht eine papierne Einheit der Führer war das Ziel der Kommunisten, sondern die Aktionseinheit der Massen auf der Grundlage der Bewaffnung und der Räte. Zu diesem Zwecke empfahl die Bezirksleitung, alles zu versuchen, „die noch in der Mehrheit sich befindenden Arbeiter aufzuklären und sie von ihren verräterischen Führern zu trennen“ sowie „die Aufnahme der Verbindung mit der USP“.(21)

 Die KPD war sich darüber klar, „dass die objektiven Grundlagen für die proletarische Diktatur im gegenwärtigen Moment nicht gegeben“(22) waren. Es „muss festgestellt werden, dass, so erschüttert die Basis ist, auf der der staatliche Bau ruht, der Überbau, der bürokratische und militärische Apparat, noch genügend fest ist, um auch starke Angriffe auszuhalten. Der ökonomische Zusammenbruch muss noch weiter fortschreiten, um das Kräfteverhältnis zugunsten des Proletariats zu verschieben.“(23) Noch hatte die SPD „einen starken geistigen Einfluss auf Beamte, Angestellte und bestimmte Arbeiterschichten“, noch hatte die USPD „die städtische Arbeiterschaft in ihrer Mehrheit hinter sich“.(24)

 Unter diesen Umständen sah die KPD das erreichbare Ziel des augenblicklichen Kampfes für das Proletariat nicht in der Eroberung der Macht, sondern nur in der Abwehr des Angriffs auf die geringen Errungenschaften der Novemberrevolution und in der Eroberung möglichst günstiger Ausgangspositionen für den Endkampf gegen das Kapital.

 „Der bevorstehende Abwehrkampf der Arbeiterklasse wurde durch den Spartakusbund so eingeschätzt, dass zunächst revolutionäre Machtpositionen auf dem Weg zur proletarischen Diktatur zurückgewonnen werden müssten.“(25)

 Diese Zielsetzung, verbunden mit der Lehre aus der Münchener Räterepublik, dass die Errichtung der Diktatur des Proletariats ein Schritt war, der nur im Rahmen Gesamtdeutschlands erfolgen konnte, ließ auch den Gedanken der Errichtung einer Rhein-Ruhr-Räterepublik nicht zu. In einem von Lenin gelobten Artikel der Wiener „Roten Fahne“ heißt es zu dieser Frage: „Ein anderes Moment, das die Reife des deutschen revolutionären Proletariats beweist, ist die überall zutage getretene Einsicht, mit örtlichen Erfolgen sei nichts getan. ... auch im Ruhrgebiet lehnten die kommunistischen Arbeiter die Proklamierung der Räterepublik ab, überall war der Blick aufs Ganze wahrzunehmen ...“(26)

 Selbst der bürgerliche Historiker und Soziologe Colm bestätigte dies, indem er schreibt: „Das Verlangen nach Ausrufung einer Rätediktatur, vorläufig für das ganze Industriegebiet oder kleinere Gebiete, ist auch seitens der Kommunisten fast nirgends laut geworden. Wo es in der allerersten Verwirrung tatsächlich zu solchen Forderungen oder, wie in Mühlheim, auch zum Ausrufen kam, ist es nicht aufrechterhalten worden.“(27)

 Dabei wurde aber von der KPD keineswegs übersehen, dass sich im Ruhrgebiet und in einigen Teilen Deutschlands die Klassengegensätze sehr weit zugespitzt hatten. Es war dort eine Lage entstanden, in der sich, wie Lenin 1905 ausdrückte, „der Generalstreik als selbständige und Hauptkampfform überlebt hat“ und „die Bewegung mit elementarer, unwiderstehlicher Kraft diesen engen Rahmen durchbricht und eine höhere Kampfform, den Aufstand, gebiert“.(28)

 Da der Hauptgegner der Arbeiterschaft, die schwerbewaffneten Militaristen, nur durch die bewaffnete Gegenaktion des Proletariats zu schlagen war, beschleunigte und lenkte die KPD im Ruhrgebiet diesen Prozess des Hinüberwachsens des Generalstreiks in den bewaffneten Kampf und versuchte, möglichst viele Arbeiter in ihn einzubeziehen.

