Der Oktober 1917 – im Zeichen der Perestroika


Bildmontage: HF

19.10.17
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Von René Lindenau

Nach Lenin werde der Sozialismus das Ergebnis vieler Versuche sein. Bisher sind jedoch die sozialistischen Versuche und deren Versuchsanordnungen in der Sowjetunion, sowie den übrigen Staaten des sogenannten sozialistischen Weltsystems gescheitert.

Nun, im 100. Jahr der Wiederkehr der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution provoziert das die Rückschau auf dieses Ereignis, aber auch ein Nachdenken über eine sozialistische Perspektive.

Haben sozialistische Ideale im 21. Jahrhundert überhaupt noch eine Zukunft, wenn zum Beispiel ihre Kernelemente wie Solidarität und Gerechtigkeit auf dem Altar der Macht zum Brennelement werden? Ob in der KPdSU gestern oder in der Partei DIE LINKE heute. So schrieb Lenin schon 1916 in einem Brief an seine Freundin Inessea Armand : „Ein Waffengang nach dem anderen - gegen politische Dummheiten und Banalitäten, gegen den Opportunismus usw....“.(in Briefe, Band IV).

Was passieren kann, wenn die „Lokomotiven der Geschichte“ sich nicht an die Fahrpläne der (politischen) Fahrdienstleiter halten, wenn die Widersprüche nicht mehr Triebkräfte der Entwicklung, sondern des Untergangs sind, wenn Denkverbote und Zensur jeden vorwärts bringenden gesellschaftlichen Diskurs verhindern, das hat man 1989/90 und 1991 gesehen.

Nun gilt es zu ergründen warum, jene „10 Tage die die Welt erschütterten“ nicht von Dauer waren und nicht mehr gesellschaftliche Realität (Sozialismus) sind .Unter anderem geht es im weitesten Sinne, die Antwort darauf zu finden, weshalb das Mitglied der Leninschen Garde, Nikolai Bucharin, zu Tränen gerührt war, als er mit der noch immer herrschenden Armut auf einem Dorf in Berührung kam, sich dort nichts verbessert hat, als ob es ca. 20 Jahre Revolution nicht gegeben hätte - und da Lenins Worte offenbar nicht zu Brot wurden (siehe „Er rührte an den Schlaf der Welt“).

Sozialismus heute neu denken – was heißt das? Jetzt, da die linken Parteien und Bewegungen nach dem Systemcrash auch der oktoberrevolutionären Sowjetunion (1991) noch immer in der Defensive sind. Man müht sich in der Ebene, aber man erreicht nicht den Gipfel um seine Fahne aufzupflanzen. Vielmehr findet sich dort derzeit eine mit ungesunder Rechtslastigkeit, die zunehmend Brauntöne annimmt.

Nicht zuletzt deshalb, ist eine gesellschaftliche Alternative zum finanzgetriebenen, Kriege machenden, Armut erzeugenden, Flüchtlingsbewegungen verursachenden, Umweltressourcen fressenden Kapitalismus nötiger denn je. Ob sie dann schon das Prädikat Sozialismus trägt, wäre mir zunächst egal. Nur anders und besser müsste dieses (sozialistische) Nachfolgemodell sein: Sozial+Demokratisch+ Ökologisch+Friedlich.

Wenden wir uns nunmehr dem historischen Datum, der Oktoberrevolution, dessen Umgang und Einordnung in der Zeit der Perestroika zu. Im „Manifest der Perestroika“ wie Gorbatschow´s Buch über die „Umgestaltung und neues Denken für unser Land und für die ganze Welt“ (Dietz Verlag, 1987) genannt wurde, schrieb er, das von der Revolution ein zu starker lebensspendender Impuls ausgegangen sei, als dass Partei und Volk die Erscheinungen hätten hinnehmen können, die eine Veruntreuung ihrer Errungenschaften darstellten und sie bedrohten. Dennoch wurde jene Veruntreuung zugelassen, aber noch hatte man ja Zeit. Ich frage mich nur, war es nicht längst zu spät und die Karre unrettbar tief im Sumpf versunken. Mehrere frühere Chancen, um zu einem Sozialismus mit menschlichen Antlitz zu gelangen, in dem man gut und gerne leben will, statt aus ihm fliehen zu wollen, wurde von Panzern überrollt und per Dekret weg bestimmt.

