Anmerkungen zur Debatte um das „Klassenbewusstsein“


Bildmontage: HF

07.01.18
DebatteDebatte, Arbeiterbewegung, TopNews 

 

von systemcrash 

"Das Umschlagen der bloßen Produktivkraft in den Hebel der gesellschaftlichen Umwandlung ist nicht nur ein Problem des Klassenbewußtseins."Georg Lukács

Dass soziale Revolutionen nicht nur von ökonomischen Faktoren abhängen, sollte eigentlich eine Binsenweisheit sein (was man allein schon an der empirischen Widerlegung der 'Verelendungstheorie' sehen kann). Leider hat der 'Marxismus' (sofern man überhaupt von ihm im Singular sprechen kann) im Laufe seiner Geschichte eine Menge an 'Revisionen' erfahren; und unter diesen Revisionen dürfte der 'Ökonomismus' einer der wirkmächtigsten sein. Dies hat im übrigen durchaus auch Gründe und ist nicht reiner Willkür geschuldet. Aber diesem Gedankengang will ich hier nicht weiter folgen. 

Ich begrüsse es sehr, dass das Thema "Klassenbewusstsein" in letzter Zeit eine verstärkte mediale Aufmerksamkeit bekommt. Leider sind in dieser Debatte eine Menge Missverständnisse enthalten, was der eigentliche Anlass dafür ist, dieses Thema (zum wiederholten Male) aufzugreifen. Hinzu kommt meines Erachtens, dass die 'radikale linke' sich in einem Dauerdilemma befindet (was immer so schön als 'Krise' bezeichnet wird. In Wirklichkeit zeichnet sich aber eine Krise auch durch die Chance auf eine Heilung aus). Obwohl der neoliberale Kapitalismus in zunehmende politische, soziale und ökonomische Schwierigkeiten gerät, kann die 'linke' (im weitesten Sinne links von der klassischen Sozialdemokratie, die ja selbst neoliberal geworden ist) nicht (oder nur sehr punktuell) von dieser Entwicklung profitieren. Ein Grund dafür ist eben die Frage nach dem "Klassenbewusstsein".

Während im 19. und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts die "soziale Frage" im Wesentlichen über die Klassenspaltung der Gesellschaft definiert war (Verteilungskämpfe), trifft dies spätestens mit der Entwicklung zur 'Postmoderne' nicht mehr zu. Dies hat zwar auch ökonomische Gründe, aber nicht nur. Zu den nicht-ökonomischen Gründen gehört eine zunehmende Tendenz zur 'Individualisierung' (der Begriff ist in diesem Zusammenhang problematisch [da es sich um keine 'echte' Individualisierung handelt], gemeint ist aber eine verstärkte kulturelle Diversität), die sich eben auch auf das "Klassenbewusstsein" auswirkt.

Zwar hebt die kulturelle Diversität nicht die Klassenspaltung der Gesellschaft als solche auf, aber sie kann sie (zumindest in Teilen) überlagern.

So schreibt Georg Seeslen in einem Kommentar in der taz über das Prekariat:

"Wir sind alle unterbezahlt, unsicher beschäftigt, vom Überlebenskampf ermattet und zugleich gierig nach Spektakel und Sensation; aber zur selben Zeit leben wir sowohl in der Arbeit als auch jenseits von ihr in solch unterschiedlichen kulturellen, körperlichen und ästhetischen Umständen, dass uns der Gedanke von Solidarität und Gemeinschaft gar nicht kommt."

Das ist vlt. ein klein wenig überzeichnet formuliert, aber von der Sache her scheint mir das eine korrekte Beschreibung zu sein.

Aber dieser 'kulturelle Faktor' ist nur ein Grund für die 'Krise' des Klassenbewusstseins. Es kommt noch ein zweiter, theoretischer Grund dazu, der mindestens genauso gewichtig ist. Und dieser theoretische Grund liegt darin begründet, dass es keinen determinierenden Zusammenhang zwischen sozialer Lage und (politischem) Bewusstsein gibt (dies gibt auch einen Hinweis dafür, warum der 'Ökonomismus' sich in der Geschichte der 'linken' einer gewissen Beliebtheit erfreut hat; nämlich als Funktion einer Komplexitätsreduktion).