 Die Losungen der KPD entsprachen als einzige der Situation, und nur sie konnten der spontanen Aktion Ziel und Weg weisen. Nur auf der Basis dieser Losungen konnte die notwendige dauerhafte Einheitsfront des Proletariats geschmiedet werden.

 Damit setzte sich die KPD trotz ihrer organisatorischen Schwäche an die Spitze des kämpfenden Proletariats, und immer mehr Arbeiter, die früher der USPD und der SPD folgten, handelten jetzt nach den Weisungen der KPD, weil sie erkannten, dass diese ihren eigenen Interessen entsprachen.

Versuche der Rechtssozialisten, die Arbeiter irrezuführen

 Die rechtssozialistischen Führer erschraken vor der gewaltigen einheitlichen Aktion der Arbeiter mehr als vor dem Kapp-Putsch selbst. Sofort taten sie alles, um die Bewegung in falsche Bahnen zu lenken, abzubremsen und in den ihnen genehmen Grenzen zu halten.

 Das erste Beispiel dafür stellt ein Flugblatt dar, das schon am 13. März im Ruhrgebiet verbreitet wurde:

 „An die Gesamt-Arbeiter-, Angestellten- und Beamtenschaft von Rheinland-Westfalen!
 Nachdem durch einen vorläufig gelungenen Putsch in Berlin es der Reaktion gelungen ist, eine gegenrevolutionäre Regierung aufzurichten, verpflichteten sich die sozialistischen Parteien des Bezirks Niederrhein, den Kampf gegen die neugebildete Kapp-Regierung mit allen Kräften geschlossen aufzunehmen.
 Der einheitliche Kampf ist zu führen mit dem Ziele:
 1. Erringung der politischen Macht, durch die Diktatur des Proletariats bis zum Siege des Sozialismus, auf der Grundlage des Rätesystems.
 2. Sofortige Sozialisierung der dazu reifen Wirtschaftszweige.
 Um dieses Ziel zu erreichen, rufen die unterzeichneten sozialistischen Parteien alle Arbeiter, Beamten und Angestellten auf, am Montag, dem 15. März, geschlossen in den Generalstreik zu treten.
 Die Eisenbahner werden aufgefordert, jede Beförderung von Truppen und Munition strikte abzulehnen. Die Lebensmittelbeförderung ist unter Kontrolle aufrechtzuerhalten.
 Auf zum Kampf gegen die Reaktion! Es lebe der Sieg des Proletariats!
 Bezirksvorstand der Sozialdemokratischen Partei.
 Bezirksvorstand der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei.
 Bezirksvorstand der Kommunistischen Partei.“(29)

Dieses Flugblatt war ein doppeltes Betrugsmanöver der rechten sozialdemokratischen Führer.

 Der erste Betrug besteht darin, dass den Arbeitern vorgegaukelt wurde, es wäre zu einem Einheitsfrontabkommen zwischen den Bezirksvorständen der SPD, USPD und KPD gekommen. Tatsächlich war es gelungen, die Unterschriften einiger Mitglieder der KPD unter dieses Flugblatt zu erhalten. Diese KPD-Mitglieder - später gingen sie übrigens meist zur KAP über - waren dazu aber von dem Bezirksvorstand der KPD weder beauftragt noch bevollmächtigt. Wie wir sahen, lehnte die KPD die Zusammenarbeit mit den opportunistischen Führern der SPD ab. Das Ziel des Flugblattes war, den revolutionären Arbeitern glauben zu machen, dass sie auch den SPD-Führern trauen könnten. Die wahre Absicht der sozialdemokratischenFührung war jedoch nicht die Herstellung einer revolutionären Einheitsfront, sondern die Einflussnahme auf die Aktionseinheit des Ruhrproletariats, die unter kommunistischen Losungen zustande gekommen war.

