Aspekte zum gesellschaftlichen Sein und Klassenbewusstsein


Bildmontage: HF

20.01.18
DebatteDebatte, Arbeiterbewegung, Sozialismusdebatte, TopNews 

 

Bereitgestellt von Reinhold Schramm

Klassen und Klassenkampf sind keine ewigen gesellschaftlichen Erscheinungen. Sie sind weder mit der Natur des Menschen noch der Gesellschaft zwangsläufig verbunden. Sie sind erst nach einer langen klassenlosen Entwicklungsperiode der Menschheit auf der Grundlage ganz bestimmter gesellschaftlicher Bedingungen geschichtlich entstanden. Sie werden auch wieder verschwinden, wenn mit der Beseitigung des Kapitalismus diese Bedingungen aufgehoben werden. Weil die Aufdeckung und wissenschaftliche Erklärung der Ursachen der Klassenspaltung und der Bedingungen für die Entstehung feindlicher Klassen auch zu der Einsicht führt, dass die Klassengesellschaft und die Klassen durch die klassenlose Gesellschaft abgelöst werden wird.

Das Problem der Entstehung der Klassen ist ein Gegenstand heftiger ideologischer Auseinandersetzungen in der bürgerlichen Gesellschaft. Theoretiker und Ideologen der Bourgeoisie versuchen, Klassenunterschiede zwischen den Menschen als einen natürlichen und unvermeidlichen Zustand hinzustellen und damit das Ziel des revolutionären Kampfes der Arbeiterklasse – die klassenlose Gesellschaft – als unerreichbare Utopie zu diskreditieren.

Die von Karl Marx und Friedrich Engels begründete Auffassung, dass die Klassenspaltung der Gesellschaft sich im Verlaufe des Zerfalls und der Auflösung der klassenlosen Gentilgemeinschaft auf der Grundlage des Fortschritts der Produktivkräfte vollzogen hat. Ist heute durch ein umfangreiches archäologisches und ethnologisches Tatsachenmaterial bewiesen. Es erstreckt sich über die ganze Menschheitsentwicklung auf allen Kontinenten der Erde und zeigt in der Vielfalt der Formen die einheitliche Gesetzmäßigkeit des Geschichtsprozesses, der zur Entstehung der Klassen und der Klassengesellschaft führte. [1]

Friedrich Engels weist in der „Lage der arbeitenden Klasse in England“ auf die Keimformen der Bewusstheit unter den Arbeitern hin, an die das wissenschaftlich-emanzipatorische Bewusstsein anknüpft. Zu den Keimformen proletarischer Bewusstheit zählt die von Engels hervorgehobene Irreligiosität: „Der Sozialismus ist zu gleicher Zeit der entschiedene Ausdruck der unter den Arbeitern herrschenden Irreligiosität, und darin so entschieden, dass die bewusstlos, bloß praktisch irreligiösen Arbeiter oft vor der Schärfe dieses Ausdrucks zurückschrecken. Aber auch hier wird die Not die Arbeiter zwingen, einen Glauben aufzugeben, von dem sie mehr und mehr einsehen, dass er nur dazu dient, sie schwach und ergeben in ihr Schicksal, gehorsam und treu gegen die sie aussaugende besitzende Klasse zu machen.“ [2]

Das „gesellschaftliche Sein“ ist ein Grundbegriff der materialistischen Geschichtsauffassung. Er widerspiegelt die Gesamtheit der materiellen gesellschaftlichen Existenzbedingungen und Verhältnisse, die sich im vorangegangenen Entwicklungsprozess der Gesellschaft herausgebildet haben, die die Menschen jeder Gesellschaft bereits vorfinden und ihren gesellschaftlichen Lebensprozess bestimmen.

Entsprechend der materialistischen Beantwortung der Grundfrage der Philosophie ist das gesellschaftliche Sein primär gegenüber dem gesellschaftlichen Bewusstsein. Das gesellschaftliche Sein existiert stets in einer historisch bestimmten Form im Rahmen einer ökonomischen Gesellschaftsformation und umfasst die gesellschaftlich angeeigneten natürlichen Existenzbedingungen, die Produktionsweise als Einheit von Produktivkräften, wie auch deren Bewegungsprozess, die materielle gesellschaftliche Praxis der Menschen. Der spezifische Charakter, die historische Qualität des gesellschaftlichen Seins wird in jeder Gesellschaft vor allem durch die Eigentumsverhältnisse geprägt.

