War einmal ein Revoluzzer


Bildmontage: HF

08.09.11
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von Horst Hilse

oder: die Seufzer von Platta und Zierke in scharf- links

In zwei Beiträgen bemühen sich die Zeitgenossen Platta und Zierke um das, was man fälschlicherweise als „die Ruhe in deutschen Landen“ nennen könnte.

Dabei scheut Platta nicht einmal vor plattem Biologismus (These 1) zurück, um danach mit verbreiteten „Autoaggressionen“ fortzufahren, um die weit verbreitete Apathie zu erklären. Und schliesslich schwätzt er vom Fall aus „gutbezahlter Lohnarbeit“ in das Hartz4-Regime (These3), um den Betroffenen eine große Ich-Schwäche (These 7) zu attestieren.

Derartige Auslassungen „über“ die armen Proleten statt der Berichte „von“ ihnen sind so alt wie die Linke selbst. Schon Marx und Engels haben sich über solche Art des sich erbarmenden „Blicks von oben“ auf das Elend aufgeregt und darüber lustig gemacht - man lese nur die Marxschen Ausführungen zum damals in ebensolchem Tonfall gehaltenen Klagen zum Elend der Prostitution oder Engels „Lage der arbeitenden Klasse“, wo er mit vielen konkurrierenden „Elendsberichten“ oft in Fußnoten abrechnet…

Doch zurück zur aktuellen Klagemauer: Wer sich mit dem politischen Verhalten von Menschenmassen, braucht zur Erklärung nicht gängige Klischees zu bedienen und Biologie aufzufahren. Es genügt, einfach mal politische Fakten zu registrieren und Vergleiche anzustellen.

Dazu meinerseits einige Anmerkungen

  • Es gibt nicht „die“ Menschenmassen an sich, sondern es gibt immer verschiedene Schichten und Gruppen innerhalb der Klassen, die von verschiedenen Stimmungen beeinflusst und von Weltbildern geprägt sind. Daher gibt es auch nicht DAS Bewusstsein, sondern verschiedene Bewusstseinsformen. Auch Klassenbewusstsein ist immer an dessen organisierte Träger gebunden.
  • Menschen machen „Aufstände“ nicht aus Spass an der Freude, sondern sie greifen dazu aus einem Kalkül heraus, das richtig oder falsch sein mag. Erst wenn sie selbst sich praktisch vergewissern, dass sie eine große Masse bilden und wenn sich erste Erfolge einstellen, werden sie kühner und anspruchsvoller.
  • Es gibt ein widerspruchsvolles Verhältnis zwischen Avantgardefunktionen in organisierter oder auch nicht-organisierter Form und sich politisierenden Menschen auf Massenebene. Die dabei gegenseitig gemachten Erfahrungen qualifizieren beide Seiten, solange sie aufeinander bezogen bleiben. Wendet sich eine Seite ab und nimmt ihre Aufgabe nicht mehr wahr, verkümmert die andere mehr oder weniger stark und erlebt einen Niedergang.

Mit diesen gemachten Voraussetzungen und ergänzt um einige Fakten erscheinen die angeführten Verhaltensweisen in einem ganz anderen Lichte:

Beispiel England:
Es gab kaum beachtete Vorläufer der Rebellion im Jugendbereich selbst. So wurde 2010 von den Gewerkschaften mitten in den Zentren der Deindustrialisierung und des grassierenden Rassismus eine erfolgreiche Antifa - Kampagne geführt, die 200 religiös und ethnisch gemischte Jugendgruppen in diesen Zentren hervorbrachte.

Ich hatte darüber hier einen Artikel geschrieben:
„No Pasaran“ - ein gelungenes Beispiel in England
Die durch das linke Versagen weitgehend fehlende Avantgardefunktion übernahmen populäre Rockbands. Seit Jahren dudelt: „London´s burning“ von „the clash“ und die Songs der Gruppe „white riot“ auf 100 000den i-phones in den Ohren der Jugendlichen und wer sich auf youtube die Konzerte reinzieht, sieht zigtausende Jugendliche, den „riot“, den „clash“, das „london´s burning“ jubelnd besingen.

