Das macht richtig Angst: Die Politik ist immer weniger ansprechbar

28.03.16
DebatteDebatte, Soziales, Kultur, TopNews 

 

Von Franz Witsch

Liebe FreundeInnen des politischen Engagements,

die Welt gerät aus den Fugen und ist eigentlich nur noch mit viel Galgenhumor zu ertragen. Tatsächlich ist das Verzweiflung pur. Zumal ernsthafte politische Unterhaltungen immer mehr als sinnlos erlebt werden, zumindest unter Normalbürgern (ohne Einfluss), also macht man Witze über den Zustand der Welt. Natürlich möchte ich nicht, dass das auf (meine) politische Texte abfärbt. Der Autor würde damit nur zum Ausdruck bringen, dass er nicht (mehr) in der Lage ist, lebensbedrohliche Erfahrungen (innerlich) zu verarbeiten. 

Dabei sind Attentate oder Anschläge noch nicht einmal das Schlimmste; auf einzelne Ereignisse, die eintreten können, kann man sich innerlich – mental – vorbereiten, so dass man nicht unbedingt völlig überfordert oder kopflos reagieren muss – in Form traumatischer und traumatisierender Abreaktionen im Gut-Böse-Schema, das unseren Alltag mittlerweile vollkommen prägt. Letzteres macht, zumindest mir, erst richtig Angst. Weil sich hier der Eindruck immer mehr zur Gewissheit verfestigt, dass v.a. politisch verantwortliche Menschen in Kooperation mit der Systempresse nicht ansprechbar sind – nichts dazulernen (wollen).

Anschlägen haftet – anders als dem Tod – nichts Natürliches an. Gegen den Tod können wir uns nicht wehren. Er traumatisiert auf natürliche Weise. Wir wehren uns gegen das Tod-Trauma – von Thomas Mann in den Buddenbrooks (1901) sehr plastisch beschrieben und von Goethe beim Tod seiner Frau bewusst verdrängt (er ließ sie beim Sterben allein) –, indem wir ihn vollkommen verdrängen, selbst wenn wir an ihn denken, über ihn sprechen, als dürfe er keine Macht über unser Leben gewinnen. 

Anders verhält es sich mit Bedrohungen, die vom Menschen ausgehen. Gegen sie kann und muss man etwas tun, z.B. indem man Übeltäter ausmerzt, aus dem Bewusstsein tilgt. Grausam: Auf diese Weise werden ihre Taten der Verarbeitung, der Ursachenanalyse entzogen. Selbst wenn uns der soziale Kontext der Tat geläufig ist, wird sie – faktisch – allein dem Täter zugeschrieben, der soziale Kontext, in den die Tat eingelassen ist, in den wir alle – wenn auch nicht in gleicher Weise verantwortlich – involviert sind, wider besseres Wissen der Analyse entzogen, entzogen wie das Tod-Trauma; wahrscheinlich um Schuldgefühle beim Ausmerzen der Täter zu minimieren. Wir spüren diese Schuldgefühle nur, als wären wir tatsächlich involviert, also nicht unschuldig. 

Symptome der Schuld sind in der Tat allgegenwärtig, z.B. wenn wir mit den Übeltätern in Krimis oder Romanen mitfiebern, selbst wenn wir mit den Opfern mitfühlen. Doch werden lösen sich jene Symptome im realen Leben schnell auf. Bis sie nicht mehr wahrgenommen – im Gut-Böse-Schema der Abreaktion ausgetilgt worden. Hier hört jede Menschlichkeit auf.

Dass wir etwas gegen Anschläge, von Menschen gemacht, tun müssen, ist unbestreitbar. Fragt sich nur wie. Zwei Möglichkeiten drängen sich auf. Indem wir

1. im (ab-)reaktiv-reaktionären Gut-Böse-Schema die Ursache auf den Täter reduzieren oder 

2. Anschläge in einem umfassenden sozialen Kontext eingelassen sehen, den es (mental) zu verarbeiten gilt; und das bedeutet: im intersubjektiven Kontext zu analysieren bzw. kommunikativ zu verhandeln.

