Bürgerkrieg in Deutschland: Konterrevolution - Monarchisten, Bourgeoisie und SPD-Führung - vs. Arbeiterklasse. (Teil IV)

03.09.10
TheorieTheorie, Arbeiterbewegung, TopNews 

 

von Heiner Rasmuss, bereitgestellt von Reinhold Schramm

Die Januarkämpfe 1919 in Berlin

„Ruhe“ und „Ordnung“ wieder in Berlin


Am 6. Januar 1919 riefen die rechten SPD-Führer zu den Waffen. Die Republikanische Soldatenwehr, die von Fischer gekauften Abteilungen der Sicherheitswehr und fast alle Truppen, die der Berliner Kommandantur unterstanden, waren nicht gegen die Arbeiter einzusetzen. Die Regierung hatte sich verrechnet. Die am 4. Januar gestartete Provokation war an der spontanen Massenaktion erst einmal gescheitert. Die Volksbeauftragten sassen im „Kohlenbunker“ in der Wilhelmstraße und beteten, dass Noske mit seinen Truppen bald käme. Aber die Ebert und Scheidemann beteten nicht nur, sie ergriffen die gebotene Chance, die ihnen durch die Verhandlungspolitik der Ledebour und Genossen gegeben worden war. Während auf der einen Seite verhandelt wurde, bereitete die Regierung auf der anderen Seite in fieberhafter Eile alle Maßnahmen vor, die zu einer erfolgreichen militärischen Aktion gegen das Berliner Proletariat nötig waren.

 Da sich die rechte SPD-Führung in Berlin völlig isoliert hatte und darum mit einem aktiven erfolgversprechenden Einsatz von Arbeitergruppen nicht rechnen konnte, rief sie die Bourgeoisie zur Hilfe. Am 7. und 8. Januar verbreiteten reaktionäre Studenten „im Einverständnis mit dem Oberkommandierenden Noske“ Flugblätter, in denen es hieß: „... Jetzt könnt ihr zu den Waffen greifen, um die heilige Ordnung in Deutschland, namentlich in Berlin, zu schirmen. Vier Verbände nehmen euch sofort auf unter die freiwilligen Regierungstruppen. Es sind die Werbestellen: 1. Regiment Reinhard, Moabit; 2. Gardekavalleriedivision, Dahlem; 3. Landesjägerkorps, Zossen; 4. Division Hülsen, Werder.“ Am 9. Januar rief der Bürgerrat von Groß-Berlin: „Wir fordern jeden waffenfähigen gedienten Mann auf, sofort in die Republikanische Volkswehr einzutreten! ...“ SPD, Studenten, Bürgerrat riefen zum Kampf gegen Spartakus.

