Vom Elend verkannter Genialität und naiven Gemütern


Bildmontage: HF

13.07.11
DebatteDebatte, Organisationsdebatte, TopNews 

 

von Horst Hilse

Replik auf die Polemik von M. Creydt

Die von M. Creydt verfasste Polemik verursachte bei mir zuerst leichtes Erstaunen, dann Verärgerung und schliesslich Empörung.
Diese Gemütsregungen mögen dem interessierten Leser als Einblick in den inneren Bewegungsverlauf eines „naives Gemüts“, als das ich - von einem mir unbekannten Genie - kategorisiert worden bin, dienen.
Des Näheren wurden diese Regungen von verschiedenen Elementen dieser sich als „Polemik“ stilisierenden frechen Ehrabschneidung verursacht. Das leichte Erstaunen galt dem Umgangston der mit seinen vielfachen Verurteilungen, Unterstellungen und Kolportagen vielleicht vergangenen Auseinandersetzungen der Berliner Szene geschuldet sein mag.

Als aussenstehendes „naives Gemüt“ vermag ich die vermutlich lange Vorgeschichte nicht zu ermessen. Trotz meiner Naivität ist mir jedoch nicht entgangen, dass hier ein Umgangston angeschlagen wird, der mir bisher nur aus Kreisen der Linkspartei bekannt wurde, wo ähnlich unzivilisiert rumgeholzt wird. Sollte ich dem aufkommenden Verdacht Raum geben, dass es da vielleicht Verbindungen gibt?
Nein! - Sowas will ich mir selbst gegenüber meinem schlichten Gemüt nicht antun und begnüge mich also mit dem § 7 des Kölner Grundgesetzes: „Jeder Jeck is anders“

Der Übergang zur Verärgerung stellte sich dann allerdings in meinem Gemüt ein, als ich meinen langjährigen Freund, ewigen Streitpartner und Kollegen ebenfalls in der Rubrik der „naiven Gemüter“ wiederfand. Dies jedoch in einer Weise, die auf die Benennung wenigstens eines einzigen jener Punkte verzichtet, wo ich aufgrund meiner Kenntnisse dieser Person solch einer Aussage ggfs. noch etwas abgewinnen könnte. Und mein Gemüt dadurch die Chance bekäme im Stillen empfinden zu dürfen: Da ist was dran!
Nichts dergleichen! Es ist schlimmer: Der Vorwurf des Genies an die Trias 3er naiver Gemüter lautet schlicht, sie hätten sich mit den vom Genie dargestellten zwei Logiken von Politik beschäftigen müssen….upps? Nanu?
Erinnerungen tauchen in mir auf: Sowas kennen wir doch aus längst dahingeschiedenen linksradikalen Szenestreits: „Lies du doch erstmal . . .“ und „Kümmer dich doch um . . .“
Ist das Genie da irgendwo im Staub hängen geblieben? Sollte das Genie gar recht haben? – mein Gemüt ist verunsichert!
Doch schnell entfaltet sich massiver Trotz in mir: Selbst wenn das Genie recht hätte, so gilt bei allen zugegebenen Niedergangserscheinungen deutscher Arbeitersolidarität immer noch die Warnung: Soo pisst DU einen Organisierten nicht an!
(Sorry – Geniefeindlicher Klartextdurchbruch meines naiven Gemüts)

