Geld – was es ist und was es sein sollte

03.10.12
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von Dr. Gero Jenner

Wer über Geld schreibt, darf mit einem Mass- enpublikum rechnen, wenn er beschreibt oder verspricht, wie man es legal oder illegal, offen oder versteckt, mit Tricks oder Beharrlichkeit erwirbt. Wer über Geld schreibt, weil er nur verstehen möchte, wie es sich mit dieser vielleicht seltsamsten aller menschlichen Einrichtungen verhält, der spricht nur Ideal- isten an, die bekanntlich um vieles dünner gesät sind. Er gleicht einem Astronomen, der sich für den fernen Sternenhimmel begeistert.

Deswegen hat Geld als Erkenntnisproblem auch nur Philosophen und Wissenschaftler wirklich beschäftigt. Wie auch sonst sind diese sich aber auch im Hinblick auf das Geld wenig einig. Sie haben sich sehr unterschiedlich zu dem Thema geäußert.

Die Münze [das Geld] ist ein Symbol des Tausches (Platon, um 380 v. Chr.).

Man kam überein, beim gegenseitigen Austausch nichts anderes zu geben und zu nehmen, als was selbst etwas Wertvolles, den Vorteil handlichen Gebrauchs hätte ... wie Eisen und Silber oder etwas anderes Derartiges.

Nichtig scheint das Geld zu sein und ganz und gar durch Gesetz, aber nichts von Natur, so dass es außer Umlauf gesetzt keinerlei Wert hat und unbrauchbar ist zu irgendetwas Notwendigem (Aristoteles, 384 – 322 v. Chr.).

Geld hat die Aufgabe, den Tausch zu erleichtern (Thomas von Aquin, um 1250.)

Das Geld ist seinem Wesen nach nicht ein wertvoller Gegenstand, dessen Teile untereinander oder zum Ganzen zufällig dieselbe Proportion hätten wie andere Werte untereinander; sondern es erschöpft seinen Sinn darin, das Wertverhältnis eben dieser andern Objekte zueinander auszudrücken (Georg Simmel, 1900).

… in diesem Zusammenhang hilft uns die alte Unterscheidung zwischen der Verwendung von Geld als Tauschmittel und als Mittel der Wertaufbewahrung (Keynes, 1936).

Geld erleichtert den Handel, das ist der Grund für seine Universalität als soziale Institution (James Tobin, 1992).

Die meisten Definitionen des Geldes von Platon über Thomas von Aquin bis zu Keynes und James Tobin stimmen darin überein ist, die wesentliche Funktion des Geldes in der Erleichterung des Gütertausches zu sehen – eine, wie wir heute wissen, historisch unrichtige Auffassung. (1) Einige Denker, unter ihnen schon Aristoteles, haben zudem darauf hingewiesen, dass Geld, um diese Funktion zu erfüllen, nicht notwendig selbst einen Wert haben müsse. Es könne auch als bloße Zahl auf irgendeinem materiellen Substrat in Erscheinung treten. Von wenigen anderen wurde auch in der Vergangenheit schon bemerkt, dass Geld nicht nur ein Tauschmittel sei, sondern auch der Wertaufbewahrung diene.

Diese Definitionen sind ungenügend

Sie sind es, weil gerade das wichtigste Merkmal des Geldes dabei unterschlagen wird. Das möchte ich an folgendem Beispiel illustrieren. Der Besitzer einer teuren Villa möchte diese verkaufen, aber so dass es ihm möglich ist, sich dafür fünf bis zehn Jahren später ein gleichwertiges Gebäude an einem entfernten Ort zu beschaffen. Dazu benötigt er ein Zahlungsmittel, das den Preis (nicht unbedingt den Wert) dieser Villa repräsentiert. Ein solches Zahlungsmittel nennen wir Geld. Wir würden es nicht benutzen können, hätten die teure Villa und das sie repräsentierende Zahlungsmittel nicht gewisse Eigenschaften miteinander gemein (sonst würde das eine nicht für das andere eintreten können). Eine Villa entsteht durch menschliche Arbeit und die knappen Rohstoffe, die dabei benötigt werden. Bei gegebenem technologischen Niveau und konstanter Rohstoffversorgung ist der Arbeits- und Rohstoffverbrauch auch in noch in fünf bis zehn Jahren derselbe. Der Preis der Villa bleibt unter diesen Umständen gleich, weil man sie nicht aus dem Boden zaubern oder sie auf irgendeine andere Weise verfälschen kann. Aufgrund des Arbeits- und Rohstoffaufwandes stellt sie ein knappes Gut dar, und genau diese Eigenschaft muss sein Besitzer auch von dem Zahlungsmittel verlangen. Nur wenn die Summe aller umlaufenden Zahlungsmittel sich (in einer statischen, also volkswirtschaftlich weder wachsenden noch schrumpfenden) Gesellschaft so wenig ändert wie die Summe aller handelbaren Güter, ist diese Bedingung erfüllt.

