„Klassenkampf“...


Bildmontage: HF

02.09.13
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von Karl Wild

...oder Kein Ende der Geschichte

“Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist die Geschichte von Klassenkämpfen. ... Unterdrücker und Unterdrückte standen in stetem Gegensatz zueinander, führten einen ununterbrochenen, bald versteckten, bald offenen Kampf, einen Kampf, der jedesmal mit einer revolutionären Umgestaltung der ganzen Gesellschaft endete oder mit dem gemeinsamen Untergang der kämpfenden Klassen.“
(Marx/Engels, Kommunistisches Manifest, MEW 4, S.462)

Nach der Ausrufung des „Endes der Geschichte“ beim Zusammenbruch der Sowjetunion ist nicht nur die Rede vom „Klassenkampf“ aus der Mode gekommen, sondern es verschwand auch der Glaube an die Machbarkeit einer fortschrittlichen Gesellschaft jenseits der bürgerlichen Ordnung. Und in der Tat kam die sozialistische, staatlich bestimmte Planwirtschaft an ihr klägliches Ende. Der Klassenkampf, zum Systemgegensatz von „Ost“ und „West“ mutiert, gehört scheinbar einer untergegangenen, fernen Zeit an. Generationen von Marxisten, Sozialisten und Kommunisten hatten aus der oben zitierten Einleitung zum „Kommunistischen Manifest“ ihre Grundüberzeugung gewonnen, dass der revolutionäre Kampf in der Gesellschaft im Einklang mit der Geschichte steht, sogar die Heilserwartung entwickelt, durch das eigene Tun die Geschichte der Menschheit zu einem guten Ende zu führen. Marx und Engels behaupteten im „Manifest“, dass die Formationsübergänge von Sklavenhaltergesellschaft zum Feudalismus, vom Feudalismus zur bürgerlichen Ordnung und schließlich der Sieg des Kommunismus quasi naturnotwendig dem Kampf der antagonistischen Klassen der Gesellschaft zuzuschreiben sei, ja dass jedwede „geschriebene“ Geschichte seine Begründung im Klassenkampf findet. Die historische Mission des Proletariats würde die Menschheitsgeschichte vollenden.

Einwände und Erwägungen gegen feste Wahrheiten

Hier wird nicht bestritten, dass der Kampf der ökonomisch bestimmten Klassen immer latent und offen vorhanden ist, um den „gesellschaftlichen Kuchen“ aufzuteilen. Im Gegenteil, riesige staatliche und ideologische Apparate haben ihre Aufgabe, den entgegengesetzten Klassen von „Selbständigen“ und „Lohnabhängigen“ ihren Anteil am Sozialprodukt zuzuweisen. Die „Politik“ in der entwickelten bürgerlichen Gesellschaft hat die primäre Aufgabe, den Zusammenhalt der Gesellschaft trotz ihrer antagonistischen Struktur fortwährend zu gewährleisten. Auch wird hier nicht bestritten, dass die großen Umwälzungen in der Geschichte, die französische und russische Revolutionen, Ausdruck eines vehementen Klassenkampfes zwischen „Oben“ und „Unten“ waren. Der Klassenkampf, dies die feste Überzeugung, ist ein wesentliches Element in der Geschichte der menschlichen Gesellschaft.

Allerdings soll hier die doppelte Frage gestellt werden, ob tatsächlich jede Geschichte sich auf das Wirken des Klassenkampfes zurückführen lässt und letztendlich wirklich in der Geschichte unterdrückte Klassen siegreich im Klassenkampf sein können?

Die Geschichte, dies ist auch eine marxistische Grundüberzeugung, ist zuerst die Geschichte der Herrschenden so wie die herrschenden Ideen die der herrschenden Klasse sind. Ihr Tun entscheidet über den Fortgang der Gesellschaft. So ist zu fragen, ob diverse Kriege, koloniale Eroberungen bis hin zum bösen Ende Auschwitz wirklich dem Klassenkampf zwischen „Unten“ und „Oben“ geschuldet oder nicht vielmehr Ausdruck der Gier und des Machtwillens der herrschenden Klassen sind. Wer die Macht hat, bestimmt erstmals souverän über den gesellschaftlichen Prozess. Wer beherrscht und ausgebeutet wird, erleidet primär „Geschichte“, als dass er sie selber gestaltet. Ferner: In der Geschichte siegte weder die unterdrückte Klasse der Sklaven noch die der feudal abhängigen Bauern und mit dem Bürgertum kam eine neue ausbeutende Klasse an die Macht. Der feste Glaube, dass mit dem Proletariat erstmals die produzierende Klasse siegreich sein könnte, erweist sich nach den Erfahrungen des 20.Jahrhunderts als obsolet. Zwar konnten im Namen des „Proletariats“ kommunistische Parteien die Macht (vorübergehend) erringen, eine neue, überlegene und fortschrittliche Gesellschaft aber nicht verwirklichen.

Ende des Klassenkampfes?

Das Eintreten für den Klassenkampf ist spätestens nach der Zeitenwende 1989/91 verpönt und gilt in vielen Ländern als verfassungswidrig. Doch mit dem globalen Sieg des Kapitalismus sind ja nun nicht die ökonomischen Hauptklassen verschwunden und der Kampf um das „tägliche Brot“ bleibt weiterhin unabdingbar. Der tägliche Klassenkampf um die Höhe des Profits und des Lohns gehört zur Klassengesellschaft wie das Licht zum Tag, mag es den Handelnden bewusst sein oder auch nicht. Was aus der Sicht des 21.Jahrhunderts nicht mehr erkennbar ist, ist das Eintreten und Wirken für einen Bruch, für einen Formationswechsel zu einer Gesellschaft jenseits der bürgerlichen Welt. Nur insofern ist die Geschichte vorläufig an ihr Ende gekommen.


VON: KARL WILD






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