Zum Hintergrund der Liquidierung der Kommunistischen Partei Chinas


Bildmontage: HF

17.08.13
TheorieTheorie, News 

 

von Enver Hoxha - Reinhold Schramm (Bereitstellung)

[Teil 5]

»Haltungen, die nicht den Geruch von Klassenkampf an sich tragen, wurden in China auch gegenüber jenen Feudalen und Kapitalisten eingenommen, die unzählige Verbrechen am chinesischen Volk verübt haben.

Mao Tse-tung erhob solche Haltungen zur Theorie und erklärte, die Konterrevolutionäre offen in Schutz nehmend: ›... Keinen einzigen hinrichten, die meisten nicht verhaften..., die Sicherheitsorgane verhaften sie nicht, die Staatsanwaltschaften erheben keine Anklage gegen sie, und die Gerichtshöfe verurteilen sie nicht. Von hundert Konterrevolutionären sollen über neunzig so behandelt werden.
(Mao Tse-tung, Ausgewählte Werke, Bd. 5. Franz. Ausgabe, Peking 1977, S. 323.)

Mit der Begründung eines Sophisten erklärt Mao Tse-tung, die Exekution von Konterrevolutionären bringe überhaupt keinen Nutzen, ein derartiges Vorgehen behindere die Produktion, beeinträchtige das wissenschaftliche Niveau des Landes, bringe einen auf der Welt in schlechten Ruf usw., denn liquidiere man einen Konterrevolutionär, dann ›würde man die Verbrechen eines Zweiten, eines Dritten mit den seinen vergleichen und dann würden viele Köpfe rollen ... ein Kopf aber, wenn er gefallen ist, kann nicht wieder aufgesetzt werden. Er kann auch nicht wie Schnittlauch, der abgeschnitten worden ist, wieder nachwachsen.
(Mao Tse-tung, Ausgewählte Werke, Bd. 5, franz. Ausgabe, Peking 1977, S. 323.)

Infolge dieser von den ›Maotsetungideen‹ gepredigten antimarxistischen Vorstellungen von den Widersprüchen, von den Klassen und ihrer Rolle in der Revolution ging China nie den richtigen Weg des sozialistischen Aufbaus. In der chinesischen Gesellschaft existierten und existieren nicht nur wirtschaftliche, politische, ideologische und soziale Überreste der Vergangenheit, dort existieren vielmehr auch die Ausbeuterklassen als Klassen, die die Macht behaupteten und weiter behaupten. Die Bourgeoisie existiert nicht nur weiter, sondern sie profitiert auch weiter von den Reichtümern, die sie hatte. Die kapitalistische Rente ist in China gesetzlich nicht abgeschafft, weil die chinesische Führung an der von Mao Tse-tung 1935 formulierten Strategie der bürgerlich-demokratischen Revolution festhielt. Dieser sagte damals, dass sich ›die Arbeitsgesetze in der Volksrepublik nicht gegen die Bereicherung der nationalen Bourgeoisie richten...‹
(Mao Tse-tung, Ausgewählte Werke, Bd. 1, alb. Ausgabe, S. 209.) -

Das Kulakentum – in den Formen, die in China existieren –, behielt in Übereinstimmung mit der ›Politik des gleichen Rechts auf Land‹ große Vorteile und Profite. Mao Tse-tung selbst erteilte die Anweisung, die Kulaken nicht anzutasten, da dies die nationale Bourgeoisie erzürnen könne, mit der die Kommunistische Partei Chinas eine gemeinsame politische, wirtschaftliche und organisatorische Einheitsfront gebildet hatte
(Mao Tse-tung, Ausgewählte Werke, Bd. 5, franz. Ausgabe, Peking 1977, S. 22.).

All das zeigt, dass die ›Maotsetungideen‹ China nicht auf den wahren Weg des Sozialismus leiteten und leiten konnten. Wie Tschou En-lai 1949 erklärte, als es sich insgeheim an die amerikanische Regierung um Hilfe für China wandte, war es sogar so, dass weder Mao Tse-tung noch seine Hauptanhänger für den Weg des Sozialismus waren. ›China‹, schrieb Tschou En-lai, ›ist noch kein kommunistisches Land, und wenn Mao Tse-tungs Politik richtig umgesetzt wird, dann wird es auf lange Sicht kein kommunistisches Land werden.
(›International Herald Tribune‹, 14. August 1978.)

