Bürgerkrieg in Deutschland. Die revolutionären Kämpfe der Roten Armee im Ruhrgebiet. Die SPD suchte die Einheitsfront des Proletariats zu zersetzen. (Teil IV)

10.09.10
TheorieTheorie, Arbeiterbewegung, TopNews 

 

von Otto Hennicke, bereitgestellt von Reinhold Schramm  

Die Rote Ruhrarmee

Das Entstehen der Roten Armee und die ersten Gefechte


Watter war es klar, dass das von konterrevolutionären Truppen noch freie Gebiet um Hagen den Hauptgefahrenherd für die Militaristen darstellte. Dies bestätigte sich, als die ersten Meldungen über erfolgreiche Bewaffnungsversuche von Arbeitern gerade aus diesem Gebiet eintrafen. Die übrigen Teile des Ruhrgebietes galten wegen der starken Belegung mit Truppen vorläufig als sicher. Hier jedoch musste er schnell zugreifen, ehe die Arbeiter die Abwehr organisieren konnten. Aber auch das Proletariat war sich, wie die getroffenen Maßnahmen beweisen, seiner gleichermaßen günstigen wie kritischen Lage bewusst.

Watter gedachte nach einem Plane zu operieren, der für eine große einheitliche Aktion gegen das Ruhrproletariat schon seit einigen Monaten ausgearbeitet worden war.

Während die Freikorps Münsterland, Pfeffer, Severin, Gabcke und das westfälische Jäger-Freikorps in die Gebiete nördlich und östlich des eigentlichen Ruhrbezirks abrücken sollten, war das in und um Münster in Bereitschaft liegende Freikorps Lichtschlag auf den Raum Hagen-Gevelsberg angesetzt. Eine Batterie unter Hauptmann Hasenclever und eine Kompanie unter Hauptmann Lange sollten Wetter und Herdecke besetzen, sich dann vereinigen und gegen Hagen marschieren. Das Freikorps Schulz zog von Duisburg aus über Düsseldorf, Remscheid, Gummersbach mit drei Bataillonen technischer Truppen und schwerer Artillerie zur Unterstützung der Truppen gegen Hagen. Währenddessen hätte das Gros des Freikorps Lichtschlag die Arbeiter in Dortmund entwaffnet und wäre von da nach Süden und Südosten vorgestoßen. Damit wäre der Gefahrenherd beseitigt gewesen. Am 14. März abends gab Watter den Truppen den Befehl zum Einmarsch.

Aber es kam anders; die Arbeiter waren schneller. In Hagen war am Vormittag des 13. März zwischen der USPD und den Koalitionsparteien eine Verständigung über die Proklamierung des Generalstreiks erreicht worden. Aber schon am Nachmittag des Sonnabends setzten die Arbeiter die Bewaffnung des Proletariats auf die Tagesordnung einer Funktionärkonferenz der USPD. Nach heftigen Auseinandersetzungen wurden die Bewaffnung und die dazu nötigen Maßnahmen beschlossen. Das Hauptargument gegen den bewaffneten Widerstand war das Fehlen einer vorbereiteten militärischen Organisation und der nötigen Waffen. In den Händen der Arbeiter der Kreise Schwelm und Hagen befanden sich noch höchstens 200 Gewehre; aber sie wussten, dass im Rathaus Hagen noch 160 Gewehre unter Aufsicht der Polizei lagen, die zur Bildung einer Einwohnerwehr bestimmt waren. Außerdem gab es noch Waffen in der Obhut der Fabrik- und Bürgerwehren von Hagen und Umgebung.

 Am 14. März vormittags wurde die Forderung nach Bewaffnung auf einer Versammlung von Stadtverordneten erneut gestellt. Oberbürgermeister Cuno gestand nach langen Verhandlungen zu, 80 Gewehre an die freien, christlichen und Hirsch-Dunckerschen Gewerkschaften, ihrer Mitgliederzahl entsprechend, zur Bildung einer Sicherheitswehr auszugeben. Die Ausgabe der Gewehre verzögerte sich durch einen Gegenschlag Watters. In einem Telegramm verlangte er: „Alle Waffenabgabe irgendwo an Einwohnerwehren oder Sicherheitswehren oder Parteifunktionäre usw. muss vermieden werden, damit ein Bürgerkrieg vermieden wird. Falls Gefahr besteht, dass die Waffen weggenommen werden, sind sie unbrauchbar zumachen.“(36)

 Mit diesem Befehl wollte Watter seinen Truppen, denen er den Befehl zum Einmarsch ins Ruhrgebiet schon gegeben hatte, den Weg ebnen. Tatsächlich wollten sich daraufhin die Gewerkschaftsführer damit begnügen, die Gewehre durch Wegnahme der Schlösser unbrauchbar zu machen. Aber unter dem stürmischen Druck demonstrierender Arbeiter mussten Waffen ausgegeben werden. Am 14. und 15. März wurden auch die Waffen der Feuerwache und Fabrikwehr der Hagener Akkumulatorenfabrik geholt.

 So wie hier bewaffneten sich am 14. März die Arbeiter in den meisten Orten des reichswehrfreien Teiles des Reviers. In Ickern wurden sogar schon Arbeiterbataillone aufgestellt. Teilweise fielen den Arbeitern dabei größere Waffenlager der Einwohnerwehren in die Hände, so in Haspe 450 Gewehre, in Bochum fanden sich in einem als Milchsendung deklarierten Waggon 2.000 Gewehre, die für die Wehren oder Zeitfreiwilligen bestimmt waren. Oft gingen die Arbeiter so vor, dass sie mit den Listen der Einwohnerwehren, Krieger- und Schützenvereine von Haus zu Haus liefen und deren Mitgliedern die Gewehre einzeln abnahmen.