 Über diese Art der Einheitsfronttaktik der SPD-Führung schrieb Walter Ulbricht 1922: „Die sozialdemokratischen Führer gehen auf die gemeinsamen Kundgebungen mit den Kommunisten ein, um vor den Massen radikal zu erscheinen, die Arbeiter zu verwirren und die Aktivität der Kommunisten zu hemmen. Durch Umbiegen der revolutionären Arbeiterforderungen zu Objekten parlamentarischen Schachers wird versucht, die Bewegung zum Abflauen zu bringen.“(30)

 Diese von den rechten SPD-Führern angestrebte Einheit barg von vornherein den Keim der Spaltung in sich, denn „es war klar, dass die Rechtssozialisten und die rechten Unabhängigen, im Verein mit den Bürgerlichen, den Kampf in dem Augenblick abbrechen würden, sobald die ,verfassungsmäßige’ Regierung die Lüttwitzgefahr als überwunden erklärte und zum Abbruch des Streiks aufforderte“.(31)
 
 Das zweite Betrugsmanöver liegt im Inhalt des Flugblattes. Bisher war die SPD-Führung gegen die Diktatur des Proletariats gewesen. Da jetzt die Kampfbereitschaft der Arbeitermassen und auch der SPD-Mitglieder so weit fortgeschritten war, musste sie diese Kampflosungen des revolutionären Teils des Proletariats zu den ihren erklären, wenn sie nicht allen Einfluss auf die Bewegung verlieren wollte. Sogar den Generalstreik schrieben die opportunistischen Führer jetzt auf ihre Fahnen, den sie bisher als „Generalunsinn“ abgetan hatten. Das waren demagogische Manöver.

 Der Generalstreik wurde von den Rechtssozialisten - wie ihre spätere Politik beweist - nur unter dem Druck seiner Unabwendbarkeit und mit dem Ziel der Wiedereinsetzung der Regierung Ebert-Bauer-Noske proklamiert. Würden sie diese letztere Ansicht offen vertreten haben, wäre das Ergebnis ihre Entlarvung und der Verlust ihrer Massenbasis gewesen. Deshalb griffen sie angesichts der machtvollen Massenbewegung zu einem ihrer bewährtesten Täuschungsmanöver. Da sie sich nicht gegen die revolutionäre Bewegung stellen konnten, ohne sich zu kompromittiern, versuchten sie, sich an ihre Spitze zu stellen, sie dem Einfluss der Kommunisten zu entziehen und zu desorientieren. Sie betrogen das Ruhrproletariat mit der Losung der Diktatur des Proletariats, vermieden es aber gleichzeitig, konkret die nächsten Schritte zu zeigen. Es war auch gar nicht ihre Absicht, etwas im Sinne dieser Losung zu unternehmen. So nimmt es nicht wunder, dass im Flugblatt jeder Hinweis auf die Bewaffnung der Arbeiter fehlt. Genauso ist die Unterschrift der rechten USPD-Führer unter diesem Flugblatt einzuschätzen, nur hatten sie schon vor dem Kapp-Putsch ständig mit revolutionären Losungen gespielt, um ihren Einfluss auf das Proletariat zu erhalten.

 Hauptvertreter der SPD im Ruhrgebiet war Carl Severing. Er hatte sich bei der Bekämpfung der revolutionären Bewegung im Ruhrgebiet einen solchen Namen als Kettenhund der Bourgeoisie gemacht, dass ihn Kapp über Walter am 13. März telegrafisch nach Berlin einlud, um ihm den Posten eines Wirtschaftsministers in seiner Regierung anzubieten. Aber Severing lehnte ab, weil er wusste, dass er seinen Auftraggebern in seiner Funktion als Reichs- und Staatskommissar größere Dienste leisten konnte. Er schreibt dazu: „Da ich mich in Münster jedoch für unentbehrlich hielt und sogar der General von Watter der Meinung war, dass ich dringend benötigt würde, musste ich leider darauf verzichten, der ,wichtigsten Besprechung’ mit dem neuen ,Reichskanzler’ beizuwohnen.“(32)