 Die rechten Führer versuchten gleichzeitig, die vor allen Arbeitern immer klarer werdenden Fronten so gut wie möglich zu verwischen. Es behagte ihnen offensichtlich nicht, in aller Öffentlichkeit mit der Reaktion Hand in Hand gesehen zu werden. Aber die Wirklichkeit führt eine deutliche Sprache. So schrieb der Erz-Militarist Reinhard am 9. Januar an das Preußische Staatsministerium: „Durch den Volksbeauftragten Noske bin ich beauftragt, ein Freiwilligenregiment aufzustellen ..., so richte ich hierdurch den Antrag an das Preußische Staatsministerium, den höheren, mittleren und unteren Beamten der Preußischen Ministerien und untergeordneten Behörden, unter denen sich ohne Zweifel ein vorzügliches Material befindet, soweit sie entbehrlich und gewillt sind, in mein Regiment oder in gleichgeartete Regimenter einzutreten, einen Urlaub auf beschränkte Zeit zu erteilen. ... Nur wenn alle Kräfte sofort zusammengefasst werden, kann es gelingen ..., auch die Wahlen in Berlin zu sichern. Gez Reinhard.“(37) Dem SPD-Funktionär Hirsch leuchtete dieses Argument ein. Hatten doch die SPD-Führer und Militaristen das gemeinsame Ziel, durch „freie Wahlen“ die Räte zu entmachten. Darum sandte er am selben Tag diesen Antrag an alle Dienststellen mit dem Hinweis, „dass die preußischen Zentralbehörden auf Beschluss der Regierung ersucht worden sind, der Sache jede mögliche Förderung zuteil werden zu lassen“. Entgegen diesen Tatsachen behauptete ein sozialdemokratisches Flugblatt am 10. Januar, dass es die SPD-Arbeiter seien, die den Kampf gegen Spartakus aufgenommen hätten. Dagegen erhob die konservative „Post“, hier einmal zu Recht, heftigen Protest. Sie schrieb unter anderem: „Was aber tut die Regierung? Sie lässt am Freitagmittag ... ein Flugblatt erscheinen, in dem sie leugnet, dass sie ... Offiziere, stellungslose Bürgersöhnchen und die Kriegshetzer der bürgerlichen Presse“ zu ihrer Unterstützung aufgerufen habe, dass „der klassenbewusste Arbeiter“ es ist, „der den Kampf gegen die Vergewaltigung aufgenommen hat“. Diese Sätze sind der Gipfel der Hinterhältigkeit und Verlogenheit. An anderer Stelle schrieb das Blatt: „... es sind gerade die besseren Elemente unter den Bürgern und Soldaten, sind die Offiziere und alten Unteroffiziere in hellen Scharen zu den Freikorps geeilt.“ Das gleiche Bemühen der SPD-Führer, vor ihren Mitgliedern und Wählern nicht als Anhängsel der rechten Konterrevolution zu erscheinen, ist auch in der entscheidenden Sitzung der SPD-Führer am 6. Januar 1919 deutlich geworden. Hier wurde einmal der Einmarsch der konterrevolutionären Truppen beschlossen, das andere Mal aber sollte diese Tatsache mit der Ernennung des „Arbeiters“ Noske zum Oberbefehlshaber bemäntelt werden. Noske erkannte sofort den Inhalt seiner Aufgabe, als er die berüchtigten Worte ausrief: „Einer muss der Bluthund werden, ich scheue die Verantwortung nicht.“ Der „Arbeiter“ Noske stand an der Spitze von sieben monarchistischen Generälen: von Lüttwitz, von Wissel, von Roeder, vom Hofmann, von Held, Maercker und von Hülsen. Er hatte über Gesinnung dieser Leute niemals Zweifel gehabt. Dazu schrieb Maercker: „wie vorurteilslos Noske uns gegenüberstand, mag folgendes kleines Beispiel zeigen: bei der Reichsregierung ging in der zweiten Januarhälfte von der Nordseefestung Borkum, deren Kommandant ich in den ersten Kriegsjahren gewesen war, folgendes Telegramm des Soldatenrates ein: ,wir halten es für unsere Pflicht, die Reichsregierung dringend vor dem dort befindlichen General Maercker ... zu warnen, der sich hier auf Borkum stets als Erzreaktionär schlimmster Sorte und als Herrenmensch erwiesen hat!’ - Noske steckte das Telegramm in einen Briefumschlag und schickte es mir als Geschenk zu.“(38)

 Gleiches Vertrauen brachte Noske dem „altpreußischen Offizier von altem Schrot und Korn, von der Auffassung des Zeitalters Kaiser Wilhelm I., royalistischen Edelmann vom Scheitel bis zur Sohle, der neuen Zeit mit tiefstem innerem Widerstreben gegenüberstehend,“(39) dem General von Lüttwitz entgegen. Gegen diesen Mann hatte selbst der sozialdemokratische Zentralrat ernsthafte Bedenken geäußert, als er an den Rat der Volksbeauftragten schrieb: „... Die Seele der gefährlichen, reaktionären Offizierselemente scheint General von Lüttwitz zu sein. Man sollte ihn schnellstens durch einen demokratischen Offizier ersetzen.“(40)

 Das Täuschungsmanöver der SPD, den „Arbeiter“ Noske an die Spitze der monarchistischen Generäle zu setzen, stiftete unter den Berliner Arbeitern Verwirrung und hat in der Praxis die Mehrheit der SPD-Mitglieder in Berlin politisch neutralisiert. Die Mittel zur Zerschlagung bzw. Verhinderung der Aktionseinheit erschöpften sich aber damit bei weitem nicht. Zur Demagogie gesellte sich eine antikommunisten Hetze, die sich von dem primitiven Wutgeheul des bürgerlichen Blätterwaldes keineswegs unterschied. So schrieb am 10. Januar der in einer nicht besetzten Druckerei hergestellte Regierungs-„Vorwärts“: „Die Blutschuld der russischen Söldner häuft sich von Stunde zu Stunde. Wahnsinn, Verrat, Korruption, gewissenloses Spiel mit Menschenleben - das ist der Charakter des spartakistischen Terrors. ... Aber die Abrechnung naht!“(41)

