Die Entstehung der marxistischen Philosophie (Teil 66)


Anaconda Verlag

05.08.13
TheorieTheorie, News 

 

von Teodor Oiserman - Reinhold Schramm (Bereitstellung)

Das „Manifest der Kommunistischen Partei“
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Durch den Nachweis, dass von allen Klassen der bürgerlichen Gesellschaft nur das Proletariat ei- ne ihrem Wesen nach sozialistische Klasse ist, überwinden die Begründer des Marxismus die für alle kleinbürgerlichen Demokraten charakteris- tische abstrakte Gegenüberstellung von Besitz- losen und Besitzenden, Armen und Reichen und die sich hieraus ergebende unbestimmte und unklare Forderung nach einer Volksmacht.

Zwar halten Marx und Engels ein Bündnis des Proletariats mit dem Kleinbürgertum und der Bauernschaft für möglich und notwendig, verweisen aber auf die objektiven Gesetz- mäßigkeiten einer Diktatur, und zwar einer Diktatur des Proletariats.

Von allen Klassen der bürgerlichen Gesellschaft ist einzig und allein das Proleta- riat konsequent revolutionär
. „Die Anerkennung der Notwendigkeit der Diktatur des Proletariats“, schreibt Lenin, „ist aufs engste und untrennbar verbunden mit der Feststellung des ,Kommunistischen Manifests’, dass nur das Proletariat eine wirklich revolutionäre Klasse ist.“ [10]

Im „Manifest der Kommunistischen Partei“ werden die Grundlagen der marxistischen Lehre von der revolutionären proletarischen Partei als der Avantgarde und dem politi- schen Führer der Arbeiterklasse geschaffen. Schon in der revolutionär-demokratischen Periode ihrer geistigen Entwicklung hatten Marx und Engels den Gedanken der Partei- lichkeit entwickelt und ihn mit der Idee des revolutionären Handelns im Interesse der ausgebeuteten Massen verbunden. Nunmehr begründen sie das Prinzip der prole- tarischen Parteilichkeit, das unlösbar verbunden ist mit der wissenschaftlichen Erkennt- nis der besonderen geschichtlichen Mission der Arbeiterklasse.

In den Jahren 1844 bis 1846 hatten Marx und Engels ihre kommunistischen Anschau- ungen als eine bestimmte Parteiplattform charakterisiert und ihre eigene Partei als eine geistige Richtung bezeichnet, in der die Interessen der Arbeiterklasse zum Ausdruck gelangen.

Das Neue im „Manifest der Kommunistischen Partei“ besteht erstens darin, dass die Partei hier als Organisation der fortgeschrittenen Vertreter der Arbeiterklasse aufge- fasst wird, in deren Namen Marx und Engels auftreten. Die unmittelbaren Aufgaben und die Endziele dieser Organisation, ihre Struktur sowie die Rechte und Pflichten ihrer Mit- glieder werden einerseits durch das Programm, welches das „Manifest der Kommunis- tischen Partei“ ist, und andererseits durch die Statuten festgelegt, die, wie bereits erwähnt, auf dem Kongress des „Bundes der Kommunisten“ angenommen wurden.

Zweitens formulieren Marx und Engels bei der Ausarbeitung der Grundlagen ihrer Lehre von der Partei eine Reihe sehr wichtiger Grundsätze über das Verhältnis der Partei zur Arbeiterklasse. Die kommunistische Partei hebt die allgemeinen, internationalen Interessen des gesamten Proletariats hervor und bringt sie zur Geltung. In allen Etappen der [internationalen] Befreiungsbewegung des Proletariats vertritt die kommunistische Partei die Interessen der Gesamtbewegung. Die revolutionäre Theorie dieser Partei ist die wissenschaftliche Widerspiegelung des objektiven historischen Geschehens, des tatsächlichen Kampfes des Proletariats gegen die Bourgeoisie. -

Die Kommunisten haben daher keine Interessen, die sich nicht mit den Lebens- interessen des Proletariats aller Länder decken. Die Kommunisten „kämpfen für die Erreichung der unmittelbaren vorliegenden Zwecke und Interessen der Arbeiterklasse, aber sie vertreten in der gegenwärtigen Bewegung zugleich die Zukunft der Bewegung“. [11] -

Die kommunistische Partei hat vor den anderen Organisationen der Arbeiterklasse voraus, dass sie die aktivste, entschiedenste, immer weiter treibende proletarische Organisation ist, die über wissenschaftliche Einsicht in die Bedingungen, den Verlauf und die allgemeinen Resultate der proletarischen Bewegung verfügt.

