Wat der ein´ ihr Uhl iss der anner´n ihre Nachtigall


Bildmontage: HF

27.01.18
TheorieTheorie, Debatte, Politik 

 

Über sozialdemokratische Theoriefeindlichkeit

Von Richard Albrecht

Werner Hofmann (1922-1969) umschrieb Wissenschaft so allgemein wie formal als „methodische (d.h. systematische und kritische) Weise der Erkenntnissuche“, die „ihrem allgemeinen Inhalt nach gerichtet ist: 1. auf das Erscheinungsbild der Wirklichkeit (als sammelnde, beschreibende, klassifizierende Tätigkeit, als Morphologie, Typologie usw.); 2. als theoretische Arbeit auf Zusammenhang, Bedeutung, Sinngehalt der Erscheinungen, auf wesentliche Grundsachverhalte, auf Gesetze der Wirklichkeit. Die Erschließung des Erfahrungsbildes der Welt arbeitet der theoretischen Deutung vor; sie begründet deren empirische Natur und die Überprüfbarkeit ihrer Ergebnisse. Die Theorie aber stiftet erst die Ordnung des Erfahrungsbildes; sie erst gibt der empirischen Analyse ihren Sinn und nimmt die Erscheinungssicht vor der bloßen Form der Dinge in Hut. In diesem dialektischen Widerspiel von Erfassung und Deutung der Wirklichkeit ist konstitutiv für Wissenschaft die Theorie. Nicht immer verlangt das Verständnis von Wirklichkeit nach Theorie; doch erst mit der Theorie hebt Wissenschaft an.“[1]

Mein konzeptionelles Grundverständnis von empirischer Sozialforschung entspricht zunächst Hofmanns Annäherung ans Erscheinungsbild gesellschaftlicher Wirklichkeiten und damit dem, was Theodor Geiger (1891-1952) Anfang der 1930er Jahre im ersten „soziographischen Versuch auf statistischer Grundlage" einforderte: „Die Kleinarbeit müßte bei den Symptomen beginnen, die das äußere Leben der Menschen darbietet. Sie hätte mit [...] positivistischen Methoden anzufangen, ehe sie an die verstehende Deutung gehen kann. Lebenshaltung, Gewohnheiten des Konsums und der sonstigen Lebensgestaltung, Freizeitverwendung, Lesegeschmack, Formen des Familienlebens und der Gesellschaft – tausend Einzelheiten des Alltagslebens."[2]

 

Der britische Marxist Eric Hobsbawm (1917-2012) als im Oxbridge der roten dreißiger Jahre marxistisch geschulter Sozialwissenschaftler verallgemeinerte vor zwanzig Jahren methodisch ein zentrales Anliegen theoriegeleiteter emprischer Sozialforschung und betonte die vielgestaltige Mehrschichtigkeit von Menschen als gesellschaftliche Wesen[3] – nicht zuletzt, um aus der Falle soziologischer Eindimensionalität welcher Ausprägung auch immer herauszukommen.

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Ohne die hier bewußt offengelegten (sozial)wissenschaftlichen Grundvorstellungen kritisierte ich als parteipolitisch ungebundener, insofern unabhängiger politischer Linker in diesem Blog Ende Oktober  2017 in einer aktuellen Anmerkung die von Dr. Sahra Wagenkecht als prominenter Linkspolitikerin vertretene wirtschaftspolitische Grundposition. Und wertete deren beständigen Rückgriff oder Rekurs auf ´soziale Marktwirtschaft´ mit ´Wohlstand für alle´ in ihren Büchern seit Anfang der Zehnerjahre[4] sowie in ihren zahlreichen öffentlichen und Talkshowbeiträgen als politikgeschichtlich so überholte wie aktualpolitisch grundfalsche Position. Die heute - Marx/Engels variierend – wie reaktionärer oder Bourgeoisozialismus wirkt.