 Noske versprach, Berlin „mit dem jungen republikanischen Heere die Freiheit und den Frieden zu bringen.“(42) Wie diese Freiheit und jener Frieden aussahen, sei hier kurz skizziert: Am 9. Januar, um 9.00 Uhr, erschossen Angehörige der Suppegarde einen Soldaten und verprügelten den hinzueilenden Sanitäter mit Gewehrkolben. Vor dem Mossehaus erschlugen Regierungssoldaten einen hilfebringenden Sanitäter und verwundeten einen anderen schwer. Vor dem „Vorwärts“ wurden von diesen Soldaten drei Sanitäter ermordet. Am 11. Januar griffen regierungstreue Truppen die Mossebesatzung mit Flammenwerfern an. Die sieben Parlamentäre des „Vorwärts“ wurden nach Augenzeugenberichten mit Peitschen und Gewehrkolben bis zur Unkenntlichkeit geschlagen, dann ausgeplündert und erschossen. Die 300 gefangenen Arbeiter aus dem „Vorwärts“ schlug man blutig und sperrte sie in einen dunklen Pferdestall.

 Am 12. Januar wurden aus dem Polizeipräsidium fünf Revolutionäre auf offener Straße an die wand gestellt und erschossen. Ein sechzehnjähriger Knabe rief: „Hoch lebe Liebknecht!“ Und erhielt von einem jungen Soldaten des Maikäferregiments mit dem Kolben einen Schlag auf den Kopf, der ihm den Schädel spaltete. Der junge Mensch brach zusammen. Ein Sanitäter sprang hinzu, um ihn zu verbinden, darauf schrie man den Sanitär an: „zurück, lass den Hund verbluten!“ ... Ein junger Scharfschütze ... schoss den jungen Menschen nieder. Ein gefangener Chauffeur, der sich eine Äußerung dagegen erlaubte, wurde sofort durch drei Schüsse niedergestreckt. (43) Der Vorstand der SPD Berlin aber schrieb in diesen Tagen: „Wir kennen nur eine Gerechtigkeit: die ordentlichen Gerichte. Die sozialistische Regierung arbeitet nicht mit der Rohheit des Belagerungszustandes, der die Freiheit aufhebt, sondern wir wollen den geistigen, politischen Kampf. Befreit von jeder Gewalt und Bedrückung soll sich dieser Kampf in wirklicher Freiheit abspielen; ... Lernt aus den Lehren dieser Januarepoche: Freiheit, nicht Terror. Demokratie, nicht Diktatur!“(44) Diese Freiheit und Demokratie war jetzt ungehindert entfaltet. So bestand die Pressefreiheit jetzt in dem Verbot auch solcher Flugschriften, die zur Einigung der sozialistischen Parteien und zur Vermeidung von Blutvergießen aufriefen. Die Freiheit manifestierte sich auch in den „Ruhe- und Ordnungstruppen“, über die Maercker selbst folgendes schrieb: „Sie glauben deshalb, dass sie am besten täten, ihren Offizieren zu folgen. Ihr politisches Interesse war überhaupt gering. Spartakus muss eins aufs Dach bekommen.“ Das war ihr politisches Glaubensbekenntnis. Mit der Frage der Mittagskost und der Zigaretten, des Kinos und der Mädels und - dem Verlangen nach nicht allzuviel Dienst war ihr Neigungsbereich leider vielfach erschöpft.“(45) Die „deutsche Zukunft“ vom 12. Januar beschrieb diese Truppe: „Männliche Zucht und untadelige deutsche Straffheit und aufrechte kernige Haltung. Wie herrlich in der sauberen Ordnung, in der leuchtenden Disziplin, blutfrische kernige Gestalten ...“ usw.  Zwar ließ die SPD-Führung auch nach der Niederschlagung der Berliner Arbeiter nichts unversucht, um sich von diesen wildesten Konterrevolutionären dem Worte nach zu distanzieren, aber die den politischen Anschauungen der rechten SPD-Funktionäre nahestehenden Truppenteile waren nicht besser. Das von den rechten Sozialdemokraten Kutter und Baumeister geführte Regiment Reichstag hatte das von ihnen „beschützte“ Gebäude, um das niemals gekämpft worden ist, in folgendem Zustand hinterlassen: „Der Reichstag sieht aus wie ein Stall. Die Teppiche sind derart beschmutzt, dass ihre Reinigung unmöglich ist. Die Schränke der Abgeordneten sind restlos aufgebrochen und beraubt. Überall sieht man die Spuren der Seitengewehre und der Gewehrkolben. ... Schlösser sind abgeschraubt und gestohlen ... wertvolle Bücher sind zerrissen und in die Ecke geworfen, teils völlig verschwunden. In der Hausbibliothek sind ganze Werke einfach weggeschleppt und verschleudert ... Eine zügellose Horde hat in wenigen Wochen aus dem Haus ... eine Stätte barbarischer Verwüstung gemacht.“(46) Maercker schrieb, dass diese Art von Truppen „gegenwärtig von einem großen Teil der Bevölkerung mehr gefürchtet werden als die Spartakisten.“(47) Noske aber erklärte: „Raub und Plünderung entpuppt sich als das letzte und einzige Ziel der Aufrührer!“(48)

