Zu den Ursprüngen des "Titoismus"

08.03.11
TheorieTheorie, Internationales, TopNews 

 

von Paolo Casciola 

1961 veröffentlichte ein italienisches sozialdemokratisches Magazin, Corrispondenza Socialista (Nr. 7, Juli 1961), unter dem Titel "Wie Tito die jugoslawische kommunistische Partei eroberte" einen sieben Seiten umfassenden Artikel des ehemaligen jugoslawischen Trotzkisten Ante Ciliga. Dieser Artikel wurde 28 Jahre später in Quaderni del Centro Studi Pietro Tresso (Serie: "Studi e ricerche", Nr. 12, Februar 1989) unter demselben Titel wiederveröffentlicht. Das Centro Studi Pietro Tresso in Umbrien, benannt nach dem gleichnamigen italienischen Trotzkisten, beschäftigt sich mit der Geschichte der revolutionären Bewegung und wird von dem italienischen trotzkistischen Historiker Paolo Casciola geleitet. Casciola verfaßte eine Einleitung zu Ciligas Artikel und brachte diese später selbst in eine adaptierte englische Fassung. Aus letzterer wurde diese Einleitung von Franz Drexler mit Casciolas freundlicher Zustimmung ins Deutsche übersetzt.

Die gesamte frühe Geschichte der jugoslawischen Kommunistischen Partei (KPJ) ist durch einen andauernden Kampf zwischen ihren linken und rechten Flügeln gekennzeichnet, ebenso wie durch die Intervention der Dritten, Kommunistischen Internationale (Komintern), die auf eine Beilegung dieses Zustandes des chronischen Fraktionalismus gerichtet war. Von 1923 an und besonders nach 1925 nahm die Intervention der Komintern jedoch immer mehr die Züge eines Versuches an, das immerfort brutalere stalinistisch-bucharinistische Diktat der jugoslawischen Partei aufzuzwingen.

Vor diesem Hintergrund sollte der dritte nationale Kongreß der KPJ, der vom Exekutivkomitee der Komintern (EKKI) seit April 1925 einberufen war, den Anstoß dazu geben, die aussichtslose Lage des Fraktionalismus, die durch antikommunistische staatliche Repression verschärft wurde, zu überwinden. Genau zum Anlaß dieses Kongresses, der vom 17 bis 22 Mai 1926 in Wien stattfand, vertraute die bürkratisierte Komintern die Führung der KPJ (Politbüro) dem rechten Flügel der jugoslawischen Partei an, der von Sima Markovic geführt und durch das Zentrum um zwei Gewerkschaftsführer, Djuro Salaj und Jacob Zorga, gestärkt wurde.

Zu dieser Zeit legte die von Bucharin ausgearbeitete Politik der Komintern für Jugoslawien großes Gewicht auf die Arbeits- und Gewerkschaftskämpfe und vernachlässigte die nationale Frage. In diesem Zusammenhang war Markovic, der der Wortführer der serbisch-nationalistischen Strömung innerhalb der KPJ war, der richtige Mann am richtigen Platz. Die großserbisch zentralistische Orientierung, die unter ihm angenommen wurde, sollte kaum zwei Jahre später zur politischen Niederlage jener werden, die innerhalb der Reihen der jugoslawischen Partei versuchten, die serbisch-kroatischen Streitigkeiten und alle anderen nationalen Konflikte in Jugoslawien zu überwinden. Letztendlich führte dies zur Niederlage der Führer des linken Flügels der KPJ.

Innerhalb eines Jahres hatte sich die rechte Führung in den Augen der Partei allerdings derart diskreditiert, daß das Herbstplenum 1927 des Zentralkomitees beschloß, den politischen Sekretär des Politbüros, Markovic, zu entlassen und eine neue Führung zu bilden. Die Stelle des Sekretärs des Politbüros wurde mit Djuro Tzvjijc besetzt, einem Führer des "historischen linken Flügels" der KPJ, das heißt der Tendenz, die seit 1921 gegen den reformistischen Flügel der KPJ gekämpft hatte, obwohl sie das mit einer eingeschränkten Perspektive tat, sich nur auf jugoslawische Probleme konzentrierte und jegliche Koordination mit anderen linken Gruppierungen, die innerhalb von nationalen kommunistischen Parteien im Ausland existierten, vermissen ließ. Der "historische linke Flügel" wurde übrigens durch die dem Zentrum angehörigen Gewerkschafter gestärkt, die sich ihm angeschlossen hatten.

Die Zagreber Organisation der KPJ, die eine Bastion des linken Flügels darstellte, akzeptierte diese Wendung, die ohne vorhergehende Vereinbarung mit Moskau erfolgt war und die den bucharinistischen Kurs, der zu dieser Zeit in der Komintern aufstieg, zurückwies, vollkommen. Als Antwort darauf hob Bucharin, unterstützt von Manuilsky und Josip Cizinsky (Milan Gorkic), die Beschlüsse des jugoslawischen Zentralkomitees auf und löste in autoritärer Weise das neue, linke Politbüro auf.

Milan Gorkic, ein Mitglied der Gruppe junger Bucharinisten, war die Schlüsselfigur der jugoslawischen Operation, die von Bucharin durchgeführt wurde. Da es unmöglich war, der jugoslawischen KP die Marcovic-Führung wieder aufzuzwängen, wurde beschlossen, ein neues Politbüro einzusetzen, gebildet aus sorgfältig "bolschewisierten" jugoslawischen Kommunisten, die sich in Moskau befanden und die nach Jugoslawien geschickt werden sollten, um die "mitte-links" Leitung endgültig hinauszuwerfen und die Führung der Partei zu übernehmen.

Diese Operation bestand darin, einige speziell ausgewählte Leute nach Jugoslawien zu schicken, deren Aufgabe darin bestand, die lokalen KPJ-Sektionen davon zu überzeugen, eine Intervention der Komintern in die innerparteilichen Angelegenheiten zu verlangen, und die Autorität der mitte-links Führer zu unterminieren, um so den Weg für die "spontane" und "demokratische" Einsetzung eines neuen Politbüros made-in-USSR frei zu machen.

