Die Januarkämpfe 1919 in Berlin

30.08.10
TheorieTheorie, Arbeiterbewegung, TopNews 

 

von Heiner Rasmuss, bereitgestellt von Reinhold Schramm 

Bürgerkrieg und Revolution in Deutschland: Konterrevolution (Bourgeoisie - Monarchisten - Militaristen - Nationalisten - Rassisten - Antisemiten - Kleinbürger - Sozialdemokraten) vs. Bewegung der revolutionären Soldatenräte und Arbeiterklasse. (Teil I.)

 Die Geschichte ist nicht tote Vergangenheit; sie besagt nicht nur woher wir kommen, sondern auch wohin wir gehen. Bestätigt werden diese Worte durch die Zeit des Imperialismus und der proletarischen Revolutionen. Das Studium gerade dieser Epoche ist eine Quelle für alle, die den Sozialismus in ihrem Lande vorbereiten oder bereits aufbauen helfen.

 Aus den Berliner Januarkämpfen 1919 gibt es eine Fülle für uns zu lernen. Eine Verallgemeinerung dieser Lehren ist unmöglich, ohne die besonderen historischen Bedingungen zu berücksichtigen. Darum soll der Ausgangspunkt meiner Arbeit eine Analyse des politischen Kräfteverhältnisses am Ende des Jahres 1918 und Anfang 1919 in Berlin sein. In der darauffolgenden Darstellung der Januarereignisse möchte ich versuchen, den revolutionären Berliner Arbeiter in seinem Leben, Denken und Fühlen, in seinen Kämpfen für eine Gesellschaft ohne Ausbeutung darzustellen. Meinen Ausführungen sollen die Worte des Genossen Swerdlow, die er anlässlich der Berliner Januarkämpfe schrieb, vor anstehen: „... Genossen! Wenn diese Zeilen in Ihre Hände geraten, wird die große Schlacht in Deutschland geschlagen sein. Die Schlacht des revolutionären Proletariats gegen die vereinigten Kräfte des Kapitals, der bürgerlich-junkerlichen Reaktion. Ungeachtet dessen, dass sie in diesem Kampf aller Voraussicht nach unterliegen werden, möchte ich heute schon Ihren stolzen Sieg begrüßen. Denn ich zweifle keinen Augenblick daran, dass, wie dieser Kampf auch enden möge, er nichts anderes sein wird und sein kann, als ein großer Sieg der Revolution.
... In diesen Tagen hat das Berliner Proletariat die rote Fahne der Revolution mit der Inschrift: Sieg! Aus dem Schmutz erhoben, wohin sie durch Scheidemänner und Unabhängige hineingestoßen wurde, und unter diesem Banner wird es endgültig siegen!“ (1)

 Der wissenschaftliche Wert des Berichtes, des Niederschriftenbandes und des Urkundenbandes aus den Drucksachen der Verfassunggebenden Preußischen Landesversammlung ist häufig zweifelhaft. Dieses Material ist ausschließlich zur Rechtfertigung der Politik gegen die revolutionären Arbeiter zusammengesucht worden. Für meine Aufgabenstellung war mir der Aufsatz aus der „Jungen Garde“ Nr. 10/1925 über den Kampf um das Mosse-Haus, die Artikelserie von Karl Grünberg in der „Roten Front“ vom November 1928 bis Januar 1929 über die Republikanische Soldatenwehr und das bisher unveröffentlichte Manuskript von Jakob Weber über die Erlebnisse im „Vorwärts“ und im Polizeipräsidium von unschätzbarem Wert. Die aus diesen Arbeiten von mir benutzten Abschnitte befanden sich in voller Übereinstimmung mit den Quellen. Zu dem Manuskript von Jakob Weber muss darüber hinaus noch bemerkt werden, dass es in Absprache mit Wilhelm Pieck, Otto Francke und weiteren 30 aktiven Teilnehmern geschrieben wurde.