Geld sollte leicht und beständig sein, die Hauptbedingung aber ist seine Knappheit

Dabei ist es prinzipiell völlig unerheblich, ob das den Preis der Güter repräsentierende Geld aus Muscheln, Ochsen, Perlschnüren, Gold- oder Silbermünzen, Papierscheinen oder auch nur aus den Bits und Bytes auf einer Festplatte besteht. Geld kann ebenso gut aus Gold oder Papier bestehen. Das wussten bereits die Chinesen und hatten deshalb das erste Papiergeld bereits im 10. Jahrhundert unserer Zeitrechnung eingeführt. Entscheidend ist im einen wie im anderen Fall allein das konstante Verhältnis zwischen umlaufender Geld- und umlaufender Gütermenge. So wie niemand eine Villa aus dem Boden zu stampfen vermag, darf es andererseits auch niemandem erlaubt sein, Geld willkürlich zu vermehren. Zwar wird man vom Geld außerdem noch verlangen, dass es leichter und beständiger sei als die Güter, die es repräsentiert, doch wie das Beispiel von Rindern beweist, die jedenfalls auch einmal als Zahlungsmittel fungierten (lateinisch pecunia für Geld ist von pecus „Vieh“ abgeleitet!), darf man darin nicht die Hauptbedingung erblicken. Diese Hauptbedingung ist eine der Knappheit der Güter entsprechende Knappheit des Geldes.

Eben diese Hauptbedingung war jedoch noch nie in ausreichendem Maße erfüllt

Nehmen wir zum Beispiel das Gold. Es konnte im Wert plötzlich sinken, wenn neue Minen (z.B. in Mittel- und Südamerika) entdeckt oder Münzen in verminderter Reinheit auf den Markt gebracht wurden. Verdoppelte sich dabei seine umlaufende Menge oder halbierte sich der Wert derselben Menge aufgrund geringerer Reinheit, dann war das einzelne Goldstück, das der Besitzer der Villa für deren Verkauf erhalten hatte, im ersten Fall nur noch die Hälfte wert, da sein Verhältnis zur Gesamtheit der marktgängigen Güter von eins zu eins auf zwei zu eins gewachsen war. Im zweiten Fall verdoppelte sich dagegen der Wert seiner Münzen, weil das Gold in seinem Besitz ja noch die zweifache Reinheit aufwies. Der gleiche Effekt wird durch ein entsprechendes Wachstum oder Schrumpfen der Wirtschaft erreicht, wenn die Menge der marktfähigen Güter also um 100% zunimmt oder umgekehrt um die Hälfte zurückgeht, ohne dass die umlaufende Geldmenge sich ändert. Solche Schwankungen sind historisch die Regel, wenn sie auch selten in dem gerade beschriebenen Ausmaß auftraten.

Kein Geld ohne ausreichende Absicherung gegen Fälschung

Die Grundbedingung für Geld besagt demnach, dass seine Eigenschaft als knappes Gut garantiert sein muss, bevor es sich überhaupt für Tausch oder Wertaufbewahrung einsetzen lässt.

Größtmögliche Fälschungssicherheit ist daher nicht nur die entscheidende Anforderung an das Geld. Als Geld ins Auge gefasste Objekte werden überhaupt erst dadurch zu Zahlungsmitteln. In den gängigen Definitionen des Geldes berücksichtigt man dieses fundamentale Kriterium entweder gar nicht oder in unzureichendem Maße. Und dennoch setzt man es immer und notwendig voraus. Es muss gewährleistet sein, dass das Mengenverhältnis von Gütern und Geld auf der Geldseite nicht willkürlich verfälscht werden kann. (2)

Das umlaufende Papier repräsentiert die umlaufenden Güter (die volkswirtschaftliche Leistung)