Unter den ersten "jugoslawischen Agenten" der Komintern, die in Jugoslawien eintrafen, waren Djuro Djakovic, der Leiter der bucharinistischen Operation und Sekretär der Metallarbeiter-Gewerkschaft, und Mathias Brezovic, der zum Sekretär der kroatischen Sektion der KPJ berufen worden war, der aber unmittelbar danach als Spion der jugoslawischen Polizei ausgeschlossen wurde. Die Kontakte zwischen Djakovic, der sich in Zagreb aufhielt, und Gorkic-Bucharin in Moskau wurden über Jovan Malesic (Martinovic), der zu diesem Zweck nach Wien geschickt wurde, aufrechterhalten.

Bei dieser Operation kam ein weiteres junges Mitglied der KPJ zum Einsatz. Sein Name war Josip Broz, der künftige Marschall Tito. Er war kroatischer Herkunft und Unteroffizier der österreichisch-ungarischen Armee bis 1915, als er von den zaristischen Truppen gefangen genommen und inhaftiert wurde. Er schloß sich dem Bolschewismus erst 1919-20 an, kämpfte dann in der Roten Armee bevor er 1925 nach Jugoslawien zurückkehrte. Durch Djakovic für die jugoslawische Operation gewonnen, wurde Tito zu einem ihrer Hauptprotagonisten, der eine enorm wichtige Rolle bei der Umsetzung von Gorkics und Bucharins Plänen spielte - eine Umsetzung, die bis zu ihrer Durchführung mehrere Monate in Anspruch nahm.

Als Organisationssekretär des Zagreber Komitees der KPJ führte Tito einen harten politischen Kampf gegen die linke Mehrheit dieses Komitees, das es ablehnte, vor den jugoslawischen Manövern Moskaus in die Knie zu gehen. Dieser Kampf gipfelte in der Achten Konferenz der Zagreber Sektion der KPJ, die in der Nacht vom 25. zum 26. Februar 1928 abgehalten wurde. Auf dieser Konferenz präsentierte Tito einen Gegenbericht zu jenem des politischen Sekretärs, Dusan Grkovic, in welchem er den Fraktionalismus, der die Arbeit der Partei unter den Massen behindern würde, anprangerte. Titos Demagogie schlug ein, und die Mehrheit der Delegierten nahm seinen Minderheit-Gegenbericht an und wählte einen neuen politischen Sekretär, nämlich Tito selbst. Für Tito war das der erste Erfolg bei seinem Aufstieg zur Spitze der jugoslawischen Partei.

Nachdem Tito die Zagreber Organisation der KPJ in seine Hand gebracht hatte, machte er einen Schritt weiter, indem er das Zagreber Komitee dazu brachte, den Vorschlag, eine Intervention der Komintern in die internen Angelegenheiten der Partei zu fordern, anzunehmen. Das Komitee sandte in der Folge einen Brief an das EKKI über die Situation in der Partei und die Notwendigkeit des Kampfes gegen den Fraktionalismus in ihren Reihen. Im April 1928 berief das EKKI die "Moskauer" Führer der KPJ zu einer Beratung ein, im Zuge derer ein offener Brief des EKKI an die jugoslawische Partei angenommen wurde. Dieser Brief prangerte den Fraktionalismus hart an und hob die Notwendigkeit hervor, der Partei eine neue nationale Führung zu geben, die sie befähigen würde, aus ihrer Krise zu herauszukommen. Zu diesem Zweck beschloß die Komintern die "fraktionalistische", "mitte-links" Führung der KPJ abzusetzen und ernannte ein dreiköpfiges privisorisches Politbüro unter der Führung von Djakovic. Die neue Führung wurde damit betraut, eine Diskussion über den offenen Brief des EKKI in allen lokalen Organisationen einzuleiten, die Säuberung von "fraktionalistischen Elementen" zu beginnen und den Vierten Nationalen Kongreß der KPJ vorzubereiten.

An dieser Stelle scheint es angebracht, einige Bemerkungen zur Frage des Fraktionalismus einzubringen. Nach der Achten Konferenz der Zagreber Organisation im Februar 1928 begann die "Moskauer" Gruppierung sich selbst als "anti-fraktionalistische" Strömung, die sowohl den rechten, als auch den linken Flügel beämpfte, darzustellen. Tatsächlich war die Djakovic-Tito-Gruppierung aber selbst eine Fraktion, eine Fraktion, die immer die Tendenz hatte, im Bündnis mit dem rechten Flügel der Partei gegen ihren linken zu kämpfen.

In dieser Hinsicht muß auf die Besonderheit der politischen Landschaft der jugoslawischen Arbeiterbewegung eingegangen werden. Gemäß der in Jugoslawien üblichen Terminologie, verstand man unter dem "linken Flügel" nicht dasselbe wie unter der russichen Linken Opposition. Dieser Begriff wurde verwendet, um die antireformistische Tendenz, die in der KPJ seit 1921 aufgestiegen war, zu bezeichnen. Es scheint, daß die fundamentale politische Scheidelinie zwischen dem linken und rechten Flügel der KPJ in ihren untschiedlichen Einschätzungen der nationalen Frage in Jugoslawien bestand - und somit in einem kritischen Punkt der jugoslawischen Revolution. Der linke Flügel stand im Namen des proletarischen Internationalismus gegen die großserbischen nationalistischen Tendenzen, die innerhalb der Partei existierten und durch Sima Markovic, dem Führer des rechten Flügels, representiert wurden. Die von Djakovic geführte "anti-fraktionalistische" Fraktion, die eigentlich aus dem historischen linken Flügel der Partei kam, nahm faktisch dieselbe großserbische, zentralisierende Orientierung an wie der rechte Flügel.

