Der Tod ist ein Meister aus den USA


Bildmontage: HF

11.05.18
DebatteDebatte, Internationales 

 

Von Franz Witsch, Hamburg, 11.05.2018

Liebe FreundeInnen des politischen Engagements,

lange habe ich nichts von mir hören lassen. Das hat seine Gründe. Ich beschäftige mich zur Zeit mit Musil, insbesondere mit seinem Roman „Der Mann ohne Eigenschaften“, den ich zudem mit der Romanserie „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ von Marcel Proust kontrastieren möchte und zwar – ein moralphilosophisches Problem: unter dem begrenzten Gesichtspunkt der „Verdrängung“ innerlich defizitärer Vorgänge (vgl. DP3, 92-99); sodass ich um eine abermalige Proust-Lektüre nicht herum kommen werde.

Das alles möchte ich mit einer zukünftigen Kritik der Psychoanalyse verbinden, die eben an jener Stelle moralphilosophisch beschreibbare Leerstellen aufweist, von denen in Umrissen schon in einem Vorwort zur Neuauflage von (DPB, S. 12-19) die Rede war.

Alles extrem zeitaufwendig; vor allem macht es zu schaffen, fast hätte ich gesagt, wie Musil sein unvollendeten Roman „Der Mann ohne Eigenschaften“ bis zum bitteren Ende seines Lebens schwer zu schaffen machte – aus moralphilosophisch beschreibbaren Gründen, die an dieser Stelle nichts zur Sache tun.

Schwer zu schaffen machen die USA, wiewohl eigentlich immer schon seit den 1950er Jahren. Dazu habe ich mich schon im 1. Teil meines Buches „Die Politisierung des Bürgers“ (DPB), im Jahre 2008/09, geäußert, noch bevor der damalige Hoffnungsträger Obama („yes, we can“) zum Präsidenten der USA gekürt wurde.

Meine Bemerkungen zu Obama und den USA hatten mir damals harsche Kritik eingetragen, nicht nur aus dem Bürger-Verteiler, per Mail, sondern auch im privaten Bereich, etwa bei vielen meiner Tennisfreunde. O-Ton: Ich würde Zweckpessimismus verbreiten. Am liebsten Recht behalten.

Dummes Zeug: mir geht der Arsch buchstäblich auf Grundeis. Aus meinem Buch sei nur die Schlussfolgerung einer eingehenderen Analyse zitiert. Sie lautet: „Dann zeigt sich: Dollar, Blase und Krieg, um nicht zu sagen: der Tod ist ein Meister aus den USA“ (vgl. DPB, S. 101, ferner Q01).

Denn Obama bliebe nichts anderes übrig, wolle er als Präsident überleben, als die mörderische Politik seines Vorgängers Bush fortzusetzen. Offensichtlich wisse er mit seinen naiven Versprechungen nicht, in welchem Gesellschaftssystem er lebe.

Es ist immer wieder dasselbe; derjenige, der die schlechte Nachricht überbringt, wird gehängt. Oder: Augen zu und durch; die Hoffnung stirbt zuletzt. Mein Gott, ich würde lieber etwas anderes schreiben, etwas, das besser ankommt. Allein meine Bemerkungen sind nicht pessimistisch; eher sind es viele leider nur gut gemeinte Reaktionen auf sie.

Es wird Zeit, sich einzugestehen, mit welch einem Partner wir es auf der anderen Seite des Atlantiks zu tun haben. Der Ausstieg aus dem Atomabkommens mit dem Iran durch die USA zeigt: Die Länder der EU denken und handeln moralisch nicht autonom. Sie fühlen sich (leider nur uneingestanden) genötigt, sich den Sanktionen, die jetzt dem Iran durch die USA drohen, anzuschließen – nicht weil es moralisch geboten ist – das ist es nicht –, sondern weil andernfalls die EU, wenn sie ihre wirtschaftlichen Beziehungen mit dem Iran nicht massiv zurückführt, ebenfalls von den Sanktionen gegen den Iran massiv betroffen wäre (vgl. Q02, Q03).

Das ist auch sehr wahrscheinlich ein wesentlicher Grund, warum die EU alle v.a. von den USA inszenierten verbrecherischen Kriege mit trägt oder sich an ihnen direkt beteiligt – aus moralischen Gründen, versteht sich, um zu verdrängen, dass man sich genötigt fühlt: Dabei wirken Politiker nach außen wie paralysiert, weil ihnen aus ökonomischen Gründen der Arsch auf Grundeis geht. Sie übersehen, dass die USA unentwegt Kriege anzetteln, auch aus ökonomischen Gründen an, insonderheit um von ökonomischen Schwierigkeiten abzulenken, die zu befürchten sind, wenn der Dollar seine Rolle als weltweite Leitwährung immer mehr einbüßt (vgl. Q01).