 Für Montag, den 13. März, um 11 Uhr, berief man in Hagen eine Versammlung aller Bewaffneten ein, um sie zu Kampfeinheiten zu formieren. Es hatten sich schon etwa 200 Arbeiter eingefunden, als die Nachricht eintraf, dass in Wetter mit der Bahn eine Abteilung Lichtschlagtruppen angekommen wäre. Dadurch steigerte sich die Entschlossenheit und Empörung der Arbeiter. Sie setzten sich endgültig in den Besitz aller in Hagen liegenden Waffen.

 Die Wetteraner Arbeiter wurden telefonisch ermutigt, den Vormarsch der Truppen aufzuhalten, bis Verstärkung eingetroffen sei. In Hagen wurden Autos und Straßenbahnen beschlagnahmt, und die Arbeiter setzten sich nach Wetter in Bewegung. Unterwegs stießen weitere Bewaffnete zu ihnen, so dass etwa 2.000 Arbeitersoldaten die Reichswehrtruppen auf dem Bahnhof in Wetter einschließen konnten.

 In Wetter trug sich inzwischen folgendes zu: Ein Aktionsausschuss, wie sie in fast allen Orten des Ruhrgebietes bestanden, nahm die Abwehr des Kapp-Putschs in die Hand. Er musste zwei bei den Arbeitern besonders verhasste Bürger in Schutzhaft nehmen. Das gab Anlass zu wilden Gerüchten über die Zustände in Wetter. Obwohl Stadtverwaltung und Landrat dies Gerücht widerlegten und baten, von der Entsendung von Truppen Abstand zu nehmen, dienten die Ereignisse in Wetter und anderen Orten für General Watter zum Vorwand, Truppen dorthin zu schicken.

 Auf den ersten Widerstand stießen diese Truppen schon bei ihrem Abtransport. Entgegen den Anweisungen Severings und der Streikkommission der Eisenbahner behinderten die streikenden Arbeiter der Eisenbahn den Transport. Dadurch wurde die Abfahrt der reitenden Batterie Lichtschlag, die durch ein kleines Kommando technischer Truppen verstärkt war, um neun Stunden verzögert. Nicht am Abend des 14. März, sondern erst am 15. März, 7.30 Uhr, fuhren sie von Münster ab. Mit Mühe konnten sie in Hamm die Lokomotive wechseln, und um 10.20 Uhr traf die Batterie Hasenclever mit etwa 150 Mann in Wetter ein. Sie waren ohne Infanteriedeckung, da das zur Sicherung bestimmte 2. Bataillon des Freikorps Lichtschlag aus Bielefeld unterwegs von den Arbeitern aufgehalten worden war.

 Sofort traten Bürgermeister und Aktionsausschuss in Verhandlungen mit Hasenclever ein, um den Abzug der Truppen zu erwirken. Hasenclever weigerte sich und brach mit der Bemerkung, dass er auf dem Boden von Lüttwitz stehe, die Verhandlungen ab, nicht ohne vorher den Arbeitern mit seiner Artillerie gedroht zu haben. Inzwischen mischten sich die Arbeiter unter die Soldaten und erreichten durch ihre Agitation, dass eine Gruppe von etwa 30 Soldaten mit einem Maschinengewehr zu ihnen überging.

 Hasenclever ließ nach Abbruch der Verhandlungen den Bahnhof von Arbeitern räumen, und ein Feuergefecht begann. Vorerst wiesen die noch wenigen bewaffneten Arbeiter nur die Vorstöße der Reichswehr in die Stadt zurück. Bald aber strömten von allen Seiten Bewaffnete in Wetter zusammen und besetzten die die Stadt umgebenden Höhen. Von Süden kamen die Hagener, von Norden die Wittener Arbeiter. Im Osten standen die Wetteraner, die Herdecker und die Ender. Arbeiter aus Oberwengern, Bommern, Volmarstein und Wengern schlossen den Ring im Westen. Konzentrisch begann nun der Angriff. Hasenclever wollte aus Annen eine Pionierkompanie unter Hauptmann Schorn zu Hilfe rufen, aber die war inzwischen in einem Hinterhalt von Arbeitern aus Witten und Bommern entwaffnet worden. Infolge des Feuers der Arbeiter konnte Hasenclever nur zwei Geschütze abladen und zehn Schuss abfeuern lassen. Als der Kampf gegen 17 Uhr beendet war, hatten die Truppen 14 Mann verloren, darunter Hasenclever. Daneben hatten sie 95 Verwundete. Die Arbeiterschaft beklagte sieben Tote. Die gesamte Ausrüstung fiel den Siegern in die Hände, neben den Geschützen und Minenwerfern auch mehrere Maschinengewehre, die sie bald gebrauchen konnten.

 Am selben Tage nachmittags war eine Kompanie des Korps Lichtschlag unter Hauptmann Lange in Herdecke eingetroffen und hatte bis zur Nacht die wichtigsten Plätze der Stadt, darunter den Bahnhof, das Rathaus, die Ausfallstraßen nach Hagen und Osten besetzt. Aber noch in der gleichen Nacht umstellten die Arbeiter, die von Wetter aus herangezogen waren, auch Herdecke. Der USPD-Funktionär Stemmer trat - ebenfalls noch in der Nacht - in Verhandlungen mit Lange ein. Der wollte anfangs die Waffen nicht strecken. Nach einem kurzen Feuergefecht am Morgen des 16. März verweigerte aber ein Teil seiner Leute angesichts der Übermacht der Arbeiter den Gehorsam und stellte eigenmächtig das Feuer ein. So war Lange gezwungen, den Kampf aufzugeben. Den Arbeitern fielen wieder zahlreiche Ausrüstungsgegenstände und Waffen zu.