Diese Charakteristik der entscheidenden Merkmale der kommunistischen Partei richtet sich direkt und unmittelbar sowohl gegen das Sektierertum, das den Zusammenhang zwischen den wichtigsten Aufgaben des Proletariats und den konkreten geschichtlichen Bedingungen seiner Tätigkeit nicht sieht, als auch gegen die opportunistische Reduzierung des Endziels des proletarischen Kampfes auf im Moment aktuelle, begrenzte Teilaufgaben.

Gegenüber dem Sektierertum, das angesichts der herannahenden bürgerlich-demokratischen Revolution besonders gefährlich war, wird im „Kommunistischen Manifest“ erklärt: „... Kommunisten unterstützen überall jede revolutionäre Bewegung gegen die bestehenden gesellschaftlichen und politischen Zustände . . . Die Kommunisten arbeiten endlich überall an der Verbindung und Verständigung der demokratischen Parteien aller Länder.“ [12]

Im „Manifest der Kommunistischen Partei“ werden die theoretischen Grundlagen der bürgerlichen Ideologie einer vernichtenden Kritik unterzogen. Diese Ideologen, die lediglich die Existenz des kapitalistischen Eigentums anerkennen, werfen den Kommunisten vor, sie wollten das Eigentum überhaupt abschaffen. Aber der Kommunismus hebt nicht das Eigentum überhaupt auf (denn das ist natürlich unmöglich und auch gar nicht notwendig), er beseitigt lediglich das kapitalistische Eigentum.

Bürgerliche Ideologen unterstellen den Kommunisten die Absicht, das persönliche, durch eigene Arbeit des Produzenten erworbene Eigentum abschaffen zu wollen. Soweit es sich um das kleinbürgerliche Eigentum handelt, wird dies bereits durch den Kapitalismus abgeschafft. Das Kapital dagegen ist kein persönliches Eigentum, und die sozialistische Vergesellschaftung bedeutet daher nicht die Liquidierung des persönlichen Eigentums, sondern den Übergang vom Privateigentum an den [gesellschaftlichen] Produktionsmitteln zum sozialistischen Eigentum.

Der Bourgeois sieht in der Aufhebung des Privateigentums die Beseitigung der Freiheit und der Persönlichkeit. [13] Er identifiziert folglich die Freiheit mit der Freiheit des kapitalistischen Unternehmertums, die Persönlichkeit mit der Bourgeoispersönlichkeit. „Ihr gesteht also“, erwidern ihm Marx und Engels, „dass ihr unter der Person niemanden anders versteht als den Bourgeois, den bürgerlichen Eigentümer. Und diese Person soll allerdings aufgehoben werden.“ [14]

Marx und Engels entlarven die Heuchelei der bürgerlichen Phrasen über Familie, Ehe und Vaterland und bemerken, dass die bürgerliche Familie und Ehe ihre Ergänzung in der Prostitution finden, dass der bürgerliche Staat ein Gefängnis für die Werktätigen ist. -

Nur im Kampf gegen die Bourgeoisie, durch den Sturz der politischen Herrschaft der Bourgeoisie und die Errichtung seiner eigenen Herrschaft gewinnt das Proletariat sein wirkliches Vaterland. Selbstverständlich ist das Proletariat national, aber im Gegensatz zur Bourgeoisie lehnt es den Nationalismus ab. Das Proletariat muss sich im nationalen Maßstab als herrschende Klasse organisieren, die Ausbeutung und damit die nationale Unterdrückung beseitigen. Die Interessen der Arbeiter aller Länder und Nationalitäten sind die gleichen. Diese Einheit ist durch die Entwicklung der gesellschaftlichen Produktion bedingt, und aus ihr ergeben sich die gemeinsamen Aufgaben der Arbeiter aller Länder und die im wesenlichen gemeinsamen Wege ihrer sozialen Befreiung.

