Der politische Kreis: Über Hannah Arendt und Judith Shklar

17.01.21
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Von Daniela Lobmueh und Hannes Sies

Hannah Arendt ist berühmt, ihre Totalitarismus-Theorie in unseren Medien omnipräsent - meist vulgarisiert zur „Politischen Kreistheorie“. Weniger bekannt ist ihre philosophische Gegenspielerin Judith Nisse Shklar (1924-92), die der etwas älteren Hannah Arendt Romantizismus, Kalte-Kriegs-Rhetorik, aber auch ahistorisches Festhalten an marxistischer Klassenanalyse vorwarf.

Die in manchen Schulbüchern als Gipfel politischer Kritikfähigkeit verkaufte „Politischen Kreistheorie“, zuweilen abgemildert zur „Hufeisen-Theorie“, wonach sich „die Extreme“ (definiert als Faschismus und Kommunismus) nahe, wenn nicht identisch sind, beruft sich gern auf Hannah Arendt. Als vor den Nazis geflohene jüdische Philosophin persönlich mit dem Faschismus konfrontiert, gilt sie als akademische Ahnherrin dieser Argumentationsfigur. Dies ist freilich ein Mythos, den das von Hannes Bajohr herausgebrachte Buch mit Texten von Judith Shklar, „Über Hannah Arendt“, aufklärt: Beim „politischen Kreis“ handelt es sich um eine Konstruktion, die man als Produkt ideologischer Kämpfe des Kalten Krieges bezeichnen könnte. Die Mainstream-Buchkritiken übersahen diese -für die eigene Ideologie peinlichen- Aspekte natürlich und versimpelten die Kritik zu einem akademischen Bitchfight:

Wenn ein großer Denker ein Werk einer anderen Ikone seines Faches „blamabel“ oder „amateurhaft“ nennt, sorgt das immer für heiteres Aufhorchen in der Community; und wenn man sich jetzt, unter den Bedingungen überlieferter Geschlechterklischees, den Vorgang auch noch bei zweien der einflussreichsten Denkerinnen des 20. Jahrhunderts vorstellt, dann hat man einen philosophischen Gassenhauer.“ Catherine Newmark (Judith N. Shklar: „Über Hannah Arendt“ Kritik unter Geistesgrößen, DLF)

Die Analysen von Shklar stoßen die „Säulenheilige Hannah Arendt“ von ihrem Podest, ohne dass man ihr frauenfeindliche oder antisemitische Motive unterstellen könnte: Shklar musste sich ebenfalls in der Männerdomäne Philosophie nach oben kämpfen, auch sie musste wegen ihrer jüdischen Herkunft vor den Nazis fliehen. Ihre Kritik an Hannah Arendt: „Die Diagnose des Totalitarismus verengt sich in einer solchen Perspektive auf metaphysisch aufgeplusterte, philosophisch hohle und zu Konservatismus neigende romantische Kulturkritik.“ Wer seine kulturellen Wurzeln nicht analysiert, sondern romantisiert, braucht sich nicht zu wundern, wenn er letztlich in Weltschmerz und existenzialistischer Depression endet.

Erzliberale Judith Shklar

Die erzliberale Philosophin Judith Shklar, die in Havard Politologie lehrte, analysierte die Werke der älteren und etablierteren Hannah Arendt oft mit feiner Ironie, zuweilen auch mit spitzer Zunge. Ihr Hauptvorwurf: Hannah Arendt sei Romantikerin, „...für Shklar war Arendt eine Epigonin des deutschen Existenzialismus und damit der romantischen Tradition“ (Bajohr S.127). „Über Hannah Arendt“ versammelt sechs Shklar-Texte über Arendt: Rezensionen, Aufsätze und das Romantizismus-Kapitel ihres Frühwerkes „After Utopia“ (1957). Herausgeber Hannes Bajohr resümiert und diskutiert im ausführlichen Schlusskapitel das Verhältnis Arendt-Shklar vor dem Hintergrund des Kalten Krieges.