 Diese ersten Erfolge erhöhten die Kampfesfreudigkeit und das Kraftbewusstsein der Arbeiter. Inzwischen waren die Arbeiter in Hagen an die Organisierung und Zusammenfassung der bewaffneten Kräfte gegangen und hatten der entstandenen Roten Armee eine politische und militärische provisorische Zentrale gegeben. Sowohl die politische als auch die militärische Leitung standen stark unter dem Einfluss der rechten USPD-Führer. Beteiligt an ihnen waren neben Kommunisten auch Mehrheitssozialisten und Demokraten. „Planmäßig wurden militärische Organisationen aufgebaut. In Hagen (Stadt) gingen die acht politischen Bezirke der USPD, je nach Stärke des Bezirks, daran, selbständige Kompanien zu gliedern und feldmarschmäßig auszurüsten ... Am Tag nach dem Kampf in Wetter glich Hagen bereits einem Heerlager. Landkreis Hagen und Schwelm arbeiteten ebenso“(37), berichtet Ernst.

 Die nächsten militärischen Aufgaben ergaben sich von selbst. Den Zeitvorsprung, den die Arbeiter Watter abgerungen hatten, galt es auszunutzen. Dem Proletariat der übrigen Städte des Ruhrgebietes musste geholfen werden, sich von der Militärdiktatur zu befreien. Im gemeinsamen Kampf konnten dann die weißen Garden im ganzen Ruhrgebiet vernichtet werden.

Die Befreiung des Ruhrgebietes von den weißen Truppen

 Das nächste Ziel der roten Truppen war Dortmund. Dort lag seit dem 16. März das Gros des Freikorps Lichtschlag. Hier war die Lage kompliziert, weil durch das Verhalten der Mehrheitssozialisten ein Keil in die unter der Losung des bewaffneten Kampfes gegen den Militarismus geeinten Arbeiter getrieben wurde. Nach Dortmund kamen die Lichtschlagsöldner nämlich nicht mehr als Putschisten, sondern mit einem „regierungstreuen“ Mäntelchen drapiert. Watter konnte erklären: „Mein bisheriger Auftrag, die Ruhe und Ordnung im Wehrkreisbezirk aufrechtzuerhalten, ist mit heute (am 16. März - O. H.) durch den Reichsminister Noske nochmals ausdrücklich gegeben.“(38) Das war für eine Anzahl örtlicher Führer der SPD Grund genug, von den kämpfenden Arbeitern abzurücken und auf die Seite der „Regierungstruppen“ überzugehen. Die Mehrheit der Arbeiter ließ sich aber durch diese Manöver nicht täuschen und setzte ihren Kampf gegen die konterrevolutionären Truppen fort.

 Bis zur Ankunft Lichtschlags hatte sich in Dortmund folgendes zugetragen: Am 13. März nachmittags fand eine Massenkundgebung der Arbeiter statt, die den Generalstreik forderten. Anschließend zogen sie vor das Gefängnis und befreiten die politischen Häftlinge. Gleichzeitig erfolgte die Bildung eines Arbeiterrates dessen Führung die Kommunisten innehatten. Obwohl darin auch Sozialdemokraten sassen, lehnte die sozialdemokratische Leitung jede gemeinsame revolutionäre Aktion mit den Kommunisten ab. Besonders widersetzte sie sich der Auflösung der Volkswehr und ihrer Ersetzung durch eine revolutionäre Arbeiterwehr, die aus je 400 Mitgliedern der SPD, USPD und KPD bestehen sollte. Sie befürchtete eine Verminderung ihres Einflusses auf den bewaffneten Teil der Arbeiter. Die Dortmunder Volkwehr bestand nämlich in der Mehrheit aus SPD-Mitgliedern. Wir erinnern uns, dass sie Severing deshalb für besonders zuverlässig hielt. Sie wurde von einem Hauptmann Heeringen befehligt, der sich seine Sporen im Freikorps Bergmann verdient hatte.

 Kein Wunder also, wenn diese Wehr den Arbeitern durchaus nicht so zuverlässig erschien wie Herrn Severing. Ihre Skepsis war berechtigt. Schon am Sonnabend war es im Anschluss an die Großkundgebung zu blutigen Zusammenstößen mit der Polizei gekommen. Am Sonntag fanden wieder große Demonstrationen statt. In der Nacht zum Montag fielen erneut Schüsse. Am Montag, dem 15. März, schlug ein Angriff der Arbeiter auf das Stadthaus und das Waffendepot fehl und kostete sie elf Tote. Bei diesen Auseinandersetzungen stand die Volkswehr auf der Seite der Polizei. Am Dienstag traf dann Lichtschlag ein.

 Seine Aufgabe bestand darin, nach der Beruhigung Dortmunds über Aplerbeck nach Schwerte zu marschieren und sich mit den Einheiten Hasenclevers und Langes gegen Hagen zu vereinigen. Lichtschlag lehnte die Vorschläge der Stadtverwaltung, die die Anwesenheit von Truppen für überflüssig und gefährlich hielt, ab und weigerte sich, Dortmund zu verlassen. Er wollte nur den Befehlen Watters folgen. Auf Ersuchen der Stadtverwaltung befahl das Hauptquartier in Münster, dass sich Lichtschlag über Aplerbeck-Schwerte ins Sauerland zurückziehen sollte, da ihm die bewaffneten Arbeiter den Rückzug schon versperrt hätten.

 Die Spitzen der Behörden bemühten sich, den Truppen freien Durchzug zu verschaffen. Das gelang ihnen bis Schwerte. Hier aber bestand Lichtschlag trotz der Warnungen des Bürgermeisters, dass die Arbeiter das nicht zulassen würden, darauf, durch den Ort zu marschieren. Die Verhandlungen zogen sich bis zum Abend hin. Gegen 22 Uhr begannen die Kämpfe. Das Korps Lichtschlag wurde in diesem Nachtgefecht vernichtend geschlagen und musste sich unter Zurücklassung seiner Ausrüstung auf Dortmund zurückziehen. Von dort sollte es nach einer neuen Anweisung am 17. März um 5 Uhr früh mit der Bahn nach Münster transportiert werden. Aber auch das war schon unmöglich. Die Eisenbahner hatten den Bahnhof verlassen und die Gleise aufgerissen.