 Mit dem Generalstreik gegen Kapp zwangsläufig einverstanden, suchte er vorläufig erst einmal alle Maßnahmen der Arbeiter zu verhindern, die über den Streik hinausgingen. Dazu verbündete er sich mit Watter, der am 16. März wieder auf die Seite der alten Regierung übergetreten war. Watter tat den ersten Schritt zu diesem Bündnis schon am 13. März, als er Severing bat, ihm geeignete Vertreter für die Bildung eines Arbeiterrates beim Wehrkreiskommando zu benennen, die nur zur  Mitbearbeitung der sich aus der neu geschaffenen Lage ergebenden Fragen herangezogen werden sollten. Diese demagogische Maßnahme zur Ablenkung der Rätebewegung in legale Bahnen scheiterte an dem Widerstand der Arbeiter, die das Spiel durchschauten.

 Am 16. März, als einerseits die Bildung von Arbeiterräten und die Bewaffnung der Arbeiter im Industrierevier bekannt wurde, andererseits der Rücktritt der Regierung Kapp nur noch eine Frage von Stunden war, sah Severing den Zeitpunkt gekommen, mit Watter wieder offen zu paktieren. Sie verkündeten beide gemeinsam die Verhängung des verschärften Belagerungszustandes über die Regierungsbezirke Arnsberg und Münster und die Einrichtung außerordentlicher Kriegsgerichte in Münster, Arnsberg, Dortmund, Hagen und Bochum.

 Das war das offene Eingeständnis, dass der Kapp-Putsch die reaktionäre Einheitsfront von den Rechtssozialisten bis zu den alten Militaristen gegen das revolutionäre Proletariat nie ernsthaft gefährdet hatte, dass es innerhalb der herrschenden Klassen nur kurzfristig zu oberflächlichen Differenzen gekommen war. Sie waren sich aber darüber einig, der geschlossenen Arbeiterklasse entgegenzutreten, sobald sie ihnen gefährlich werden konnte. Dabei traten ihre inneren Differenzen in den Hintergrund.

 Noch fehlten der vereinigten Konterrevolution aber die Mittel, die genannte Verordnung im Ruhrgebiet in die Tat umzusetzen. Also versuchte Severing, erst die Rätebewegung unter seinen Einfluss zu bringen. Eine von ihm und Watter herausgegebene Verfügung forderte die Arbeiterräte und Vollzugsräte auf, sich von den militärischen und zivilen Behörden bestätigen zu lassen. „Die Arbeiterräte haben sich aus Angehörigen der Regierungsparteien (Zentrum, Demokraten und Mehrheitssozialisten) zusammenzusetzen. Gewünschte Abweichungen sind zu beantragen.“(33) das war nicht nur eine Verfälschung des Rätegedankens, das war auch eine offene Verhöhnung der Ziele der Arbeiter. Konnte dadurch die Bildung wirklicher Räte auch nicht verhindert werden, so verfolgten doch die Rechtssozialisten in den Räten eine Severings Wünschen entsprechende Politik. Der schon zitierte bürgerliche Historiker Colm schreibt darüber: „In der überwiegenden Mehrzahl der sich allerorts bildenden Vollzugsräte arbeiteten die Mehrheitssozialisten mit den radikalen Parteien (gemeint sind USPD und KPD - O. H.) Zusammen, in dem Gedanken, dadurch ein Abgleiten der Vollzugsräte in radikalere Bahnen zu verhindern, was sie ja auch zweifellos vielfach bewirkt haben.“(34)

 Aus all dem ist ersichtlich, dass die Politik der rechtssozialistischen Führer von vornherein darauf gerichtet war, die Interessen der Arbeiterschaft zu verraten. Ihr Ziel war, die Zustände aus der Zeit vor dem Putsch wiederherzustellen.