Um nicht zu sagen: es steht zu befürchten, dass die USA die Welt eher in ein Flammenmeer verwandeln, um nicht erleben zu müssen, von China erst ökonomisch und dann auch politisch eingeholt und überholt, ja dominiert zu werden. Dass er dominiert wird, gehört sich für einen Amerikaner nicht. Eine solche Welt will er nicht. Also führt er sie aus moralischen Gründen der Vernichtung zu (so wie die Nazis den Völkermord an den Juden aus „moralischen“ Gründen betrieben haben). Und die EU hat nichts anderes zu tun, als dabei behilflich zu sein. Um das nicht (bei sich selbst) zu sehen zu müssen, bedarf es, mit Verlaub, eines psychisch gestörten Denkens oder Innenlebens.

Ein Prozess, der bald schon unumkehrbar sein könnte, sollte es nicht bald eine Kritik an den USA, die ihren Namen verdient, geben, die jene eben umrissenen Zusammenhänge zur Darstellung bringt; sie muss endlich die Mainstream-Öffentlichkeit erreichen (dort laufen noch zu viele verrückte Pressemenschen herum). Zudem müssen beschönigende Analysen – um nicht zu sagen: unerträgliche Schleim-Scheißereien gegenüber den USA – aufhören. Das war schon damals, vor der Machtergreifung der Nazis, als es noch möglich war, bei weitem nicht zureichend geschehen.

Über die Nazis machte man sich gänzlich falsche Vorstellungen, noch dazu, und das ist gestört, gegen den Augenschein: Selbst nach der Machtergreifung dachten selbst viele, zu viele Juden noch viel zu lange, dass es so schlimm nicht kommen werde im Lande der Dichter und Denker. Schließlich sind Dichter und Denker keine bösen Menschen.

Irrtum; es geht immer noch schlimmer, auch unter Dichtern (selbst Musil, Mann, Hofmannsthal, Rilke etc. waren für den 1. Weltkrieg), heute wieder in Zeiten, in der Menschen, namentlich Politiker, kaum noch in der Lage sind zu verhehlen, dass sie (wie zu viele Kulturschaffende allgemein) krankhaft und krankmachend (Realitäten, wie sie sind) verdrängen (vgl. K14, S. 11f).

Sie merken es nicht aus einem moralischen Kontext heraus (von dem sie beseelt sind, sie sich beseelen lassen), der alles, das Verdrängende und Verdrängte, verbirgt, zumal wenn soziale Katastrophen sich langsam aufbauen, zusammenbrauen, sodass man sie nicht bemerkt, nicht sieht, dass und wie sie, das Kranke und Krankmachende, Verletzungen, den alltäglichen Schmerz, anschwellen, man sich an sie, solange sie noch nicht alles unter sich begraben, gewöhnt (zur „Normalisierung der Störung“, vgl. DP3, S. 140; DP4, S. 207f); bis die Menschen, eingeholt von „ihrer“ eigentlich schmerzhaften Realität, dann doch nicht mehr „funktionieren“, weil sie den Leidensdruck nicht mehr verhehlen können, es sei denn mit Hilfe einer ausgewachsenen „psychischen Störung“. Dann könnte es freilich zu spät sein, nachdem immer mehr, vielleicht zu viele Menschen, mit oder in „ihrer“ (kranken) Realität nicht mehr zurechtkommen.

Vor und nach der Machtergreifung der Nazis war exakt dies signifikant der Fall. Die Menschen sind buchstäblich alle „verrückt“ geworden.

Herzliche Grüße

Franz Witsch

www.film-und-politik.de

Quellen:

DPB: Franz Witsch, Die Politisierung des Bürgers, 1. Teil: Zum Begriff der Teilhabe. Norderstedt 2015 (1. Auflage 2009)

DP2: Franz Witsch, Die Politisierung des Bürgers. 2. Teil: Mehrwert und Moral, Norderstedt 2012

DP3: Franz Witsch, Die Politisierung des Bürgers. 3. Teil: Vom Gefühl zur Moral, Norderstedt 2013

DP4: Franz Witsch, Die Politisierung des Bürgers. 4. Teil: Theorie der Gefühle, Norderstedt 2012 (zit. n. 2015)

T02: „Normal“ und „psychisch krank“ – ein Verwandtschaftsverhältnis?, in K14 (S. 11-18)

K14: Franz Witsch: Mentalisieren: Anmerkungen zur Gestaltung des Innenlebens (in mehreren Teilen) http://film-und-politik.de/Politik/K14.pdf

Q01: Grünes Licht für die Konfrontation mit Russland

Telepolis vom 08.05.2018, von Ernst Wolff

https://heise.de/-4045224

Q02: Merkel und Macron: Bloß die USA nicht verärgern

10. Mai 2018  Thomas Pany

https://heise.de/-4046311

Q03: US-Botschafter will BRD im Kolonial-Stil regieren

qpress vom 09.05.2018, von WiKa

https://qpress.de/2018/05/09/us-botschafter-will-brd-im-kolonial-stil-regieren/

 

 







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