Mao Tse-tung und die Kommunistische Partei Chinas haben auf demagogische Weise alle Erklärungen über den Aufbau der sozialistischen und kommunistischen Gesellschaft ihrer pragmatischen Politik dienstbar gemacht. So erklärten sie in den Jahren des sogenannten großen Sprungs, um den Massen, die aus der Revolution kamen und den Sozialismus anstrebten, Sand in die Augen zu streuen, dass sie innerhalb von 2-3 Fünfjahrplänen direkt zum Kommunismus übergehen würden. Später dagegen begannen sie, um ihre Misserfolge zu kaschieren, zu theoretisieren, dass der Aufbau und der Sieg des Sozialismus 10 000 Jahre erfordern würden.
[Anm.: Im Jahr 2003/4 hieß es in der theoretischen und akademischen Partei-Debatte in China: noch “12 Generationen“, bis ins 23. Jahrhundert, bis zum sozial-ökonomischen Ausgleich zwischen den sozial unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen (Klassen); vgl. in: „Beijing Rundschau“. – R. S.]

Zwar nannte sich die Kommunistische Partei Chinas kommunistisch, doch sie entwickelte sich in eine andere Richtung, auf einem chaotischen, liberalen Weg, auf einem opportunistischen Weg, und sie konnte keine Kraft sein, fähig, das Land zum Sozialismus zu führen. Der Weg, den sie verfolgte und der nach Maos Tod noch klarer konkretisiert wurde, war nicht der Weg des Sozialismus, sondern der Weg des Aufbaus eines großen bürgerlichen, sozialimperialistischen Staates.

Als antimarxistische Lehre haben die ›Maotsetungideen‹ den proletarischen Internationalismus durch den Chauvinismus eines großen Staates ersetzt.

Schon bei den ersten Schritten ihrer Tätigkeit wies die Kommunistische Partei Chinas offen nationalistische und chauvinistische Tendenzen auf, die, wie die Tatsachen zeigen, auch in den späteren Perioden nicht ausgemerzt werden konnten. Li Da-tschao, einer der Begründer der Kommunistischen Partei Chinas, erklärte: ›Die Europäer glauben, die Welt gehöre ausschließlich den Weißen und diese stellen die übergeordnete Klasse dar, die farbigen Völker hingegen die untergeordnete Klasse. Das chinesische Volk, fuhr Da-tschao fort, muss bereit sein einen Klassenkampf gegen die anderen Rassen der Welt zu führen, in dem es erneut seine nationalen Eigenschaften beweisen wird. In solchen Ansichten wurde die Kommunistische Partei Chinas von Anfang an geformt.

Solche rassistischen und nationalistischen Ansichten können auch aus der Mentalität Mao Tse-tungs nicht vollkommen verschwunden gewesen sein, ganz zu schweigen von der Lius und Dengs. Im Bericht an das Zentralkomitee der Partei im Jahr 1938 sagte Mao Tse-tung: ›Das heutige China ist ein Produkt der gesamten vergangenen Entwicklung Chinas... Wir müssen unsere gesamte Vergangenheit von Konfuzius bis Sun Yat-sen zusammenfassen und von diesen Werten Besitz ergreifen. Das wird eine solide Stütze dabei sein, die große Bewegung der Gegenwart zu lenken.
(Mao Tse-tung, Ausgewählte Werke, Bd. 2, alb. Ausgabe, S. 250-251.)