Mit der Entdeckung von Karl Marx, dass die Produktionsweise des materiellen Lebens den sozialen, politischen und geistigen Lebensprozess bedingt, dass das Bewusstsein der Menschen durch das gesellschaftliche Sein bestimmt wird, wurde die Wissenschaft von der Gesellschaft und ihrer Geschichte möglich (materialistische Geschichtsauffassung). Im Gegensatz zu dieser wissenschaftlichen materialistischen Auffassung gehen die bürgerlichen Vertreter der idealistischen Geschichtsauffassung in ihren verschiedenen Varianten davon aus, dass die Geschichte der Gesellschaft letztlich aus dem Bewusstsein oder dem Willen des Menschen, aus den Bestrebungen großer Persönlichkeiten oder aus dem Wirken geistiger Mächte (Ideen, göttliche Vorsehung) erklärt werden müsse. [3] 

Das “Klassenbewusstsein“ widerspiegelt die materiellen Existenzbedingungen einer Klasse, ihr Verhältnis zu den anderen Klassen und Schichten der Gesellschaft. Das Klassenbewusstsein wird aus den materiellen gesellschaftlichen Verhältnissen heraus geschaffen und gestaltet.

Das Klassenbewusstsein ist mehr oder weniger stark von Illusionen über die eigene Lage und Rolle durchdrungen. So fühlte sich die Klasse der aufstrebenden Bourgeoisie dazu berufen, ein «ewiges Reich der Vernunft» zu errichten, in dem Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit herrschen sollten. –

«Wir wissen jetzt, dass dieses Reich der Vernunft weiter nichts war als das idealisierte Reich der Bourgeoisie; dass die ewige Gerechtigkeit ihre Verwirklichung fand in der Bourgeoisjustiz; dass die Gleichheit hinauslief auf die bürgerliche Gleichheit vor dem Gesetz; dass als eines der wesentlichen Menschenrechte proklamiert wurde – das bürgerliche Eigentum; und dass der Vernunftstaat, der Rousseausche Gesellschaftsvertrag ins Leben trat und nur in Leben treten konnte als bürgerliche, demokratische Republik » (Marx/Engels).

Die Illusionen, die aufstrebende Klassen von sich selbst hatten, hinderten sie nicht daran, ihre historischen Aufgaben zu erfüllen. Sie haben in der Geschichte eine progressive Rolle gespielt, weil sie das Handeln der betreffenden Klasse beflügelten und breite Schichten der Bevölkerung zum Kampf gegen die überlebte Gesellschaftsformation begeisterten. Ohne aktive Teilnahme der Bevölkerung am historischen Geschehen war und ist keine tiefgreifende gesellschaftliche Umwälzung möglich. Das Entstehen von Illusionen im Klassenbewusstsein hat seine Ursache vor allem darin, dass die aufstrebende Klasse von vornherein, «schon weil sie einer Klasse gegenübersteht, nicht als Klasse, sondern als Vertreterin der ganzen Gesellschaft auf(-tritt) ... Sie kann dies, weil im Anfang ihr Interesse wirklich noch mehr mit dem gemeinschaftlichen Interesse aller übrigen nichtherrschenden Klassen zusammenhängt, sich unter dem Druck der bisherigen Verhältnisse noch nicht als besonderes Interesse einer besonderen Klasse entwickeln konnte » (Marx/Engels).

Einen anderen Charakter und eine andere Rolle spielen die Illusionen im Klassenbewusstsein absterbender, überlebter Klassen. Der irrationale, pessimistische bzw. zweckoptimistische Charakter des Klassenbewusstsein überlebter Klassen ist der adäquate Ausdruck ihrer gesellschaftlichen Lage, ist die Widerspiegelung der Tatsache, dass diese Klasse zum Untergang verurteilt ist. Die im Bewusstsein untergehender Klassen entstehenden und existierenden Illusionen, dass der Untergang ihrer Klasse(n) identisch sei mit dem Untergang der ganzen Gesellschaft, dass die überlebte Klasse mittels Terror nach innen und Aggression und Krieg nach außen ihren Untergang aufhalten könne, hemmen den gesellschaftlichen Fortschritt und werden bewusst zur Täuschung der Bevölkerung verbreitet. So ist der Antikommunismus ein entscheidendes ideologisches Mittel beim Versuch, den Zusammenschluss der Bevölkerung gegen imperialistische Kriege und für die Beseitigung des Kapitalismus zu erschweren und zu untergraben.