Im politischen Kampf innerhalb der jugoslawischen Partei, der in der Periode von 1926-28 ausgetragen wurde, spielte die nationale Frage tatsächliche eine bedeutende Rolle. Wie bereits erwähnt legte die (bucharinistische) Politik der Komintern besonderes Gewicht auf die Gewerkschaftsarbeit und den gewerkschaftlichen Kampf - die in demagogischer Weise als Allheilmittel gegen den linken "Fraktionalismus" verkauft wurden - und ignorierte die nationale Frage, obwohl diese einer der Hauptgründe der fraktionellen Auseinandersetzungen war. Natürlich begünstigte dieser bucharinistische Workerismus das Zentrum und den rechten Flügel, die in den jugoslawischen Gewerkschaftsorganisationen fest verankert waren.

Die Niederlage der mitte-links Führung, die vom Winter 1927 bis zum Frühling 1928 über die Bühne ging und durch die Allianz des historisch rechten Flügels mit der von der Komintern in Moskau geschaffenen "antifraktionalistischen" Fraktion herbeigeführt wurde, markierte daher den Sieg der großserbischen zentralistischen Orientierung.

* * *

In der Periode, die dem Sieg der Komintern-Statthalter und des rechten Flügels der Partei über ihren linken Flügel folgte, traten einige unerwartete Ereignisse ein, die den Verlauf der Dinge innerhalb der KPJ maßgeblich beeinflußten: die Ermordung von Radic, Bucharins Hinauswurf aus der Komintern-Führung und der monarchistische Putsch in Jugoslawien vom 4. Jänner 1929.

Am 20. Juni 1928 kam es in der Skupstina (dem jugoslawischen Parlament) zu einem Schußatentat, bei dem Punisa Racic, ein montenegrinischer Abgeordneter mit panserbischen Idden, zwei Abgeordnete der (kroatischen) Bauernpartei erschoß, und Stjepan Radic, den Führer der Bauernpartei, tödlich verletzte. Dieser Anschlag in Belgrad legte die unerträglich gewordenen Spannungen, zu denen der Konflikt zwischen Serben und Kroaten geführt hatte, bloß und stellte die nationale Frage unmittelbar auf die Tagesordnung. Die stalinisierte Komintern konnte die Nationalitätenprobleme in Jugoslawien nicht länger ignorieren, und sie machte tatsächlich eine 180-Grad-Wendung, indem sie die nationale Frage in den Vordergrund stellte und die Frage des sozialen Kampfes in die zweite Reihe drängte.

All dies geschah in einer Periode des verschärften politischen Kampfes innerhalb des Landes, in einer Periode, in der das jugoslawische Parlament dabei war, die Nettuno-Übereinkommen mit Mussolinis Italien zu ratifizieren. Neben der KPJ stellte die demokratische Bauernkoalition die Vorhut der antiimperialistischen Demonstrationen, die sich ebenso gegen die großserbische Vorherrschaft richteten. Die Krise des großserbischen, zentralistischen Jugoslawiens verstärkte sich mehr und mehr. Das Attentat vom 20. Juni war der Funke, der das Pulver entzündete.

Belgrad wurde zum Zentrum der Agitation. Die KPJ stellte eine eigene militärische Organisation auf, weil sie offensichtlich glaubte, daß aus der kroatischen nationalen Revolte heraus eine kommunistische Revolution ausbrechen könnte. Gerade in der Zeitspanne, die dieser Periode folgte und bis 1936 dauerte, betrieb die KPJ eine ablehnende Politik gegenüber der serbischen Vorherrschaft und nahm eine positive Haltung, ja sogar einen Standpunkt der offenen Unterstützung, zum Nationalismus und Chauvinismus der Kroaten und anderer nicht-serbischer Völker ein.

Am 4. August wurde Tito im Rahmen einer Razzia unter KPJ-Mitgliedern verhaftet, die von der jugoslawischen Polizei aufgrund von Informationen des Spitzels Brezovic und anderer Spione, die sich in der Partei festgesetzt hatten, ausgeführt wurde. Zu fünf Jahren Haft verurteilt, konnte Tito nicht am Vierten Nationalen Kongreß der KPJ, der im frühen November 1928 in Dresden stattfand, teilnehmen. Die Ergebnisse des Kongresses waren zweifelsohne von der Wendung, die die Komintern bei ihrem Sechsten Weltkongreß vom August bis zum September desselben Jahres vollzog, beeinflußt. Der Kongreß war unter dem Schlagwort des Endes der relativen Stabilisierung des Kapitalismus und dem Beginn der "Dritten Periode" gestanden.

Nachdem der linke Flügel schon geschlagen war, ging der Vierte Kongreß der KPJ - die zu dieser Zeit in etwa 2000 Mitglieder zählte - dazu über, den von Markovic geführten rechten Flügel zu attackieren. In Übereinstimmung mit dem von Stalin diktierten Schwenk zur Dritten Periode nahm die KPJ eine ultralinke, abenteuerliche Orientierung an, die das unmittelbare Aufsteigen revolutionärer Krisen kommen sah und die Gleichsetzung der Sozialdemokratie mit dem Faschismus theoretisierte. Innerhalb dieses allgemeinen politischen Rahmens argumentierte die KPJ, daß eine bürgerlich-demokratische Revolution in Jugoslawien unungänglich war und daß diese bald in eine proletarische sozialistische Revolution umgewandelt werden würde. Die taktische Folge dieser kurzfristigen strategischen Perspektive schloß den Boykott reformistischer Gewerkschaften und eine abstrakte, sektiererische Konzeption der Einheitsfront-Politik mit ein.