Da linksradikale Gruppen jedoch meist ein rein instrumentelles Verhältnis zur Jugendkultur haben, bekommen sie davon meist auch sehr wenig mit. In England kommen zwei weitere Faktoren hinzu: Um eine Ghettobildung zu vermeiden, hatten die Städte die meist sehr armen Bevölkerungsgruppen mit Migrationshintergrund häuserweise zwischen gut situierte Mittelstandsgruppen platziert, so dass die Jugendlichen täglich sehen konnten, was die sich so alles an neuem IT-Gerät kaufen konnten.

Dies wurde von Wissenschaftlern mit dem hohen Lied des „Ansporns zum Aufstieg“ besungen. Wir kennen so etwas aus der deutschen Schuldebatte.
Der Effekt war jedoch ein anderer: Man demonstrierte damit den Armen, dass sie andere sind und nicht an dieser Mittelstandsgesellschaft teilnehmen könnten. Sie begannen sich als „anders“ zu sehen und demonstrierten das mit ihrer Kleidung, besonders Mützen.

Da die englische Gesellschaft im Gegensatz zu Frankreich keine Revolution erlebt hatte, die den Adel stürzte, haben sich in der dortigen Kultur auch die ständischen Abgrenzungsrituale mittels verwendeten Stoffen und Kleidungsstücken bis heute tradiert (Stichworte Bowlerhats, Clark-Anzug, bis zu Beatles) Diese Tradition bewirkte, dass die Kleidung der Jugendlichen zu zusätzlichem Ausschluss führte. Sie durften vielfach Handyläden und Elektrogeschäfte nicht einmal betreten.

Diese Faktoren zusammengenommen, ließen nach der Hinrichtung des 4-fachen Familienvaters Marc Duggan durch die Polizei die „riots“ entstehen, die mehrere Tage andauerten und in denen sich die gut organisierten Elemente der europäischen Rockergangs und kriminelle Vereine ab dem 3. Tage als Führungskräfte erwiesen, die im Gegensatz zu den Jugendlichen der Polizei teilweise gewachsen waren.

Diese Rebellion der ohne eine sie verteidigende Organisation kommt sie heute teuer zu stehen, denn das Imperium schlägt brutal zurück: schätzungsweise 30 000 Verhaftete, vielfacher Gesetzesbruch durch die Polizei, Sondergerichte, vor die auch 11 jährige gestellt werden, Haftstrafen zwischen 2 und 5 Jahren selbst für 14jährige, eine maßlose Hetze der Medien.

Premierminister David Cameron griff sogar die BBC an, weil sie es gewagt hatte, tiefere soziale Ursachen für die Unruhen anzudeuten.
Cameron sagte: „Manche stellen es fast so hin, als könnten wir erst dann etwas gegen Randalierer tun, wenn wir das Problem der Ungleichheit beseitigt haben.“

Wo bleibt eigentlich die linke Solidaritätskampagne in 'Germoney'? Wir erleben hier in Deutschland dasselbe, wie damals, als in Frankreich 2006 nach dem Jugendaufstand gegen das CPE Gesetz von Seiten der deutschen Linken jegliche Solidarität mit den über 7000 eingeknasteten Jugendlichen unterblieb, deren Kampfwillen Lafontaine damals durchaus zu Wahlkampfzwecken zu instrumentalisieren wusste: „von Frankreich lernen heißt siegen lernen“

Beispiel Frankreich:

Als damals auch in Frankreich die Repression derart zuschlagen wollte, stellte sich die kommunistische CGT an die Seite der Jugendlichen: sie zahlte viele Rechtsanwälte, gründete Solidaritätskomiteés, entfaltete eine Gegenpropaganda mit anderen Gruppen der Linken und konnte dadurch sehr viele Sympathien im Jugendbereich auf sich ziehen.