Um die Triebkräfte der gesellschaftlichen Entwicklung erkennen und die gesellschaftlichen Entwicklungsgesetze aufdecken zu können, musste die gesellschaftliche Entwicklung eine solche Höhe erlangen, dass sich Bourgeoisie und Proletariat als zwei große Klassen im offenen Kampf gegenüberstehen, deren Ursprung aus ökonomischen Ursachen klar zutage tritt. Es musste die Geschichte eine Klasse, das Proletariat, hervorbringen, deren Lage die Aufdeckung der gesellschaftlichen Entwicklungsgesetze nicht nur ermöglicht, sondern erfordert, wenn sie ihre historische Rolle erfüllen will.

Der Grundwiderspruch des Kapitalismus bildet die sozialökonomische Grundlage für das Entstehen des proletarischen Klassenbewusstseins. Als der Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit noch wenig entwickelt war, besass das Proletariat «nur das dumpfe Gefühl seines tiefen Interessengegensatzes gegen die Bourgeoisie » (Marx/Engels). Der mit der Verschärfung des Widerspruchs zwischen Kapital und Arbeit einsetzende Kampf der Arbeiter gegen die Kapitalisten führte zur Herausbildung der ersten Formen des proletarischen Klassenbewusstseins. Die Arbeiter wurden sich der Notwendigkeit bewusst, «sich in Verbänden zusammenzuschließen, einen Kampf gegen die Unternehmer zu führen, der Regierung diese oder jene für die Arbeiter notwendigen Gesetze abzutrotzen u.a.m.» (Lenin 5, 386). Dieses Bewusstsein ist aber nur die Keimform des proletarischen Klassenbewusstseins. –

Das proletarische Klassenbewusstsein selbst entsteht nicht spontan im Proletariat und kann nicht spontan entstehen, weil der praktisch-ökonomische, nur gewerkschaftliche Kampf im Kapitalismus das Proletariat sich dessen nicht bewusst werden lässt, dass sich seine Interessen in einem unversöhnlichen Gegensatz zum gesamten System des Kapitalismus befinden und dieser Gegensatz nur aufgehoben werden kann, wenn es die kapitalistische Ordnung zerstört und die emanzipatorisch-humanistische, die sozialistische errichtet.

Die Erkenntnis der objektiven Lage und historischen Mission des Proletariats erfordert wissenschaftliche Einsicht in die gesellschaftlichen Zusammenhänge, zu der das Proletariat als ausgebeutete und unterdrückte Klasse nicht von selbst kommen kann. Der Marxismus, die wissenschaftlich-theoretische Grundlage des proletarischen Klassenbewusstseins, konnte daher nicht vom Proletariat selbst geschaffen werden, sondern wurde von hervorragenden Angehörigen der bürgerlichen Intelligenz ausgearbeitet. Karl Marx und Friedrich Engels, die auf den Klassenstandpunkt des Proletariats übergegangen waren, lösten diese historische Aufgabe.

Entstand der Marxismus als theoretischer Ausdruck der Klasseninteressen des Proletariats und als theoretisch-wissenschaftliche Grundlage des proletarischen Klassenbewusstseins außerhalb der Arbeiterklasse, so erlangte er historische Wirksamkeit nur, indem er mit der Arbeiterbewegung verschmolz. Er musste in die Arbeiterklasse hineingetragen werden. Diese Aufgabe lösen marxistisch-leninistische Parteien nur, in einem ausdauernden und angestrengten Kampf; denn die Arbeiterklasse wird von der sich ihr aufdrängenden bürgerlichen Ideologie stark beeinflusst, weil diese «ihrer Herkunft nach viel älter ist als die sozialistische, weil sie vielseitiger entwickelt ist, weil sie über unvergleichlich mehr Mittel der Verbreitung verfügt » (Lenin 5,386, 397). –

Zum sozialistischen Bewusstsein, der höchsten Form des proletarischen Klassenbewusstseins, gelangt daher im Kapitalismus auch nur ein relativ kleiner Teil der Arbeiterklasse und der anderen Werktätigen, nämlich ihre fortgeschrittensten Vertreter. Erst im Prozess der sozialistischen Revolution entstehen die Bedingungen dafür, dass die Mehrheit der Bevölkerung zum sozialistischen Bewusstsein gelangen kann.

Die Errichtung der Diktatur des Proletariats und die Schaffung sozialistischer Produktionsverhältnisse sind die notwendigen Voraussetzungen dafür, dass sich in einem längeren Zeitraum das sozialistische Bewusstsein bei allen Werktätigen und nicht nur bei der Arbeiterklasse entwickeln kann.