Verhandeln bedeutet, nicht in erster Linie mit dem Täter, sondern unter uns verhandeln, freilich ohne den Täter unter allen Umständen, sofern ansprechbar oder verhandlungsfähig, auszuschließen. Das schließt ein: nicht nur der Täter steht zur Disposition, weil wir uns gegen ihn schützen müssen, sondern mit ihm der soziale Kontext, gegen den wir uns, z.B. gegen verblödete Politiker, mindestens genauso schützen müssen. 

Eine solche gedankliche Figur schließt komplexere Handlungskonsequenzen ein als einfach nur Täter zu vernichten oder um Opfer zu trauern. Auch hier spüren wir nur, dass Trauer nicht alles ist, uns irgendwann ratlos zurücklässt, jedenfalls mich, so wenn es mir schwer fällt, Hand in Hand mit der Politik, z.B. mit Gauck und Merkel, zu trauern. Lieber ziehe ich mich zurück, als mich mit den Mit-Verursachern von Krieg und Terror gemein zu machen, zumal sie unerreichbar sind, nichts dazulernen wollen.

Der Rückzug fällt nicht so schwer, wenn man nur etwas mehr über Gefühle der Trauer wie über Gefühle im Allgemeinen (vgl. DP4) nachdenkt: Wenn wir trauern (fühlen), trauern wir vornehmlich um uns selbst.(DP1, S. 25) Wir fühlen uns zunächst selbst; zum Beispiel nachdem wir einen lieben Menschen verloren haben. Hannah Arendt sagte einmal. sie liebe ihre Freunde und sei zu aller anderen Liebe völlig unfähig. Ihre Unfähigkeit bezog sie auch auf das jüdische Volk: eine solche „Liebe zu den Juden“ sei ihr suspekt.(Q01)

Ich glaube, Hannah Arendt hat Recht: Das zu verdrängen hat vielleicht irgendwann zur Folge, dass wir nur noch automatisiert trauern, weil es sich gehört (wie der Viehbaron John Wayne mit der Bibel in der Hand im Film "Red River" um Tote trauert, die er zuvor selbst umgebracht hat) und nicht, weil wir real für andere, die wir nicht kennen, fühlen; auch wenn solche anonymen Lieben – zu einem Volk, einer Rasse, einem Gott, Jesus, Anschlagsopfer – tatsächlich gefühlt werden. 

Deshalb sind Fühlende ja kaum ansprechbar, eben weil sie ja wahr(haftig) fühlen und diese ihre Gefühle kurzschlüssig auf andere übertragen, bis zu einem Punkt, wo der gesellschaftlichen Kontext auf (ihre) Gefühle reduziert wird - mono-perspektivisch, nicht in der Lage, sich in die Perspektive eines anderen zu versetzen, eine andere Perspektive (Weltsicht), die nicht die eigene ist, überhaupt für möglich oder legitim zu halten, für mich Ausdruck einer „Normalisierung der Störung“.(DP4, S. 207f)

Normalisierungen können extreme, ja gemeingefährliche Ausmaße annehmen, so wenn der Deutsche seinen Führer liebt. Das tut er tatsächlich vollkommen wahrhaftig. Genauso wie er wahrhaftig um Personen trauert, die er real gar nicht kennt, zum Beispiel um den ermordeten Führer, Politiker, Menschen ganz allgemein, freilich flankiert von Abreaktionen am Täter, auch an Menschen, die nicht mittrauern. Das alles reaktiv im Gut-Böse-Schema. Am Ende interessieren nur noch Sicherheitsfragen.

Das sind Handlungs-Konsequenzen, die auf Missbrauch der Fähigkeit des Menschen, Gefühle auszubilden, verweisen. Die öffentliche Trauer stellt so einen Missbrauch dar. Der Missbrauchte muss ihn nicht bemerken, wenn man – durch die Systempresse (einige sprechen von Lügenpresse) befördert – sich selbst oder den Täter als Opfer (in der Gut-Böse-Abreaktion) ausschaltet, also den Verlierer in sich - im Sinne eines defizitären Innenlebens (den Verlierer in sich) - verleugnet.