Die bürgerlichen Ideologen werfen den Kommunisten vor, sie brächen unwiderruflich mit allen überlieferten geistigen Werten. [15] Dieser verleumderischen Anschuldigungen begegnen Marx und Engels mit dem materialistischen Grundsatz, dass die Ideen jeder historischen Epoche von den jeweiligen Produktionsverhältnissen abhängig sind. Die bürgerlichen Ideologen versichern freilich, es gebe übergeschichtliche Ideen, Ideale. Hierauf erwidern Marx und Engels, dass in allen antagonistischen Gesellschaften in der Tat gewisse, ihnen allen gemeinsame Ideen, Ideale herrschen, dass „die Ausbeutung des einen Teils der Gesellschaft durch den andern ... eine allen vergangenen Jahrhunderten gemeinsame Tatsache“ ist. -

„Kein Wunder daher, dass das gesellschaftliche Bewusstsein aller Jahrhunderte, aller Mannigfaltigkeit und Verschiedenheit zum Trotz, in gewissen gemeinsamen Formen sich bewegt, in Bewusstseinsformen, die nur mit dem gänzlichen Verschwinden des Klassengegensatzes sich vollständig auflösen. Die kommunistische Revolution ist das radikalste Brechen mit den überlieferten Eigentumsverhältnissen: kein Wunder, dass in ihrem Entwicklungsgange am radikalsten mit den überlieferten Ideen gebrochen wird.“ [16] -

Diese Aussage ermöglicht ein tieferes Verständnis jener revolutionären Umwälzung, die der Marxismus in der Entwicklung des gesellschaftlichen Denkens vollzogen hat. Sie zeigt deutlich, mit welchen Ideen der Marxismus unwiderruflich bricht, und weist damit die bürgerlichen Behauptungen von dem für den wissenschaftlichen Kommunismus angeblich bezeichnenden Nihilismus unmissverständlich zurück.

Im „Kommunistischen Manifest“ wird der wissenschaftliche Kommunismus den unwissenschaftlichen, utopischen sozialistischen und kommunistischen Theorien gegenübergestellt. Zunächst kritisieren Marx und Engels den reaktionären Sozialismus, zu dem sie den feudalen und den ihm nahestehenden christlichen sowie den kleinbürgerlichen Sozialismus einschließlich seiner deutschen Spielart rechnen. Charakteristisch für alle diese Lehren ist die Idealisierung der historischen Vergangenheit, das bestreben, die kapitalistische Entwicklung zu verhindern und überlebte gesellschaftliche Verhältnisse zu neuem Leben zu erwecken oder zu erhalten. Bei ihrer Kritik am Kapitalismus haben diese Lehren vielfach dessen wirkliche Schwächen aufgedeckt. [17] Ihr positives Programm aber läuft im Grunde genommen auf die Verteidigung der Zunftordnung und der patriarchalischen Landwirtschaft hinaus.

Der konservative oder Bourgeoissozialismus ist eigentlich nur eine durch sozialistische Phrasen [unter anderem heute: der ‘harmonischen Pekinger Prägung’ oder “Soziale Marktwirtschaft“ der deutschen “Sozialpartner“ der Finanz- und Monopol-Bourgeoisie und deren gesellschaftspolitischen und pseudoakademischen ideologischen Administration] bemäntelte Apologie des Kapitalismus. -

„Freier Handel! im Interesse der arbeitenden Klasse; Schutzzölle! im Interesse der arbeitenden Klasse; Zellengefängnisse! im Interesse der arbeitenden Klasse: das ist das letzte, das einzige ernstgemeinte Wort des Bourgeoissozialismus.“ [18]

Danach betrachten Marx und Engels den kritisch-utopischen Sozialismus und Kommunismus. Die ersten Versuche des Proletariats, seine soziale Befreiung durchzusetzen, fallen in die Zeit der bürgerlichen Revolutionen des 17. und 18. Jahrhunderts. Der ideologische Ausdruck dieser ersten Versuche war insbesondere der utopische Kommunismus Babeufs und anderer Revolutionäre, von dem die Begründer des Marxismus sagen: „Die revolutionäre Literatur, welche diese ersten Bewegungen des Proletariats begleitete, ist dem Inhalt nach notwendig reaktionär. Sie lehrt einen allgemeinen Asketismus und eine rohe Gleichmacherei.“ [19] Dieser Hinweis auf die für den ursprünglichen utopischen Kommunismus charakteristischen einander ausschließenden, gegensätzlichen – teils revolutionären, teils reaktionären – Tendenzen ist von großer methodologischer Bedeutung. Er ermöglicht uns eine historisch-konkrete Einschätzung des Babouvismus wie auch der späteren utopischen Systeme.