Natürlich bejaht jede marxistisch-leninistische Partei, dass sie sich auf den Reichtum der Vergangenheit des eigenen Volkes stützen muss, doch sie beachtet dabei, dass sie sich nicht auf jedes ererbte Gut stützen darf, sondern nur auf den fortschrittlichen Reichtum. Das reaktionäre Erbe auf dem Gebiet der Ideen wie auf jedem anderen Gebiet lehnen die Kommunisten ab. Die Chinesen sind sehr konservativ gewesen, was ihre alten Formen, ihre alte Substanz und ihre alten Ideen anbelangt, ja sogar xenophob. Sie hüteten das Alte wie einen sehr wertvollen Schatz. Wie aus unseren Gesprächen mit ihnen hervorgeht, hatte die gesamte revolutionäre Erfahrung der Welt für die Chinesen nicht viel Wert. Für sie waren nur ihre Politik, der Kampf, den sie gegen Tschang Kai-schek geführt haben, der lange Marsch, die Theorie von Mao Tse-tung von Wert. Was die fortschrittlichen Werte der anderen Völker anbelangt, so hielten die Chinesen nichts von ihnen oder nur sehr wenig, sie machten sich noch nicht einmal die Mühe, sie zu studieren. Mao Tse-tung hat erklärt, dass ›die Chinesen die von Ausländern geschaffenen Formeln beiseite lassen müssen‹. Doch was dies für Formeln sind, präzisiert er nicht. Er hat ›alle von den anderen Ländern entliehenen Klischees und Dogmen‹ verurteilt. Hier drängt sich die Frage auf: Schließen diese für China fremden ›Dogmen‹ und ›Klischees‹ etwa auch die Theorie des wissenschaftlichen Sozialismus ein, die nicht von Chinesen ausgearbeitet worden ist?

Die Führung der Kommunistischen Partei Chinas hat den Marxismus-Leninismus als Monopol der Sowjetunion betrachtet, gegenüber der Mao Tse-tung und Konsorten chauvinistische Ansichten, Ansichten eines großen Staates hegten, sozusagen eine gewisse bürgerliche Eifersucht empfanden. Sie betrachteten die Sowjetunion der Zeit Lenins und Stalins nicht als das große Vaterland des Weltproletariats, auf das sich die Proletarier der ganzen Welt stützen mussten, um die Revolution zu erreichen, das sie mit all ihren Kräften gegen den großen Angriff der Bourgeoisie und des Imperialismus verteidigen mussten.

Schon vor Jahrzehnten haben sich Mao Tsetung und Tsch En-lai, die zwei Hauptführer der Kommunistischen Partei Chinas, gegen die von Stalin geführte Sowjetunion geäußert und gegen sie gehandelt, sie haben sich auch gegen Stalin selbst geäußert. Mao Tse-tung bezichtigte Stalin des Subjektivismus, behauptete, dass er [Stalin] ›unfähig war, den Zusammenhang zwischen dem Kampf und der Einheit der Gegensätze zu sehen
(Mao Tse-tung, Ausgewählte Werke, Bd. 5, franz. Ausgabe, Peking 1977, S. 400), dass er ›China gegenüber einiges falsch gemacht
(Mao Tse-zung, Ausgewählte Werke, Bd. 5, franz. Ausgabe, S. 400.), habe, dass ›das ‘linke’ Abenteuertum Wang Mings in der letzten Periode des zweiten revolutionären Bürgerkrieges und sein Rechtsopportunismus in der Anfangsperiode des Widerstandes gegen die japanische Aggression auf Stalin‹ zurückgehe, dass Stalins Handlungen gegenüber Jugoslawien und Tito falsch gewesen seien usw.
(Mao Tse-tung, Ausgewählte Werke, Bd. 5, franz. Ausgabe, S. 328.)

Zum Schein nahm Mao Tse-tung zwar Stalin manchmal in Schutz, sagte, dass die Fehler bei ihm nur 30 Prozent ausmachten, tatsächlich aber sprach er nur von Stalins Fehlern. Maos Erklärung auf der Moskauer Beratung der kommunistischen und Arbeiterparteien im Jahr 1957 kommt nicht von ungefähr, wo er sagte: ›Als ich zu Stalin kam, fühlte ich mich wie ein Schüler vor dem Lehrer, jetzt dagegen, wenn wir uns mit Chruschtschow treffen, sind wir wie Genossen, sind wir frei.‹ Damit begrüßte und billigte er öffentlich die Verleumdungen Chruschtschows gegen Stalin und verteidigte die chruschtschowsche Linie.