Für kein historisches Zahlungsmittel hat eine vollendete Fälschungssicherheit garantiert werden können. Aufgrund einer fortschrittlichen Technologie ist das Papiergeld dieser Forderung jedoch sehr viel näher als irgendeiner seiner Vorgänger gekommen (die Münzen lasse ich der Einfachheit halber aus dem Spiel). Wegen seines verschwindend geringen Gewichts und Volumens und der einfachen Unterscheidung verschiedener Wertstufen durch bloße Zahlen stellt es zweifellos ein ideales Medium dar. Seine eigene Wertlosigkeit spielt dabei keine Rolle. Es genügt nämlich, dass dieses an sich wertlose Geld etwas überaus Wertvolles repräsentiert, nämlich die volkswirtschaftliche Leistung. Es ist merkwürdig, dass diese durchaus grundsätzliche Erkenntnis nicht unbedingt bei Bundesbankern vorausgesetzt werden kann. (3) Auf die Konstanz des Verhältnisses zwischen umlaufendem Geld zu umlaufenden Gütern kommt es allerdings an - und darüber hat der Staat zu wachen; oder, besser noch, die Notenbank als demokratisch legitimierte unabhängige Institution. Bei wachsender Wirtschaft mit einem Zuwachs umlaufender Güter muss die Zentralbank die Geldmenge vergrößern, bei einer schrumpfenden aber ebenso reduzieren. Sind also sämtliche Probleme gelöst, wenn die Menge von fälschungssicherem Geld auf diese Weise strikt nach der volkswirtschaftlichen Leistung bemessen wird und seine Preisstabilität damit gewahrt bleibt?

Die Gefahr des Hortens

Leider ist das durchaus nicht der Fall. Auch wenn zeitweise eine perfekte Übereinstimmung zwischen volkswirtschaftlicher Leistung und Geldmenge besteht, sind private Akteure doch jederzeit in der Lage, dieses Gleichgewicht außer Kraft zu setzen, und zwar auf sehr einfache Weise. Gleichgültig, ob jemand Gold oder Papiergeld besitzt, immer dann, wenn es ihm nicht lohnend erscheint, dieses Geld für den Konsum auszugeben oder an Dritte zu verleihen, kann er es einfach in einem privaten Tresor verschwinden lassen. Er verändert das Verhältnis von umlaufendem Geld zu umlaufenden Gütern durch künstliche Verknappung des Geldes. Dessen Menge kann auf diese Art in beträchtlichem Umfang schrumpfen - wie etwa in Japan während der beiden vergangenen Jahrzehnte. Der Mann, der seine Villa verkaufte, wird durch eine derartige Deflation ohne eigene zusätzliche Leistung begünstigt, weil sein Geld auf einmal mehr wert ist. Verschuldete Unternehmen dagegen sehen sich schwer geschädigt. Ihre nominal gleichen Schulden müssen sie mit einer weit größeren Menge an realen Werten bezahlen. In einer derartigen Deflation (die außer durch Horten auch durch eine verminderte Umlaufgeschwindigkeit des Geldes bewirkt werden kann) gerät die Wirtschaft insgesamt aus dem Gleichgewicht.

Die doppelte Art der Geldmengenfälschung

Die Sicherheit vor Geldmengenfälschung ist also auf doppelte Weise gefährdet, Einmal aufgrund einer offen verbrecherischen Praxis, wenn Betrüger Falschgeld in die Wirtschaft schleusen und die Geldmenge auf diese Weise erhöhen (was bekanntlich immer schon ein beliebtes Kriegsmittel gegenüber feindlichen Staaten war). Die zweite Art von Geldmengenfälschung wird dagegen nicht als verbrecherisch eingestuft, obwohl sie durch ihre deflationäre Wirkung eher noch gefährlicher ist als die betrügerische Inflationierung des Geldes. Diese Fälschung besteht in der Verminderung der Geldmenge durch privates Horten, die immer dann einzutreten pflegt, wenn Zinsen und Inflation unter einen Mindestwert fallen.

Ein höchst bedenkliches Gegenmittel: künstliche Inflation und Zinsen

Moderne Notenbanken sind sich dieser beiden Gefahren sehr wohl bewusst. Gegen die erste Art der Geldmengenfälschung setzen sie die Justiz und den technischen Fortschritt ein. Ihr Erfolg ist dabei immerhin so bedeutend, dass die umlaufende Falschgeldmenge sich in engen und ungefährlichen Grenzen hält. Gegen die zweite Art der Geldmenschfälschung einzuschreiten, fällt ihnen dagegen um vieles schwerer. Offensichtlich wäre es sinnlos, das Horten von Geld unter Strafe zu stellen. Wie soll die Polizeimacht ein solches Vergehen ahnden, wenn potentiell jeder Bürger als Täter in Frage kommt? Die Notenbank geht bei dieser zweiten Geldmengenfälschung daher grundsätzlich anders vor als bei der ersten: Sie setzt ein Gegengift ein, indem sie gesteuerte Inflation als Peitsche und Zinsen als Karotten verwendet. Leider ist diese Therapie in ihrer Wirkung kaum weniger schädlich als das zu bekämpfende Übel.