Kurze Zeit nach dem KPJ-Kongreß setzte König Alexander von Jugoslawien unter dem Vorwand der Regierungskrise vom späten Dezember 1928 und im Bündnis mit den bürgerlichen Parteien die Verfassung von 1921 außer Kraft und löste die Nationalversammlung auf. Im Anschluß daran (6. Jänner 1929) errichtete er ein bonapartistisches Regime, indem alle Macht in den Händen des Monarchen zentralisiert war. Er bildete eine neue Regierung, die von General Petar Zivkovic angeführt wurde und aus dem Monarchen treuen Politikern bestand. Desweiteren erließ er die Auflösung der KPJ, die schon seit einiger Zeit verboten worden war, und errichtete eine Herrschaft des Terrors über das ganze Land.

Die KPJ, tief in die Politik der Dritten Periode versunken, antwortete auf diese Ereignisse mit der Annahme der abenteuerlichen Losung für einen bewaffneten Aufstand. Diese Politik wurde auf die Einschätzung der Situation als einer der verallgemeinerten (staatlichen, ökonomischen und politischen) Krise des ganzen Systems der Herrschaft der serbischen Bourgeoisie gestützt. Gleichzeitig wurde die Partei aber von der staatlichen Repression skrupellos zerschlagen. Djakovic war einer der hunderten kommunistischen Führer und Mitglieder der KPJ, die in dieser Zeit vom jugoslawischen weißen Terror ermordet wurden, während sich die Gefängnisse füllten.

Die Politik der Dritten Periode, die von Milan Gorkic & Co nach dem Putsch vom 6. Jänner verfolgt wurde, führte somit dazu, daß viele Kommunisten in den Tod geschickt wurden. Diese abenteuerliche Politik führte unter jenen KPJ-Mitgliedern, die sich in Moskau aufhielten, zur Entstehung einer starken Opposition, vor allem innerhalb der Gruppierung des linken Flügels, die zu dieser Zeit cirka 50 Leute umfaßte. Diese Opposition hatte ihr Zentrum in der KPJ-Schule in Moskau und hatte die Gorkic-Bucharin-Unternehmungen von Beginn an kritisiert.

Im Februar 1929 berief die Komintern eine Generalversammlung der "Moskauer" Jugoslawen ein, um die Auseinandersetzungen beizulegen. Nach einer heftigen Diskussion erklärte die Versammlung, daß der von der Komintern erbrachte Bericht nicht zufriedenstellend wäre, und lehnte die von der Komintern selbst vorgelegte Resolution ab. Stattdessen wurde mit 90 zu 5 Stimmen eine Gegenresolution angenommen, die der Leitung der KPJ-Führer die Schuld gab, und somit indirekt eine Ablehnung der Komintern-Politik beinhaltete. An der Spitze dieser Opposition stand die jugoslawische trotzkistische Gruppe in Moskau, die im Herbst/Winter 1928 auf der Grundlage von Differenzen gebildet wurde, die sowohl die innere Politik der Sowjetunion (Agrarfrage, Bürokratisierung der Partei) als auch die Poltik der Komintern auf internationaler Ebene (Anglo-Russisches Gewerkschaftskomitee, Chinesische Revolution von 1925-27) betrafen.

* * *

Neben ihrer Kritik an der russischen Partei und der Komintern führte die jugoslawische trotzkistische Gruppe in Moskau in dieser Periode eine tiefgehende Diskussion über den Charakter der jugoslawischen Revolution. Der historisch linke Flügel der KPJ war in den vergangenen Jahren (1924-25) dafür eingetreten, das den Nationalitätenproblem auszunutzen, um die Perspektive der sozialen Revolution zu fördern. Unter der neuen KPJ-Führung wurde seit 1928 jedoch eine neue Orientierung angenommen, die darin bestand, die KPJ in den Dienst des bürgerlichen Nationalismus der national unterdrückten Minderheiten in Jugoslawien zu stellen. Die jugoslawische trotzkistische Gruppe in Moskau trat entschieden gegen die Unterordnung der proletarischen Avantgarde unter die Bourgeoisien der unterdrückten Nationalitäten auf. Sie konnte für diesen oppositionellen Standpunkt nahezu alle linksorientierten Jugoslawen gewinnen, die zu dieser Zeit in Moskau lebten, d.h. die überwiegende Mehrheit der in der Sowjetunion aktiven jugoslawischen Kommunisten.

Die jugoslawische trotzkistische Gruppe in Moskau, die die revolutionäre Tradition des historisch linken Flügels der KPJ fortsetzte, mußte ihre Aktivitäten in der vom stalinistischen Bonapartismus aufgezwungenen Illegalität entfalten. Diese Gruppe umfaßte etwa 20 Mitglieder und hatte eine aus sechs Mitgliedern bestehende Leitung. Ihre Führer waren: Stanko Draghic (russisches Pseudonym: Y.V. Kowalew), Sekretär des jugoslawischen trotzkistischen Führungsteams in Moskau, der Mitglied des Zentralkomitees der KPJ und Sekretär des lokalen Zagreber Komitees gewesen war; Mustapha Dedic (russische Pseudonym: Victor Solowiew), der Sekretär der Gewerkschaftskommission in Mostar, Herzegowina, gewesen war; Stepan Heberling (russisches Pseudonym: V. Suslow), der Mitglied der lokalen Führung der KPJ der Vojvodina in Novi Sad gewesen war; Ante Ciliga und zwei russische Kommunisten - Victor Zankow und Oresty Glibowsky.

Die Leitung stand in Kontakt mit der russischen trotzkistischen Organisation in Moskau. Die Aktivität der jugoslawischen trotzkistischen Gruppe in Moskau konzentrierte sich hauptsächlich auf die Arbeit unter den Arbeitern der Moskauer Fabriken und die jugoslawischen Kommunisten, die in Moskau lebten. Jene jugoslawischen Trotzkisten, die in den moskauer Fabriken arbeiteten, hatten Kontakt zu Arbeitern, die mit der russischen Linken Opposition sympathisierten. Auf der anderen Seite bestand die auf die KPJ-Mitglieder gerichtete Aktivität der jugoslawischen trotzkistischen Gruppe hauptsächlich in der Verurteilung der von der Komintern verfolgten Politik und ihrer konkreten Anwendung auf Jugoslawien. Somit wurde eine dirkete Verbindung zwischen den Fehlschlägen in Jugoslawien und der abenteuerlichen Politik der stalinistischen Komintern hergestellt.