 Von den umfassenden Darstellungen habe ich auf den Arbeiten von P. Manowa: „Über die Januarkämpfe in Berlin 1919", von Richard Müller: „Der Bürgerkrieg in Deutschland“ und auf den Ausführungen in der „Illustrierten Geschichte der Revolution“ aufbauen können. Das Neue in meiner Arbeit, im Unterschied zu den drei zuletzt genannten, besteht in dem Versuch, den historischen Fortschritt herauszuarbeiten, der durch die Kämpfe der revolutionären Arbeiter Berlins im Januar 1919 errungen wurde. Dass dieses Motiv bei dem „Unabhängigen“ Richard Müller nicht erscheint, kann nicht verwundern, dass aber auch die sowjetische Historikern P. Manowa diesen Gesichtspunkt außer acht lässt, das ist unverständlich.

Das politische Kräfteverhältnis in Berlin Ende 1918 - Anfang 1919

 Das kaiserliche Deutschland brach im Oktober 1918 wirtschaftlich, militärisch und politisch vollständig in sich zusammen. Anfang November lag die Macht auf der Straße - und wurde zunächst zögernd, dann mehr und mehr von dem unzweideutigen Willen der Arbeiter- und Soldatenmassen getrieben - von den rechten Führern der SPD und USPD wie ein heißes Eisen aufgenommen. Ruhig zu sein, war die erste Proklamation an die Massen. Vordem taten sie alles, um die Revolution, ja selbst die Abschaffung der Monarchie (2) zu verhindern.

 Jeder revolutionären Massenbewegung waren sie feindlich gesonnen (3). Trotz allem war ihr Einfluss auf die Volksmassen auch weiterhin bedeutend, weil diese den Schwindel ihrer rechten Führer noch nicht durchschauten. Diese Tatsachen charakterisierten sowohl die Stellung der so genannten Volksbeauftragten, die die kaiserliche Kriegsmaschine und Bürokratie, wie die ökonomische Macht der Bourgeoisie und Junker vor der Revolution zu retten versuchten, als auch die Illusion der Volksmassen, die sich unter dem Banner des Sozialismus einig glaubten.

 In den ersten Revolutionstagen wurde dieser Ausgangspunkt durch weitere Vorkommnisse bestätigt. Am 9. November 1918 telegrafierte die Oberste Heeresleitung ihr „Vertrauen“ zur neuen Regierung, obwohl diese erst am 10. November ihre Amtsgeschäfte antrat. Das „Vertrauen“ war durchaus gerechtfertigt. Am selben Tage wurde auf geheimen Draht ein Telefongespräch zwischen dem Reichskanzlerpalais und der obersten Heeresleitung geführt.

 Hierüber sagte General Groener: „... wir (Ebert und die OHL. H.R.) haben uns verbündet zum Kampf gegen den Bolschewismus ... Unser Ziel am 10. November war die Einführung einer geordneten Regierungsgewalt, die Stützen dieser Gewalt durch Truppenmacht und die Nationalversammlung sobald wie möglich ...“ (4)

 Auch die rechten USPD-Führer haben durch das Zusammengehen mit den rechten SPD-Führern dazu beigetragen, wenn sie das auch nicht wahrhaben wollten. Das war die eine Seite der Fronten, die sich Mitte November 1918 gegenüberstanden.

 
 Auf der anderen Seite standen die revolutionären Arbeiter und Soldaten und mit ihnen die Mitglieder und Funktionäre des Spartakusbundes und der linken USPD. Sie hatten die Revolution durchgeführt und dadurch eine bedeutende Verbesserung ihrer Positionen im Vergleich zum kaiserlichen Deutschland erreicht. (Errichtung der bürgerlichen Republik, Achtstundentag, demokratisches Wahl-, Versammlungs- und Publikationsrecht und anderes mehr.)

 Mitte November begann die zweite Periode der Revolution, die ihren Abschluss in den Januarereignissen fand. Die Hauptereignisse in dieser zweiten Etappe waren die Herausbildung der konterrevolutionären Verschwörungen am 6. Und 24. Dezember, der Reichsrätekongress vom 16. Bis 21. Dezember, die Gründung der KPD und die Januarkämpfe in Berlin. In dieser zeit gelang es den Kräften der Konterrevolution, die Grundfrage: Rätemacht oder Nationalversammlung - zu ihren Gunsten zu entscheiden.