Wenn es aber zwischen sozialer Lage und politischem Bewusstsein keinen notwendigen Zusammenhang gibt, dann ist das politische Bewusstsein in erster Linie ein Gegenstand von und des Kampfes (Diskurses) unterschiedlicher politischer Theorien. (Und gedankliche Produktionen und Wissenschaft haben eine gewisse [relative] „Autonomie“. Vergleich dazu: Ernest Mandel, Lenin und das Problem des proletarischen Klassenbewusstseins. Ein Text, den es meines Wissens leider nicht online gibt.)

„Der entscheidende, das marxistische Denken umwälzende Gedanke in Was tun? [von Lenin, anm. v. systemcrash] ist“ demgegenüber, „daß sich eine Politik nie einfach aus der Klassenbestimmung ergibt, sondern daß – umgekehrt – ein und dieselbe Klassenbestimmung mit verschiedenen, ja einander entgegengesetzten Politiken artikuliert sein kann. Dieser Gedanke bricht radikal mit der Vorstellung, wie wir sie auch bei Marx und Engels in manchen Formulierungen gefunden haben, daß sich der Zusammenhalt und die Organisierung der Arbeiter mehr oder minder aus der ökonomischen Entwicklung des Kapitalismus selbst ergeben würde. So ist Schluß mit jeder Illusion über ein letztliches Zusammenfallen von Partei und Klasse durch die Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft. Die Partei und ihre Politik werden erst zu einem Gegenstand von Theorie.“ --Wieland Elfferding, Klassenpartei und Hegemonie; zitiert nach: DGS_TaP, Was spricht  eigentlich gegen Lenins Parteitheorie

Und zu guter Letzt gibt es sogar noch einen dritten Grund, nämlich die Verselbständigungstendenz ('Bürokratisierung') von Theorien und Organisationen gegenüber der Lebenswirklichkeit der Lohnabhängigen (zu diesem Punkt hat Wilhelm Reich ein paar grundlegende Gedanken beigesteuert).

Fassen wir die drei Gründe der 'Krise des Klassenbewusstseins' kurz zusammen:

(1) individualisierte Vereinzelung, die sich in einer verstärkten kulturellen Diversität ausdrückt (dazu zählen auch die Fragen des Feminismus, des Rassismus, der 'Identitätspolitik' und die die Debatte um Migration). Diese sind nicht einfach einer „Klassenpolitik“ zuordbar, sondern stellen selbständige („autonome“) Politikfelder dar. 

(2) "Klassenbewusstsein" erfordert als politische ('programmatische') Konzeption eine Übernahme von Theorie(n), was wiederum 'wissenschaftliches' oder zumindest intellektuelles Arbeiten erforderlich macht. Das ist Jedermanns/fraus Sache nicht.

(3) die Neigung von Organisationen sich (bürokratisch) zu verselbständigen, was wiederum die Tendenz zu Spaltungen befördert. Je kleiner eine Gruppe, umso grösser der Zwang zur 'programmatischen Reinheit' der 'Lehre'. Die meisten 'Normalo-Leute' haben aber einen gesunden Abwehrreflex gegen jegliche Form von Dogmatismus, was wiederum ein 'lineares' Wachstum kleiner Gruppen sehr unwahrscheinlich macht.

Wenn man sich alle diese Gründe vor Augen führt und das Ganze der 'proletarischen Emanzipationsbewegung' in grösseren historischen Zeiträumen betrachtet, ist die Situation der 'radikalen linken' vlt. nicht ganz so desaströs, wie sie erscheint. -

Die Frage ist nur, wieviel Zeit bleibt uns noch, bevor die "soziale Frage" (also die Frage der 'sozialen Revolution') durch eine Atombombe oder Polschmelze sich von alleine erledigt?

Die Rechte droht bereits im vorauseilenden Gegenzug mit einer "konservativen Revolution". Es ist klar, was das zu bedeuten hat. 







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