Judith Nisse Shklar wurde 1928 in der lettischen Hauptstadt Riga als Judita Nisse geboren und starb 1992 in Cambridge (Massachusetts) als Harvard-Professorin. Ihre jüdische Familie floh 1939 über Schweden, die Sowjetunion, Japan und die USA,wo sie als illegale Einwanderer inhaftiert wurden, nach Kanada. Sie studierte in Montreal, ehe sie in die USA zurückkehrte, um an der Havard Universität zu promovieren. Ihr Doktorvater war kein geringerer als Carl Joachim Friedrich, ein Chef-Ideologe des US-Antikommunismus, der mit seinem bis in unsere Zeit berüchtigten Adepten Zbigniew Brzezinski in den 50er- und 60er-Jahren in einer populären Totalitarismus-Theorie Faschismus und Kommunismus gleichzusetzen suchte.

Shklar avancierte zu einer der bedeutendsten Theoretikerinnen des Liberalismus und setzte sich in ihrem akademischen Leben immer wieder kritisch mit dem Werk der 20 Jahre älteren und bekannteren Hannah Arendt auseinander. Shklars ideologisch ambitionierter Lehrer mit seiner grobschlächtigen Totalitarismus-Theorie geriet dagegen in Vergessenheit, er hatte sich auf Ein-Parteien-Diktatur und Planwirtschaft fixiert: „Friedrichs Beitrag verschwand daher spätestens in den 80er-Jahren im Zuge des Historikerstreits von den Lehrplänen, während Arendts Totalitarismus-Buch, gerade nicht historisch-analytisch, sondern philosophisch rezipiert, den Status eines wieder und wieder gelesenen Klassikers besitzt.“ (Bajohr S.126)

Romantik: Judith Shklar über Hannah Arendt

Analysiert hatte Shklar die Genealogie der Romantik schon in ihrer 1955 vorgelegten Dissertation, die 1957 überarbeitet als „After Utopia“ erschien. Darin kritisiert sie jedoch nicht die „Unmöglichkeit von utopischem, sondern von politischem Denken überhaupt“ (Bajohr S.128). Politische Philosophie im Allgemeinen, die von Hannah Ahrendt im Besonderen, habe Krieg und Totalitarismus nicht erklären können. Sie habe sich in Klischees fern politischer Wirklichkeit verrannt und sei so letztlich in apokalyptischer Kulturkritik gestrandet. Was setzt Shklar dem entgegen? Das demokratische Selbstbestimmungsideal, ungebrochenen Fortschrittsoptimismus und ihr entschieden aufklärerisches Vernunftpostulat.

Tatsächlich finden wir düstere Bilder der Moderne nicht nur bei Hannah Arendt, sondern auch bei ihrem Lehrer und Liebhaber Heidegger, der sich tief in den Nazi-Faschismus verstrickte, aber genauso bei dessen freudomarxistischem Gegenspieler Adorno bzw. der ganzen Frankfurter Schule. Für Shklar geht es bei diesem Pessimismus um das „Gefühl der Entfremdungen in der Moderne als Unvereinbarkeit von Subjekt und Gesellschaft, das schon Hegel in seiner Phänomenologie beschrieb“. Dies Entfremdungsgefühl wurzele im christlichen Fatalismus und romantischem Denken, das Shklar noch im Existenzialismus von Sartre und de Beauvoire sah, auch bei Jaspers und Heidegger: Shklar hört überall die romantische Klage um die „entfremdete Seele“ in der Moderne, von der das monströse Bild einer technisierten Massengesellschaft gepflegt wird.

„Die äußere Welt vernichte das einzigartige Individuum. Die Gesellschaft bringe uns um unser Selbst. Das gesamte Universum sei heute totalitär, nicht nur einige politische Bewegungen in bestimmten Staaten. Die Technik und die Massen bestimmten überall die Lebensbedingungen und beide machten das Wesen des Totalitarismus aus, seien der Gipfel all der gesellschaftlichen Kräfte, die stets die individuelle Persönlichkeit bedroht haben.“ Shklar, After Utopia, zit.n.Bajohr S.131

Romantik: Snobismus gegenüber „den Massen“

Shklar lehnt das spekulative Gerede von einer generellen Krise der Neuzeit ab, es basiere auf romantischer Technikfeindlichkeit und auf arrogantem Snobismus gegenüber „den Massen“, ein Snobismus, der sich metaphysisch am eigenen Geniekult berauscht. Wenn Arendt, Adorno und Heidegger in ihrer elitären klassischen Bildung schwelgen, sich für die alten Griechen und Römer begeistern, dann stellen sie sich emphatisch in die große Tradition einer als überlegen verstandenen Kultur des Westens. Dass diese großartige Tradition zu Weltkriegen, Faschismus und Völkermord führte beleidigt diese Denkerinnen und trübt ihr Urteilsvermögen, findet Shklar. Wer seine kulturellen Wurzeln romantisiert, statt sie zu analysieren, kann letztlich nur in apokalyptischer Depression enden.