 Der Lebensstandard der werktätigen Menschen erreichte im Oktober 1918 einen bisher nicht dagewesenen Tiefstand. Die Preise für Nahrungsmittel waren im Vergleich zu 1914 um 248 Prozent gestiegen. Eine weitere, auch nur geringe Preiserhöhung brachte eine wesentliche Verschlechterung der Lebensverhältnisse der Arbeiterklasse mit sich. Vom 1. Oktober bis zum 2. Januar 1919 verteuerte sich in Berlin (in Pf. Pro kg) das Roggenbrot um 1, der Zucker um 20 und der Schweinespeck um 100. Dazu kommt, dass sich teils durch die Umstellung der Kriegsindustrie, vor allem aber durch die bewusste Wirtschaftssabotage der Kapitalisten zur Diskreditierung der Revolution, die Arbeitslosenzahl vom Oktober bis Dezember 1918 von 0,7 auf 5,1 Prozent erhöhte (5). In Berlin selbst zählte man Ende Dezember 1918 hunderttausend Arbeitslose. Die wirtschaftliche Lage der Arbeiterklasse - besonders in Berlin - verschlechterte sich weiterhin.

 Um sich einen Begriff von dem Kräfteverhältnis zu machen, muss man die sozialen Schichten der Bevölkerung untersuchen. Da ich entsprechende Zahlen für Berlin nicht ermitteln konnte, sollen hier die Angaben aus der Arbeit Drapkins als Überblick angeführt werden. In Deutschland gab es zu dieser Zeit 55 Prozent Arbeiter, davon 45 Prozent in der Industrie und im Transport; 20 bis 25 Prozent Bauern und 15 bis 20 Prozent städtisches Kleinbürgertum. Selbst aus diesem noch wenig differenzierten Überblick ergab sich für die Arbeiterklasse die Aufgabe, neben dem Bündnis mit der werktätigen Bauernschaft das Bündnis mit dem Kleinbürgertum sehr ernst zu nehmen. Besondere Beachtung mußte diese zahlenmäßige Stärke des Kleinbürgertums finden, da es eine dieser Ideologie entsprechende große Partei gab, die sich sozialdemokratisch nannte. Diese Partei nahm noch immer mit Erfolg die Traditionen der deutschen Arbeiterbewegung des 19. Jahrhunderts für sich in Anspruch und besass auch aus diesem Grunde Einfluss in der Arbeiterschaft (6). Der SPD-Führung stand ein routinierter Organisationsapparat sowie eine Unzahl von Presseorganen zur Verfügung, die während des Krieges verschont geblieben waren. Die Mitgliedschaft hatte sich aber seit 1914 wesentlich erneuert. Eine bedeutende Anzahl, die eine Politik der „Vaterlandsverteidigung“ ablehnten, kehrten den Sozialchauvinisten den Rücken. Zehntausende kleinbürgerlich, liberal oder gar konservativ Gesonnener waren an ihre Stelle getreten (7).

 In Berlin war die USPD die weitaus stärkste Partei. In dieser 1917 entstandenen Organisation gelangte die revolutionäre Phraseologie und politische Verworrenheit zu höchster Blüte (8). Sie zwängte völlig verschiedene Gruppen unter ihren Hut. Die Führer dieser Partei, Kautsky, Bernstein, Hasse, Crispien und andere, unterschieden sich von den Scheidemännern nur in ihrer objektiven Aufgabe vor der Geschichte. Während die letzteren alle Kräfte von Hindenburg bis zum SPD-Mitglied gegen die Revolution zu vereinen suchten, sammelten die USPD-Führer alle diejenigen, die sich nach links wandten und den Anschluss an die KPD suchten. Sie verhinderten damit für einige sehr entscheidende Jahre eine wirkliche Neuorientierung der von der SPD enttäuschten Proletarier.