 Nachdem man in den Arbeitervierteln weiter geplündert, die Bevölkerung schikaniert, ganz Moabit hermetisch umzingelt und nach Waffen durchsucht hatte, Massenverhaftungen vornahm, war im Sinne der Konterrevolution Ruhe und Ordnung fast wiederhergestellt, aber noch nicht vollständig. Etwas fehlte noch. Was die „Frontsoldaten“, die Antibolschewistische Liga, schon lange forderten, übernahm jetzt auch der Regierungs-„Vorwärts“.
So schrieb ein Artur Zickler:

„Vielhundert Tote in einer Reih -
Proletarier!
Karl, Rosa, Radek und Kumpanei -
es ist keiner dabei, es ist keiner dabei!
Proletarier!“
(49)

Am 15. Januar 1919 waren auch die beiden besten Führer des deutschen Proletariats dabei!
Die beiden unerschrockenen Kämpfer, die niemals von der Seite des revolutionären Proletariats auch nur einen Schritt gewichen waren, fielen der entmenschten Soldateska zum Opfer. Aber in ihren Worten, die am gleichen Tage von den noch ahnungslosen Arbeitern in der „Roten Fahne“ gelesen wurden, leben sie auch heute unter uns:

„Nieder mit den Spartakisten! heult es in den Gassen. Packt sie, peitscht sie, stecht sie, schießt sie, spießt sie, trampelt sie nieder, reißt sie in Fetzen! ... Spartakus niedergerungen! jubiliert es von ,Post’ bis ,Vorwärts’, ... Jawohl! Geschlagen wurden die revolutionären Arbeiter Berlins! Niedergemetzelt an die Hundert ihrer Besten! Jawohl! In Kerker geworfen viele Hunderte ihrer Getreuen! ... Aber es gibt Niederlagen, die Siege sind; und Siege, verhängnisvoller als Niederlagen. Die Besiegten der blutigen Januarwoche, sie haben ruhmvoll bestanden; sie haben um Großes gestritten, ums edelste Ziel der leidenden Menschheit, um geistige und materielle Erlösung der darbenden Masse; sie haben um Heiliges Blut vergossen, das so geheiligt wurde. Und aus jedem Tropfen dieses Blutes, dieses Drachensaat für die Siege von heute, werden den Gefallenen Rächer erstehen, ... neue Kämpfer der hohen Sache, die ewig ist, unvergänglich wie das Firmament. Die Geschlagenen von heute werden die Sieger von morgen sein ... Spartakus niedergerungen! O gemach! Wir sind nicht geflohen, wir sind nicht geschlagen. Und wenn sie uns in Banden werfen - wir sind da, und wir bleiben da! Und der Sieg wird unser sein! ... Noch ist der Golgathaweg der deutschen Arbeiterklasse nicht beendet - aber der Tag der Erlösung naht ... und ob wir dann noch leben werden, wenn es erreicht wird, - leben wird unser Programm; es wird die Welt der erlösten Menschheit beherrschen.
T r o t z   a l l e d e m !“
Karl Liebknecht in der „Roten Fahne“ am 15. Januar 1919.