 Die rechten USPD-Führer halfen ihnen dabei. Von Anfang an verzichteten sie darauf, den Kapp-Putsch zu einem revolutionären Vorstoß auszunutzen. Der USPD-Führer Ernst schreibt: „Der durch den Kapp-Putsch entstehende Abwehrkampf konnte stets nur eine Abwehrbewegung bleiben.“(35) Hinzu kommt, dass diese Führer großen Wert darauf legten, mit den Mehrheitssozialisten zusammenzuarbeiten und die Kommunisten zu isolieren. Nur die Haltung ihrer Mitgliedschaft zwang die rechten Führer der USPD, an verschiedenen Stellen auch mit den Kommunisten zweitweise zusammenzugehen, und zwar unter revolutionären Losungen.

Ein Auszug: Otto Hennicke: Die Rote Ruhrarmee. Verlag des Ministeriums für Nationale Verteidigung, Berlin 1956.

Anmerkungen
7) Carl Severing, 1919-1920 im Wetter- und Watterwinkel, Bielefeld 1927, S. 102.
8) Ebenda, S. 82/83.
9) Ebenda, S. 90.
10) H. Mahnken, Der Kampf der Batterie Hasenclever; in: Hans Roden, deutsche Soldaten, Leipzig 1935, S. 135.
11) Handbuch für die Wähler der USPD, Reichstagswahl 1920, S. 48.
12) Die Remscheider Märzkämpfe im Jahre 1920, Remscheid 1934, S. 21.
13) Hans Spethmann, Die Rote Armee an Ruhr und Rhein, Berlin 1930, S. 35 und 37.
14) Erwin Brauer, Der Ruhraufstand von 1920, Berlin 1930, S. 18.
15) Spethmann, a. a. O., S. 42.
16) Flugblatt der Zentrale der KPD von Mitte Februar 1920: An die Arbeiter der USPD und SPD.
17) „Die Rote Fahne“, Berlin, vom 12. März 1920.
18) Spethmann, a. a. O., S. 23/24.
19) Lenin, a. a. O., S. 737.
20) W. Düwell, Der Kapp-Putsch und die märzkämpfe im rheinisch-westfälischen Industriegebiet, Duisburg 1920, S. 43.
21) Spethmann, a. a. O., S. 26/27.
22) Erklärung der Zentrale der KPD vom 21. März 1920; „Die Rote Fahne“, Berlin, vom 26. März 1920.
23) L. L., Ein neuer Abschnitt der deutschen Revolution; „Die Rote Fahne“, Wien, Nr. 267 vom 30. März 1920, S. 3.
24) Erklärung der Zentrale der KPD vom 21. März 1920, a. a. O.
25) Illustrierte Geschichte der deutschen Revolution, Berlin 1929, S. 468.
26) L. L., Ein neuer Abschnitt der deutschen Revolution, a. a. O., Nr. 266 vom 28. März 1920, S. 2.
27) G. Colm, Beitrag zur Geschichte und Soziologie des Ruhraufstandes vom März-April 1920, Essen 1921, S. 78.
28) Lenin, a. a. O., Bd. I, S. 544.
29) Zur Geschichte der KPD, Berlin 1954, S. 77 (Faksimile).
30) Walter Ulbricht, Zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, Bd. I, Berlin 1953, S. 70.
31) Düwell, a. a. O., S. 12.
32) Severing, 1919-1920 im Wetter- und Watterwinkel, a. a. O., S. 139.
33) Ebenda, S. 163.
34) Colm, a. a. O., S. 72.
35) Josef Ernst, Kapptage im Industriegebiet, Hagen 1921, S. 4.

In Folge: Das Entstehen der Roten Armee und die ersten Gefechte. Die Befreiung des Ruhrgebietes von den weißen Truppen. Die Befreiung des Bergischen Landes. Der Aufbau der Front gegen Münster.



VON: OTTO HENNICKE, BEREITGESTELLT VON REINHOLD SCHRAMM


Bürgerkrieg und Konterrevolution in Deutschland. Bourgeoisie, Reichswehr und rechtssozialdemokratische Führer vs. Arbeiterklasse. (Teil VII.)  - 14-09-10 21:39
Bürgerkrieg und Konterrevolution in Deutschland. Bourgeoisie, Reichswehr und rechte USPD und SPD-Führer vs. Arbeiterklasse. (Teil VI.)  - 13-09-10 21:20
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