In ihrer inhaltlich nachhaltig gefühlsbetonten wie formal mehrfach überzogenen Rede auf dem Bonner SPD-Parteitag am 21. Jänner 2018 sprach die in Bonn zur Literatur- und Politikwissenschaftlerin ausgebildete Spitzensozi Andrea Nahles in besonderer Weise und wirkungsvoll nicht nur Parteitagsdelegierte, sondern auch ihre besondere Klientel "draußen im Lande" an. Dieser schrieb sie, ausdrücklich als Angst bezeichnet, ihre als SPD-Spitzenfunktionärin berechtigte Furcht vor Neuwahlen zu.

Die bewußt inszenierte Rhetorik[6] von Nahles mag auf der Mentalitätsebene[7] das sozialdemokratische Herzblut affektiv angesprochen haben. Bei genauem Hinhören und Hinsehen erweist sich die angesprochene, auch als ideelle Wählerin vorgestellte Frau mit ihren Fragen rational-analytisch als einer sozialstrukturell verortbaren soziale Gruppe verpflichtet, deren Angehörige am ehesten als herkömmlich proletaroide SPD-Traditionswähler/innen gekennzeichnet werden können (und auf die relevante Passagen gegen Ende der Nahles-Rede zugeschnitten erscheinen). Diese soziale Gruppe wird im inzwischen ganzdeutsch bezogenen aktuellen 10-Felder-Schichtmodell des Heidelberger SINUS-Instituts[8] als vor allem traditionsverwurzelte Bürger/innen in Keine-Experimente-Milieus sowohl in Bereichen der unteren Mittelschicht als auch der Unterschicht angesiedelt. Ihr Kurzprofil: vorwiegend (wenngleich nicht ausschließlich) ältere Menschen mit Orientierungen auf law-and-order oder Sicherheit und Ordnung, geprägt von kleinbürgerlicher Lebensweise und/oder traditioneller Arbeiterkultur, bescheiden und sparsam, bodenständig und anpassungsbereit mit dem zunehmenden Gefühl, gesellschaftlich ausgegrenzt  zu sein und prekarisiert zu werden.

Die in diesen Stichworten beschriebene soziale Gruppe macht etwa 13 Prozent der Bevölkerung der Neu-BRD aus. Sie stellt das in Nahles´ Rede auf dem SPD-Parteitag besonders angesprochene politische (Nicht-) Wählerpotential dar.

 

[1] Werner Hofmann, Universität, Ideologie, Gesellschaft: Beiträge zur Wissenschaftssoziologie. Frankfurt/Main 1968: 50.

[2] Theodor Geiger, Die soziale Schichtung des deutschen Volkes. Soziographischer Versuch auf statistischer Grundlage [1932]. Stuttgart ²1967: 80.

[3] Eric J.  Hobsbawm, Working-class Internationalism; in: Contributions to the History of Labour & Society, vol. I, 1988 (1): 3-16 („multidimensionality of human beings in society“).

[4] Kritisch Wilma Ruth Albrecht zu Freiheit statt Kapitalismus (2011) in: soziologie heute 19/2011, Mai 2011; Netzfassung https://soziologieheute.wordpress.com/2011/05/28/sahra-wagenknecht/

[5] https://www.zdf.de/nachrichten/heute-sendungen/nahles-rede-komplett-100.html

[6] S. als Beispielanalyse sozialdemokratischer Rhetorik Richard Albrecht, Der Rhetor Carlo Mierendorff; in: Diskussion Deutsch, 18 (1987) 96: 331-350.

[7] Mentalität kann im Unterschied zur Ideologie als vorbewußt-unmittelbare psychische Antwort auf soziale Lage/n verstanden werden (Theodor Geiger, aaO.: 109-122) .

[8] https://www.sinus-institut.de/sinus-loesungen/sinus-milieus-deutschland/ sowie bestätigende SINUS-Auskunft (e-Post, 24. 1. 2018).

 

Dr. Richard Albrecht, Sozialwissenschaftler mit Arbeitsschwerpunkten Kultur, Bildung, Cineastik. Freier Autor & Wissenschaftsjournalist in Bad Münstereifel. Fördermitglied der Humanistischen Freidenker & Kolumnist des Fachmagazin soziologie heute. BioBibiliographie 2015 https://ricalb.files.wordpress.com/2015/12/cv.pdf







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