Die Epoche Saint-Simons, Fouriers und Owens unterscheidet sich zwar wesentlich von der Zeit Babeufs, aber auch jetzt waren die materiellen Voraussetzungen des Sozialismus noch nicht gegeben, war das Proletariat noch keine politisch selbständige Klasse. So erklären sich auch die charakteristischen Merkmale des kritisch-utopischen Sozialismus. Der Sozialismus wird hier als von einem Genie geschaffenes ideales System und die sozialistische Umgestaltung der Gesellschaft als Verwirklichung dieses Systems verstanden.

Die kritisch-utopischen Sozialisten glauben über den Klassen zu stehen. Sie sprachen dem Proletariat jede Fähigkeit zur historischen Initiative ab, sie lehnten den politischen Kampf, die revolutionäre Gewalt ab und appellierten an die ganze Gesellschaft, [heute auch: ‘bitte, bitte’, ein “BGE“ im Kapitalismus] vor allem an die Besitzenden, die sie durch verlockende Schilderungen der herrschenden sozialistischen Zukunft für sich einzunehmen versuchten. „Die phantastische Schilderung der zukünftigen Gesellschaft entspringt in einer Zeit, wo das Proletariat noch höchst unentwickelt ist, also selbst noch phantastisch seine eigene Stellung auffasst, seinem ersten ahnungsvollen Drängen nach einer allgemeinen Umgestaltung der Gesellschaft.“ [20]

Bei all seiner geschichtlich bedingten Beschränktheit ist der kritisch-utopische Sozialismus jedoch Bemerkenswert wegen seiner Kritik am Kapitalismus, wegen seiner Vorwegnahme solcher Grundzüge der zukünftigen Gesellschaft wie der Aufhebung des Gegensatzes zwischen Stadt und Land, zwischen geistiger und körperlicher Arbeit, des Absterbens des Staates usw. Aber die Bedeutung des kritisch-utopischen Sozialismus und Kommunismus steht im umgekehrten Verhältnis zur sozialhistorischen Entwicklung, die zur Folge hat, dass das Proletariat zu einer selbständigen Klasse wird, dass sich der Kampf zwischen der Arbeiterklasse und der Bourgeoisie verschärft. Die sozialhistorische Entwicklung führt zur proletarischen Revolution. Die geschichtliche Entwicklung bringt also notwendig all das hervor, was der kritisch-utopische Sozialismus verwarf. „Waren daher die Urheber dieser Systeme auch in vieler Beziehung Sekten. Sie halten die alten Anschauungen der Meister fest gegenüber der geschichtlichen Fortentwicklung des Proletariats.“ [21]

So kommt es, dass sich auch diese sozialistischen Theorien infolge ihrer Isoliertheit von der Befreiungsbewegung der Arbeiterklasse im Verlauf ihrer geschichtlichen Entwicklung dem reaktionären und konservativen Pseudosozialismus nähern. Dieser Umstand erleichtert uns nicht nur das Verständnis für die Geschichte der sozialistischen Lehren einer uns schon fernliegenden Vergangenheit, sondern wirft auch Licht auf die Entwicklung des kleinbürgerlichen Sozialismus, des Reformismus und Revisionismus im 20. [und 21.] Jahrhundert.

