Ideologien und Klassenbewusstsein in der Geschichte


Bildmontage: HF

08.01.18
DebatteDebatte, Arbeiterbewegung 

 

Bereitgestellt von Reinhold Schramm

Die Ideologieauffassung des historischen Materialismus

Ideologie gehören zu den grundlegenden Erscheinungen des geistigen Lebens und des gesellschaftlichen Bewusstseins. Sie sind durch Klasseninteressen bestimmte und Klasseninteressen zum Ausdruck bringende Systeme gesellschaftlicher Auffassungen und Ideen, einschließlich der Werte, Ideale u. a. Verhaltensnormen, die auf diesen Auffassungen und Ideen beruhen. Damit bestimmen, begründen und rechtfertigen Ideologien die Art und Weise sowie die Ziele gesellschaftlichen Denkens und Handelns im Interesse von Klassen.

Die bürgerliche Ideologie bringt die Vorstellungen und Ideen der im Kapitalismus herrschenden Klasse, der Bourgeoisie, über ihre Stellung und ihre Rolle in der kapitalistischen Gesellschaft zum Ausdruck, begründet und rechtfertigt deren Klasseninteressen und Klassenziele. Damit ist die bürgerliche Ideologie zugleich den Interessen der Arbeiterklasse und der Mehrheit des werktätigen Volkes entgegengesetzt. Sie dient der Bourgeoisie als Mittel zur Unterdrückung und Ausbeutung der Arbeiterklasse und der anderen Klassen und Schichten.

Die Ideologie der imperialistischen Bourgeoisie ist ihrem Charakter nach reaktionär. Sie begründet und rechtfertigt die historisch überlebte Ausbeuterordnung, den Kapitalismus, und hilft die kapitalistische Gesellschaft zu erhalten. Sie deklariert sie als naturgegeben und ewig.

Im Gegensatz zur reaktionären, unwissenschaftlichen bürgerlichen Ideologie begründeten Marx, Engels und Lenin die wissenschaftliche Ideologie der Arbeiterklasse, den Marxismus-Leninismus.

Die sozialistische Ideologie begründet die Ziele und Wege des Klassenkampfes der Arbeiterklasse, der proletarischen Revolution und der Errichtung der kommunistischen Gesellschaftsordnung. Sie orientiert und aktiviert die Arbeiterklasse und mit ihr die werktätigen Massen zum bewussten Handeln im Sinne des gesellschaftlichen Fortschritts.

Bürgerliche und sozialistische Ideologie sind antagonistische Gegensätze. Genausowenig, wie es jemals eine Versöhnung zwischen Bourgeoisie und Proletariat geben kann, kann es eine gemeinsame Ideologie beider Klassen geben. Lenin betonte in diesem Zusammenhang: „... die Frage kann nur so stehen: bürgerliche oder sozialistische Ideologie. Ein Mittelding gibt es hier nicht (denn eine ,dritte’ Ideologie hat die Menschheit nicht geschaffen, wie es überhaupt in einer Gesellschaft, die von Klassengegensätzen zerfleischt wird, niemals eine außerhalb der Klassen oder über den Klassen stehende Ideologie geben kann). Darum bedeutet jede Herabminderung der sozialistischen Ideologie,  jedes Abschwenken von ihr zugleich eine Stärkung der bürgerlichen Ideologie.“ (Lenin: Was tun?  In: Werke, Bd. 5, S. 396.)

Das Wesen der Ideologie als klassen- und interessenbedingte Widerspiegelung der gesellschaftlichen Verhältnisse und Prozesse konnte die vormarxistische Philosophie nicht klären.

Marx und Engels deckten auf der Grundlage der materialistischen Geschichtsauffassung das Wesen aller Ideologien der vormarxistischen Denker als Produkt der Klassengesellschaft auf und erklärten deren Entstehung, Entwicklung und Ablösung. Sie zeigten, dass die Ursachen dieser ideologischen Widerspiegelung der Wirklichkeit in den objektiven Verhältnissen des materiellen Lebensprozesses der antagonistischen Klassengesellschaft zu suchen sind: „Die Ideologie ist ein Prozess, der zwar mit Bewusstsein vom sogenannten Denker vollzogen wird, aber mit einem falschen Bewusstsein. Die eigentlichen Triebkräfte, die ihn bewegen, bleiben ihm unbekannt ... Er imaginiert sich also falsche resp. scheinbare Triebkräfte. Weil es ein Denkprozess ist, leitet er seinen Inhalt wie seine Form aus dem reinen Denken ab, entweder seinem eigenen oder dem seiner Vorgänger. Er arbeitet mit bloßem Gedankenmaterial, das er unbesehen als durchs Denken erzeugt hinnimmt und sonst nicht weiter auf einen entfernteren, vom Denken unabhängigen Ursprung untersucht, und zwar ist ihm die selbstverständlich, da ihm alles Handeln, weil durchs Denken vermittelt, auch in letzter Instanz im Denken begründet erscheint.“ (Engels an Franz Mehring, 14. Juli 1893. In: Marx/Engels: Werke, Bd. 39, S. 97.)

Religion, idealistische Philosophie, bestimmte vormarxistische und gegenwärtige nichtmarxistische Gesellschaftstheorien sind also keine Irrtümer schlechthin, nicht zufällig entstanden, sondern Denkinhalte der Menschen unter konkret historisch gegebenen Existenzbedingungen.

Die Ideologie im Sinne einer historisch bedingten falschen, verzerrten, phantastischen Widerspiegelung der gesellschaftlichen Wirklichkeit ist jedoch unter bestimmten Bedingungen aufhebbar. Sie wird endgültig durch die praktisch-revolutionäre Beseitigung der antagonistischen Klassengesellschaft überwunden, und zwar insofern, als durch die Veränderung der materiellen Bedingungen die Ursachen für illusionäre Vorstellungen und Ideen von den gesellschaftlichen Verhältnissen beseitigt werden.

„Dieser ganze Schein ... hört natürlich von selbst auf, sobald die Herrschaft von Klassen überhaupt aufhört, die Form der gesellschaftlichen Ordnung zu sein, sobald es also nicht mehr nötig ist, ein besonderes Interesse als allgemeines oder ,das Allgemeine’ als herrschend darzustellen.“ (Karl Marx/Friedrich Engels: Die deutsche Ideologie. In: Werke, Bd. 3, S. 48.)

Ein modifizierter Auszug, vgl.

Quelle: Grundlagen des historischen Materialismus. Dietz Verlag Berlin 1976. / Kapitell XIII.: Das geistige Leben der Gesellschaft – die Rolle der Ideen im Geschichtsprozess. Abschnitt: 2. Ideologien in der Geschichte. Vgl.: Die Ideologieauffassung des historischen Materialismus, S. 646-648-

08.01.2018, Reinhold Schramm (Bereitstellung)







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