Auswirkungen und Gesamteinschätzung

Die Auswirkungen und Ergebnisse der Berliner Januarereignisse muss man von zwei Seiten aus betrachten. Bisher ist in wissenschaftlichen Arbeiten nur die Niederlage der Arbeiter behandelt worden. Diese Feststellung ist unzweifelhaft richtig, aber unvollständig. Das Berliner Proletariat war militärisch geschlagen, viele Hunderte in die Gefängnisse geworfen, viele der Besten hatten ihr Leben hingeben müssen - und schließlich waren die beliebtesten und bekanntesten Führer, Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, ermordet worden. Berlin wurde von konterrevolutionären und monarchistischen Truppen und die junge KPD (Spartakusbund) faktisch in die Illegalität gedrängt. Die bisher neutralen Truppenteile, ja selbst solche regierungstreue Verbände wie das Regiment „Reichstag“ wurden aufgelöst.

 Nach der militärischen Niederlage in Berlin wurden die Bewegungen in Bremen, im Ruhrgebiet, in Mitteldeutschland, Oberschlesien und Bayern von den Nosketruppen mit brutaler militärischer Gewalt unterdrückt. 15.000 Revolutionäre starben in diesem Kampf den Heldentod.

 Die andere Seite der Ergebnisse der Januarereignisse möchte ich in dem Satz zusammenfassen: Das Berliner Proletariat blieb ungebrochen! Die revolutionären Kräfte schlugen feste, tiefe Wurzeln in der Berliner Arbeiterschaft. Diese Tatsache verdeutlicht das Wahlergebnis am 28. Februar 1919. Bei der Wahl der Berliner Vollzugsräte erhielten die KPD 99, die USPD 305, die SPD 271 und die Demokraten 95 Sitze. Vordem sassen im Vollzugsrat zu drei Vierteln SPD-Mitglieder und Demokraten und zu einem Viertel USPD-Leute. Anfang März 1919 sahen sich die Noske und General Lüttwitz im Interesse der Konterrevolution erneut gezwungen, eine militärische Aktion gegen das Berliner Proletariat zu starten. Dieses Mal benutzten sie überall schwerste Waffen, 2-Zentner-Minen, Tanks und Bombenflugzeuge ermordeten nach den Aussagen Noskes über 1.000 Arbeiter.

 In diesen Kämpfen trat die KPD das erste Mal selbständig auf, wenn sie auch hier noch nicht zur Führung des Kampfes stark genug war. Sie warnte vor Provokationen und rief in einem klaren Programm die Arbeiter zum entschlossenen Widerstand um ihre Lebensrechte auf. Die Anzahl der an diesen Kämpfen aktiv teilnehmenden Revolutionäre stieg auf 12.000.  Die Hauptstadt Deutschlands blieb allem Terror zum Trotz an der Spitze der revolutionären Bewegung in Deutschland. Von den 6.130.841 Teilnehmern an politischen Streiks gewerblicher Arbeiter des Jahres 1919 waren es in Berlin allein 3.660.000. Der Streik der Berliner Metallarbeiter, der von August bis November 1919 andauerte, gibt ein anschauliches Bild von der revolutionären Kraft dieser Berliner Streikkämpfe. Die KPD wuchs aber nicht nur in ihrem Einfluss in den Betrieben, sondern hatte gleichzeitig eine bedeutende Anzahl von Mitgliedern gewonnen. Aus dem zahlenmäßig unscheinbaren Häuflein von rund 300 Spartakusmitgliedern im Januar 1919 war eine Parteiorganisation von 12.000 Mitgliedern geworden. In ganz Deutschland wuchs die Partei von Januar bis Oktober 1919 von etwa 1.000 auf 106.686 Kommunisten.

 Es ist darum unbefriedigend, wenn in der bisher einzigen marxistischen Arbeit über die Januarereignisse in der Dissertation von P. Manowa die Einschätzung der Folgen der Ereignisse von Richard Müller übernommen wird. R. Müller schrieb: „Die Aktion war wirklich die Marneschlacht der Revolution.“(50) P. Manowa übernimmt diesen Gedanken, wenn sie sagt: „Die Niederwerfung der Vorhut der Arbeiterklasse in den Januarkämpfen in Deutschland führte zu einem dauernden Triumph der Konterrevolution.“(51) Ernst Thälmann äußerte sich dazu in den „Lehren des Hamburger Aufstandes“: „Die Niederlage von 1923 war keine dauernde, ebensowenig wie die Niederlage des Spartakusbundes in den Nosketagen von 1919 eine dauernde war.“(52)