 Die Arbeiterbataillone waren den flüchtenden Truppen gefolgt. Von allen Seiten zogen die Abteilungen der Roten Armee heran und schlossen den Ring um Dortmund. Die zur Entlastung Lichtschlags heraneilenden Husaren aus Paderborn wurden von den Arbeitern an der Stadtgrenze entwaffnet. Mit Unterstützung von Artillerie und Minenwerfern begannen die roten Truppen am Morgen des 17. März mit ungeheurer Wucht den Angriff auf die Stadt. Den Hauptstoß führten die Hagener und Hörder Arbeiter von Süden. Von Osten griffen die Arbeiter aus Unna und Kamen an. Im Norden rückten Selmer und von Westen Bochumer und Wittener Arbeiter vor. Insgesamt beteiligten sich 10.000 bis 12.000 Arbeitersoldaten. Sie mussten gegen Freikorps, Volkswehr und Polizei kämpfen. Stemmer und Cuno drangen zum Rathaus vor und suchten zu verhandeln, aber zu den kämpfenden Abteilungen beider Seiten waren die Verbindungen unterbrochen. Nur langsam ebbte der Kampf ab. Die Arbeiter gingen aus diesem Kampf als Sieger hervor, wobei sie neue Waffenmengen erbeuteten. Die Macht in der Stadt übertrug man dem Arbeiterrat.

 32 Minenwerfer, zwei Panzerautos, ein behelfsmäßiger Panzerzug, viele Gewehre und Maschinengewehre der Reichswehr fielen den Arbeitern in die Hände, dazu kamen noch etwa 8.000 Gewehre der Einwohnerwehr und der Sipo.

 Nach der Eroberung Dortmunds wuchs die Rote Armee zu einer gewaltigen Macht, die ihre Operationen jetzt in viel größeren Maßstab durchführen konnte. Brauer schreibt: „Bis Dortmund verfolgten wir bis jetzt in der Strategie der bewaffneten Arbeiterarmee das Prinzip, durch Konzentration sämtlicher vorhandenen Truppen auf einen Angriffspunkt den Sieg zu sichern. Nunmehr aber, da die Arbeitertruppen in den Besitz umfangreicher Waffenvorräte gelangt waren und die Truppenteile von Stunde zu Stunde anschwollen, konnten verschiedene Aufgaben zu gleicher Zeit von der Armee bewältigt werden.“(39)

 Aus der eigenen Zielsetzung und der Stärke und Verteilung des Gegners ergaben sich für die roten Truppen drei Aufgaben. Einmal galt es, die weißen Garden im Süden, im Bergischenland, unschädlich zu machen, um sich so die Flanke zu sichern.

 Eine andere Gefahr drohte von Münster. Es war daher notwendig, den ganzen reichswehrfreien Teil des westlichen Westfalen in Richtung Münster fest in die Hand zu bekommen und gegen Münster eine starke Front zu errichten. Die Hauptkräfte des Gegners aber standen im Westen, in Essen, Mülheim, Düsseldorf, Duisburg und Wesel. Gegen sie mussten die stärksten und schlagkräftigsten roten Verbände eingesetzt werden.

 Mit einem den Gegner überraschenden und bewundernswerten strategischen Geschick wurde diese Aufgabe von der Roten Armee erkannt und gelöst. Bedenkt man dabei, dass eine einheitliche, starke und überall anerkannte Leitung der Armee nicht bestand (der Hagener Leitung war die Bewegung bald über den Kopf gewachsen), so ermisst man die Kraft, die die Arbeiter bei der weiteren Offensive entwickelten. Alle Dispositionen und strategischen Gegenmaßnahmen der Reichswehrkommandeure wurden über den Haufen geworfen. Die gesamte rote Militärmacht trennte sich in drei Abteilungen mit verschiedenen Operationsrichtungen.

Die Befreiung des Bergischen Landes

 Ein Teil wandte sich nach Süden, um die Weißgardisten in Elberfeld-Barmen und Remscheid unschädlich zu machen. In den Wupperstädten begannen die Auseinandersetzungen der Arbeiter mit der blauen Polizei schon während der Kämpfe um Dortmund. In Barmen gelang es der dortigen Arbeiterschaft, die Sipo zu schlagen, noch ehe die Hilfe der Roten Armee wirksam werden konnte. Auch die herbeieilende Elberfelder Reichswehr schlug sie erfolgreich zurück. Die Ursache für diese Erfolge ist in der völligen Geschlossenheit der Arbeiterschaft zu suchen, die sich gerade in diesen Städten unter der Losung der Bewaffnung gebildet hatte.

 Die drohende Vernichtung durch die Rote Armee zwang General von Gillhausen, seine gesamte Truppenmacht auf Remscheid zurückzuführen und dabei Waffen und Ausrüstung teilweise den Arbeitern zu überlassen. Die ursprüngliche Absicht, die Elberfelder und Remscheider Truppen nach Düsseldorf zurückzuführen, wurde durch das schnelle Vorrücken der Roten Arbeiterarmee vereitelt.

 Die ständig anwachsende Abteilung der Roten Armee bereitete sich nach der Vereinigung mit den Rotarmisten aus Elberfeld und Barmen zum Angriff auf Remscheid vor. Sie setzte sich vor allem aus Arbeitern von Hattingen, Witten, Hagen, Schwelm, Gevelsberg und den Wupperstädten zusammen. Mit der bisherigen Taktik wurde Remscheid umstellt.