Später kommt der Generalsekretär in dem Buch zu der Einschätzung, „Wir haben keinen Grund verschämt oder im Flüsterton von der Oktoberrevolution, vom Sozialismus zu sprechen. (…) Auch unsere größten Leistungen trüben uns nicht den Blick für Widersprüche in der Entwicklung der Gesellschaft für Fehler und Versäumnisse...“. Verbrechen aus dieser Zeit waren die Stalinschen Säuberungen. Die damals unschuldig verurteilten Menschen zu rehabilitieren oblag einer Kommission, die am Vorabend des 70. Jahrestages der Oktoberrevolution eingesetzt wurde, eine Arbeit die zuvor von Breschnew unterbunden worden war.

Ende April 1987 begann dann die Arbeit zum Referat für die Festveranstaltung, am 2. November. Sein Titel: Oktober und Umgestaltung : Die Revolution geht weiter .Mitte Oktober lag ein Rohmanuskript von 120 Seiten vor. Sicherlich ein Ausdruck von viel Diskussionsbedarf, mit ausführlicheren Bemerkungen trat Boris Jelzin hervor, wie es Gorbatschow in seinen „Erinnerungen“ (Jobst Siedler, 1995) notierte und abschließend mit „So war Jelzin damals“ (S. 357) kommentierte. Denn in dessen Bemerkungen wären sein Konservatismus nicht zu übersehen gewesen. Noch am 21. Oktober verkündete Jelzin auf einer ZK-Tagung: Wenn wir unsere Geschichte nach der Oktoberrevolution betrachteten, hätten wir es im wesentlichen mit Dramen und Tragödien zu tun. Unsere Gesellschaft sei deshalb heute in einem desolaten Zustand, so zitierte der damalige KPdSU-Generalsekretär den späteren russischen Präsidenten in seinen Erinnerungen“, weil es in der Vergangenheit an Demokratie gemangelt habe.

Dabei wurde viel von diesen „Dramen und Tragödien“ in das Referat in einer bis dahin nicht gekannten Offenheit eingearbeitet. Aber die Geschichte des Oktober 1917 und die der Sowjetunion, waren nicht nur Stalin, seine Säuberungen, das GULAG-System, Repressionen, Mangel an Brot und sonstigen Versorgungsgütern. So hielt es Gorbatschow selbst, nach den Oktoberfeierlichkeiten für erforderlich, auf einer ZK-Tagung (1988) vor vereinfachenden, primitiven Bewertungen sowohl unserer Vergangenheit als auch der in 70 Jahren entstandenen Gesellschaft zu warnen. Man dürfe unsere Landesgeschichte nicht nur als Kette blutiger Verbrechen sehen (siehe Michail Gorbatschow „Alles zu seiner Zeit Mein Leben“, Hoffmann und Campe, 2013). In „Mein Leben“ bewertet er das Referat so: Es trug den Stempel der damaligen Zeit. Wir selbst hatten noch vieles zu überdenken und psychologischen Barrieren zu überwinden. Trotz Ausgewogenheit, die Extremisten beider Seiten zeigten sich enttäuscht.

Die Festrede endete schließlich: Im Oktober 1917 brachen wir aus der alten Welt aus, lehnten wir sie endgültig ab.Wir gehen einen neuen Weg entgegen, der Welt des Kommunismus. Von diesem Weg werden wir nie abweichen!

Sind sie aber – nach 74 Jahren.

 

Cottbus den 19. 10. 2017 René Lindenau







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