Vom Essig und von Chablis

12.09.11
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von Horst Hilse

Wer eine Erklärung zur relativen Klassenruhe in der BRD vorlegt, sollte schon etwas mehr anbieten, als abgestandenen Essig.

So bestreitet Holdger Platta in seiner Replik auf meinen Beitrag, dass er überhaupt in der Lage sei, gängige Klischées zu bedienen, da er sich ja auf neueste Forschungsergebnisse der Hirnforschung stütze. Diese Forschung hätte die bei den betroffenen die Existenz einer „passenden Hartz-IV-Gehirnchemie“ erwiesen.

Man staunt: Da verfügt also ein Gesetzeswerk über die erstaunliche Fähigkeit bei den von diesem Gesetz betroffenen Menschen eine adäquate „Gehirnchemie“ zu generieren, nämlich die Depressivität bei den Betroffenen..

Ein Gesetz ist nun zweifellos eine gesellschaftliches Phänomen zur Regelung bestimmter Verhältnisse, die eine Regelung erforderlich machen. Depressivität ist ein somatischer Vorgang im Menschen, der mit der Art seines Lebensvollzugs unter gegebenen Bedingungen zu tun hat.
Wovon möchte also Holdger Platta zu uns sprechen? – von den somatischen Auswirkungen depressiver Erkrankungen oder von gesellschaftlichen Phänomenen?

Dass es notwendig ist, zwischen beiden Bereichen zu unterscheiden, zeigen solche Beispiele wie Italien: dort gibt es KEIN Hartz 4-Gesetz und nach einigen Monaten landen die Betroffenen in der Sozialhilfe, die weit geringer ausfällt, als in 'Germoney'.
In Griechenland gar bekommen die Betroffenen nur noch 6 Wochen eine „Stütze“ und müssen sich danach mit Kleinkriminalität über Wasser halten. Trotzdem reagieren dort aktuell die Menschen weniger mit Depressivität. Sind also die dortigen schlechteren Gesetze für die menschliche „Gehirnchemie“ die günstigeren? Sollten wir sie hier übernehmen? Oder aber reagieren chemische Prozesse in menschlichen Hirnen in Griechenland anders? Vielleicht wegen der Sonneneinstrahlung? Sollten vielleicht alle Hartz4 Empfänger in sonnige Gegenden umziehen?

Das von Holdger Platta bestrittene Klischée besteht gerade darin, gesellschaftliche Zustände mit biologischen Vorgängen verbinden zu wollen. Dass er sich dabei auf „neueste Forschungen“ beruft bewahrt ihn keineswegs vor nämlicher Argumentation.

Das hat eine lange intellektuelle Tradition im Kapitalismus. So erklärte Thomas Hobbes die Notwendigkeit staatlicher Repression mit der menschlichen „Wolfsnatur“ und Robert Malthus die Arbeitslosigkeit mit dem Sexualverhalten der Arbeiterklasse.
Beide Stereotypen tauchen ja heute „hochmodern“ wieder bei den Faschisten auf.

– womit ich Holdger Platte ausdrücklich nicht unterstelle, ähnliches im Auge zu haben.

Ihm geht es um die Verelendungsprozesse und um die Reaktion der Menschen darauf und konstatiert er eine „Verelendungsrepublik“. Dies trifft jedoch in noch größerem Maße auf die beiden oben angeführten Länder zu, ist also ein allgemeines Phänomen.

Als solches wurde es auch von Marx erfasst, wenn er schreibt:

„Innerhalb des kapitalistischen Systems vollziehen sich alle Methoden zur Steigerung der gesellschaftlichen Produktivkraft der Arbeit auf Kosten des individuellen Arbeiters; alle Mittel zur Entwicklung der Produktion schlagen um in Beherrschungs – und Exploitationsmittel des Produzenten, verstümmeln den Arbeiter in einen Teilmenschen, entwürdigen ihn zum Anhängsel der Maschinerie, vernichten mit der Qual seiner Arbeit ihren Inhalt, entfremden ihm die geistigen Potenzen des Arbeitsprozesses…; sie verunstalten die Bedingungen, innerhalb deren erarbeitet,….. etc. (I/23/4)