 Hier war es inzwischen nicht ruhig geblieben. Am 14. März wurde von der KPD, USPD und SPD der Generalstreik proklamiert. Das seit Anfang Februar 1920 hier stationierte Freikorps Lützow dokumentierte seine Anhängerschaft an Kapp durch das provokatorische Hissen der schwarzweißroten Fahne. Die Arbeiter Remscheids bereiteten daraufhin den bewaffneten Angriff vor. Am 16. März nachmittags bot Lützow die zeitfreiwilligen auf, in der Nacht zum 17. besetzten Reichswehr und Zeitfreiwillige die wichtigsten Gebäude der Stadt und errichteten Stacheldrahthindernisse. Auch die „Bergische Volksstimme“ wurde besetzt. Am 17. März kam es zu den ersten Schießereien zwischen Arbeitern und Freikorpsleuten. Die Arbeiter, im Besitz weniger Waffen, mussten auf die Unterstützung ihrer heranziehenden Genossen warten. In der Nacht zum 18. trafen die aus Elberfeld und Barmen geflüchteten Soldaten vom Freikorps Hacketau, Sicherheitspolizisten und Zeitfreiwillige in Remscheid ein. Dadurch stieg die Gefechtsstärke der dortigen Truppen auf etwa 1.200 Mann an. Remscheid wurde mit einem Verteidigungsring umgeben, der nach der nahen englisch besetzten Zone offen blieb und sich an diese anlehnte.

 Nach der Einzingelung Remscheids durch die Truppen der Roten Armee wurde den eingeschlossenen Söldnern ein Ultimatum gestellt. Da sie den waffenlosen Abzug ablehnten, setzte am 18. März gegen 16 Uhr die Beschießung der Stadt mit den erbeuteten Geschützen ein. Weitere Verhandlungsversuche von Vertretern der örtlichen Demokratischen Partei schlugen ebenfalls fehl.  Die Stadt musste in einem den ganzen Tag andauernden, äußerst erbitterten Straßenkampf genommen werden. „Der Angriff erfolgte zunächst mit starken Kräften von Nord und Nordost, doch kam er nur langsam vorwärts. Die Gegner verbissen sich in zähem Kampfe ineinander, besonders am Markt, am Telegrafenamt, am Realgymnasium ...“(40), so schildert ein Freikorpschronist den Kampf. Als letzte Bastion wurde das Rathaus genommen. Als die Rote Armee die Stadtmitte erreicht hatte, griffen auch die Remscheider Arbeiter in den Kampf ein. Durch die Rotarmisten verfolgt, zogen sich die weißen Truppen durch die Lücke im Ring der Angreifer ins besetzte Gebiet zurück. Dabei gelang es den Arbeitern, die Nachhut der Truppen abzusprengen und im Mosbachtal völlig aufzureiben. Obwohl dem Hauptteil der Truppen der Rückzug geglückt war, mussten sie doch auch hier eine Menge Waffen und Ausrüstungsgegenstände den Arbeitern überlassen. Nach  dem freiwilligen Abzug einer Einheit der Reichswehr, die sich in Gummersbach aufhielt, nach Paderborn, befand sich das gesamte südliche Gebiet in den Händen der Arbeiter.

Der Aufbau der Front gegen Münster

Eine zweite Gruppe der Roten Armee, wohl zahlenmäßig die schwächste, wandte sich von Dortmund nach Norden und Osten und besetzte in wenigen Tagen den ganzen nordöstlichen Teil des Reviers. „Im allgemeinen verläuft der Vormarsch in diese Gegenden, wenn man von einzelnen Zusammenstößen absieht, nicht so blutig wie der in westlicher Richtung. In der Regel umzingeln einige tausend Mann, wie in Werne und Kamen, die Städte, und Abgesandte verlangen die Abgabe sämtlicher Waffen. Wird die Forderung abgelehnt, beginnt ein Gefecht. Die zahlenmäßig weit unterlegenen örtlichen Bürgerwehren werden bald überwältigt und entwaffnet, wobei es in der Regel einige Tote gibt,“(41) So schildert Spethmann summarisch diese Aktionen. Das Fehlen von  Reichswehrverbänden erleichterte den Vormarsch der roten Truppen bis Lüdinghausen, Haltern, Dülmen und Buldern. In Kamen, Beckum, Hamm und Ahlen sowie in den Orten jenseits der Lippe schufen die dortigen Arbeiter selbständige Stützpunkte. In Unna, Kamen, Lüdinghausen und Lünen wurden Gefechtsstellen eingerichtet. Stoßtrupps drangen bis 7 Kilometer vor Münster vor (Holtrup) und brachten neue Kämpfer mit. Die Besetzung dieser Gebiete erfolgte schnell ohne große Kämpfe und mit geringen Verlusten. Anders dagegen im Westen.

Die Säuberung des westlichen Reviers von den weißen Garden

 Die Hauptmasse der roten Kämpfer zog nach Westen gegen Essen, wo ihrer schwere Kämpfe harrten. Dort hatte sich bisher folgendes zugetragen:

 Am Sonntag, dem 14. März, war es zu einer gewaltigen Demonstration gekommen. Dabei machte sich ein Zwiespalt zwischen der Politik der SPD und der KPD und USPD bemerkbar. Die SPD paktierte mit dem Zentrum und den Demokraten und suchte die Einheitsfront des Proletariats zu zersetzen. In der Nacht zum 16. März versuchten Essener Arbeiter, das Polizeipräsidium und zwei Waffendepots zu stürmen, aber vergeblich. Die Leitung der Arbeiter wurde verhaftet. Am 17. März kam es zu Demonstrationen gegen die „Essener Arbeiterzeitung“, ein SPD-Organ, das daraufhin den Straßenverkauf einstellen musste. Die Politik der SPD änderte sich mit dem Rücktritt der Putschregierung Kapps am 17. März. Sie war wieder Regierungspartei.