 Innerhalb der USPD entwickelte sich ein linker Flügel; er darf nicht mit der Spartakusgruppe verwechselt werden, die ihre ideologische Selbständigkeit von Anfang an bewahrt hatte. Dieser Flügel wurde geführt von Ledebour, Däumig, Richard Müller und andere und beeinflusste in Berlin entscheidend die revolutionären Obleute der Großbetriebe. Die genannten Führer unterschieden sich zwar von Kautsky und Haase durch ihren ehrlichen Willen für die Revolution, aber ihr ständiges Hin- und Herschwanken, verbunden mit ihrem ehrlichen Willen, machte sie für die Entwicklung der Revolution besonders gefährlich.

 Ende Dezember 1918, Anfang Januar 1919 geriet die USPD in eine ernste Krise. Die Klassengegensätze spitzten sich im Dezember täglich zu. Die Absichten der beiden großen Lager wurden deutlicher und ein Aufenthalt zwischen den Fronten unmöglich. Die Putschversuche der Konterrevolution am 6. und 24. Dezember 1918 hatten eineRadikalisierung der Berliner Arbeitermassen zur Folge. Um sich nicht völlig unmöglich zu machen, um das weitere Anwachsen der revolutionären Bewegung zu verhindern und eine Vereinigung der Linken mit der sich konstituierenden KPD (Spartakusbund) zu erschweren, traten Haase, Dittmann und Barth aus dem Rat der Volksbeauftragten aus. Auch der linke Flügel begann sich unter dem Eindruck dieser Massenbewegung zu differenzieren. Die ganze Berliner Organisation der USPD wandte sich entschieden gegen die ehemaligen Volksbeauftragten und ihre Anhänger und geriet in die Hände der revolutionären Obleute und deren Führer (9).

 In der Zeit vom 30. Dezember 1918 bis zum 1. Januar 1919 wurde in Berlin die Kommunistische Partei Deutschlands (Spartakusbund) gegründet. Damit legte man den Grundstein für ein neues, friedliches, demokratisches Deutschland. Es scheint symbolisch, dass der Vorsitzende dieses Gründungsparteitages, der Genosse Wilhelm Pieck, heute [1956] der Präsident der Deutschen Demokratischen Republik ist. Die Gründung der KPD war von großer nationaler Bedeutung. Allein die junge Kommunistische Partei Deutschlands wies durch ihren entschiedenen Kampf gegen Imperialismus, soziale Versklavung, und durch ihren entschiedenen Kampf für demokratische Freiheiten den Werktätigen den Weg. Die Gründung der KPD war der entscheidende Schritt zur Wiederherstellung der Einheit der Arbeiterklasse.

 Die schon längst fällige Trennung von der USPD vollzog sich aber nicht mit der nötigen Konsequenz. Aus verschiedenen Richtungen zusammengesetzt, mit ernsten sektiererischen und luxemburgistischen Fehlern behaftet, nahm die KPD entschlossen den Kampf mit dem Koloss des ganzen bourgeoisen und junkerlichen Deutschland auf. Die heldenhafte kleine Gruppe besass schon bei ihrer Gründung einen bedeutenden Einfluss auf die Volksmassen, besonders in Berlin, obwohl die Anzahl der Mitglieder wie die Stärke des Organisationsapparates der jungen KPD äußerst schwach war.

 Die Mitgliederzahl in Berlin wird nicht 300 überschritten haben. Die magnetische Anziehungskraft und der revolutionierende Einfluss der KPD lag in ihrem Programm, dem persönlichen Einsatz ihrer Mitglieder und nicht zuletzt in ihrer untrennbaren Verbundenheit mit dem ersten Arbeiter-und Bauern-Staat der Welt, mit Sowjetrussland.