Das einzige führende Mitglied der jugoslawischen Linken Opposition, über das nähere biographische Einzelheiten bekannt sind, ist Ante Ciliga. Er wurde 1898 in Istrien als Sohn einer kroatischen Bauernfamilie geboren. 1918 trat er der kroatischen Kommunistischen Partei bei und war als eines der Gründungsmitglieder der KPJ von 1919 bis 1921 in Jugoslawien, der Ungarischen Räterepublik, der Tschechoslowakei und in Italien aktiv. Er wurde zum Sektetär der kroatischen Sektion der KPJ bestellt und war seit 1922 laufend für die Partei im Ausland tätig. 1924 trat er in den Komintern-Apparat in Wien und danach in Prag ein. Im April 1925 wurde er in das Zentralkomitee der KPJ und ihr Politbüro gewählt. 1926 wurde er aus Jugoslawien ausgewiesen und war anschließend vorerst in Wien tätig. Im selben Jahr noch kam er in der Sowjetunion an, wo er Mitglied des "Auslandsbüros" der KPJ war, welches er auch im Balkansekretariat der Komintern in Moskau vertrat. Er war für drei Jahre Leiter der KPJ-Schule in Mokau und nahm 1928 am Sechsten Kongreß der Komintern teil. Ante Ciliga war eines der Gründungsmitglieder der jugoslawischen trotzkistischen Gruppe in Moskau und unterrichtete ab 1930 an der Kommunistischen Universität in Leningrad, wohin die Leitung der Gruppe übersiedelt war.

Dieser Transfer stand im Zusammenhang mit der Entscheidung der stalinistischen Komintern, mit der Liquidierung der jugoslawischen trotzkistischen Gruppe Ernst zu machen. Der erste Schritt in diese Richtung war die Schaffung einer eigenen Kommission, die damit beauftragt war, über den Fall der jugoslawischen linken Opposition zu urteilen, mit dem Ziel, diese auszuschließen. Nachdem diese Maßnahme fehlschlug, wurde eine weitere Kommisssion, die aus Mitgliedern des Zentralkomitees der KPJ und Führern der Komintern bestand, aufgestellt. Ihren Vorsitz führte der Ex-Menschewist N.N. Popow. Die Kommisssion beendete ihre Arbeit sechs Monate später und berief eine Versammlung ein, um ihre Schlußfolgerungen bekannt zu geben. Der Antrag zur Billigung dieser Schlußfolgerungen wurde von einer Mehrheit von 21 gegen 17 Stimmen getragen, doch die beachtliche Minderheit suchte beim Zentralkomitee der KPJ um eine Überprüfung der ganzen Angelegenheit an.

Einige Tage später trat eine Kontrollkommission unter der Führung von Soltz zusammen, um die Repression gegen die jugoslawischen Linksoppositionellen zu organisieren. Das Ergebnis dieser Sitzung war der Ausschluß Ante Ciligas und zweier jugoslawischer Studenten von der KPJ-Schule für ein Jahr. Desweiteren wurden andere Studenten dazu gezwungen, Moskau zu verlassen, um dabei "zu helfen, die inneren Streitigkeiten in der jugoslawischen Partei beizulegen". Zusätzlich bekamen einige dutzend Studenten scharfe Verwarnungen. Diese bürokratischen Maßnahmen wurden in Kombination mit dem Versuch der politischen und finanziellen Korruption durchgeführt, um die jugoslawischen Trotzkisten für die stalinistische Dorktrin zu gewinnen. Damit einher ging eine Lockerung der Repression für eine bestimmte Phase.

In der Zwischenzeit, kurz nach der Annahme der disziplinären Maßnahmen, wurde eine Versammlung der jugoslawischen trotzkistischen Gruppe, an der etwa zehn Mitglieder teilnahmen, abgehalten. Diese Versammlung beschloß, den Kampf unter der KPJ-Mitgliedschaft fortzusetzen - wenn nötig auch in der Illegalität. Die jugoslawischen Linksoppositionellen begannen mit der Zirkulation von Dokumenten, in denen die vom Zentralkomitee der KPJ verfolgte Politik scharf kritisiert wurde. Später, gegen Herbst 1929 übersiedelte die Leitung der Gruppe nach Leningrad.

Die Ereignisse in der Sowjetunion der Jahre 1929-30 brachten innerhalb der Führungsgruppe der jugoslawischen Trotzkisten einige Differenzen zum Vorschein. Während die Mehrheit (Draghic, Heberling, Ciliga und die zwei russischen Genossen) ein energischeres Vorgehen gegen die KPJ forderte, trat Dedic für eine moderatere Orientierung ein. Aus Ciligas Aussagen geht jedoch hervor, daß auch innerhalb der Mehrheit unterschiedliche Nuancen existierten: Während Glibowsky "rechts" stand und Zankow "links", bildeten Draghic, Heberling und Ciliga selbst mehr oder weniger das "Zentrum", dem eine Zwischenstellung zukam.

Im April 1930 waren die jeweiligen Positionen abgeklärt. Dedic verließ die Gruppe. Die anderen Führer waren aber von diesem Austritt nicht entmutigt, sondern wie nie zuvor bereit, ihre linksoppositionelle Tätigkeit fortzusetzen. Ciliga verließ daher am 1. Mai 1930 Leningrad und fuhr nach Moskau, um mit der Leitung der russischen trotzkistischen Organisation die existierenden Differenzen innerhalb der jugoslawischen Führungsgruppe zu diskutieren. Die Stimmung in Moskau war aber keineswegs für theoretische Diskussionen geeignet. Die Moskauer Bolschewiki-Leninisten waren zu dieser Zeit vollauf damit beschäftigt, eine großangelegte Aktivität in den Fabriken zu entfalten.

