Bürgerkrieg in Deutschland. Der Kaiser ging; doch die Bankherren, Industriebarone, Generale und Junker blieben. (Teil II)

07.09.10
TheorieTheorie, Arbeiterbewegung, TopNews 

 

von Otto Hennicke, bereitgestellt von Reinhold Schramm

Die Rote Ruhrarmee     

Die Arbeiterbewegung im Ruhrgebiet vor dem Kapp-Putsch

Das Ruhrgebiet, das Kernstück des rheinisch-westfälischen Industriegebietes, ist der am dichtesten besiedelte Teil Deutschlands. Reiche Steinkohlelager begünstigen ein schnelles Wachsen der Schwerindustrie. Mit der Industrie wuchs auch das Industrieproletariat, der revolutionärste Teil der Arbeiterklasse. Von 85 Städten in Deutschland mit mehr als 50.000 Einwohnern lagen 1921 im rheinisch-westfälischen Industriegebiet zwanzig, in denen mehr als 3 Millionen Menschen wohnten. Die Bevölkerungsdichte war in Rheinland-Westfalen 1920 doppelt so groß wie im Gesamtreich. Diese ungeheuere Konzentration des Ruhrproletariats begünstigte die Schlagkraft seiner Aktionen.

 Dazu kommt, dass die kapitalistischen Regierungen Deutschlands in der Metropole der Grundstoff- und Schwerindustrie ihre Unterdrückungsmittel von jeher besonders stark und brutal einsetzten. Das Proletariat kannte seinen Feind gut und verfügte über große Erfahrungen im Klassenkampf. Das führte dazu, dass das Ruhrproletariat zum politisch fortgeschrittensten und kampfbereitesten in Deutschland wurde.

 Schon im ersten Weltkrieg trugen die Ruhrkumpel durch ihre Streiks in den Jahren 1916 bis 1918 zur schnelleren Beendigung des imperialistischen Krieges bei. Die großen Aktionen der Ruhrarbeiter im Jahre 1919, die für sofortige Sozialisierung der Industrie, Sechsstundentag, Lohnerhöhung und Abzug des Militärs geführt wurden, hatte die Regierung nur durch den rücksichtslosen Einsatz von Truppen unterdrücken können.

 Die Ruhrarbeiter verteidigten die Errungenschaften der Novemberrevolution mit allen Mitteln. Um die Arbeiterklasse zu spalten, setzte die Regierung im April 1919 den Bielefelder sozialdemokratischen Redakteur Carl Severing als Reichskommissar mit besonderen Vollmachten ein. Dieser bewährte Diener der Bourgeoisie verstand es vorzüglich, durch Demagogie und kleine Zugeständnisse die Einheit der Streikfronten zu zerstören und dann die uneinigen Arbeiter der Willkür der Unternehmer und der Reichswehr auszuliefern.

 Anfang 1920 verschärfte sich der Klassenkampf im Ruhrgebiet erneut. Am 3. Januar brach ein großer Eisenbahnerstreik aus. Severing würgte ihn nach bewährter Methode unter Verwendung des Parteiapparates der SPD ab. Auch der Kampf der Bergarbeiter um die Sechsstundenschicht nahm an Heftigkeit zu. Für den 1. Februar plante die „Freie Arbeiter-Union“, eine syndikalistische Gewerkschaft, die „direkte Aktion“. Die Arbeiter wollten nach sechs Stunden ausfahren. Auch das brachte Severing mit Hilfe der rechten Partei- und Gewerkschaftsführer zu Fall. Es gelang ihm sogar, einen Beschluss herbeizuführen, der die Arbeiter zu Überstunden verpflichtete und ihre Ausbeutung weiter verschärfte.

 Inzwischen ging eine neue Terrorwelle über das Land. Als die werktätigen Massen stürmisch gegen das reaktionäre Betriebsrätegesetz protestierten, wurde von der Regierung am 13. Januar erneut der Ausnahmezustand über das Reich verhängt. Bei diesem Anlass verhaftete die Polizei allein in Hamborn 208 Personen. Im Gefolge neuer Streiks wurde der Ausnahmezustand für den westlichen Teil des Ruhrreviers am 24. Februar verschärft.

 Ein weiterer Umstand, der die revolutionäre Gärung beschleunigte, war die schlechte Lebensmittelversorgung des Ruhrgebietes. Schon 1919 kam es zu zahlreichen Hungerunruhen.

