Geld entsteht als Kreditgeld aus „Schuld“ *


Bildmontage: HF

07.09.18
DebatteDebatte, Wirtschaft 

 

Von Franz Schneider

"Geld" entsteht aus einer personalen Beziehung, aus einer Beziehung zwischen zwei Menschen. Der eine gerät in die Schuld des anderen. Aus dieser Beziehung entsteht "Geld". Es gibt einen Schuldigen, einen Schuldner und es gibt einen Menschen, der ihm Glauben schenkt, den Gläubiger. Er vertraut dem Schuldner, dass er ihm die Schuld "zurückbezahlt". Die personale Beziehung erhält so ihre moralische Grundlage. Es geht hier keinesfalls um Verklärung einer fernen Vergangenheit.. Denn zahlte der Schuldner seine Schuld nicht zurück, dann riskierte er, dass man ihm z.B. einen Finger abhackte oder die Augen ausstach. Heute schläft er unter der Brücke oder fliegt aus seiner Wohnung, die ihm die Bank wegnimmt. Aber nicht jeder Schuldner erfährt diese brutale Behandlung, wie noch weiter unten ausgeführt wird.

Das Wesen des Geldes besteht jedenfalls darin, dass es ein „Rückzahlungsmittel für eine Schuld“ ist. Mit Geld verbinden wir heute Münzen, Banknoten und elektronisches Geld. Das Rückzahlungsmittel kann jedoch eine Vielzahl anderer Formen annehmen. Es könnten auch Hühner oder Eier, Leder oder Schuhe sein. Diese Gegenstände ermöglichen eine direkte Verwertung. Geld wird hierbei selbst zur Ware. Es könnten aber auch Muscheln oder Seidenfedern sein, die die lediglich auf die Verpflichtung zu einer Rückzahlung in Form von etwas Verwertbarem "hinweisen". Geld wird hierbei zu einer Art Schuldschein oder zu einem willkürlichen aber gesellschaftlich anerkannten Symbol, wie Aristoteles es ausdrückte. Diese Aufgabe könnten auch zwei Papierschnipsel übernehmen, die man auseinandergerissen hat, so dass deren Ränder genau zueinander passen und Gläubiger und Schuldner sich eindeutig identifizieren können.

Der lange Verlauf der Geschichte des "Geldes" lässt sich als ein Prozess betrachten, in dem diese ursprüngliche personale Beziehung als die wesentliche Bedingung für die Entstehung von "Geld" in letzter Konsequenz „in Vergessenheit“ geraten ist.

Die gängige Lehrmeinung darüber, was Geld ist, ist schon lange und immer noch eindeutig. In den allermeisten Lehrwerken, die sich mit Geld befassen, erfährt der Leser, dass das Geld drei Funktionen hat. Es erleichtert den Tausch, es dient als Wertaufbewahrungsmittel und es ist eine Rechnungseinheit. Von Gläubiger-Schuldner-Beziehung keine Spur. Die erste Funktion, die Tauschfunktion, wird als die wichtigste angesehen. Warum ist das so?

Das ist so – innerhalb des westlichen Kulturkreises -, weil der Schotte Adam Smith (1723-1790) die Eingebung hatte, dass der Mensch in seinem innersten Wesen und daher schon immer ein tauschendes Wesen sei. Er dachte sich dafür ein Fantasieland aus, das bisher durch keine anthropologischen Forschungen gefunden und bestätigt werden konnte. Dieser naturgegebene Tauschtrieb erklärte sich für Smith dadurch, dass der Mensch schon immer ein egoistisches Wesen sei, das in seinem tiefsten Inneren davon angetrieben werde, sein Eigeninteresse zu realisieren.

Machen wir einen ganz einfachen Test. Sie stellen fest, dass Sie kein Salz mehr haben. Nach der Vorstellung von Smith gehen Sie zu Ihrem Nachbarn und nehmen Zucker mit, von dem Sie noch genügend haben. Wir nehmen der Einfachheit halber an, dass der Nachbar Zucker braucht. Sie beginnen nun mit diesem zu feilschen, um wieviel Zucker er bereit zu sein hat, Ihnen soundsoviel Salz zu geben, und um wieviel Salz Sie bereit sind, ihm   soundsoviel Zucker zu geben. Sie setzen alle Raffinessen ein, um schließlich mit dem Salz und dem Gefühl nach Hause zu gehen. Dem hab ich's mal gezeigt.

Ich habe den Test in meinem Bekanntenkreis durchgeführt. Das Ergebnis war eindeutig. Ich glaube Du spinnst, ich gehe doch nicht mit meinem Zucker zu dem Nachbarn, um von dem Salz zu bekommen. Der Nachbar gibt mir das Salz und damit hat sich's. Und er würde vermutlich sogar beleidigt sein, wenn ich darauf bestehe, ihm das wieder „zurückzuzahlen“. Er verzichtet ganz auf eine "Rückzahlung". Dennoch ist nicht auszuschließen, dass ich zwei Wochen danach oder zu einem sonstigen Zeitpunkt zu meinem Nachbar gehe und ihm eine Schachtel Pralinen bringe. Angenommen dieser nimmt die Pralinen, dann wäre die "Schuld" zurückbezahlt. Tausch findet kaum unter Menschen statt, die sich gut kennen, aber dagegen umso mehr unter Fremden, die sich mit einer geringen Wahrscheinlichkeit wiedersehen werden nach ihrem Tauschgeschäft. Tauschende verlassen nicht unbedingt das Tauschgeschehen mit einem guten Gewissen, das lehrt die Erfahrung. Für eine gute Nachbarschaft sind das keine guten Voraussetzungen.