* * *

Nachdem Ciliga am 10. Mai nach Leningrad zurückgekehrt war, wurde er elf Tage später verhaftet. Dedic wurde ebenfalls am 21. Mai festgenommen, während Draghic untertauchen konnte und erst drei Monate später verhaftet wurde. Dasselbe Schicksal wurde Heberling, Zankow, Glibowsky und weiteren cirka zwanzig unbekannten jugoslawischen Linksoppositionellen, die in Moskau oder Leningrad lebten, zuteil. Draghic, Ciliga, Zankow, Glibowsky und Dedic wurden in das politische Isolationslager von Werchneuralsk geschickt. Die beiden russischen Genossen waren die ersten, die dort ankamen, um ihre Strafe von drei Jahren abzusitzen. Ciliga und Dedic, die ebenfalls zu drei Jahren verurteilt wurden, trafen etwa zwei Monate später in Werchneuralsk ein. Unmittelbar danach kam Draghic an. Die Gulag-Tragödie hatte also auch für die jugoslawischen Linksoppositionellen begonnen.

Sie waren alle aktive Mitglieder des Bolschewistisch-Leninistischen Kollektivs in Werchneuralsk. Nach Ciligas Zeugnis existierten unter den Trotzkisten in Werchneuralsk zu dieser Zeit drei Strömungen: (a) die "rechte" Tendenz, die stärkste, die von E. Solntsew, G. Yakowin und G. Stopalow auf der Grundlage des "Programm der Drei"geführt wurde und der auch F. Dingelstedt angehörte; (b) eine kleine "Mittelgruppe", geführt von Trotzkis Schwiegersohn Man Nevelson und Aaron Papermeister, die auf der Grundlage des "Programms der Zwei" stand; und (c) eine "linke" Fraktion, der Pushas, Kamenetsky, Kwatciadze und Bielensky angehörten und die auf der Grundlage der "Thesen der kämpfenden Bolschewiken" stand. Die rechte und die Zentrums-Tendenz gaben ein gemeinsames Organ Pravda v tyurme (Die Pravda in der Gefangenschaft) heraus, während die linke Fraktion das Organ Voinstvuiscy bolshevik (Der kämpfende Boschewik) produzierte. Diese Journale, die aus einer Reihe handgeschreibener Notizbücher bestanden, erschienen monatlich oder zweimonatlich und wurden mit einer Auflage von drei Stück hergestellt herausgebracht - je eine für eine Isolationsabteilung.

Im Jahr 1930 drehten sich die Diskussionen unter den Trotzkisten in Werchneuralsk um die Haltung, die gegenüber der von Stalin begonnenen "linken" Politik (Fünfjahresplan, verstärkte Industrialisierung und Kollektivierung der Landwirtschaft) einzunehmen wäre. Die rechte Tendenz argumentierte, daß der Fünfjahresplan trotz der Methoden, mit denen er durchgeführt wurde, den Wünschen der Linken Opposition entsprach. Während die Rechten zwar die Methode der offiziellen stalinistischen Wirtschaftspolitik kritisierten, riefen sie daher dennoch zu ihrer Unterstützung auf. Die linke Fraktion, der sich Ciliga angeschlossen hatte, war anderer Meinung. Sie meinte, daß eine Reform der Sowjetökonomie von unten kommen müßte und daß es notwendig wäre, sich selbst auf die Arbeiterklasse zu stützen - mit der Perspektive, die Partei zu spalten. Nach Ansicht jener linken Bolschewiki-Leninisten waren sowohl der Fünfjahresplan als auch die stalinistische Wirtschaftspolitik ein Bluff. Was die internationale Situation betraf, so wiesen sie die offizielle Ansicht, daß man sich in einer weltweiten ökonomischen Krise und einer für die Revolution günstigen Lage befand zurück, und griffen so die ganze Konzeption der "Dritten Periode" der Komintern scharf an.

Der politische Kampf innerhalb des Bolschewistisch-Leninistischen Kollektivs in Werchneuralsk verschärfte sich zunehmends. Die rechte Tendenz und die Mittelgruppe, die sich weitgehend verschmolzen hatten, stellten der linken Fraktion ein organisatorisches Ultimatum: Entweder sie ließen ihre Fraktion auf und stellten ihr Organ ein oder sie würden vom Kollektiv ausgeschlossen werden.

Schließlich kam es im Sommer 1931 zur Spaltung, aus der zwei verschiedene Gruppen hervorgingen: das Bolschewistisch-Leninistische Kollektiv der Mehrheit (75-78 Mitglieder umfassend) und das linke Bolschewistisch-Leninistische Kollektiv (51-52 Mitglieder umfassend). Einige Mitglieder blieben außerhalb der beiden Gruppen und riefen zu ihrer Versöhnung auf. Das linke Kollektiv begann ein eigenes neues Organ, Bolschewik-Leninist, herauszugeben, dessen Redaktion sich aus N. P. Gorlow, V. Densow, M. Kamenetsky, P. Pushas und Ante Ciliga zusammensetzte. Ciliga brach allerdings später mit dem linken Kollektiv und beteiligte sich an der Gründung der "Föderation linker Kommunisten", die die Anhänger Myasnikows, die "Decisten" und einige Ex-Trotzkisten zusammenschloß. Die wesentliche politische Position dieser Gruppe war die Ablehnung, den Charakters der Sowjetunion als den eines (wenn auch degenerierten) Arbeiterstaates anzuerkennen. Der stalinistische Sowjetstaat wurde stattdessen als "staatskapitalistisch" definert - eine Position, die auch von den Menschewisten geteilt wurde.