Peitsche und Karotten

Inflation entwertet gehortetes Geld. Ich weiß, dass ich für denselben Betrag in einem Jahr weniger reale Güter erhalte als gegenwärtig. Also weiche ich der Peitsche aus und bemühe mich, mein Geld lieber heute als morgen auszugeben. Zinsen belohnen mich zusätzlich dafür, dass ich in diese Weise verfahre: Jeder Tag, den ich keine Zinsen bekomme, ist ein Verlust für mich. Also greife ich nach der Karotte, indem ich mein Geld möglichst schnell auf ein Sparkonto lege.

Wenn die Peitsche allerdings – wie in Deutschland nach dem Kriege die Regel – in einer Geldentwertung von an die zwei Prozent jährlich besteht, dann erhalten Zinsen nur dann einen Wert als lockende Karotten, wenn sie die Marke von zwei Prozent merklich überschreiten. Inflation erzwingt also noch höhere Zinsen. So begibt sich die Notenbank auf einen gefährlichen Pfad. Inflation zur Abwehr des Hortens ist staatlich betriebene Geldentwertung. Zinsen sind staatlich genehmigte Bereicherung ohne eigene Leistung. Die Fälschung der Geldmenge durch privates Horten hat Folgen, die verderblich für das ganze Geldsystem sind.

Geldmengenfälschung ist kein Verhängnis. Sie lässt sich erfolgreich bekämpfen!

Die Fälschung des Geldes durch das Einschleusen falscher Noten wurde mit großem, zumindest mit ausreichendem Erfolg bekämpft. Die gegen die Verfälschung der Geldmenge durch privates Horten eingesetzte Strategie konstanter Geldmengenaufblähung läuft hingegen darauf hinaus, dass man ein Übel durch ein anderes, nämlich das ihm entgegengesetzte bekämpft. Offenbar ist das keine sonderlich befriedigende Lösung. Es gibt aber eine überraschend einfache Strategie, mit der man diesen Fehler vermeidet.

Bargeldloser Zahlungsverkehr

Um diese Strategie anzuwenden, müssen wir zunächst einmal eine ohnehin das Geldsystem seit einiger Zeit wesentlich transformierende Tendenz bis zu ihrem logischen Abschluss zu Ende denken und dann auch konkret umsetzen. Immer mehr Geldtransaktionen werden schon heute bargeldlos ausgeführt. Es ist nur eine Frage der Zeit und des politischen Wollens, bis sämtliches Bargeld verschwindet und jeder Bürger ausschließlich bargeldlos auf elektronische Weise bezahlt. In diesem Fall ist die Geldmengenfälschung durch Horten auf einfache und elegante Art zu bekämpfen. Sämtliches Geld auf den Girokonten, das in einem bargeldlosen System ja die Gesamtmenge des umlaufenden Gelds repräsentiert, wird monatlich mit einer kleinen Gebühr, z.B. von drei oder vier Prozent belastet. Auf Sparguthaben entfallen dagegen keinerlei Gebühren. Daher liegt es in jedermanns elementarem Interesse, das eigene Geld entweder schnell auszugeben oder es auf ein Sparguthaben zu transferieren. Horten ist unter diesen Umständen keine Option, weil es einen Verlust bringt. Eine Lösung, die im Hinblick auf Bargeld nur unter großem administrativen Aufwand möglich ist und daher auch nie (außer in kleinen Gemeinden und Tauschringen) ernsthaft ins Auge gefasst worden ist, bereitet bei vollständig bargeldlosem Verkehr keinerlei Aufwand. Die Geldmengenverfälschung gehört der Vergangenheit an. (4)

Zinsen können nicht länger der leistungslosen Bereicherung dienen

Ein positiver Nebeneffekt besteht darin, dass neben der Peitsche der Inflation, auch die Karotte der Zinsen nicht länger gebraucht wird. Zinsen, ein schon in der Antike verhasstes Instrument leistungsloser Bereicherung (auf Kosten anderer, die dafür sehr wohl ihre Leistung einsetzen), werden nicht länger benötigt, um Geld für Investitionen zu mobilisieren. So wie jeder mit dem Geld, das er heute für seine Villa erhält, in zehn Jahren die gleiche Villa erwerben kann, darf er auch sicher sein, dass die auf dem Sparkonto eingefrorene Leistung ihren (an realen Gütern bemessenen) Wert über die Jahre bewahrt. (5)