Das „Manifest der Kommunistischen Partei“ endet mit den prophetischen Worten: „Mögen die herrschenden Klassen vor einer kommunistischen Revolution zittern. Die Proletarier haben nichts in ihr zu verlieren als ihre Ketten. Sie haben eine Welt zu gewinnen. Proletarier aller Länder, vereinigt euch! [22]

In diesen flammenden Schlachtruf der kommunistischen Partei zum Kampf gegen den Kapitalismus kommt das wichtigste revolutionäre und internationalistische [internationale] Prinzip der wissenschaftlichen Ideologie der Arbeiterklasse zum Ausdruck, dessen klassische Formulierung den Entstehungsprozess des Marxismus gleichsam krönt.

Begriffe wie „materialistische Dialektik“, „dialektischer Materialismus“ usw. finden wir im „Manifest der Kommunistischen Partei“ nicht. Dennoch ist dieses ganze epochemachende Werk ein glänzendes Beispiel der dialektisch-materialistischen Auffassung des gesellschaftlichen Lebens. In einer genialen Weise enthüllen die Begründer des Marxismus die Dialektik der Entwicklung des Kapitalismus, der die Voraussetzungen für seinen eigenen unvermeidlichen Untergang schafft. Die Erforschung der Phänomene des gesellschaftlichen Lebens in ihrer wechselseitigen Abhängigkeit, in ihrer Bewegung, Veränderung, in ihrer widersprüchlichen Entwicklung, die materialistische Auffassung der bürgerlichen Ideologie als Abbild des gesellschaftlichen Seins – das alles ist schöpferische Entwicklung des dialektischen und historischen Materialismus.

Die heutige Bourgeoisie [und Administration] stellt ihren Ideologen die Aufgabe, eine solche Gesellschaftstheorie zu schaffen, welche den Massen den Glauben an den Kapitalismus [“Marktwirtschaft“, “Soziale Marktwirtschaft“, “Sozialismus chinesischer Prägung“ usw.] suggeriert. -

„Eine Botschaft finden, die den Menschen etwas zu sagen hat – das ist die Aufgabe vor allem der geistigen Führer unseres Volkes“ [23], bekannte einmal einer der bekanntesten Wortführer der amerikanischen Bourgeoisie, John Forster Dulles. Er forderte die bürgerlichen Ideologen auf, dem Marxismus-Leninismus, der politischen Strategie der KPdSU, die eine „ungeheure Anziehungskraft besitzt“, mit einer ideologischen Konzeption entgegenzutreten, die dem Kapitalismus im „Krieg der Ideen“ den Sieg bringen soll. -

Eine Reaktion auf diese Aufforderung war das oben erwähnte Buch von L. Kelso und M. Adler, das sich so anspruchsvoll „Das Kapitalistische Manifest“ [Manifest der ‘Sozialen Marktwirtschaft’ etc.] nennt. Seine Verfasser bestimmen ihre Aufgabe folgendermaßen: „Das ,Kapitalistische Manifest’ soll das ,Kommunistische Manifest’ als Aufforderung zum Handeln ersetzen – zunächst in unserem eigenen Lande und dann unter Führung unseres Landes [USA bzw. analog: BRD, Schweden, Schweiz, Großbritannien, Frankreich etc.] auch im Weltmaßstab.“ [24] -

Welche Ideen haben sie zutage gebracht? Was wollten sie dem großen Werk von Marx und Engels entgegenstellen? Diese Apologeten des Kapitalismus waren bemüht, zu beweisen, dass sich die heutige bürgerliche Gesellschaft prinzipiell von dem Kapitalismus des vorigen Jahrhunderts unterscheidet [auch CDU, FDP, CSU, SPD und DGB, nennen den Kapitalismus heute: „Soziale Marktwirtschaft“, - zugleich ein außenpolitischer und gesellschaftspolitischer Verkaufs- und Manipulationsschlager, siehe nur die Konzern- und Parteistiftungen im weltweiten Einsatz, unter anderem in ‘ihrer’ VR China etc.], dass sie [die bürgerliche Gesellschaft] in des Stadium der „kapitalistischen Revolution“ eintritt, deren Aufgabe es ist, „alle zu Kapitalisten zu machen, statt es keinem zu ermöglichen, Kapitalist zu sein“. [25]

Seit dem Erscheinen des „Kapitalistischen Manifestes“ von Kelso und Adler sind rund zwei Jahrzehnte vergangen [heute fast sechs Jahrzehnte]. Ihr Buch [ihre Ideologie] verstaubt langsam auf den Regalen der Bibliotheken [behauptete T. Oiserman vor 1980]. Das „Manifest der Kommunistischen Partei“ aber, das sein Leben vor über 130 Jahren [über 160 Jahren] begann, wird von Millionen Menschen in allen Sprachen der Welt gelesen und studiert [?]. Die Bourgeoisie besitzt nichts, was sie der Geburtsurkunde des wissenschaftlichen Kommunismus entgegenstellen könnte.