* * *

Die jugoslawischen Linksoppositionellen wurden am 22. Mai 1933, als ihre Haftzeit zu Ende war, nicht entlassen. Nach einem 23 Tage dauernden Hungerstreik wurden sie, ohne Verhandlung und ohne Bekanntgabe der Anschuldigungen, zu zwei weiteren Jahren Gefangenschaft verurteilt. Ciliga wurde über Tscheljabinsk nach Jenisseisk (im Distrikt Irkutsk, Ostsibirien) deportiert; Dedic wurde in das Dorf Kolpaschewo (im Distrikt Narym, Ostsibirien) geschickt; Draghic wurde nach Saratow an der Wolga deportiert; Heberling wurde von Gegängnis zu Gefängnis bis zum Ural hinauf geschickt. Draghic gelang 1934 die Flucht. Er wurde an der russisch-polnischen Grenze aber wieder gefangengenommen und in einem geheimen Kerker auf den Solowezkije-Inseln eingesperrt. Zwei Jahre später wurde ihre Deportation von der stalinistischen GPU um weitere drei Jahre willkürlich verlängert.

Ciliga konnte aus seiner italienischen Staatsbürgerschaft einen Vorteil ziehen. Dank des Drucks, den seine Verwandten im Ausland ausübten, gelang es ihm, seine Strafe in Ausweisung aus der Sowjetunion zu verwandeln. Er ging anschließend nach Paris, wo er für einige Zeit aktiv an der trotzkistischen Bewegung teilnahm, mit der er in Prag auf seinem Weg nach Frankreich durch zwei tschechische Trotzkisten - Wladislaw Burian und Jan Frankel - in Berührung gekommen war. Ciliga arbeitete am russischsprachigen Organ der trotzkistischen Bewegung dem Biulleten Oppozitsii mit und begann eine Korrespondenz mit Trotzki.

Seine Mitgliedschaft in der Bewegung dauerte allerdings nicht lange. Anfang Juni 1936 publizierte das menschewistische Journal Sotsialistichesky Vestnik einen Artikel von Ciliga mit dessen Einverständnis. Dies veranlaßte Trotzky zu schreiben, daß Ciliga ein "Ultralinker" wäre, der sich dem menschewistischen Opportunismus angenähert hätte und mit dem jede weitere Zusammenarbeit unmöglich wäre (Biulleten Oppozitsii, Nr. 51, Juli-August 1936). In einem Brief an das Internationale Sekretariat vom 22. Juni 1936 drückte Trotzki seine Ansicht über Ciliga in folgender Weise aus:

<dir><dir>

"... Wir wissen nicht, wie die politische Entwicklung von Ciliga in der kommenden Periode sein wird. Während wir nicht beabsichtigen, die Bedeutung seiner Arbeit auf dem Gebiet der reinen Information herabzusetzen, müssen wir dennoch klar sehen, daß er uns weit entfernt steht, sofern theoretische und politische Fragen betroffen sind, und uns sogar feindlich gegenübersteht, wenn wir ihn aufgrund dessen, was er schreibt, beurteilen ... wir müssen nicht nur den Schluß ziehen, daß Ciliga kein Bolschewik-Leninist ist (er selbst sieht sich andererseits auch gar nicht als solcher), sondern auch daß er kein Marxist ist. Bis 1929 war er ein stalinistischer Intellektueller, wie man sie überall auf der Welt finden kann: halbliberal im Denken, humanistisch, idealistisch, sicherlich sehr aufrichtig auf seiner Weise, aber unfähig, den Marxismus und die Gesetze der proletarischen Revolution zu verstehen. Während der stalinistischen Zickzacks der Jahre 1928-29 veranlaßte ihn seine intellektuelle Aufrichtigkeit, gegen den offiziellen Kurs in Opposition zu gehen und uns nahe zu kommen. Er entdeckte plötzlich, daß die B[olschewiki]-L[eninisten] schon seit langer Zeit vorhergesehen hatten, was passieren würde, und sogar ein System politischer Maßnahmen vorgeschlagen hatten. Diese Entdeckung war aber dennoch nicht ausreichend, um die Art und Weise, in der er die Realität betrachtete, zu ändern. Selbst im Isolator blieb er, was er immer schon war: ein Idealist, fanatischer Demokrat, der, stalinistisch wie er war, anti-Stalinist wurde, aber kein Marxist. Er merkte plötzlich, daß er auf unserem linken Flügel stand, da er der Sowjetunion jeglichen fortschrittlichen Charakter absprach und sie mit jedem anderen Ausbeuterstaat gleichsetzte. Aber sein Ultralinkstum sollte im Ausland auf die Probe gestellt werden. Dann begann er die Position zu verteidigen, daß wir auch die verfolgten und eingeschüchterten Menschewiki verteidigen sollten. Er tat das auf den Seiten des Journals der Menschewiki, wo er uns auf der politischen Ebene aufklärt, d.h. kritisiert.

</dir></dir>

Bevor er diesen Schwenk machte, hatte ich ihn darauf aufmerksam gemacht, daß seine Zusammenarbeit mit den Menschewiki automatisch seine Zusammenarbeit mit uns verhindern würde. Er antwortete mir in einem langen und sehr wirren Brief, der im wesentlichen auf Folgendes hinauslief: Wenn ihr die Notwendigkeit eines gemeinsamen Kampfes mit den Sozialdemokraten gegen den Faschismus anerkennt, warum verbündet ihr euch dann nicht mit den Menschewiki gegen Stalin? Dies ist ein klassisches Beispiel, wie der ultralinke Formalismus in den Sumpf des ärgsten Opportunismus führt. Die parlamentarische Demokratie mit ihren Blums repräsentiert, wenn auch nur für eine kurze Zeitspanne, im Vergleich zum Faschismus tatsächlich ein kleineres Übel, und wir sind bereit, ein solches kleiners Übel gemeinsam mit den Sozialdemokraten zu verteidigen. Der kleinbürgerliche Menschewismus ist aber nicht im geringsten ein kleineres Übel verglichen mit dem stalinisierten sowjetischen Staat, den wir durch unseren kompromißlosen Kampf immer noch hoffen auf den Weg zum Sozialismus zurückzubringen.