Vollgeld

Ich möchte ein System, das ein konstantes Verhältnis zwischen umlaufender Geld- und umlaufender Gütermenge gewährleistet, als „Vollgeldsystem“ bezeichnen, weil das Geld seinen vollen Wert bewahrt (6). Ein solches System ist weder durch Inflationen noch durch deren Gegenteil, Deflationen, gefährdet. Das oben beschriebene System der doppelten Fälschungssicherheit repräsentiert ein solches Vollgeldsystem.

Allerdings entstehen bei ausschließlich bargeldlosem Zahlungsverkehr neue Gefahren. Wir beherrschen jetzt zwar die Geldmengenfälschung durch privates Horten, wie aber verhält es sich mit der Geldmengenfälschung durch Einschleusen von Falschgeld, wenn wir das Bargeld völlig durch Buchgeld und die Bits und Bytes auf einer Festplatte ersetzen? Haben wir nicht die Sicherheit, die wir im ersten Fall hinzugewannen, jetzt mit einer weit größeren Unsicherheit im zweiten Fall bezahlt?

Wie schützen wir den bargeldlosen Verkehr vor Fälschungen?

Hier liegt das Hauptproblem unseres modernen Geldsystems. Ein Goldstück hat einen Eigenwert, der durch die Entdeckung neuer Goldvorhaben oder durch Herabsetzung des Reinheitsgrades zwar stark modifiziert werden kann, aber immerhin bleibt ein Rest an bloßem Materialwert erhalten. Eine technologisch vielfach gegen Fälschung abgesicherte Banknote hat keinen Eigenwert, aber sie ist gegen Fälschung weit besser abgesichert. Nur unter größten Mühen und Gefahren kann ich sie durch eine nachgemachte ersetzen. Die Buchgeldeintragung in einer Bankbilanz aber lässt sich vergleichsweise mühelos verfälschen. Ich brauche nur eine andere Ziffer einzusetzen. Hebe ich zum Beispiel mit meiner Kreditkarte Geld vom eigenen Konto ab, dann könnte ein entsprechend konstruiertes Programm den Eintrag auf meinem Bankkonto automatisch zugunsten eines Betrügers modifizieren. Bei den Zinsen ist das jedenfalls ziemlich leicht möglich und wurde auch bereits praktiziert. Selbst wenn die Notenbank bei ihrer Versorgung der Wirtschaft mit physisch ausgegebenen Notenbankscheinen strikt darauf achtet, dass zwischen Geld und Gütern ein konstantes Verhältnis herrscht, können Banken als vermittelnde Instanz zwischen Wirtschaft und Notenbank immer noch eine Fülle krimineller Aktionen ausführen, da sie einen Großteil ihrer Geschäfte eben nicht mit den vergleichsweise fälschungssicheren Scheinen, sondern mit bloßen Ziffern in Bilanzheften oder auf Festplatten tätigen. Kein Wunder, dass Banken genau aus diesem Grund ein beliebtes Objekt für allerlei Verschwörungstheorien abgeben. (7)

Bietet ein Doppelsystem die Lösung?

Dem Fälschungsverdacht können die Banken nicht entgehen - schon deshalb nicht, weil eine entwickelte Volkswirtschaft ohne bargeldlosen Verkehr nicht länger auskommt. Es macht daher auch kaum einen Unterschied, ob der Zahlungsverkehr, wie gegenwärtig in Deutschland, nur etwa zur Hälfte mit Bargeld ausgeführt wird oder ob man ihn zur Gänze auf bargeldlosen Verkehr umstellt. Daher ist es von grundlegender Bedeutung, das Problem der Fälschung richtig einzuschätzen.