 Die revolutionären Arbeiter hatten sich auf die zu erwartenden Auseinandersetzungen militärisch vorbereitet. Wenn auch der Versuch Liebknechts und Dorenbachs, schon am 9. November 1918 eine Rote Garde zu organisieren, durch Wels verhindert worden war, so bildeten sich doch in den wichtigsten Berliner Großbetrieben bewaffnete Stoßtrupps, die „schwarze Katzen“ genannt wurden. Bedeutenden Einfluss gewannen die revolutionären Arbeiter auf die Volksmarinedivision - etwa 2.000 Mann - und auf die Sicherheitswehr des Polizeipräsidiums Berlin. Wenn in der Literatur bisher in diesem Zusammenhang vor allem auf die Volksmarinedivision eingegangen wurde, so sollen hier die revolutionären Kräfte in der Sicherheitswehr kurz veranschaulicht werden.
 Um den Polizeipräsidenten Emil Eichhorn hatte sich eine Gruppe von Funktionären geschart, die der linken USPD angehörten. Sie bauten die Sicherheitswehr in der Absicht auf, mit ihrer Hilfe die revolutionären Errungenschaften zu verteidigen und die Weiterführung der Revolution zu sichern. Die Sicherheitswehr erreichte eine Stärke von 3.600 Mann. Im Dezember 1918 begann eine Reorganisation. Neben der Leitung der Sicherheitswehr wurde ein Arbeiterrat gebildet, der nur Arbeiter als Sicherheitssoldaten einstellte. Eichhorn beauftragte Braun, in allen Polizeirevieren an die Seite jedes Polizeioffiziers einen organisierten Arbeiter zu stellen.

Auch in den Straßen Berlins erblickte man „zu jener Zeit ein komisches Doppelgespann: einen unbewaffneten Schutzmann und einen mit Gewehr und roter Armbinde ausgerüsteten feldgrauen Sicherheitssoldaten, der - wie der Berliner witzig bemerkte - aufpasste, dass der Blaue keinen Unfug machte“.(10) Aber alle diese Maßnahmen wurden nicht konsequent genug durchgeführt. Viele der revolutionären Bewegung feindlich gesonnener, Spitzel der Berliner Kommandantur, wie zum Beispiel Thießenhausen, konnten fast ungestört ihren Einfluss geltend machen.

 Erst durch die Januarereignisse wurde der revolutionäre Entwicklungsprozess der Sicherheitswehr unterdrückt.

 Die Stärke als auch die Schwäche der Berliner Revolutionäre wird gerade in der Entwicklung der Republikanischen Soldatenwehr deutlich. Die Gründer dieser Truppe waren Wels, Anton Fischer (ehemaliger Jesuitenzögling, kaiserlicher Leutnant und damaliger SPD-Funktionär), Cohen-Reuß und Dr. August Striemer, späterer Syndikus des Großindustriellen E. von Borsig.

 Die 15.000 Mann Republikanischer Soldatenwehr sollten eine zuverlässige Garde der SPD-Volksbeauftragten werden. Darum erklärte Wels kategorisch: „Soldatenräte gibt es nicht bei uns!“ Aber diese Bemühungen fruchteten nicht. In allen 14 Depots wurden Soldatenräte gewählt. Aus diesen Räten wurde ein zusammenfassender Fünfer-Ausschuss gebildet, in dem drei SPD- und zwei USPD-Mitglieder gemeinsam ihre Forderung vertraten, dass die Republikanische Soldatenwehr nicht zu konterrevolutionären Machenschaften ausgenutzt werden dürfte. Am 12. Dezember erzwang die Hauptversammlung der Republikanischen Soldatenwehr von Wels, dass alle Befehle von diesem Fünfer-Ausschuss unterzeichnet werden mußten. An der Entwicklung dieser Truppe, in der die SPD-Räte die Mehrheit besassen und der Spartakusbund nur durch den Genossen Grünberg vertreten war, konnte man die revolutionäre Situation deutlich erkennen. Die Truppe entglitt ihren Führern, die SPD-Räte widersetzten sich, die USPD-Funktionäre und andere Linke erhielten immer größeren Einfluss auf die Mannschaften.

 Die Truppen der Berliner Garnison wurden durch Nachschub von Frontsoldaten im Sinne der Volksbeauftragten aufgefrischt. Am 2. Dezember rückten die ersten Gardetruppen mit Offizieren an der Spitze, kaiserliche Fahnen und Kriegsmusik in Berlin ein. Diese Truppen waren vordem einer wüsten Kommunistenhetze ausgesetzt gewesen. Aber die revolutionäre Wirklichkeit setzte sich schnell durch. Die Truppen bildeten Soldatenräte, verjagten zum Teil ihre alten Offiziere, wählten neue Truppenführer, und so blieben der Regierung von den von Groener versprochenen 10 Divisionen nach wenigen Tagen nur noch 1.400 Mann.