Die zweite große Differenz, die wiederum mit der ersten eng verbunden ist, besteht darin, daß die Sozialdemokratie in einer Reihe von kapitalistischen Ländern tatsächlich eine Massenpartei darstellt, der wir als Realität gegenübertreten müssen. Die Einheitsfront mit Dan gegen Stalin enthüllt nur Ciligas innere Neigung zum Menschewismus (ebenso zum Anarchismus, der bekannterweise nicht anderes als ein ins Extreme getriebener Liberalismus ist). Tatsächlich war Ciliga, wie viele andere ausländische Stalinisten auch, nichts anderes als ein fanatischer Menschewik. Der Fanatismus ist nun verschwunden, doch der Menschewismus ist geblieben.

Wir werden Ciligas Artikel im Biulleten [Oppozitsii] nicht mehr veröffentlichen, weil wir der stalinistischen Bürokratie nicht das großzügige Geschenk machen können, uns selbst zu diskreditieren, indem wir gemeinsame Mitarbeiter mit den Menschewiki haben. Der stalinistische Wolf versucht aus dieser Tatsache natürlich einen Vorteil zu ziehen, um Ciligas Enthüllungen herabzusetzen. Wir haben ihn von unserer Seite aus nie als theoretische oder politische Autorität zu Hilfe gerufen. Die Tatsachen, die er bekannt gemacht hat, behalten ihren Wert aber auf jeden Fall.

Klarerweise will ich nicht behaupten, hier eine endgültige Einschätzung von Ciliga und seiner weiteren Entwicklung zu geben. Wenn es ihm gelingt, durch neue Erfahrungen ein Marxist zu werden und daher sich uns wirklich anzunähern, würden wir uns bestimmt aufrichtig darüber freuen. Jeder von uns wird alles Mögliche tun, um diese Entwicklung zu begünstigen. Der Anfang zu dieser Umwandlung sollte seinerseits jedoch aus prinzipiellen Gründen der Verzicht auf die Zusammenarbeit mit den Menschewiki sein - eine Zusammenarbeit, die in einer Periode, wo die französischen Freunde der russischen Menschewiki an der Macht sind, unsere Zeitung verbieten und unsere Genossen verfolgen, in doppelter Hinsicht kriminell ist. Ciliga ist sich absolut nicht im Klaren darüber, daß die Bolschewiki-Leninisten nicht nur von Stalin, sondern von den Menschewiki auf der ganzen Welt verfolgt werden, und dies im Fall eines Kriegs im weitaus verstärktem Maße sein werden."

<dir></dir><dir></dir>

Ciligas weitere politische Entwicklung zeigte, daß Trotzki recht hatte. Nachdem er sich über sein Ultralinkstum den Menschewiki angenähert hatte, kehrte er während des Zweiten Weltkriegs nach Kroatien zurück, wo er eingesperrt und zum Tod verurteilt wurde. Später wurde er jedoch entlassen und arbeitete mit prowestlichen bürgerlichen Gruppierungen zusammen, nachdem er offen sozialdemokratische Positionen angenommen hatte. Nach dem Krieg lebte er in Paris und Rom, wo er sich weiter nach rechts entwickelte.

Er ist heute der einzige Überlebende des kleinen jugoslawischen trotzkistischen Kerns, der es vor mehr als 50 Jahren gewagt hatte, den bürokratischen Leviathan herauszufordern. Was aber war das Schicksal von Draghic, Heberling und Dedic? Und der beiden Russen Zankow und Glibowsky? Niemand weiß das. Aber man braucht nicht viel Phantasie, um es sich vorzustellen: Sie waren unter den Millionen Opfern der stalinistischen Terrorwelle der Jahre 1936-38 - erschossen in der sibirischen Tundra oder durch eine Kugel in den Kopf in den Kerkern der GPU liquidiert. Das war der tragische Epilog der ersten jugoslawischen linken Opposition.

 Übersetzung: F.Drexler

Ausgewählte Bibliographie:

 

  • Storia della Lega dei Comunisti della Jugoslavia, Edizioni del Gallo, Milan 1965;
  • Josip Broz (Tito), La lotta e lo sviluppo del Partito Comunista della Jugoslavia tra la due guerre. Le lezioni di Kumrovec, Komunist - Aktuelna Pitanija Socializma, Beograd 1979;
  • Ante Ciliga, "Lettre du camarade Ciliga" (datiert und an die Pariser Redaktion des Biulleten Oppositzii geschickt am 9. Dezember 1935), in A bas la repression contre-revolutionnaire en URSS!, Editions "Quatrieme Internationale", Paris 1936, pp. 6-16;
  • Ante Ciliga, Au pays du grand mensonge, Gallimard, Paris 1938;
  • Ante Ciliga, Siberie, terre de l´exil et de l´industrialisation, Les Iles d´Or, Paris 1950;
  • Ante Ciliga, "Come Tito s´impadroni del P.C. Jugoslavo", in Corrispondenza Socialista No. 7, July 1961, pp. 393-399;
  • Ante Ciliga, La crisi di stato della Jugoslavia di Tito, ODEP, Rome 1972;
  • Ante Ciliga, Sam kroz Europu u ratu (1939-1945), Na Pragu Sutrasnjice, Rome 1978;
  • Ante Ciliga, Il labirinto jugoslavo. Passato e futoro delle nazioni balcaniche, Jaca Book, Milan 1983;
  • Edvard Kardelj, Tito e la rivoluzione socialista jugoslava, Aktuelna Pitanija Socializma, Beograd 1982;

    Leo Trotzki, Oeuvres, vols. 8-10 (January-July 1936), Etudes et Documentation Internationales, Paris 1980-81.

Quelle: http://www.agmarxismus.net/vergrnr/m10yu.htm







<< Zurck
Diese Webseite verwendet keine Cookies. Hier erfahrt ihr alles zum Datenschutz