Dabei hilft es wenig, den Banken ein Doppelsystem aufzuzwingen, wo sämtliche Transaktionen in fälschungsgefährdetem Zifferngeld von Parallelbewegungen in fälschungssicherem Notengeld begleitet werden. Denn eines haben wir doch aus den vergangenen Jahren gelernt: Keines der heute zu beobachtenden Krisenphänomene hätte man dadurch verhindern können: weder die gigantische Aufblähung von Guthaben und Schulden im öffentlichen und privaten Sektor noch ihre nicht minder große Aufblähung im Interbankenverkehr oder die Nutzung eines zu großen Teils der Giraleinlagen für die Kreditvergabe. Ein strikter Parallelismus in den Transaktionen von Ziffern- und Bargeld hätte nichts an diesen Zuständen geändert. Eine wirkliche Reform erreicht man denn auch nur auf eine ganz andere Weise, nämlich durch eine Aufsicht, welche derartige Fehlentwicklungen schon in ihren Anfängen abblockt.

Eine bedeutende Hilfe: die institutionelle Trennung der Bankenfunktionen

Entscheidend erleichtern würde man eine solche Aufsicht durch die institutionelle Trennung verschiedener Bankenfunktionen. Die Abspaltung des Investmentgeschäfts aus dem normalen Bankbetrieb sollte eine Selbstverständlichkeit sein, die Aufspaltung der Banken in Wertpapier-, Spar- und Giralbanken wäre eine sehr bedeutende Hilfe. Hier sollte uns die Technik als Beispiel dienen. Die ständig wachsende Komplexität großer Einheiten in der Elektronik oder in Kommunikationssystemen bewältigt man allein durch Aufspaltung in Module. Fehlerquellen sind dann sehr viel leichter und schneller zu lokalisieren. Genauso muss man in einem Geldsystem vorgehen, das sich aufgrund wachsender Komplexität der Beherrschbarkeit zu entziehen droht. Will man es gegen Fälschung absichern, muss es in der vorgeschlagenen Art in Module aufgeteilt werden.

Dann aber lassen sich Fortschritte erzielen, die früher undenkbar waren. Sobald Geldmengenfälschung praktisch unmöglich wird, bietet eine völlige Umstellung auf bargeldlosen Verkehr die Aussicht auf eine fundamentale Reform des Geldsystems, die den beiden Übeln von Inflation und Zinsen gleichermaßen ein Ende setzt und darüber hinaus noch weitere Vorteile bietet, die ich an anderer Stelle beschrieben habe. (8) Man würde von einer Revolution im Geldbereich sprechen dürfen.

Von materiellem Geld zur immateriellen Dimension der Bits und Bytes

Ja, wenn die Gefahr der Fälschung gebannt ist, wenn man also diese notwendige Grundbedingung für ein funktionierendes Geldsystem dadurch garantiert, dass man die übermäßige Komplexität des Bankensystems durch Zerlegung in leicht zu kontrollierende Module beherrscht, dann kommt sogar noch ein weiterer Schritt in Frage, den zu erwägen aber nur Sache der Nachdenklichen ist – die anderen werden ihn mit leichter Hand als absurd beiseite schieben: Nicht nur die Wirtschaft könnte ganz ohne Bargeld auskommen – sie ist heute ja schon sehr weit auf diesem Wege vorangeschritten -, dieses Bargeld braucht unter der genannten Voraussetzung auch bei Notenbank und Geschäftsbanken keineswegs durch ein paralleles System von Notenbankscheinen abgesichert zu sein, so wie es das derzeitige System bezweckt und weitgehend realisiert. (9) Sofern nur die Konstanz von umlaufendem Geld – in diesem Fall von bloßen elektronischen Ziffern – zu umlaufenden Gütern durch entsprechende Kontrollen gewahrt bleibt, ist die materielle Verkörperung von Geld letztlich entbehrlich – auch der (Notenbank-)Schein unter den Ziffern hätte dann ausgedient. (10)

To whom it may concern

1 Wie Heinsohn und Steiger in „Eigentum, Zins und Geld“ und in jüngster Zeit David Graeber in seinem Buch „Debt“ gezeigt haben.

2 Hierzu mehr in: Jenner, „Wohlstand und Armut“.

3 Jens Weidmann führt einen großartigen Kampf gegen die Politik der Geldinflationierung, wie sie die EZB gegen ihre Statuten betreibt. Aber wie kann er nur die völlig unsinnige Behauptung aufstellen „Heutiges Geld ist durch keinerlei Sachwerte mehr gedeckt“?

http://www.gerojenner.com/portal/gerojenner.com/Geld.html)

Schulden: Die ersten 5000 Jahre
https://de.wikipedia.org/wiki/Schulden:_Die_ersten_5000_Jahre
https://de.wikipedia.org/wiki/David_Graeber

http://projects.exeter.ac.uk/RDavies/arian/llyfr.html

 

 


VON: DR. GERO JENNER






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