Das „Manifest der Kommunistischen Partei“ ist das bedeutendste Ergebnis des Entstehungsprozesses der Weltanschauung des Marxismus. Es fasst die Erfahrungen der geschichtlichen Entwicklung theoretisch zusammen, nimmt die Zukunft wissenschaftlich vorweg und stellt die [wissenschaftliche] Gesellschaftswissenschaft und die Arbeiterbewegung vor neue Probleme und Aufgaben.

Als echtes Werk des schöpferischen Marxismus erhebt das „Kommunistische Manifest“ keineswegs den Anspruch, alle theoretischen oder gar praktischen Fragen der proletarischen Befreiungsbewegung zu lösen. Auch hierin offenbart sich der grundlegende Unterschied der marxistischen Weltanschauung von allen bisherigen, auch den fortschrittlichen, sozialen Theorien.

Das „Manifest der Kommunistischen Partei“ beginnt mit den berühmten Worten: „Ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst des Kommunismus. Alle Mächte des alten Europa haben sich zu einer heiligen Hetzjagd gegen dieses Gespenst verbündet, der Papst [Pfarrer Gauck] und der Zar, Meternich und Guizot, französische Radikale und deutsche Polizisten.“ [26] «

[Bemerkung: Es folgt eine (subjektiv-euphorische) unwissenschaftliche Einschätzung zur weiteren Entwicklung des damaligen Realsozialismus, – vor und während seiner internen und externen welthistorischen Vernichtung –, in den Ausführungen von Teodor Oiserman:]

»Heute ist der Kommunismus eine gewaltige historische Realität, die die Hauptrichtung des gesellschaftlichen Fortschritts bestimmt. Jetzt wagen auch die bürgerlichen Ideologen nicht mehr zu behaupten, dass die Zukunft dem Kapitalismus gehöre, dass die Teilung der Gesellschaft in Klassen naturgegeben und unabänderlich sei, dass Armut und Elend eines Großteils der Menschheit sich nicht beseitigen ließen. Das zeugt unwiderlegbar sowohl von der tiefen geistigen Krise des Kapitalismus als auch von der außerordentlichen Anziehungskraft der wissenschaftlichen sozialistischen Ideologie. Die Befreiungsbewegung der Werktätigen und die Errichtung der klassenlosen, kommunistischen Gesellschaft sind die welthistorische Bestätigung der großen Lebenswahrheit des Marxismus-Leninismus.«
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[Bemerkung: Proletarische (marxistische) Parteilichkeit erfordert stets die Wahrnehmung und Auseinandersetzung mit der sozial-ökonomisch-ökologischen und ideologischen und gesellschaftspolitischen (objektiven) Realität in jeder Gesellschaft und historischen Gesellschaftsformation. Ein (idealistisch) subjektiv-euphorisches verschönern, auch der realsozialistischen Welt, wie hier im letzten Absatz des Textes, ist dem (wissenschaftlich) historisch-dialektischen Materialismus wesensfremd. / R. S.]

