Soziologie als zeitdiagnostische Ortsbestimmung


Bildmontage: HF

30.09.17
TheorieTheorie, Debatte 

 

Sozialwissenschaftliches zum Quartalsende

Von Richard Albrecht

Die politische Diskussion hat sich in den letzten Jahren pervertiert: Während Fragen, die die Massen betreffen, allenfalls noch peripher angestossen werden, stehen im Vordergrund einigermassen abseitige Themen für verschwindend geringe Minderheiten. (Walter Hollstein; soziologie heute, 52/2017: 6-10)

Biogenetische Thesen wie zuletzt zur Ursachen(um)deutunng personaler Eßstörungen wie seelischer Spaltungen1 sind modisch-eingängiger und klar-kantiger als kulturale Deutungsversuche. Nach wie vor aber können Erscheinungsformen und Wesen gesellschaftlicher Phänomene, Prozesse, Strukturen nicht identisch sein/werden. Das gilt aktuell in Ganzdeutschland auch für Erscheinungen wie cultural despair (Fritz Stern) als mit Sicherheitsbedürfnissen einhergehende, Menschen/Gruppen belastende, Ungewißheiten als Dimensionen von Gesellschaft,2 Prozesse ihrer sozialen Erosion und nachhaltige Bewußtseinsfalsifikation eingeschlossen.3

Wer nur die politische Sphäre wahrnimmt, mag sich bei einer Antifa in deren mickeymouse Köhlerglauben suhlen: Auch wenn gelegentlich parlamentarische Vertretungen rechtsmilitanter (völkischer, chauvinistischer, rassistischer) Strömungen im politisch-institutionellen System verhindert werden können - so ändert das nichts an deren Gesellschaftlichkeit und sozialer Bedeutung: Typischerweise gibt es diese politische Rechte, wenn auch auf der politischen Oberfläche zeitweilig marginalisiert und exkludiert, weiter.

Ende September 2017 gab es bei der ganzdeutschen Bundestagswahl mit ihrem relativ geringen Legitimationskoeffizienten von knapp 40 Prozent4 als offen sichtbares Hauptergebnis einen weiteren parteipolitischen Rechtstrend innerhalb des nun aus sieben politischen Parteien bestehenden Parlamentsspektrums. Diesen Sachverhalt haben denn auch einige klügere rezeptive Ideologen, die nicht nur das übliche feuilletonische “Gewäsche” (Ernst Bloch) nachplapper(t)en und in politischen Talkshows staatsnaher öffentlich-rechtlicher Fernsehsender zu Wort und ins Bild kamen, beschrieben. Einer dieser, der der SPD angehörende ehemalige Bundesbildungsminister (1972/74) und Erste Bürgermeister der Freien und Hansestadt Hamburg (1982/88), Klaus v. Dohnanyi (*1928),5 betonte als elder statesman in der spätabendlichen ZDF-Talkshow am 27.9.2017 über seine Kritik am SPD-Kanzlerkandidaten hinaus zum Topos €uropa:

Wenn Globalisierung mit Beschleunigung und Digitalisierung das Zentralproblem auch der ganzdeutschen Entwicklung sei, dann wäre die ständige Betonung von noch mehr Europa ein Irrweg. Gerade europäische Nationen suchten wieder eigene kleinräumige Identitäten. Unverkennbar sei der subjektive Verlust lebensweltlicher Gewißheiten bei Vielen, die sich politisch verlassen fühlten und von den verkasteten ´Volksparteien´ wirklich verlassen wären. Diese Folge von Globalisierung wäre endlich auch volksparteilich anzuerkennen und zu bearbeiten.6

Empirische Hinweise wie diese können soziologisch angereichert und interpretativ7 auf den Punkt gebracht werden: Jede Medienkultur8 bringt über die allgemeine Mystfikation des Warenfetisch in der kapitalistisch-bürgerlichen Gesellschaft eine besondere Verkehrung des Politischen hervor: Hochstilisierung öffentlicher Diskurse (als eines wichtigen Elements von Politik) auf Politik überhaupt und Verkürzung politischen Handelns auf kommunikative Kompetenz sowie Sprechhandeln mit spezieller Eloquenz und sprachlicher Gewandtheit. Talkshow-Formate und deren bildhafte Konzentration auf Rhetorik verstärken eine auch sozialwissenschaftlich immer noch zu wenig bedachte destruktive Wirksamkeit von Blockaden alternativ-politischer Handlungen9. Und speziell zum politischen und Wahlverhalten gilt: Wer „sich zu sehr auf die Sprache konzentriert, läuft Gefahr, die Realität aus den Augen zu verlieren.“10

In diesem präzisen Sinn ist ein an ihre linke Konkurrentin, Sahra Wagenknecht, gerichteter Hinweis der rechten Spitzensozi (und damaligen Bundesministerin) Andrea Nahles aus den Vorwahltagen im September 2017 zu bedenken: Es gibt keinen Talkshowsozialismus.

 

1 http://ajp.psychiatryonline.org/doi/full/10.1176/appi.ajp.2017.16121402

2 http://www.gkpn.de/Albrecht_GESELLSCHAFT.pdf

3 Reinhard Opitz, Über die Entstehung und Verhinderung von Faschismus; in: Das Argument, 87/1974: 543-603

4 http://www.scharf-links.de/40.0.html?&tx_ttnews[tt_news]=62348&tx_ttnews[backPid]=48&cHash=1a377740aa

5 https://de.wikipedia.org/wiki/Klaus_von_Dohnanyi

6 https://www.youtube.com/watch?v=RRpN9dAkavk

7 https://soziologieheute.files.wordpress.com/2017/04/gastkommentarwienerzeitung27042017.jpg

8 Lucien Goldmann, Kultur in der Mediengesellschaft. Frankfurt/M. 1973

9 Uwe Füllgrabe, Ausbildungsprobleme, die zumeist übersehen werden - oder wie man Handlungseunuchen produziert; in: Kriminalistik, 6/2003: 391-396

10 Richard Albrecht, Von der Theorie des falschen Bewußtseins zur Praxis von Handlungsblockaden; in: soziologie heute, 29/2013: 32-33

 

Richard Albrecht, PhD., Dr.rer.pol.habil., Freier Autor in Bad Münstereifel. Letzterschienenes Buch HELDENTOD. Kurze Texte aus Langen Jahren (2011). BioBibliographie https://ricalb.files.wordpress.com/2015/12/cv.pdf (2015)

 







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