 Eine Gesamteinschätzung der Januarereignisse muss vor allem den historischen Fortschritt enthalten, der durch den heldenhaften Kampf des Berliner Proletariats erzielt wurde. Ein Wort von Karl Marx aus dem Buch: „Die Klassenkämpfe in Frankreich“, verhilft hier zum Verständnis des Problems. Er schrieb: „Was in diesen Niederlagen erlag, war nicht die Revolution. Es waren die vorrevolutionären traditionellen Anhängsel ... Personen, Illusionen, Vorstellungen, Projekte, wovon die revolutionäre Partei vor der Februarrevolution nicht frei war, wovon nicht der Februarsieg, sondern nur eine Reihe von Niederlagen sie befreien konnte. Mit einem Wort: Nicht in seinen unmittelbaren tragikomischen Errungenschaften brach sich der revolutionäre Fortschritt Bahn, sondern umgekehrt in der Erzeugung einer geschlossenen, mächtigen Konterrevolution, in der Erzeugung eines Gegners, durch dessen Bekämpfung erst die Umsturzpartei zu einer wirklich revolutionären Partei heranreifte.“(53) Im November 1918 waren die Arbeiter noch „einig“ unter dem „Banner des Sozialismus“ marschiert. Ja, selbst Bourgeoisie und reaktionäre Offiziere konnten in den Arbeiter- und Soldatenräten Plätze einnehmen. Im Dezember aber war in Berlin an Stelle der sozialen Phrase die Sache getreten. Unter der Agitation des Spartakusbundes begannen sich die Arbeiter neu zu formieren. Freund und Feind schieden sich in der Frage: Rätemacht oder Nationalversammlung, sozialistische Revolution oder bürgerliche Republik? Diesen Prozess der Massenaufklärung zu unterbinden, war die Absicht der Provokation der Ebert und Hindenburg. Dass sie die „freien Wahlen“ zur Nationalversammlung „Ruhe und Ordnung“ nur noch mit brutaler militärischer Gewalt durchsetzen konnten, war einerseits der Ausdruck ihrer Schwäche, nicht mehr mit dem Mantel des Parlamentarismus die bürgerliche Diktatur verdecken zu können, andererseits war es ein Zeichen der Schwäche der revolutionären Bewegung, die noch nicht imstande war, selbst den Ort und den Zeitpunkt des Kampfes um die Macht bestimmen zu können. Das Berliner Proletariat wurde zum Aufstand gezwungen. Schon darin lag seine spätere Niederlage begründet.

 Hatte aber diese militärische Niederlage den Aufklärungsprozess aufhalten können? Nein! Die revolutionären Arbeiter erkannten nicht nur die Unzulänglichkeiten der Novemberrevolution, sondern sahen auch, dass die wenigen Errungenschaften von dem schon totgeglaubten Gespenst des deutschen Militarismus, mit Noske an der Spitze, wieder rückgängig gemacht werden sollten. Aber auch der komplizierte, auf den ersten Blick nicht zu durchschauende Verrat der Haase und Dittmann, der Ledebour und Müller, war unter dem grellen Licht der revolutionären Massenkämpfe für viele sichtbar geworden.

 Die Front der Konterrevolution hatte sich deutlich formiert, die bisherigen Führer der revolutionären Massenkämpfe erwiesen sich als unfähig, die Avantgarde des Proletariats, die KPD (Spartakusbund) konnte sich als Massenpartei konstituieren - und sie konstituierte sich. Der revolutionäre Massenkampf spielte bei diesem Erkenntnisprozess die Rolle eines Pfluges. Er reißt die Erde auf und schleudert dabei die Schädlinge an die Oberfläche, die, einmal an das Tageslicht befördert, leicht zu vernichten sind. Der revolutionäre Massenkampf lockert aber gleichzeitig den Boden für die neue Saat. Den 300 Kommunisten, die auch während der Kämpfe an der Seite der Arbeiter gestanden hatten, war das Vertrauen der 5.000 Kämpfer gewiss. Aus den 5.000 Kämpfern im Januar wurden 12.000 im März. Über 1.000 Revolutionäre waren ermordet, aber 12.000 Mitglieder zählten die Berliner Kommunisten im Oktober; 15.000 der Besten in Deutschland gaben im Frühjahr 1919 ihr Leben, aber über Hunderttausend traten an ihre Stelle. Gewaltig waren die Opfer, hart die Niederlage. Rosa Luxemburg schrieb dazu: „Wo wären wir heute ohne jene Niederlagen, aus denen wir historische Erfahrungen, Erkenntnis, Macht, Idealismus geschöpft haben! Wir fußen heute ... geradezu auf jenen Niederlagen, deren keine wir missen dürfen, deren jede ein Teil unserer Kraft und Zielklarheit ist ... Wir hatten in Deutschland binnen vier Jahrzehnten lauter parlamentarische Siege, wir schritten geradezu von Sieg zu Sieg. Und das Ergebnis war bei der großen geschichtlichen Probe am 4. August 1914: eine vernichtende politische und moralische Niederlage, ein unerhörter Zusammenbruch, ein beispielloser bankrott. Die Revolutionen haben uns bis jetzt lauter Niederlagen gebracht, aber diese unvermeidlichen Niederlagen häufen gerade Bürgschaft auf Bürgschaft des künftigen Endsieges.“(54)