Anmerkungen

10 W. I. Lenin: Bemerkungen zum zweiten Programmentwurf Plechanows. In: Werke, Bd. 6, S. 37.
11 Karl Marx/Friedrich Engels: Manifest der Kommunistischen Partei. In: MEW, Bd. 4, S. 492.
12 Ebenda, S. 493.
13 Diese Gleichsetzung von Freiheit und Privateigentum ist ein charakteristisches Merkmal der heutigen bürgerlichen Ideologie. So erklären die Verfasser des „Kapitalistischen Manifestes“, die amerikanischen Soziologen L. Kelso und M. Adler, kategorisch, das Privateigentum gewähre „allen Menschen jene wirtschaftliche Unabhängigkeit, die sie zum Schutze ihrer politischen Freiheit benötigen“. (L. Kelso/M. Adler: The Capitalist Manifesto, New York 1958, S. 102.) Dann aber müssten sie auch zugeben, dass die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung der kapitalistischen Länder keine persönliche Freiheit hat.
14 Karl Marx/Friedrich Engels: Manifest der Kommunistischen Partei. In: MEW, Bd. 4, S. 477.
15 Die Erfahrungen der Geschichte und vor allem der gegenwärtigen historischen Epoche beweisen, dass der Sozialismus der legitime Erbe aller progressiven Kulturwerte ist, während sich der Imperialismus von diesen Werten lossagt. So behauptet der bekannte Antikommunist William S. Schlamm, der eigentliche Ursprung der kommunistischen „Häresie“ sei das Streben des Menschen, die Gesetze der Natur zu entschleiern. „Die wahre, die ernsthafte Ursache der kommunistischen Sintflut“, schreibt er, „wird für jene von uns sichtbar, die die Courage haben, über die Banalität hinauszusehen: Wissenschaftsgläubigkeit, die Häresie, die seit Jahrhunderten unterhalb der westlichen Zivilisation anstieg, erreicht im Kommunismus endlich ihren sozialen Effekt.“ (W. S. Schlamm: Die Grenzen des Wunders. Ein Bericht über Deutschland, Zürich 1959, S. 191.) Führwahr ein wertvolles Eingeständnis! Es zeigt, wer heute gegen die wissenschaftliche Erkenntnis zu Felde zieht – bezeichnenderweise sind es Gegner des Kommunismus.
16 Karl Marx/Friedrich Engels: Manifest der Kommunistischen Partei. In: MEW, Bd. 4, S. 480/481.
17 Der kleinbürgerliche Sozialismus „zergliederte höchst scharfsinnig die Widersprüche in den modernen Produktionsverhältnissen. Er enthüllte die gleisnerischen Beschönigungen der Ökonomen. Er wies unwiderleglich die zerstörenden Wirkungen der Maschinerie und der Teilung der Arbeit nach, die Konzentration der Kapitalien und des Grundbesitzes, die Überproduktion, die Krisen, den notwendigen Untergang der kleinen Bürger und Bauern, das Elend des Proletariats, die Anarchie in der Produktion, die schreienden Missverhältnisse in der Verteilung des Reichtums, den industriellen Vernichtungskrieg der Nationen untereinander, die Auflösung der alten Sitten, der alten Familienverhältnisse, der alten Nationalitäten.“ (Ebenda, S. 484/485.)
18 Ebenda, S. 489.
19 Ebenda.
20 Ebenda, S. 490.
21 Ebenda, S. 491.
22 Ebenda, S. 493.
23 J. F. Dulles: War or Peace, New York 1957, S. 261.
24 L. Kelso/M. Adler: The Capitalist Manifesto, S. 3/4.
25 Ebenda, S. 103.
26 Karl Marx/Friedrich Engels: Manifest der Kommunistischen Partei. In: MEW, Bd. 4, S. 461. 

Quelle: Teodor Oiserman: Die Entstehung der marxistischen Philosophie. Dietz Verlag Berlin 1980. Zweiter Teil. Zweites Kapitel. Vgl.: 5. Das „Manifest der Kommunistischen Partei“. Originaltitel: Т. И. Ойзерман: Формирование Философии марксизма. 2., überarbeitete Auflage, „Mysl“, Moskau 1974. Deutsche Übersetzung: Dietz Verlag Berlin 1980. Aus dem Russischen übersetzt von Harro Lucht. / Im Jahre 1965 erhielt Teodor Oiserman auf Beschluss des Rates der Moskauer Staatlichen Lomonossow-Universität für das Buch „Die Entstehung der marxistischen Philosophie“ den Lomonossow-Preis. / 2., überarbeitete Auflage 1980 (1. Auflage 1965). Redaktion: Jochen Grund, Gisela Hidde. Gesamtherstellung: LVZ-Druckerei „Hermann Duncker“, Leipzig.


VON: TEODOR OISERMAN - REINHOLD SCHRAMM (BEREITSTELLUNG)






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