Adam Smith blendet in seiner Fantasievorstellung vom Menschen als ursprünglich tauschendes Wesen solche Verhaltensweisen wie die in dem einfachen Beispiel beschriebenen völlig aus. Man braucht ihm dabei noch nicht einmal dunkle Absichten zu unterstellen. Er lebte in einer Zeit, die mit der Frage beschäftigt war, wie Nationen so miteinander Handel treiben können, dass jede auf ihre Kosten - in einem konkreten geldlichen Sinne - kommt. Es gibt das berühmte Beispiel von David Ricardo (1772-1823) über den Handelsvertrag zwischen England und Portugal. Da Engländer kostengünstiger Tuch herstellen können als die Portugiesen und die Portugiesen kostengünstiger Wein als die Engländer, tauschen beide Nationen diese Produkte miteinander. Zwischen A und B findet ein Tausch statt, weil jeder daraus einen Vorteil zieht.

Dieses theoretische Modell sollte auch die Vorstellungen von Geld in der weiteren Zukunft bestimmen. Obwohl auch im Tausch von portugiesischem Wein gegen englisches Tuch eine Gläubiger-Schuldner-Beziehung wirksam ist, findet dennoch eine zunehmende Distanzierung zwischen Gläubiger und Schuldner statt. In einem räumlichen Sinn durch die geografische Entfernung, in einem personalen Sinn durch Fremdheit, Anonymisierung, durch einen unvermeidlichen Bedeutungsverlust des Vertrauens, durch Verwässerung von Verantwortung. Wir sind bei dem „Konzept der unpersönlichen Schulden“ (David Graeber) gelandet. Die personale moralische Basis ist weitgehend verschwunden, der Weg ist frei für einen abstrakten Zahlungsmittelbegriff, der da heißt „Geld“. Der Weg ist frei, um zu behaupten, Geld ist die quasi automatische Folge des Tauschvorgangs, da es diesen erleichtert.

Aus heutiger Sicht lässt sich sagen, dass der Prozess der Entpersonalisierung und Anonymisierung der „Schuld“ schon immer kräftigen Rückenwind hatte. Uralte auf Moral und Vertrauen basierende Kreditsysteme wurden dadurch vernichtet. Forderungspapiere wie Wechsel, Scheck, Schuldverschreibung etc. schoben sich zwischen Gläubiger und Schuldner. Schuld wurde zu einer objektiven "Sache", zu Schulden.

Wenn man die Schuld zur Sache macht, dann lässt sie sich auch "erzeugen". Das Verhältnis von Schuld und Kredit wird umgekehrt. Der Kredit wird eingesetzt zur Schuldenproduktion. Geld ist zum Selbstzweck geworden ohne erfassbaren Gegenwert, ein Spekulationsobjekt.

Die Konsequenzen der Schuldenproduktion sind verheerend für den ökonomisch und sozial schwachen Schuldner, der zahlungsunfähig wird. Bei ihm wird das personale, sozial-moralische Bestrafungsmuster sehr gerne in unterschwelliger Weise zur Rechtfertigung einer menschlich brutalen und rechtlich zweifelhaften Vorgehensweise aktiviert. Mit der Folge, dass ganzen Familien durch Enteignung von eingebrachten Sicherheiten ihre Lebensgrundlage entzogen wird. Selbst nach jahrelanger Bedienung des Schuldendienstes schlägt dieses Enteignungssystem mit unveränderter Härte zu. Man kann hier durchaus von einer „Kriminalisierung der Verschuldung“ reden mit verheerenden Auswirkungen auf die Solidarität (David Graeber). Ebenso brutal wird auch dem kleinen EU-Mitglied Griechenland eine Entschuldungstortur auferlegt, die eine ganze Bevölkerung in die Verarmung treibt.

Bei dem ökonomisch und sozial starken Schuldner wird dagegen die Schuld „verhandelbar“. Sie wird zur entpersonalisierten Sache. Die Palette reicht von Schuldenstreckung über  Schuldenhalbierung, Schuldenschnitt, Schuldenerlass bis hin zur Übernahme der Schuld.

Trotz dieser Unerträglichkeiten gilt es den klaren Blick zu behalten. Menschen sind von Natur aus soziale Wesen. Ihre Beziehungen gründen auf gegenseitigem Vertrauen und gegenseitigen sozialen Verpflichtungen. Geld hat seinen Ursprung in der wichtigsten menschlichen Beziehung, dem Vertrauen. Ohne Vertrauen löst sich Geld in nichts auf. Der heutige rein ökonomisch durch Tauscherleichterung begründete Geldbegriff hat sich weit entfernt von seiner sozial-moralischen Substanz. Wir müssen diese Substanz, diesen sozialen Ordnungsfaktor im Geld wiederentdecken und einfordern. Gerade und vor allem in einer Welt des globalen Güteraustauschs und Geldverkehrs. Es kann nicht sein, dass Bankiers gleich Zauberlehrlingen Geld aus nichts machen. Niemand hat ihnen dazu die demokratische Legitimation erteilt.

 

* Der Text wurde wesentlich angeregt durch die Lektüre von David Graeber: Schulden Die ersten 5000 Jahre.







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