Hier zeigt sich die gesellschaftliche Funktion einer organisierten Kraft, die in der Lage ist, organisiert gegenzusteuern. Die anschließende Phase der Resignation und Enttäuschung wurde dadurch stark abgebremst und 2010 erlebten wir zigtausende Jugendliche an der Seite der streikenden Belegschaften gegen die Rentengesetzgebung.

Zu dem von Zierke ausgemachten „revolutionären Bewusstsein“ in Frankreich gäbe es viel zu sagen, das ich mir verkneife; nur soviel: von „Revolution“ war vor dem größten Arbeiterstreik in der kapitalistischen Geschichte im Mai 1968 nicht die Rede.
Im Gegenteil: Die Soziologen hatten zwei Monate zuvor „wissenschaftlich bewiesen“, dass der durchschnittliche franz. Bürger keinerlei Interesse an der Politik hat und sich nicht einmischen möchte. Nach der massiven Niederlage 1948 war die Situation für die französische Linke 20 Jahre lang so trostlos, wie die der deutschen Linken unter Adenauer.

Viele Kampagnen versackten auch dort und endeten in Niederlagen, aber wenigstens hatte die Linke die Kampagnenfähigkeit unter Beweis gestellt.

Doch zurück zu 'Germony'!

Von der Linken kaum bemerkt, hatten wir im Mai/Juni dieses Jahres eine Streikwelle in mehreren Branchen. In den Belegschaften machte sich teilweise eine für deutsche Verhältnisse kämpferische Stimmung bemerkbar. Dieser teilweise Anstieg einer kämpferischen Stimmung wurde jedoch von keiner organisierten Kraft aufgegriffen.

Die wenigen kämpferischen Elemente innerhalb der Linkspartei sind politisch gelähmt und der Rest ist bemüht, die politische Seriosität und/oder die wissenschaftliche Qualifikation unter Beweis zu stellen. Die Situation der Jusos in der SPD der 80er Jahre wird munter kopiert.Es zeigt sich, dass die meist intellektuellen Funktionäre dieser Organisation so sehr um ihre Posten besorgt sind, dass sie noch nicht einmal die Rotation oder das imperative Mandat in ihrer Organisation diskutieren möchten.

Sie bemühen sich- besonders in Berlin- ihre bürgerliche Reputation unter Beweis zu stellen, indem sie sich an dem allgemein angesagten Krieg gegen die Armen aktiv beteiligen: Die übernommenen Risiken von über 21Milliarden Euro aus dem Bankenskandal hat sie zu einem rigorosen Sparkurs auf Kosten der Bevölkerung greifen lassen. Mit der höchsten Arbeitslosigkeit aller 16 Bundesländer, der Abschaffung der Lernmittelfreiheit, der Schaffung eines „amtlichen“ Leiharbeitersektors treten sie in die Wahlen ein.

Wie also reagiere ich denn als „poor people“ z.B. in Berlin darauf? Soll ich mich an die Linken richten, die mal eine Alternative sein wollten und nun denselben Zinnober abziehen, wie die SPD auch?

Wenn ich überhaupt wählen gehe, dann wähle ich direkt das Original, also die SPD. Die können immerhin noch Jobprogramme, wenn auch zu den gewohnten Scheißbedingungen von Hungerlohn und Leiharbeit auflegen.

Soll ich mich an die Grünen wenden? Wo deren Spitzenkandidatin gerade erklärt hat, eventuell mit dem korrupten CDU-Haufen zusammen zugehen?
Oder mal was „ganz neues“ wagen und auf den ehemaligen CDUler Nerz mit seinem Direktor im Bundesverteidigungsministerium unter dem Label „Piratenpartei“setzen?

Im Grunde sind die alle gleich und daher wähle ich gar nicht oder aber ich wage es, die Nazis zu wählen, damit die den Laden mal aufmischen.

Rebellion? Aufstand? – ok… womit? Mit wem?
Soll ich so blöd sein wie die englischen Jugendlichen und Knast riskieren? Wofür? Für 'nen Fernseher?