 Ende Dezember mußten die SPD-Volksbeauftragten zur Kenntnis nehmen, dass jede Truppe mit frei gewählten Führern für ihre Absichten nicht zu verwenden war. Die revolutionäre Massenbewegung hatte die Konterrevolution in Berlin, soweit sie ihrer habhaft werden konnte, entwaffnet. Am 4. Januar 1919 verfügte der Kommandant von Berlin, der Sozialdemokrat Anton Fischer, nicht mehr über die Berliner Garnison. Das bestätigte der Berichterstatter Heilmann, SPD: „Die Garnisontruppe, die noch Anfang Dezember voll guten Willens gewesen war, hatte im Januar mit wenigen Ausnahmen versagt; sie war verwirrt durch die Agitation des Spartakusbundes. ... Die Leistungsfähigkeit dieser Soldatenratstruppen und die moralische Unzuverlässigkeit aller Revolutionstruppen einschließlich des Regiments Reichstag bahnten den Freiwilligenverbänden den Weg.“

 Die Stärke der Konterrevolution lag in der Verbindung zwischen der Obersten Heeresleitung und den Volksbeauftragten. Es handelt sich aber hier nicht um eine Verbindung gleichstarker Partner, nicht um ein Bündnis zweier politischer Gruppierungen, sondern um die Durchsetzung der Politik der Bourgeoisie und Junker mit Hilfe militärischer Gewaltaktionen, wobei die Volksbeauftragten nur Aushängeschild spielten. Sowohl der Charakter der Verbindung zwischen Generälen und Volksbeauftragten als auch deren Entwicklung, ist in der Literatur (11) ausführlich behandelt worden. Aus diesem Grunde möchte ich mich auf eine zusammenfassende Einschätzung der Vorbereitungen der Konterrevolution beschränken.

 Das Ziel der Konterrevolution war die Entmachtung der Räte durch die Einberufung der Nationalversammlung. Die Arbeiter und Soldaten sollten die gerade eroberten politischen Machtstellungen in die Hände der „bewährten“ Parlamentarier zurückgeben. Aber trotz der Kommunistenhetze und aller Verleumdungen der Räteherrschaft in Russland waren die Volksmassen nicht bereit, diese Errungenschaften der Revolution ohne weiteres preiszugeben. Darum arbeiteten die Ebert und Groener planmäßig an der Aufstellung reaktionärer Freikorps, organisierten Provokationen (12), um schließlich mit dem Einsatz schwerster militärischer Waffen durch Mord und Massenverhaftungen nicht nur in Berlin, sondern im ganzen Reich die bürgerliche Republik zu garantieren.

 In der Hauptstadt Deutschlands spitzten sich die Gegensätze auf das äußerste zu. Die Bewegung der revolutionären Arbeiter und Soldaten schlug den großangelegten Angriff auf die Volksmarinedivision zurück, entwaffnete die konterrevolutionären Truppen und neutralisierte die Berliner Garnison politisch. Das waren günstige Ausgangspunkte, um den Einfluss der KPD zu vertiefen, die Aktionseinheit der Arbeiter zu festigen und die Berliner Truppen für die Weiterführung der Revolution zu gewinnen.

 Die KPD war sich über die Vorhutstellung des Berliner Proletariats völlig im klaren. Schon am 14. Dezember schrieb Rosa Luxemburg: „Der Spartakusbund wird es auch ablehnen, zur Macht zu gelangen, nur weil sich Ebert-Scheidemann abgewirtschaftet und die Unabhängigen durch die Zusammenarbeit mit ihnen in eine Sackgasse geraten sind. Der Spartakusbund wird nie anders die Regierungsgewalt übernehmen als durch den unzweideutigen Willen der großen Mehrzahl der proletarischen Massen in ganz Deutschland.“ (13) Die revolutionäre Bewegung im Reich war zwar schon deutlich sichtbar geworden und wuchs immer schneller an, sie war aber noch nicht zu einem großen Strom vereint, war örtlich und zeitlich voneinander getrennt.