 Rund 1.000 Mann, beinahe die gesamte Sicherheitspolizei des Ruhrgebietes, waren in essen konzentriert. Die Essener Sicherheitswehr bestand wie die Dortmunder Volkswehr vor allem aus Sozialdemokraten. Auch hier folgten diese den demagogischen Phrasen ihrer rechten Führer von der Erhaltung der Ruhe und Ordnung und ließen sich zum gemeinsamen Kampf mit der Sipo gegen die revolutionären Arbeiter missbrauchen.

 Watter befahl, essen unter keinen Umständen der Arbeiterarmee zu überlassen. Wurden bisher die Städte von der Roten Armee umzingelt, so wurde Essen frontal angegriffen. Am 18. März fielen die in Essens nächster Umgebung liegendenVororte Katernberg und Stoppenberg nach heftigen Kämpfen in die Hände der Angreifer. Noch am selben Tage begannen die Kämpfe um essen selbst, die sich am 19. verschärften. In Essen und Altenessen stürmten die einheimischen Arbeiter inzwischen drei Polizeireviere. Besonders erbitterte Gefechte fanden am Schlachthof, an der Post und am Wasserturm statt, die durch den Missbrauch der weißen Fahne durch die Sipo sehr blutig ausgingen.

 Wie schon in Dortmund trat hier der Lehrer Stemmer als Parlamentär auf. Aber seine Verhandlungen mit dem Oberbürgermeister Dr. Luther um die Übergabe der Stadt zogen sich hin. Der Kuhhandel (Polizei und Arbeiter sollten Essen gleichzeitig verlassen) wurde durch Minenwerferfeuer gestört. Nach heftigem Kampf eroberte die Rote Armee Essen mit seinen großen Waffenvorräten. Die Sicherheitspolizei wurde zum Rückzug in Richtung Hamborn gezwungen.

 Mit der Einnahme Essens und Remscheids durch die Arbeiterarmee war für die Reichswehrverbände im Ruhrrevier eine bedenkliche Lage entstanden. Sie drohten durch das rasche Anschwellen und Vordringen der roten Truppen abgeschnitten und vernichtet bzw. ins besetzte Gebiet abgedrängt zu werden. Deshalb befahl das Hauptquartier in Münster am 19. März, abends, den Rückzug der Truppen aus Düsseldorf, Duisburg, Mülheim und Hamborn auf Wesel. Noch kurz vorher hatte die Truppenführung den Plan einer Gegenoffensive von diesen Städten aus erwogen.

 In der Nacht vom19. zum 20. März verließ das Reichswehrregiment 61 Düsseldorf nach Norden und ließ dabei den größten Teil seines Trosses zurück. Den Arbeitern fielen über 3.600 Gewehre, über 600 Karabiner, an 300 Pistolen, über 100Maschinengewehre, 2 Geschütze, an 20 Minenwerfer, daneben Flammenwerfer, große Mengen Munition und anderes Kriegsgerät in die Hände. Mit den Truppen zog ein teil der Einwohnerwehr ab, die eigentlich den Schutz der Stadt übernehmen sollte. Sofort nach dem Abzug der Truppen formierten sich in Düsseldorf Arbeiterbataillone. Zur gleichen Zeit zog sich das Freikorps Schulz aus Mülheim auf Duisburg zurück. Auch in Mülheim setzten sich die Arbeiter in den Besitz der zurückgebliebenen Waffen und entwaffneten die Polizei und die Sicherheitswehr.

 Am 20. März übergab der Oberbürgermeister von Duisburg die Stadt angesichts der anrückenden Roten Armee der einheimischen Arbeiterschaft kampflos. Bald trafen auch die ersten Abteilungen der Roten Armee ein, so dass der Rathausplatz nach wenigen Stunden einem Feldlager glich.

 Die Düsseldorfer und Mülheimer Truppen hatten auf ihrem Rückzug Duisburg noch nicht passiert. Deshalb galt es , „unter jeder Bedingung den Marsch der Noske-Truppen auf Wesel unmöglich zu machen. Unbedingt hätte die Arbeiterschaft, speziell die Duisburger, die Neusammlung der Weißen in und um Wesel, die Zusammenfassung der versprengten Noskiden verhindern müssen.“(42) Die Duisburger Arbeiter aber machten hier einen verhängnisvollen Fehler. Sie sicherten der Reichswehr freien Durchzug zu, um die Waffenausgabe und Formierung der roten Truppen vollziehen zu können. Das Ergebnis war, dass die Truppen beinahe ungehindert nach Hamborn passieren konnten. Erst am Ortsausgang von Duisburg wurden sie in Gefechte verwickelt, als die bewaffneten Arbeiter selbständig, gegen den willen ihrer Führung, die Reichswehr angriffen. Aber das war zu spät. Die Reichswehr setzte ihren Rückzug fort. Für diesen Fehler mussten die Arbeiter später einen schweren Blutzoll zahlen.

 Auf dem Wege nach Hamborn wurde die fliehende Reichswehr nur durch gelegentliche Plänkeleien und Verfolgungsgefechte gestört. Erst in Hamborn kam es zur erbittertsten Schlacht der ganzen Aktion. Die in Hamborn stationierte Kompanie Reichswehr ließ man ruhig abziehen, aber als sich am 20. März die aus Essen geflohenen Sipoleute und die Düsseldorfer, Mülheimer und Duisburger Truppen der Stadt näherten, griffen die Arbeiter zur Waffe. Sie wurden durch ständig auf Lastwagen eintreffende Rotarmisten unterstützt und fügten dem Feind schwere Verluste zu. In ständiger Gefechtsberührung wurde die weiße Grade bis Walsum gedrängt, wo es erneut zu einem schweren Gefecht unter Einsatz schwerer Waffen kam. Fast den gesamten Tross überließen die konterrevolutionären Truppen bei ihrem Rückzug den Arbeitern.

