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Bildmontage: HF

23.08.17
TheorieTheorie, Kultur, Arbeiterbewegung 

 

Von Universtät Freibug

Historiker Michael Berger über die wechselhafte Werksgeschichte des Karl-Marx-Klassikers „Das Kapital“

Am 11. September 2017 feiert der erste Band des „Kapitals“ von Karl Marx mit dem Untertitel „Kritik der politischen Ökonomie“ seinen 150. Geburtstag. Erschienen ist das Werk im Verlag Otto Meissner in Hamburg in einer Auflage von 1.000 Exemplaren. „Handelsblätter und literarische Zeitschriften veröffentlichten zwar kurze Rezensionen und innerhalb eines Jahres war die erste Auflage verkauft, Marx war jedoch von dem geringen Echo enttäuscht, zumal die großen Zeitungen schwiegen“, sagt Historiker Dr. Michael Berger, der bis 2015 Seminare über die Theorien von Karl Marx an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg abhielt.

Die Sozialdemokraten Johann Baptist Schweizer und Johanes Most verfassten bis 1874 populäre Zusammenfassungen, die versuchten, das schwierige Werk der deutschen Arbeiterbewegung etwas zugänglicher zu machen. In England blieb das Werk wegen des deutschen Textes praktisch unbekannt. Im Jahr 1872 erschien eine stark überarbeitete 2. Auflage, drei Jahre später eine erneute Überarbeitung von Marx in französischer Sprache. Friedrich Engels gab 1883 und 1890 weitere Auflagen heraus, worin Teile der französischen Fassung eingearbeitet waren. „Mehr als 5.000 Exemplare dürften bis Ende des 19. Jahrhunderts aber nicht gedruckt worden sein“, resümiert Berger. 

Gleichzeitig lehnte die sich an den Universitäten durchsetzende österreichische Schule der Nationalökonomie das „Kapital“ als unwissenschaftlich ab. Marxistische Theoretikerinnen und Theoretiker wie Rosa Luxemburg oder Rudolph Hilferding schotteten sich ihrerseits gegen die neue Grenznutzenlehre ab.“  Repräsentativ sei 1895 eine respektvolle Besprechung des „Kapitals“ von dem Ökonomen Eugen Böhm-Bawerk gewesen, der Marx als letzten Vertreter der klassischen Arbeitswertlehre von Adam Smith und David Ricardo verstanden habe. Jedoch könne die Arbeitswertlehre zentrale Probleme des zeitgenössischen Kapitalismus wie das Zustandekommen der Handelspreise, die Wirkungen der Zinsen und des Kredits nicht erklären. Marx habe das auch schon gesehen und die geplanten Folgebände des „Kapitals“ nicht mehr publiziert.

Bis 1965 blieb laut Berger die Kenntnis des umfangreichen Werks in Europa, Russland und den USA auf eine sehr überschaubare Anzahl von Wissenschaftlern und Laien beschränkt. Selbst in Russland seien bis 2015 nur vier Übersetzungen in kleinen Auflagen erschienen. Der Umfang von etwa 800 Seiten, die schwierigen logischen Ableitungen der ersten Abschnitte, die langen und grammatisch komplizierten Sätze und die vielen Fremdwörter seien ein Hindernis breiter Rezeption gewesen. „Die immer noch hoch aktuellen soziologischen Analysen der kapitalistischen Gesellschaft waren im Text eher versteckt als unmittelbar übernehmbar.“

Erst mit Band 23 der in der DDR herausgegebenen Marx-Engels-Werke (MEW) stand die Fassung von 1890 in beliebig großer Anzahl zur Verfügung. „Mit der Studentenbewegung setzte eine massenhafte Lektüre des ‚Kapitals‘ ein und es erschienen bis heute unzählige Interpretationen aus allen politischen Richtungen, allerdings vorwiegend durch eine akademisch gebildete Leserschaft“, bilanziert Berger. Seiner Ansicht nach erreichten Teile der Marx‘schen Theorie ihre große politische Wirkung nur durch die gefilterte und kontroverse Rezeption in der internationalen Arbeiterbewegung. „Wie der US-amerikanische Historiker Jonathan Sperber schrieb, entstand ‚ein Gegenentwurf zur bürgerlichen Gesellschaft und Wissenschaft‘, zu dem das ‚Kapital‘ immer noch gute Argumente bereitstellt.“







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