 Der Kampf der revolutionären Arbeiter Berlins im Januar 1919 war eine Niederlage, eine solche Bürgschaft des künftigen Endsieges. „In diesen Tagen hat das Berliner Proletariat die rote Fahne der Revolution mit der Inschrift: „Sieg!“ aus dem Schmutz erhoben, wohin sie durch Scheidemänner und Unabhängige hineingestoßen wurde, und unter diesem Banner wird es endgültig siegen!“(55)

Anmerkungen
37. „Republik“, vom 12.1.1919.
38. A. Maercker, Vom Kaiserheer zur Reichswehr, Leipzig 1921, S. 66.
39. Ebenda.
40. Reichskanzlei 2527/Blatt 31-34.
41. „Vorwärts“ vom 10.1.1919.
42. Aufruf Noskes am 11.1., zitiert bei R. Müller, a. a. O., S. 230.
43. „Freiheit“.
44. Ein Flugblatt, zitiert bei R. Müller, a. a. O., S. 78 f.
45. A. Maercker, a. a. O., S. 63 f.
46. „Freiheit“ vom 3.2.1919.
47. A. Maercker, a. a. O., S. 75.
48. Aufruf Noskes, zitiert bei R. Müller, a. a. O., S. 230.
49. „Vorwärts“ vom 13.1.1919.
50. R. Müller, a. a. O., S. 104.
51. P. Manowa.
52. E. Thälmann, Reden und Aufsätze zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, Bd. I, Berlin 1955, S. 261.
53. Marx/Engels, Ausgewählte Schriften in zwei Bänden, Band I, Berlin 1952, S. 123.
54. „Rote Fahne“ vom 14.1.1919.
55. „Rote Fahne“ vom 11.2.1919, Brief Swerdlows.