 So finden wir am Vorabend des Kapp-Putsches im Ruhrgebiet ein zahlenmäßig starkes, kampferfahrenes und entschlossenes Proletariat im Zustand äußerster sozialer und politischer Erregung.

 Im Ruhrgebiet arbeiteten Proletarier vieler Nationalitäten. 1922 waren zum Beispiel 27.640 Ruhrbergarbeiter Ausländer, das sind 5,07 Prozent. Darunter befanden sich Holländer, Österreicher, Ungarn, Tschechoslowaken, Jugoslawen, Polen, Italiener und Belgier. Außerdem wurden 1920 noch zahlreiche russische Kriegsgefangene hier festgehalten und ausgebeutet. In Hamborn waren 1920 12,5 Prozent aller Einwohner Ausländer. Diese nationale Uneinheitlichkeit, die die Unternehmer durch ungleichmäßige Behandlung und Entlohnung noch zu vertiefen versuchten, war ohne Zweifel ein Hemmnis für die Herstellung einer geschlossenen Arbeiterfront.

 Die Zersplitterung auf gewerkschaftlichem Gebiet war noch schwerwiegender. Von ihrem Ausmaß kann man sich eine Vorstellung machen, wenn man folgende zahlen liest:

 Neben den freien Gewerkschaften hatte Ende 1920 die Polnische Berufsvereinigung in Bochum, Abteilung Bergarbeiter 45.500, Abteilung Metall- und Fabrikarbeiter 9.604, der Verband evangelischer Arbeitervereine in Rheinland und Westfalen 51.820, der Verband katholischer Arbeiter- und Knappenvereine Westdeutschlands, Mönchen-Gladbach 179.351 Mitglieder.

 Auf dem 3. Parteitag der KPD Ende Februar 1920 wurde dazu festgestellt, dass „die wirtschaftlichen Kampforganisationen, freie, christliche, Hirsch-Dunckersche, polnische und gelbe Gewerkschaften, nach dem Krieg durch die Abspaltung der Opposition aus den freien Gewerkschaften und durch die Gründung der Unionen noch weiter zersplittert wurden“.(1) Die Unionen waren besonders im Westen des Ruhrreviers einflussreich. Sie erfassten in vielen Betrieben bis zur Hälfte der Belegschaften. 1921 besassen die Freie Arbeiterunion Gelsenkirchen 115.000, die Föderation der Bergarbeiter Oberhausen 22.697 Mitglieder. Zur Entstehung der Unionen stellt Wilhelm Pieck fest: „Gegen diesen verhängnisvollen Reformismus der Gewerkschaften, vor allem ihrer Führer, entstand bereits während des Krieges eine immer stärker werdende Opposition, in der sich zuerst - auch nach dem Kriege noch - alle Elemente zusammentrafen, welche die Kriegspolitik der Generalkommission, das war diejenige der SPD, verurteilten. Die ganze Haltung der Gewerkschaftsführer löste erklärlicherweise starke Tendenzen für die Spaltung der Gewerkschaften aus. -  Es kam jedoch nirgends zu größeren Abspaltungen, mit einer Ausnahme, bei den Bergarbeitern, wo 1919 die Bergarbeiterunion gegründet wurde ...“(2) In diesen syndikalistischen Organisationen verfielen die Arbeiter aber leicht der Demagogie scheinradikaler Führer.

 Am verhängnisvollsten wirkte sich jedoch die parteipolitische Zersplitterung des Proletariats aus. Durch den Radikalisierungsprozess, den das Proletariat im und nach dem Krieg durchmachen mußte, verlor die SPD ihre beherrschende Stellung im Ruhrgebiet. Die von der SPD-Politik enttäuschten Massen stießen aber bei ihrem Abschwenken nach links noch nicht zur KPD, sondern wurden von der USPD aufgefangen. Dadurch wurde die USPD zur stärksten Arbeiterpartei des rheinisch-westfälischen Industriegebietes. Sie zog zwar mit ihren revolutionären Losungen die Arbeiter an, aber ihre einflussreichen rechten Führer standen praktisch weiter auf dem Boden der rechten Sozialdemokratie. Nichtsdestoweniger war die Mehrheit der Mitglieder der USPD kommunistisch orientiert.