Mein dermassen in Wallung geratenes naives Gemüt lodert jedoch schliesslich in heller Empörung auf, als ich feststellen muss, dass das Genie aus Verärgerung über die Nichtbefassung mit seiner „zwei Logiken Theorie“ (deren Logik und ihre aufeinander bezogene Stellung noch zu ermitteln wäre) sich wie eine zickige Filmdiva aufführt, die um den ihr zustehenden Ruhm buhlt.
Schmeisst das Genie zuvor schon massiv mit Dreck um sich und unterstellt „Ressentim
ents gegen theoretische Arbeit“, „Praktizismus“, sowie  „Stammtischgesülze“, so verwendet die Diva auch noch missbräuchlich Zitate für ihren Liebeskrieg.
Es wird auf die „vorliegende Kritik“ verwiesen..?
Einer noch gar nicht gestarteten Initiative wird schlicht unterstellt, sie wolle KEINEN politischen Produktionsprozess ( - by the way : Auch die Praxiserfahrung von O.Negt im IG-Metall Vorstand wäre in die inhaltliche Gewichtung dieser Produktionsmetapher einzubeziehen) organisieren und sie steuere geradewegs auf den Aufbau einer neuen Partei zu.
Mit Rückgriff auf verstaubte Auseinandersetzungen vor 40 Jahren wird vom Genie über Belegschaftsagitation fabuliert und den Initiatoren der Initiative wird unterstellt, sie würden der Linkspartei „Verrat“ vorwerfen. Es sei „symptomatisch“ für das Papier von Schilwa/Prütz , dass sie dazu und dazu und auch dazu kein Wort verlieren würden ….

Frage: Warum sollten sie denn auch?
Warum sollte man denn bei der Eröffnung einer Debatte theoretische Positionen einrammen, die dann von diesem oder jenem Kritikaster dazu benutzt werden, um sich selbst als Platzhirsch in Szene zu setzen, und sich röhrend an den eingeschlagenen Baumstämmen abzuscheuern - ?
Warum sollte man durch dieses Einrammen von Positionen anderen potentiellen Mitmachern die Tür vor der Nase zuschlagen?
Wer hat denn dem Genie die Weisheiten ermöglicht, die es ihm erlauben, Ergebnisse vorwegzunehmen, die derzeit gar nicht zum Debattengegenstand gehören?
- Weder wird irgendwo in den vorliegenden Debattenbeiträgen ein Verratsvorwurf erhoben, wie das Genie so leichtfertig unterstellt, noch wird irgendwo von einer neuen Parteigründung gesprochen!
- ebenso hinkt der Vergleich des Genies mit Organisationen der radikalen Linken vor vielen Jahrzehnten, die sich als „revolutionär“ begriffen haben. Wo und wie lässt sich aus den vorliegenden Beiträgen irgendetwas zur Ausarbeitung einer revolutionären Politik herauslesen?
Mit Zitatenhuberei wird also vom Genie auf einen selbst kreierten Pappkameraden geballert, der jedoch garnicht vorhanden ist. Jemand, der über solche genialen Fähigkeiten verfügt, wie Herr Creydt, sollte doch schon in der Lage sein, die Differenz zwischen Fragen zur Zusammenfassung sich verbreiternden antikapitalistischen Unmuts und Fragen zur Ausarbeitung einer revolutionären Politik zu erkennen.

So richtig es ist, dass man nicht „über Politik“ befindet, sondern „sie macht“, so willkürlich sind die vorgeschlagenen Interventionsfelder; von den nicht vorhandenen praktischen Vorschlägen einmal ganz zu schweigen …
So richtig es ist, dass man möglichst nicht von „aussen“ an die Adressaten eine reine Appellpolitik betreiben sollte, so willkürlich ist ein „aussen“ und „innen“ konstruiert, wenn nicht die jeweiligen Strukturen der Lebenswelten konkret erfasst sind.
Die Linke (damit ist nicht nur die selbstdeklarierte Partei gemeint) ist noch meilenweit davon entfernt, diese Lebenswelten klar zu erkennen, zu erfassen und praktisch intervenieren zu können. Wir wissen allesamt viel zu wenig, was die heutigen Lebenswelten ausmacht, die wir in unserer Arbeit zu berücksichtigen haben. Damit hängen wichtige zu ermittelnde Fragestellungen zusammen:
Was bedeutet es z.B. für gewerkschaftliche Organisationsbedingungen mit den Betroffenen, wenn heute mehr polnische Arbeiter in Dänemark arbeiten, als in Polen selbst?