Quellen
„Der Ledebourprozess“. Verlagsgenossenschaft „Freiheit“, Berlin 1919.
Abk. Ledebourprozess.
Bericht des Untersuchungsausschusses über die Januarunruhen in Berlin, in: Sammlung der Drucksachen der Verfassunggebenden Preußischen Landesversammlung, Bd. 15, Nr. 4121 A,
Abk. UdPL, A.
Niederschriftenband über die erhobenen Beweise zum Bericht über die Januarunruhen 1919 in Berlin, in: Sammlung der Drucksachen der Verfassunggebenden Preußischen Landesversammlung, Bd. 15, Nr. 4121 B, Berlin 1921.
Abk. UdPL, B.
Urkundenband zum Bericht über die Januarunruhen 1919 in Berlin, in: Sammlung der Drucksachen der Verfassungsgebenden Preußischen Landesversammlung, Bd. 15, Nr. 2141 C.
Abk. UdPL, C. Berlin 1921.
Bericht über den Gründungsparteitag der KPD. Herausgegeben von der Zentrale der KPD (Spartakusbund).
Bericht über den 2. Parteitag der KPD. Herausgegeben von der Zentrale der KPD (Spartakusbund). 
„Zur Geschichte der Kommunistischen Partei Deutschlands“. Eine Auswahl von Materialien und Dokumenten aus den Jahren 1914 bis 1916. Herausgegeben vom Institut für Marxismus-Leninismus, Dietz Verlag Berlin, 1955, 2. Auflage.
„Der Dolchstoßprozess in München, Oktober-November 1920. Eine Ehrenrettung des deutschen Volkes.“ Zeugen- und Sachverständigenaussagen. Eine Sammlung von Dokumenten. Verlag G. Birk u. Co.,München.
Abk. Dolchstoßprozess.
Statistisches Jahrbuch für das Deutsche Reich, Jahrg. 1919/20.
Abk. Statistisches Jahrbuch.
Erinnerungen von Veteranen der Arbeiterbewegung. Im Institut für Marxismus-Leninismus, Abt. Veteranen.
Weber, Jakob: „Erinnerungen“, Unveröffentlichtes Manuskript eines aktiven Teilnehmers. 
Abk. Jakob Weber.
Darstellungen und Aufsätze
Marx-Engels: Ausgewählte Schriften in 2 Bänden, Bd. I, Dietz Verlag Berlin, 1952.
Lenin: Ausgewählte Werke in 2 Bänden, Verlag für fremdsprachige Literatur, Moskau 1947.
Luxemburg, Rosa: Ausgewählte Reden und Schriften in 2 Bänden, Dietz Verlag, Berlin, 1952, 1. Auflage.
Abk. Rosa Luxemburg.
Leibknecht, Karl: Ausgewählte Reden und Schriften, Dietz Verlag Berlin, 1952, 1. Auflage.
Pieck, Wilhelm: Reden und Aufsätze, Bd. I; Dietz Verlag Berlin, 1952, 3. Auflage.
Abk. Wilhelm Pieck.
Ulbricht, Walter: „Zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung“, Bd. I, Dietz Verlag Berlin, 1955, 4. Auflage.
Abk. Walter Ulbricht.
Thälmann, Ernst: reden und Aufsätze zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, Bd. I, Dietz Verlag Berlin, 1955.
Abk. Ernst Thälmann.
Oelßner, Fred: Rosa Luxemburg, eine kritische biographische Skizze, Dietz Verlag Berlin, 1952, 2. Auflage.
Abk. Fred Oelßner.
Kuczynski, Jürgen: „Die Geschichte der Lage der Arbeiter in Deutschland von 1800 bis in die Gegenwart“, Bd. I.  Die Freie Gewerkschaft, Berlin 1949, 5. Auflage.
Abk. Kuczynski.
Drapkin, J. S.: „Zur Frage des Charakters, der Triebkräfte und der Eigentümlichkeiten der Revolution von 1918 in Deutschland“, Übersetzung aus dem Russischen, unveröffentlichtes Manuskript im Institut für Geschichte des Deutschen Volkes, Humboldt-Universität, Berlin.
Abk. Drapkin.
Manowa, P.: „Über die Januarkämpfe in Berlin 1919", Dissertation.
Abk. Manowa.
„Illustrierte Geschichte der Revolution“, Redakteure: P. Fröhlich, J. Thomas, R. Lindau. Internationaler Arbeiterverlag, Berlin 1928.
Abk. Illustrierte Geschichte.
Müller, Richard: „Der Bürgerkrieg in Deutschland“, Phöbus-Verlag, Berlin 1925.
Abk. R. Müller.
Eichhorn, Emil: „Über die Januarereignisse, meine Tätigkeit im Berliner Polizeipräsidium“, Verlagsgenossenschaft „Freiheit“, Berlin 1919.
Falke, K.: „Januarereignisse in Berlin“, Im „Oktober“ - Militärpolitisches Mitteilungsblatt, Jahrg. 6, April 1931, Nr. 1/2, Seite 5-10.
„Volkskunst“, Monatszeitschrift für künstlerisches Schaffen, 5. Jahrg., Leipzig, 1956/1.
Lindau, R.: „Spitzel“, Vereinigung Internationaler Verlagsanstalten, Berlin 1922.
„Vom Spartakusbund zur KPD“, Materialien zur Geschichte der KPD. Vereinigung Internationaler Verlagsanstalten, Berlin.
„10 Jahre SPD“, Vereinigung Internationaler Verlagsanstalten, Berlin 1924.
Abk. 10 Jahre SPD.
Maercker: „Vom Kaiserheer zur Reichswehr“, Verlag K. P. Kochler, Leipzig 1921.
Abk. Maercker.
Noske, Gustav: „Von Kiel bis Kapp“, Verlag für Politik und Wirtschaft, Berlin 1920.
Noske, Gustav: „Erlebtes aus Aufstieg und Niedergang einer Demokratie“, Bollwerk-Verlag, Kar Drott, Offenbach am Main, 1947.
Fischer, Anton: „Die Revolutionskommandantur Berlin“, Verlag Anton Fischer, Berlin 1922.

Quelle: Heiner Rasmuss: Die Januarkämpfe 1919 in Berlin.
Verlag des Ministeriums für Nationale Verteidigung, Berlin 1956.



VON: HEINER RASMUSS, BEREITGESTELLT VON REINHOLD SCHRAMM


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