 Lenin schrieb darüber: „Die ,Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands’ ist in ihrem Innern offenkundig uneinheitlich: Neben den alten opportunistischen Führern (Kautsky, Ledebour u. a..), die ihre Unfähigkeit bewiesen haben, die Bedeutung der Sowjetmacht und der Diktatur des Proletariats zu erfassen und den revolutionären Kampf des Proletariats zu leiten, hat sich in dieser Partei ein linker, proletarischer Flügel gebildet, der auffallend schnell anwächst. Hunderttausende Mitglieder dieser Partei (die, glaube ich, ungefähr dreiviertel Millionen Mitglieder zählt) sind Proletarier, die Scheidemann den Rücken kehren und rasch dem Kommunismus entgegengehen. Dieser proletarische Flügel hat schon auf dem Leipziger Parteitag der Unabhängigen (1919) den sofortigen und bedingungslosen Anschluss an die III. Internationale beantragt.“(3)

 Wie stark der kommunistische Einfluss gerade auf die USPD-Mitglieder Rheinland-Westfalens war, zeigte sich nach dem Kapp-Putsch auf dem Parteitag der USPD in Halle vom 12. bis 17. Oktober 1920, als sich der linke Flügel der Partei von den Opportunisten trennte. Von den 73 Delegierten Rheinland-Westfalens billigten bei der entscheidenden Abstimmung 57 den Eintritt in die III. Internationale, das sind 78 Prozent, während von den Delegierten insgesamt nur 60 Prozent diese Haltung einnahmen.

 Auf dem Vereinigungsparteitag der KPD und des linken Flügels der USPD im Dezember 1920 wurde das bestätigt. Die Mehrheit der Mitglieder der USPD Rheinland-Westfalens verschmolz mit der KPD. Wenn die Mitglieder der USPD des Ruhrgebiets auch nicht in der überwältigenden Geschlossenheit die Vereinigung mit der KPD vollzogen, wie das die Hamburger unter Führung Ernst Thälmanns taten, so konnte Walter Stöcker doch auf dem außerordentlichen Parteitag der USPD am Vorabend der Vereinigung berichten: „... Im nördlichen Westfalen, nördlich der Ruhr in dem eigentlichen Bergarbeitergebiet, in Bochum, Gelsenkirchen, Recklinghausen steht unsere Sache sehr günstig. Insbesondere haben die Bochumer Genossen, sofort nachdem die Bezirksleitung nach rechts gegangen war, die ganze Bewegung zusammengefasst, und sie berichten uns jetzt, dass sie schon über 13.000 Mitglieder organisatorisch erfasst haben ... Einer der stärksten Bezirke, der auch in der alten Partei immer eine der festesten Stützen der Bewegung war, ist dann der so überaus wichtige Bezirk am Niederrhein, wo das Industrieproletariat so dicht zusammengeschart ist. Gerade in diesem Bezirk steht unsere Bewegung sehr günstig insofern, als eine Reihe von Kreisen und Orten fast ganz geschlossen bei uns geblieben ist: so Essen, so Remscheid, so Solingen, so der linke Niederrhein ...“(4)

 Auf die Frage, warum die linke USPD, die doch offensichtlich auf dem Boden des Kommunismus stand, nicht schon früher direkt zur KPD stieß, muss man zwei Gründe anführen. Zum ersten heißt es im Wahlaufruf des 4. Parteitages der KPD: „... Wir wissen, dass viele ... nur deswegen in der USP verblieben sind, weil durch die Strenge des Belagerungszustandes und durch die Härte unserer Verfolgung wir auf weit über ein Jahr gezwungen waren, im Dunkel der Illegalität zu arbeiten und uns ein freies Organisationsleben nicht möglich war.“(5)

 Die zweite Ursache erläutert Ernst Thälmann in einem Brief an befreundete Genossen der Linken der USPD in Köln. Darin heißt es: „Wenn ich meinem Herzen nachginge, wäre ich schon längst in den Spartakusbund eingetreten. Aber jede Übertrittsbewegung einzelner ist jetzt schädlich. Die Gründung einer revolutionären Partei, der Kommunistischen Partei, ist jetzt Tatsache geworden. Dieser notwendige Schritt ist getan. Es kommt jetzt darauf an, die Kommunistische Partei zu einer Massenpartei zu machen. Dies ist aber nur dann in kürzester Frist möglich, wenn sich der entscheidende Teil der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei mit der Kommunistischen Partei vereinigt. Diese Vereinigung anzustreben und diesem Ziel alles unterzuordnen, ist unsere revolutionäre Aufgabe. Es ist uns gelungen, innerhalb der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei ganze Organisationen zu erobern; das zeigt uns, welche Möglichkeiten wir haben und welchen Weg wir zurücklegen müssen.“(6)

 Der Kampf gegen den Kapp-Putsch war eine der entscheidenden Klassenschlachten, in denen sich die Masse der USPD-Mitglieder auf Grund der eigenen Erfahrung endgültig davon überzeugen konnte, dass nur die Kommunistische Partei das Proletariat zum Siege führen konnte und dass ihr Platz in dieser Partei war.