 Dazu eine Chronologie der dafür kennzeichnenden Ereignisse in der ersten Hälfte des Januars 1919:

  •   5.1. Beginn der Kämpfe in Berlin,
  • 10.1. Bremen wird Räterepublik,
  • 10.1. Ruhrarbeiter besetzen den Zechenrat,
  • 11.1. Cuxhaven wird Räterepublik,
  • 11.1 Sympathiestreik in Leipzig für Berlin,
  • 11.1. Sturz der fortschrittlichen Regierung in Oldenburg,
  • 12.1. Weißer Terror in Berlin,
  • 13.1. Die Ruhrarbeiter lassen sich durch Sozialisierungsversprechen
              beruhigen,
  • 15.1. Luxemburg und Liebknecht ermordet,
  • 16.1. Niederlage der Räterepublik Cuxhaven.

 Aus dieser Situation ergab sich für die Konterrevolution die Möglichkeit und die Notwendigkeit, die Arbeiterklasse zu provozieren, um den Entwicklungsprozess der revolutionären Kräfte durch militärische Gewalt verhindern zu können. Es gab für die Hindenburg und Noske keine andere Wahl. Die Grundfrage: Rätemacht oder Nationalversammlung, wurde, trotz der Entscheidung des Reichsrätekongresses für die Einberufung der Nationalversammlung, von den Volksmassen erneut diskutiert und drohte, von ihnen und in ihrem Interesse entschieden zu werden. Die erstickende Wirkung der demokratischen Phrasen erschöpfte sich mehr und mehr. Jetzt war die bürgerliche Demokratie nur noch durch die nackte Gewalt zu retten. Darum waren die Volksbeauftragten und die Oberste Heeresleitung fest entschlossen, das Haupt der revolutionären Bewegung, das Berliner Proletariat, zuerst niederzuschlagen.

Ein Auszug: Gewehre in Arbeiterhand. Heiner Rasmuss: Die Januarkämpfe 1919 in Berlin. Verlag des Ministeriums für Nationale Verteidigung, Berlin 1956.

Anmerkungen
1. Brief des Vorsitzenden des Allrussischen Zentralexekutivkomitees an das Berliner Proletariat. Zitiert in der „Roten Fahne“ vom 11.12.1919.
2. „Vorwärts“ vom 6.12.1922.
3. „Zehn Jahre SPD“, Berlin 1924. S. 99.
4. „Dolchstoßprozess“, S. 223 f. Eidliche Aussage des Zeugen Generalleutnant a. D. Groener. Siehe S. 55.
5. Statistisches Jahrbuch für das Deutsche Reich, Jahrgang 1919/20.
6. „Illustrierte Geschichte der Revolution“, S. 437 ff. 1925 gab es von den 844.000 Mitgliedern der SPD noch 500.000 Arbeiter.
7. Ebenda. 1914 hatte die SPD 1.086.000, 1917 - 243.000, und im Juni 1919 - 1.012.000 Mitglieder.
8. Ebenda, S. 441.
9. UdPL, A, Seite 23, Berichterstatter Heilmann: Die Vertrauensleutekonferenz der USPD Groß-Berlin, am 28.12.1918, beschloss, kein bisheriges Regierungsmitglied als Kandidat zur Nationalversammlung aufzustellen.
10. „Rote Front“, K. Grünberg.
11. In der Dissertation der sowjetischen Historikerin Manowa und in der „Illustrierten Geschichte der Revolution“. 
12. „Illustrierte Geschichte der Revolution“, S. 254-259 und „Rote Fahne“ vom 27.12.1918.
13. Rosa Luxemburg, Ausgewählte Reden und Schriften in 2 Bänden, Bd. II, S. 685 ff.

In Folge: Die Provokation Anfang Januar 1919 in Berlin.
Die Kampfdemonstrationen der Berliner Arbeiterklasse am 5. und 6. Januar und die Besetzungen. 




VON: HEINER RASMUSS, BEREITGESTELLT VON REINHOLD SCHRAMM


Bürgerkrieg in Deutschland: Konterrevolution - Monarchisten, Bourgeoisie und SPD-Führung - vs. Arbeiterklasse. (Teil IV)  - 03-09-10 21:24
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