Oder soll ich mich einer jener linken Nischensekten anschließen? Dort begegnen mir eh nur 2 Menschentypen: entweder wollen sie mich für ihre Organisation benutzen oder mich mit unverständlichem Kram zulabern.
Was bringt mir das ein? Nervenstress ohne Ende.

Denn dieselben Leute, die von mir als Streikendem verlangen, ich solle meinen Sturz ins Hartz-Regime riskieren, schleimen um jeden Job. Sie sind es gewohnt, sich in einem mittelalterlichen System rumzubuckeln, wo man als Student noch nicht einmal seine Lerninhalte einklagen kann. Die haben noch nicht einmal die Rechte eines Lehrlings und finden das normal.
Eigentlich sind die doch wirklich charakterschwach, dass sie sich von einzelnen 'Profs' so abhängig halten lassen.- und für wirkliche Hilfe, mit mir die ARGE aufsuchen, mir die Anträge erklären, sind die sich eh zu schade..

Am besten zu Hause einrichten und am 'Compi' abhängen, wenn s geht . .
Und sich aus der Politszene raushalten.

Das ist wahrer Realismus, der weniger falsche Annahmen realer Machtverhältnisse enthält, als manche linke Großmäuligkeit.

Aber dieser Realismus hat auch eine andere Seite: wenn es jemand wirklich ernst meint und dabei noch zuverlässig ist und wenn er damit massig Leute auf die Beine bringen kann, dann mach ich mit!

Hätten wir heute eine Gewerkschaftsführung, die wirklich zum Kampf gewillt ist, hätten wir einen linken Pol, der glaubwürdig um eine andere Gesellschaft ringt, so gäbe es in Deutschland Massenkämpfe, die denen in anderen Ländern um nichts nachstehen würden.

Unsere Aufgabe ist der langfristig angelegte und kontinuierlich verbindliche Aufbau von lokalen Strukturen, mit deren Hilfe wir uns einen Vertrauensbonus bei den Betroffenen erarbeiten. Also das, was man traditionell immer als „Kärnerarbeit“ bezeichnet hat. Langer Atem, Geduld und Ausdauer sind angesagt, um diese Strukturen in gemeinsamen Kampagnen zu entfalten!

Der Revoluzzer ist ein politisches Chanson von Erich Mühsam aus dem Jahr 1907.
Mühsam weist mit seinen Chansons auf Vorgänge seiner Zeit hin.
Der Untertitel „Der deutschen Sozial-demokratie gewidmet“ zeigt seine Kritik an der damaligen Sozialdemo-kratischen Partei Deutschlands.

Der Revoluzzer

„War einmal ein Revoluzzer,
Im Zivilstand Lampenputzer;
Ging im Revoluzzerschritt
Mit den Revoluzzern mit.

Und er schrie: „Ich revolüzze!“
Und die Revoluzzermütze
Schob er auf das linke Ohr,
Kam sich höchst gefährlich vor.

Doch die Revoluzzer schritten
Mitten in der Straßen Mitten,
Wo er sonsten unverdrutzt
Alle Gaslaternen putzt.

Sie vom Boden zu entfernen,
rupfte man die Gaslaternen
Aus dem Straßenpflaster aus,
Zwecks des Barrikadenbaus.

Aber unser Revoluzzer
Schrie: „Ich bin der Lampenputzer
Dieses guten Leuchtelichts.
Bitte, bitte, tut ihm nichts!

Wenn wir ihn’ das Licht ausdrehen,
Kann kein Bürger nichts mehr sehen,
Laßt die Lampen stehn, ich bitt!
Denn sonst spiel’ ich nicht mehr mit!“

Doch die Revoluzzer lachten,
Und die Gaslaternen krachten,
Und der Lampenputzer schlich
Fort und weinte bitterlich.

Dann ist er zuhaus geblieben
Und hat dort ein Buch geschrieben:
Nämlich, wie man revoluzzt
Und dabei doch Lampen putzt.

Erich Kurt Mühsam
* 6. April 1878 in Berlin, am 10. Juli 1934 von der SS-Wachmannschaft des KZ Oranienburg ermordet


VON: HORST HILSE


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