Wie die anderen Revisionisten benutzte Mao Tse-tung die Kritik an Stalin, um die Abkehr von den marxistisch-leninistischen Prinzipien zu rechtfertigen, die Stalin konsequent verteidigt und weiterentwickelt hat. Mit dem Angriff auf Stalin zielten die chinesischen Revisionisten darauf ab, sein Werk und seine Autorität herabzusetzen, um die Autorität Mao Tse-tungs in den Rang eines Weltführers, eines Klassikers des Marxismus-Leninismus zu erheben, der angeblich stets eine richtige und fehlerlose Linie verfolgt hat! -

Diese Kritiken waren ebenfalls ein Ausdruck der gegenüber Stalin angehäuften Unzufriedenheit über die Ermahnungen und Kritiken, die er und die Komintern an die Führung der Kommunistischen Partei Chinas und Mao Tse-tung gerichtet hatten, die die Prinzipien des Marxismus-Leninismus im Zusammenhang mit der führenden Rolle des Proletariats in der Revolution, mit dem proletarischen Internationalismus, mit der Strategie und Taktik des revolutionären Kampfes usw. nicht konsequent anwandten.

Dieser Unzufriedenheit gab Mao Tse-tung offen Ausdruck, als er sagte: ›Stalin hatte den Verdacht, unser Sieg sei ein Sieg von der Tito-Art, und in den Jahren 1949 und 1950 waren wir wirklich einem starken Druck ausgesetzt.‹ (Mao Tse-tung, Ausgewählte Werke, Bd. 5, franz. Ausgabe, Peking 1977, S. 328.) Ebenso hat Tschou En-lai bei den Gesprächen, die er in Tirana mit uns führte, erklärt: Stalin argwöhnte, wir seien für die Amerikaner bzw. verfolgten den jugoslawischen Weg.‹ Die Zeit hat bewiesen, dass Stalin vollkommen recht gehabt hat. Seine Prognosen im Zusammenhang mit der chinesischen Revolution und den Ideen, von denen sie geleitet wurde, erwiesen sich als exakt.

Die Widersprüche zwischen der von Mao Tse-tung geführten Kommunistischen Partei Chinas und der von Stalin geführten Kommunistischen Partei der Sowjetunion sowie die Differenzen zwischen der Kommunistischen Partei Chinas und der Komintern waren prinzipieller Art, sie betrafen grundlegende Fragen der marxistisch-leninistischen revolutionären Strategie und Taktik. So ignorierte das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei Chinas über die richtige und konsequente Entfaltung der Revolution in China, ihre Orientierung bezüglich eines Zusammenwirkens der Arbeiterklasse in der Stadt und der Befreiungsarmee, die Thesen der Komintern über den Charakter und die Etappen der chinesischen Revolution usw. Mao tse-tung und die anderen Führer der Kommunistischen Partei Chinas sprachen ständig mit Geringschätzung über die Delegierten der Komintern in China, nannten sie ›tölpelhaft‹, ›Ignoranten‹, die ›von der chinesischen Realität keine Ahnung hatten‹, usw. Mao Tse-tung, der jedes Land als eine ›den anderen verschlossene objektive Realität für sich‹ betrachtete, hielt die Hilfe der Delegierten der Komintern schlicht für unmöglich und unnötig. In seiner Rede auf der erweiterten Arbeitskonferenz des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Chinas im Januar 1962 sagte Mao Tse-tung: ›Die Chinesen und nicht die Genossen der Komintern die sich mit der chinesischen Frage befassen, kannten China als objektive Welt. Diese Genossen der Komintern kannten die chinesische Gesellschaft, die chinesische Nation und die chinesische Revolution nicht oder nur wenig. Weshalb sollte hier also von diesen ausländischen Genossen die Rede sein?« {...}

[Teil 5]

Quelle: Enver Hoxha: Imperialismus und Revolution. Verlag „8 Nëntori“, Tirana 1979. Hrsg.: Institut für marxistisch-leninistische Studien beim ZK der PAA. Vgl.: Die „Maotsetungideen“ – eine antimarxistische Theorie.


VON: ENVER HOXHA - REINHOLD SCHRAMM (BEREITSTELLUNG)






<< Zurck
Ja, auch diese Webseite verwendet Cookies. Hier erfahrt ihr alles zum Datenschutz