 Die Reichswehr löste sich von ihrem Gegner und übernachtete vom 20. zum 21. März in Dinslaken. Doch währte ihre Ruhe nicht lange. Die Absicht General Kabischs, südlich Dinslaken eine Frontlinie aufzubauen, machten die rasch vorstoßenden Verbände der Roten Armee zunichte. Am 21. März wurden die Noskesöldner in Dinslaken von einheimischen Arbeitern angegriffen und gezwungen, auf Wesel zurückzugehen, noch ehe die regulären Einheiten der Arbeiterarmee herankamen. In der Nacht zum 22. März fielen dann Dinslaken, Dorsten und Kirchhellen endgültig den Arbeitern zu.

 Inzwischen waren Einheiten der Roten Armee von Essen aus direkt nach Norden vorgestoßen, eroberten am 20. März Recklinghausen und setzten über die Lippe. Am 22. und 23. März schoben sich die roten Truppen bis Wulfen, Haltern, Sythen, Olfen und Bork vor. Den konterrevolutionären Truppen blieb als letzte Feste Wesel. Aber auch hier rückte die Rote Armee nach der Eroberung des Truppenübungsplatzes Friedrichsfeld vor die Tore der Stadt. Die militärisch-strategischen Pläne sahen vor, „Wesel zu nehmen, um dann mit der ganzen Front auf Münster einzuschwenken. Ein Vorgehen, das um so bedeutungsvoller erschien, als dadurch direkte Verbindungen zur holländischen Grenze geschaffen wurden, die sehr wertvoll sein konnten in bezug auf die Lebensmittelversorgung des Ruhrgebietes, und zum anderen dann die Möglichkeit des direkten Anschlusses an die Bezirke an der Wasserkante bestand, in denen ohne Zweifel unter dem Eindruck eines derartigen Erfolges der Arbeiter auch neue Kämpfe aufgeflammt wären.“(43)

 Die Bedingungen für einen Angriff standen äußerst günstig. Die unter den Schlägen der roten Truppen geflohenen Einheiten waren stark demoralisiert, zermürbt und dezimiert. Am 23. März, 11 Uhr, meldete der Kommandeur der Sipo dem Abteilungskommandeur: „Ich habe die schwerste Meldung meines Lebens zu erstatten; meine Leute sind nicht mehr zuverlässig.“(44) Diese Kräfte zersetzten auch die in Wesel befindlichen Truppen und riefen eine Panikstimmung hervor. Ein großer Teil der Ausrüstung war in die Hände der Arbeiter gefallen; zudem fehlte es in Wesel an Munition. Die Bahnverbindung nach Münster war unterbrochen und mit sofortigem Nachschub von dort nicht zu rechnen.

 Wie stark die Demoralisierung und Panikstimmung der Truppen in Wesel war, zeigt ein Bericht von General Kabisch, dem Kommandanten der Stadt. Er erhielt am 23. März, um 16 Uhr, die Nachricht, dass 40 Rotgardisten in die Zitadelle von Wesel eingedrungen wären. In Wesel lagen etwa sieben Bataillone Reichswehr, 1.000 Mann Sipo und mehrere Hundertschaften Zeitfreiwillige. Maschinengewehrfeuer setzte ein. Kabisch schildert: „Gleichzeitig neuer Aufruf: die Lage sei bedenklich. General Kanisch befahl, das Regiment Schulz zu alarmieren und begab sich aufs Geschäftszimmer. Die Straßen waren mit Menschen gefüllt ... Lastautos mit Sicherheitspolizisten in Zivil und Uniform, in Fahrt nach Norden (Holland) und Westen (besetztes Gebiet). Ein Strom von Flüchtlingen strömte der Rheinbrücke zu, auf der die Trikolore wehte. Am Geschäftszimmer die Bagagewaren des Abschnittskommandos angespannt. Im Geschäftszimmer der ganze Stab bis auf den Adjutanten ... in Zivil versammelt. Auf dem Hofe der Bursche des Abschnittskommandeurs mit gesattelten Pferden. Es stellte sich folgendes heraus: Truppen der roten Armee hatten allmählich bis an die Lippe herangeführt. Als sie eine Lokomotive über die Eisenbahnbrücke heranfahren ließen, flüchtete die dort sichernde Außenwache. Rote Schützen folgten. Die Flucht der Außenwache übertrug sich auf ihre Kompanie am Südausgang von Wesel und noch andere Angehörige dieses Regiments. Infanteristen, untermischt mit Sicherheitspolizisten, stürmten das für heimkehrende deutsche Kriegsgefangene in Wesel eingerichtete Lager von Zivilkleidern, zogen bürgerliches Gewand an und flohen über den Rhein. Ein großer Teil der Zeitfreiwilligen aus Wesel verschwand spurlos. Düsseldorfer Zeitfreiwillige, die bei Abzug des Regiments 61 aus Düsseldorf sich vor Racheakten nach Wesel in Sicherheit gebracht hatten, suchten unter Zurücklassung von Uniformen, Waffen und Gepäck ebenfalls ihre Zuflucht auf dem linken Rheinufer. Sogar die Bagage einer Eskadron marschierte geschlossen zu den Belgiern, ihr führender Wachtmeister rief dem Oberleutnant von Stein auf seine erstaunliche Frage zu: ,Wir lassen uns nichtsmehr vormachen, es ist alles aus!’ ... Inzwischen hatten sich die roten Schützen, nur wenig beschossen, bis auf wenige hundert Meter dem Südrand von Wesel genähert - weder die MG-Kompanie noch das Feldgeschütz waren an den befohlenen Plätzen auf dem Bahndamm und dem Kavalier. Oberleutnant von Stein hatte sich auf die wilden Nachrichten von der Zitadelle (natürlich in Uniform) dorthin begeben und meldete dem Abschnittskommandeur kurz nach dessen Eintreffen im Geschäftszimmer mit grimmigen Humor: Von den Wällen der Zitadelle schossen Polizisten mit sMG, Visier 400 auf 1200 m entfernte Weidenbäume und behaupteten, es seien vorgehende Schützen, während die Offiziere friedlich in der Wachstube sassen. Jetzt ist die Sache in Ordnung. Das Eindringen von roten Kämpfern war natürlich eine Tatarenmeldung gewesen.“(45)

