Lenins Kritik am Ökonomismus


Lenin - Wladimir Iljitsch Uljanow

02.05.12
TheorieTheorie, News 

 

von Otto Finger Reinhold Schramm (Bereitstellung)

Um die Jahrhundertwende konzentriert sich Lenins theoretische Arbeit auf die Zerschlagung des Ökonomismus, einer russischen Variante des Opportunismus der II. Internationale. Das entscheidende Ergebnis dieser Auseinander-setzung ist die Grundlegung der Theorie der Partei neuen Typus und damit des Bolsche-wismus. „Was tun?“ Erschien 1902, die Partei der Bolschewiki wurde 1903 gegründet.

Die Geburt des Bolschewismus, jener Ideologie und politischen Partei, die erstmalig in der Weltgeschichte die Arbeiterklasse zur politischen Macht führte, ist mit der genannten theoretischen Leistung unlösbar verbunden. Sie bezeichnet darum auch einen Angelpunkt der gesamten Weiterentwicklung der materialistisch-dialektischen Revolutionstheorie durch Lenin.

1899 erschien der von Lenin geschriebene „Protest russischer Sozialdemokraten“ gegen die in einem „Credo“ zusammengefassten Standpunkte des ökonomischen Opportunismus. Der „Protest“ gibt das „Credo“ ungekürzt wieder. Es enthält Programmpunkte des klassischen Opportunismus Bernsteinischer Prägung, die durchaus auch noch wesentliche Seiten heutiger reformistischer Ideologie kennzeichnen. Philosophisch-theoretisch vom antidialektischen Neukantianismus abhängig, ersetzt diese Ideologie den revolutionären Entwicklungsgedanken der Sprengung des Kapitalismus durch einen Evolutionismus der Anpassung der Arbeiterbewegung an die kapitalistischen Verhältnisse. -

Ähnlich wie heutiger opportunistischer Antimarxismus und Antileninismus treten die russischen Ökonomisten – die ihren Namen von der Verabsolutierung des ökonomischen Klassenkampfes haben – mit dem Anspruch auf, den „unduldsamen“, „primitiven“ Marxismus durch einen „demokratischen Marxismus“ zu verbessern. [1/73] „Primitiv“ sei der Marxismus, sofern er streng an der „schematischen Vorstellung von der Klassenteilung der Gesellschaft“ festhalte. [2/74] Bisher habe der politische Kampf überwogen. Er habe sich erschöpft. Erforderlich sei eine sehr viel energischere Führung des ökonomischen Kampfes. Noch wesentlicher aber sei die Veränderung der politischen Stellung der Partei in der Gesellschaft. Sie müsse in folgendem bestehen:

  • Auf die „praktischen Forderungen des Augenblickes“ sei größeres Gewicht zu legen.
  • Der Begriff Politik müsse sich zu „wahrhaft gesellschaftlicher Bedeutung“ erweitern.
  • Die Partei müsse die Gesellschaft „anerkennen.“
  • An die Stelle des Strebens nach politischer Machtergreifung solle das Streben nach „Reformierung der heutigen Gesellschaft in demokratischer Richtung“ [3/75] treten.

Verzicht auf Klassenkampf und den revolutionären Sturz des Kapitalismus erweist sich als die politische Quintessenz damaligen wie heutigen Opportunismus. Unter den genannten Punkten ist keiner, der nicht auch in den Programmen heutiger reformistischer Parteien stehen könnte.

Lenin entwickelt in der Kritik dieser Positionen die revolutionäre Grundlinie für die künftigen Klassenschlachten des Proletariats. Die Ökonomisten versuchten ihre opportunistische Ideologie nicht zuletzt durch die Geschichte der westeuropäischen Arbeiterbewegung zu legitimieren, Sie wird so entstellt, dass der ökonomistische Opportunismus als ihr notwendiges Fazit erscheint. Ein Hauptpunkt der „historischen“ Argumentation bezieht sich auf die Rolle des Fabrikproletariats und das Verhältnis von ökonomischen und politischen Kampf. Dem Fabrikproletariat wird Organisationsfähigkeit abgesprochen; sie sei eher bei den Manufakturarbeitern und Handwerkern vorhanden. Der politische Klassenkampf sei nicht Sache des Fabrikproletariats, sondern eben der Manufakturarbeiter gewesen und habe den ökonomischen überwogen. -

Lenin korrigierte diese Entstellung: Zunächst war keineswegs der politische Klassenkampf die herrschende Praxis. Am Anfang überwog mit dem utopischen Denken in der Arbeiterbewegung auch der „unpolitische Sozialismus“, der Owenismus, Fourierismus, der „wahre“ Sozialismus. Auch in den sechziger Jahren [19. Jh.], zur Zeit der Gründung der I. Internationale und als der Marxismus in Gestalt des Marxschen „Kapitals“ „mit seinem ganzen theoretischen Rüstzeug auftrat ... war der politische Kampf keineswegs die herrschende Praxis“ [4/76]. Lenin verweist auf den Trade-Unionismus in England, den Anarchismus und Proudhonismus in den romanischen Ländern.

Eine entscheidende Leistung des Marxismus besteht in folgendem: Er „hat den ökonomischen und politischen Kampf der Arbeiterklasse zu einem unteilbaren Ganzen verbunden“ [5/77]. -

Merkmal des Antimarxismus ökonomischer und opportunistischer Prägung generell ist es, diese Einheit aufzubrechen. -

Lenin nennt dies eine der „schlechtesten und traurigsten Abweichungen vom Marxismus“. Getrennt vom ökonomischen verliert der politische Kampf seine Massenbasis. Getrennt vom politischen mündet der ökonomische Kampf in der Unterordnung der Arbeiterbewegung unter die Macht der Bourgeoisie. -

Dabei handelt es sich für Lenin nicht etwa um eine Einheit gleichrangiger Seiten der Arbeiterbewegung. Das Primat muss der politische Klassenkampf besitzen. Lenin verteidigt in diesem Sinne eine revolutionäre Grundidee des „Manifestes der Kommunistischen Partei“, wenn er im diametralen Gegensatz zum opportunistischen Verzicht auf die Formierung einer politischen Kampfpartei des Proletariats und auf die Machteroberung fordert:

„Das Proletariat muss die Bildung selbständiger politischer Arbeiterparteien anstreben, deren Hauptziel die Ergreifung der politischen Macht zwecks Aufbau der sozialistischen Gesellschaft sein muss.“ [6/78]«

Anmerkungen

1/73 Vgl. W. I. Lenin, Protest russischer Sozialdemokraten, in: Werke, Bd. 4, Berlin 1960, S. 165.

2/74 Ebenda.

3/75 Ebenda.

4/76 Ebenda, S. 168.

5/77 Ebenda.

6/78 Ebenda, S. 170.

Quelle: Philosophie der Revolution. VEB Deutscher Verlag der Wissenschaften, Berlin 1975. Studie zur Herausbildung der marxistisch-leninistischen Theorie der Revolution als materialistisch-dialektischer Entwicklungstheorie und zur Kritik gegenrevolutionärer Ideologien der Gegenwart. Autor: Otto Finger. Vgl.: 7.8. Lenins Kritik am Ökonomismus im „Protest russischer Sozialdemokraten“, in: 7. Kapitel: Zur Herausbildung der Leninschen Etappe der materialistisch-dialektischen Revolutionstheorie.

 

 


VON: OTTO FINGER REINHOLD SCHRAMM (BEREITSTELLUNG)






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