Wie gestalten sich die Lebens- und Arbeitswelten, wenn heute z.B. viele Arbeitsplätze aufgrund neuer Technologien in abgedunkelten Katakomben angelegt sind und die Kollegen sich nicht kennen, niemand sagen kann, wer zur Belegschaft gehört.
Wie muss heute z.B. eine linke Stellungnahme zum Parlamentarismus beschaffen sein, wenn dieser in nicht legitimierten Gremien nur noch bruchstückhaft funktioniert und wesentliche Funktionen an internationale Kapitalistengremien „outgesourct“ wurden?
Wie wird sich das Interesse der Menschen an der Militärpolitik des (der) bürgerlichen Staates(n) entwickeln, wenn diese Politik erstmals seit über 150 Jahren durch - von der Gesellschaft abgekoppelten Söldnerverbänden mit teilweise privatem Charakter- exekutiert wird?
Ist angesichts des Standes der Produktivkräfte heute nicht wieder die alte linkssozialdemokratische Forderung nach den „Vereinigten Sozialistischen Staaten von Europa“ aufzugreifen, um dem Bankeneuropa und den Rechtsauslegern Paroli bieten zu können?
Welcher Sozialcharakter wird sich ausbilden, wenn der ins Private übertragene Neoliberalismus mit seiner Auflösung des öffentlichen Raumes den Mitmenschen als einen Anderen erscheinen lässt, der sein Leben nur auf meine Kosten auslebt?
Wie bewegt sich dieser Sozialcharakter künftig im Feld der Politik?

Dies sind stichwortartig nur wenige der Problematiken, mit denen wir uns intensiv auseinandersetzen müssen, wenn wir eine gesellschaftlich wahrnehmbare Kraft werden wollen.  
Die Debatte um diese Fragen steht aus und ich denke, es lohnt sich, die in linken Zusammenhängen vorhandene Sachkompetenz, Motivation sowie unterschiedliche gemachten Erfahrungen für diese Aufgaben in einer linken Infrastruktur zu bündeln.
 Damit muss nicht notwendigerweise ein „aufgehen“ der kleinen Zirkel und Organisationen in dieser anvisierten Struktur erfolgen, wie das Genie unberechtigterweise schlichtweg (wieder ohne jeden Beleg) unterstellt.
Aber es scheint mir auch klar, dass es nicht um die Schaffung eines linken Unicampus gehen kann. Bildung kann sich für uns nicht in Wissensakkumulation erschöpfen, um damit im linken Nachvollzug bürgerlicher Konkurrenzkämpfe das „kulturelle Kapital“ anzusammeln und dann gewinnbringend anzulegen. Bildung ergibt sich aus reflektierter und reflektierender Praxis, die sich unter Respektierung unterschiedlicher persönlicher und politischer Biografien der Beteiligten in gemeinsamen Übereinkünften vorantastet.
Es scheint mir kein Zufall, dass das Genie zwar annimmt, uns unsere Zukunft vorhersagen zu können, (dabei diese Fähigkeit anderen allerdings runweg abspricht) uns jedoch keinen Hinweis angeben kann, aufgrund welcher Erfahrungen von wem an welchem Ort, was zu tun sei…  
Die Genialität des Genies scheint also vollständig auf Plagiatvergehen zu beruhen und so beschleicht mein naives Gemüt die leise Ahnung, dass hier ein Menschenkind um seine Anerkennung ringt und daher laut Krach schlägt…
Ob dieser, meinem schlichten Gemüt zuteil werdenden Erkenntnis hebe ich seufzend die Augen zum Himmel und flehe ganz naiv kölsch-rheinisch: Herr, loss dä vun dänne Stelze rungerkumme !   (Herr, lass ihn von den Stelzen runterkommen!)

h.hilse
(Soko  Gruppe Köln)


VON: HORST HILSE


Linksradikalauernde Heimatvertriebene auf der Suche nach ihrem Plätzchen im Paralleluniversum - 11-07-11 21:25




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