Vom Sein und Bewusstsein

Diese zitierten Ausführungen haben ihren Platz in der marxschen „Entfremdungstheorie“, die sich in nuce bereits in den „Ökonomisch - philosophischen Manuskripten“ findet, wo die völlige Einflusslosigkeit der Lohnabhängigen gegenüber der Rohstoffverwendung, dem Produktionsverfahren, der Produktgestaltung und damit von der Lebensumwelt als Ursachen für das Unverständnis sich selbst gegenüber angeführt sind. Im 'Kommunistischen Manifest' geht es dann soweit, das es noch „dahin kömmt“, dass die „Luft nicht mehr zum Atmen“ und das „Wasser nicht mehr zum Trinken“ vorhanden sind.

Ist das etwa keine Beschreibung des Menschen als gesellschaftlichem Ensemble? Weder in diesen Teilen des marxschen Werkes noch in anderen wird von einem unmittelbar durch das sein bestimmte Bewusstsein gesprochen, wie es Holdger Platta dem Marxismus unterstellt.

Ganz im Gegenteil: Friedrich Engels weist ausdrücklich darauf hin, dass diese von Platta dem Marxismus unterstellte Unmittelbarkeit NICHT besteht:

„Nach materialistischer Auffassung ist das in   l e t z t e r  I n s t a n z bestimmende Moment in der Geschichte die Produktion und Reproduktion des wirklichen Lebens….wenn nun das jemand dahin verdreht, das ökonomische Moment sei das e i n z i g  b e s t i m m e n d e, so verwandelt er jenen Satz in eine nichtssagende abstrakte, absurde Phrase. Die Ökonomie ist die Basis, aber die verschiedenen Momente des Überbaus… üben auch ihre Einwirkung auf den Verlauf der geschichtlichen Kämpfe aus und b e s t i m m e n in vielen Fällen v o r w i e g e n d  d e r e n  F o r m.“ (IV /135)

Holdger Platta bekämpft einen unterstellten „Marxismus“, der mit Marx anscheinend sehr wenig zu tun hat. So kann er mir in seiner Replik Auffassungen unterstellen, die mit einem von ihm inhalierten marxschen Essigverschnitt zu tun haben mögen, jedoch nichts mit Marxismus.
In seiner Polemik gegen Windmühlenflügel, übergeht er die von mir genannten Erklärungs-elemente gesellschaftlicher Art zur behandelten Problematik, die eine Erklärung für ausbleibende Rebellion liefern sollte und kann daher konstatieren:

Gibt Hilse eine Antwort? - Nein.
Ich dagegen sage: oh doch!

Ich hatte in meiner Antwort auf die „Vorläufer“ sowie deren „organisierende Elemente“ in England und Frankreich hingewiesen. Diese beiden Phänomene fehlen in Deutschland und führen daher zu der Bewusstseinssituation, wie ich sie im fiktiven Wähler in Berlin zu schildern versuchte.

Welche Bewusstseinsformen und Stimmungen innerhalb der Lohnabhängigen und deren „Reserve im Wartestand“ kann Holdger Platta uns nennen, die einer Rebellion zu- oder abträglich sind?

Da die Gewerkschaften in Deutschland organisatorisch und zahlenmäßig in Europa noch immer zu den größten zählen, hatte ich zum Schluss auf die Bedeutung hingewiesen, die deren Positionierung für eine Rebellion haben kann. Ebenfalls ein Unterschied zu Frankreich und England und ein großer Unterschied zu Italien und Griechenland und damit ein weiteres Erklärungselement.

Den marxschen Sekt finde ich zur Erhellung unserer gesellschaftlichen Situation noch immer wesentlich bekömmlicher und inspirierender als die Erklärungsmuster durch Gehirnchemie.

Grüße

h.hilse (Soko Köln)

 

 

 


VON: HORST HILSE


War einmal ein Revoluzzer - 08-09-11 21:22




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