 Dieser geringen Einsatzbereitschaft des Gegners stand die in Kämpfen gefestigte Rote Armee gegenüber, die gerade um den 23. März besonders stark war. Die Siege über die Truppen der Putschisten hatten ihren Mut und Kampfeseifer gestärkt. Die Siegesgewissheit der Rotarmisten wurde durch ihre politische Einmütigkeit gefestigt. Sie brannten darauf, dem Gegner den letzten Stoß zu versetzen. Aber der Angriff erfolgte nicht.

 Der Kommandeur der vor Wesel liegenden roten Truppen ließ sich durch Bitten der Stadtverwaltung von Dinslaken dazu verleiten, erst in Dinslaken die Ordnung zu festigen und die Sicherheit der Stadt herzustellen. Dabei verstrich kostbare Zeit, und der günstigste Augenblick für einen erfolgreichen Angriff ging ungenutzt vorüber.

 Der Angriff auf Wesel begann erst am 24. März, nachmittags, als ein Ultimatum auf kampflose Übergabe der Stadt abgelehnt worden war. Nach einem Artillerieduell wurde der Sturmangriff der Roten Armee abgeschlagen. Die Verteidiger hatten Gelegenheit gehabt, ihre Reihen zu festigen und die Abwehr zu organisieren. Zudem war die Kampfkraft der roten Armee durch die Verwirrung gesunken, die an Teilen der Front durch den verräterischen Waffenstillstand hervorgerufen worden war, den die Teilnehmer an den Bielefelder Verhandlungen am 23. März abgeschlossen hatten. Der Vormarsch an der Front bei Wesel kam zum Stillstand. In der Nacht zum 23. März erhielten die konterrevolutionären Truppen in Wesel auf einem Umweg Munition. Am 25. März meldete der militärische Leiter von Wesel, dass die Lage für Wesel absolut sicher sei. Man war der Panikstimmung Herr geworden. Mit jedem Tag, da die politische Verwirrung, der Munitions- und Verpflegungsmangel in der Roten Armee spürbarer wurden, wurde Wesel für sie uneinnehmbarer.

 In den Tagen bis zum 24. März hatte sich die Nordfront der Roten Armee an der Lippe gebildet. Wir geben den Aufbau dieser Front nach einem Plan von Ende März wieder:
 Sitz der Obersten Heeresleitung: Mülheim-Ruhr,
 Abschnitt der Fronten von Wesel bis Ahsen:
 Abschnitt I (Westabschnitt): Wesel-Schermbeck,
 Stabsquartier: Oberhausen,
 Unterabschnitt I/1: Rhein-Hunxe,
 Unterabschnitt I/2: Hünxe-Schermbeck,
 Etappe: Dinslaken,
 Abschnitt II (Ostabschnitt): Schermbeck-Ahsen,
 Stabsquartier: Marl,
 Unterabschnitt II/1: Schermbeck-Hervest (Fähre),
 Unterabschnitt II/2: Hervest-Ahsen,
 Etappe: Marl, Zentralleitung,
 Zentralgefechtsleitung Ost: Hagen,
 Abschnitt I: Haltern-Werne-Hamm,
 Abschnitt II: Haltern (westlich), Grenze unbekannt,
 Truppensammelstelle und Hauptnachschubpunkte sind
 Lünen, Kamen, Unna.

Somit war die Befreiung des Ruhrgebietes abgeschlossen. In einer gewaltigen Offensive befreite die Rote Armee in wenigen Tagen das industrierevier wie ein Sturmwind vom weißen Spuk und schlug den deutschen Militarismus schwer. Die revolutionäre, geschichtsbestimmende Kraft der Volksmassen war hier in überzeugender Weise an den Tag getreten. Mit einem beispiellosen Elan hatte das Proletariat seine revolutionäre Streitmacht buchstäblich aus dem Boden gestampft.

Untersuchen wir nun, wie diese Rote Armee zusammengesetzt, organisiert und bewaffnet war, wo die Ursachen für ihre legendären Erfolge liegen.

Ein Auszug: Otto Hennicke: Die Rote Ruhrarmee. Verlag des Ministeriums für Nationale Verteidigung, Berlin 1956.

Anmerkungen
36) Colm, a. a. O., S. 29.
37) Ernst, a. a. O., S. 17.
38) Severing, 1919-1920 im Wetter- und Watterwinkel, a. a. O., S. 150.
39) Brauer, a. a. O., S. 34.
40) Die Remscheider Märzkämpfe ..., a. a. O., S. 24.
41) Spethmann, a. a. O., S. 72.
42) Brauer, a. a. O., S. 43.
43) Vom Bürgerkrieg, Sammelband I, o. O. u. J., S. 98.
44) E. Kabisch, Kritische Tage in den Ruhrkämpfen Frühjahr 1920; „Deutscher Offiziersbund“, Amtliche Bundeszeitschrift, 8. Jahrgang, 1929, S. 1415.
45) Ebenda, S. 1416.

In Folge: Struktur, Stärke und Bewaffnung der Roten Armee. Die Kampfmoral der Roten Armee. Die Maßnahmen der Konterrevolution zur Abwürgung der revolutionären Aktion. Der Verrat der rechten SPD- und USPD-Führung. Die Bielefelder Verhandlungen.  



VON: OTTO HENNICKE, BEREITGESTELLT VON REINHOLD SCHRAMM


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