 Die Terrormaßnahmen des reaktionären Staatsapparates richteten sich vor allem gegen die junge KPD. Durch Belagerungszustand, Zeitungs- und Versammlungsverbote, Verhaftungen der Führer usw. war es gelungen, einen beträchtlichen Teil des Organisationsapparates der KPD im Ruhrgebiet zu zerstören.

 Die starke Revolutionierung des Proletariats in Verbindung mit der Tatsache, dass die Kommunisten als einzige Partei wirklich die Interessen des Proletariats vertraten, bewirkten jedoch, dass der ideologische Einfluss der Kommunisten weit größer war als ihre zahlenmäßige und organisatorische Stärke.

 Die Lage im Ruhrgebiet war also so, dass das stark revolutionierte Ruhrproletariat den kommunistischen Ideen besonders aufgeschlossen gegenüberstand. Die KPD war aber trotz ihrer führenden ideologischen Position organisatorisch noch zu schwach, um die feste Führung aller Aktionen zu übernehmen.  Sie konnte sich noch nicht überall gegen die Machenschaften der rechten Führer der SPD und USPD durchsetzen. Die in ihrer Mehrheit kommunistisch orientierten Mitglieder der USPD hatten den Verrat ihrer rechten Führer noch nicht völlig durchschaut und waren organisatorisch noch mit ihnen verbunden.

Ein Auszug: Otto Hennicke: Die Rote Ruhrarmee. Verlag des Ministeriums für Nationale Verteidigung, Berlin 1956.

Anmerkungen
1) Bericht über den 3. Parteitag der KPD am 25. und 26. Februar 1920, o. O. u. J., S. 46.
2) Jahrbuch für Wirtschaft, Politik und Arbeiterbewegung, 1922/23, S. 626.
3) W. I. Lenin, Ausgewählte Werke in zwei Bänden, Bd. II, Berlin 1953, S. 719.
4) Bericht über die Verhandlungen des Vereinigungsparteitages der USPD (Linke) und der KPD (Spartakus), Berlin 1921, S. 325.
5) Bericht über den IV. Parteitag der KPD am 14. und 15. April 1920, o. O. u. J., S. 108.
6) Ernst Thälmann, Reden und Aufsätze zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, Bd. I, Berlin 1955, S. 13.

In Folge: Die Vorbereitung des Kapp-Putsches im Ruhrgebiet. Die Haltung Watters und seiner Truppen zum Putsch. Die Kommunistische Partei stellt sich an die Spitze der Massenbewegung. Versuche der Rechtssozialisten, die Arbeiter irrezuführen.


VON: OTTO HENNICKE, BEREITGESTELLT VON REINHOLD SCHRAMM


Bürgerkrieg und Konterrevolution in Deutschland. Bourgeoisie, Reichswehr und rechtssozialdemokratische Führer vs. Arbeiterklasse. (Teil VII.)  - 14-09-10 21:39
Bürgerkrieg und Konterrevolution in Deutschland. Bourgeoisie, Reichswehr und rechte USPD und SPD-Führer vs. Arbeiterklasse. (Teil VI.)  - 13-09-10 21:20
Bürgerkrieg in Deutschland. Rechtssozialdemokraten und Militaristen gemeinsam als Kettenhunde des Finanzkapitals gegen die Arbeiter. Konrad Adenauer auf der Seite der landesverräterischen Separatisten. (Teil V)  - 12-09-10 20:15
Bürgerkrieg in Deutschland. Die revolutionären Kämpfe der Roten Armee im Ruhrgebiet. Die SPD suchte die Einheitsfront des Proletariats zu zersetzen. (Teil IV)  - 10-09-10 22:19
Die Rote Ruhrarmee  - 06-09-10 21:19




<< Zurck
Diese Webseite verwendet keine Cookies. Hier erfahrt ihr alles zum Datenschutz