Indem der Bourgeoisie durch die Diktatur des Proletariats die Möglichkeit genommen wird, ihre reaktionäre Ideologie zu verbreiten, die Bevölkerung in einem immer stärkeren Maße in die Leitung von Wirtschaft und Gesellschaft einbezogen werden, durch die Aufhebung des Privateigentums an den gesellschaftlichen Produktionsmitteln dem bürgerlichen Individualismus der Boden entzogen wird und auf der Grundlage des sozialistischen Eigentums an den gesellschaftlichen Produktionsmitteln die Verhältnisse der Menschen untereinander und ihre Beziehungen Zur Natur den mystisch-religiösen Schleier verlieren, wird der bürgerlichen Ideologie der Boden entzogen. Die neuen gesellschaftlichen Verhältnisse machen die emanzipatorische Entwicklung des sozialistischen Bewusstseins bei der Bevölkerung nicht nur möglich, sondern sie erfordern es auch.

Die künftige sozialistische Gesellschaft ist die erste, in der die Menschen ihre Geschichte «mit Gesamtwillen nach einem Gesamtplan » machen (Friedrich Engels). In der die gesellschaftliche Entwicklung sich nur durch die bewusste Tätigkeit der Menschen durchsetzen kann. –

Auch die künftige Entwicklung des emanzipatorisch-sozialistischen Bewusstseins vollzieht sich bei den einzelnen Teilen der Bevölkerung nicht gleichmäßig und konfliktfrei, sondern nur durch die aktive und allgemeine Teilnahme am sozialistischen Aufbau und durch die bewusste Auseinandersetzung mit den alten, überholten Vorstellungen und Anschauungen der kapitalistischen Vergangenheit.

Gesellschaftliche Emanzipation und Sozialismus ist das Ergebnis der bewussten, planmäßigen Tätigkeit der ganzen Bevölkerung. Jede Entwicklungsetappe hängt weitgehend vom Reifegrad des sozialistischen Bewusstseins der Arbeiterklasse und der anderen Klassen und Schichten der Bevölkerung ab. [4]

Eine modifizierte Zusammenfassung, vgl.

 

Quellen:

[1] Vgl. A. M. Chasanow: Die Auflösung der Gentilgemeinschaftsordnung und die Entstehung der Klassengesellschaft. In: Die Urgesellschaft. Grundprobleme ihrer Entwicklung, Moskau 1975, russ. - Beiträge zur Entstehung des Staates. // Vgl. Grundlagen des historischen Materialismus, Dietz Verlag Berlin 1976. In: Der Klassenkampf und die historische Mission der Arbeiterklasse. Kapitell VIII.: Klassen und Klassenkampf im Geschichtsprozess. 1. Wesen und Entstehung von Klassen in der Gesellschaft. Die Ursachen der Klassenspaltung.

 

[2] Vgl. Friedrich Engels, Lage der arbeitenden Klasse in England, in: Karl Marx/ Friedrich Engels, Werke, Bd. 2, Berlin 1958, S. 453. // Vgl. Otto Finger: Philosophie der Revolution, Deutscher Verlag der Wissenschaften, Berlin 1975. Studie zur Herausbildung der marxistisch-leninistischen Theorie der Revolution als materialistisch-dialektischer Entwicklungstheorie und zur Kritik gegenrevolutionärer Ideologien der Gegenwart. In: 6. Kapitel: Proletarischer Klassenkampf, politische Machteroberung und revolutionäre Partei der Arbeiterklasse. 6.5 Marx und Engels über Keimformen der Bewusstheit.

 

[3] Vgl. Kleines Wörterbuch der marxistisch-leninistischen Philosophie, Dietz Verlag Berlin 1974. Die Verfasser des „Kleinen Wörterbuchs der marxistisch-leninistischen Philosophie“ waren bestrebt, alle wichtigen philosophischen Begriffe und Bezeichnungen aufzunehmen, deren Kenntnis das Studium der Werke von Marx, Engels und Lenin, die Lektüre der marxistisch-leninistischen philosophischen Literatur und auch das Verständnis des ideologischen Klassenkampfes erleichtern können.  

 

[4] Philosophisches Wörterbuch, VEB Bibliographisches Institut, Leipzig 1975. Band 1, 11. Auflage. Herausgegeben von Georg Klaus und Manfred Buhr. / Vgl. S. 622-624.

 

20.01.2018, Reinhold Schramm  (Zusammenfassung)







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