Der Tod ist nicht verhandelbar und verweist daher auf gleichsam natürliche Weise auf den Verlierer in uns.(DP3, S. 92-99) Der Tod macht – weil nicht zu verdrängen und doch verdrängt – das Innenleben „defizitär“. Der Tod ist unvorstellbar wie etwas, dessen Nicht-Existenz man sich vorstellen soll. Darüber dachte schon der Vorsokratiker Parmenides nach: Denkbar sei nur, dass „Ist ist“, undenkbar das „Nicht-Seiende“ (MP2, S. 14f) und damit wohl auch der Tod in dem Sinne, dass sich die eigene Existenz irgendwann im unendlichen Nichts verliert. Vermutlich daher der Glaube an Unterwelten, dass dem Traum (über Tote) gegenständliche Realität zukomme, später, mit dem Neuen Testament, der Glaube an das ewige Leben. Heute wissen wir, dass alles Quatsch ist, wir uns also mit wachsendem Alter auf das Nichts vorbereiten müssen.

So betrachtet, kann man vielleicht sagen, das Leben traumatisiere mit dem Tod auf natürliche Weise, sodass man aus dieser latenten Traumatisierung heraus vielleicht lernen kann, von Menschen verursachte traumatisierende Katastrophen zu verarbeiten, mit ihnen zu leben, nicht um ihnen tatenlos zuzuschauen, sondern damit so etwas wie Menschlichkeit nicht unter die Räder gerät, wenn wir uns gegen Anschläge wehren. Das setzt voraus zu lernen, über menschlich verursachte Katastrophen nicht-reaktiv zu reden, ohne sich also an Übeltätern abzureagieren, wie wir es tagtäglich immer schlimmer erleben, sodass Abreaktionen mittlerweile  „normal“ erscheinen, im Sinne einer „Normalisierung der Störung“ dem normalen Leben assimiliert sind.

Mittlerweile nehmen wir – (innere) Störungen normalisierend – die übelsten Nachrichten in den Medien völlig problemlos zur Kenntnis, z.B. dass die USA wieder einmal einen Terroristen mit Hilfe einer ferngesteuerten Drohne liquidiert haben. Und denken – Ausdruck der Störung – immer weniger daran, dass das mit dem Rechtsstaat unvereinbar ist. Kommen Unbeteiligte dabei zu Schaden, nehmen wir es hin. Schließlich verstünden, so Obama, diese Killer nur die Sprache der Gewalt.

So einfach ist es mittlerweile. Früher fanden Drohnenmorde eher im Geheimen statt, als würden Politiker und Systempresse sich ihrer schämen. Mit Recht: Obamas obiger Spruch ist mit einer umfassenden Analyse sozialer Strukturen unvereinbar, als bloße Nachricht transportiert auch unvereinbar mit seriöser Berichterstattung. Einspruch zwecklos. Nicht ansprechbar, nicht erreichbar. So etwas macht – jedenfalls mir – richtig Angst, nämlich dass Menschen, insbesondere Politik und Systempresse, nicht einmal mehr den Anschein von Ansprechbarkeit erwecken, ständig – siehe Heute-Journal und Tagesthemen – bemüht, ihre Un-Ansprechbarkeit in wohlgesetzten Formulierung zu verstecken, die leider nur so tun, als würden sie die Welt in einem problematischen Licht analysieren.

Herzliche Grüße

Franz Witsch

www.film-und-politik.de

 

Quelle:

 

DP1: Franz Witsch, Die Politisierung des Bürgers, 1. Teil: Zum Begriff der Teilhabe. Norderstedt 2015 (1. Auflage 2009)

DP3: Franz Witsch, Die Politisierung des Bürgers, 3. Teil: Vom Gefühl zur Moral. Norderstedt 2013 

DP4: Franz Witsch, Die Politisierung des Bürgers, 4. Teil: Theorie der Gefühle. Norderstedt 2015 (1. Auflage 2013)

MP2: Franz Witsch, Materialien zur Politisierung des Bürgers, Bd.2: Kommunikation unter Verdacht. Norderstedt 2015

 

Q01: Hannah Arendt in einem Brief an Gershom Scholem, New York, 20. Juli 1963, aus Perlentaucher. de

https://www.perlentaucher.de/vorgeblaettert/leseprobe-zu-hannah-arendt-gershom-scholem-der-briefwechsel-teil-3.html

 







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