„Die Diagnose des Totalitarismus verengt sich in einer solchen Perspektive auf metaphysisch aufgeplusterte, philosophisch hohle und zu Konservatismus neigende romantische Kulturkritik, die Shklar zufolge rein gar nichts erklärt. Die attestierte Krise der Neuzeit lehnte Shklar als rein spekulativ und unzureichend begründet ab.“ (Bajohr ebd.)

Schon die Romantik des 19.Jahrhunderts sonnte sich im Glanz der Antike, sie nannte die verhassten bürgerlichen Spießer noch „Philister“. Von der existenzialistischen Zivilisationskritik wurden die Massen als „die neuen Philister“ entdeckt: „Daher spricht Hannah Arendt von der totalitären Gesellschaft als 'Massen koordinierter Spießer'“ (Shklar, z.n.Bajohr S.136). Arendt sei vor allem daran interessiert, die Gegenwart durch den Kontrast zur Antike bloßzustellen: „Je heller der Ruhm der Antike, desto dunkler die Verfehlungen der Moderne.“ (Shklar S.31)

Hannah Arendts Amerika-Begeisterung

Bei Vergil fand Hannah Arendt den vollendeten politischen Mythos vom Schaffen neuer Regierungsformen, analysiert Judit N. Shklar. Arendt habe den 'Geist der Revolution' zu einem „verlorenen Schatz“ romantisiert, dem Streben nach Freiheit und 'öffentlichem Glück'. Aber: „Genau genommen nur ein einziges Mal in den langen zweihundert Jahren des Bemühens sei dem revolutionären Geist ein Gründungsakt gelungen -das war in Amerika.“ (Shklar S.67f.) Das Geheimnis der USA-Gründerväter war angeblich, dass sie im Gegensatz zur Grande Revolution in Paris 1789 die „soziale Frage“ ignorieren konnten. Das Mitleid der Revolutionäre mit den Armen habe zu Zorn, Gewalt und Terreur geführt. Obwohl auch Shklar, genau wie Hannah Arendt, in den USA Karriere machte, geht der Jüngeren dieses Loblied doch etwas zu weit:

„Eine solche Nacherzählung der Geschichte von der Gründung Amerikas ist natürlich etwas exzentrisch. Ihre Verfehlungen werden schweigend übergangen, ebenso die Tatsache, dass ein langer und blutiger Bürgerkrieg gefochten werden musste, um ihre Mängel zu beheben...“ (Shklar S.70)

Revolutionäre Geschichtstheorien ebnen laut Arendt dem Totalitarismus den Weg, weil in ihnen der Glaube an einen unausweichlichen Fortschritt dem Geist der Freiheit feindlich gegenübersteht (S.74), analysiert Shklar. Sie scheut sich nicht, dem Hauptwerk von Arendt, der „Vita activa“ ungenügend ausgewiesene Anleihen bei Hegel und sogar Nähe zu Marx vorzuhalten:

„Die „Vita activa“ wird wohl Arendts am meisten bewundertes Buch bleiben. Es orientiert sich stark an Hegels „Phänomenologie“ und schuldet in seinen wesentlichen Argumenten viel seinen (Hegels) Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie. Diese Schuld wird stillschweigend übergangen und Hegel nur als Vorläufer der Marxschen Geschichtsphilosophie dargestellt, eine Unternehmung, die von der politischen Philosophie nach Arendts Dafürhalten aufgegeben werden sollte, auch wenn die Vita activa selbst zu diesem Genre zählt.“ (Shklar S.97f.)

Marx, Heidegger und die Kalte Kriegerin Hannah Arendt

Die Erzliberale Judith Shklar deutet nicht nur Hegel-Plagiate in Arendts hochgelobtem Opus Magnum, der Vita activa an. Shklar rückt auch Arendts –wenn auch mit Einwilligung der Doktorandin- sexuell übergriffigen Doktorvater Heidegger in die Nähe von Marx. Einen Nachweis des angeblichen Respekts, den der mit den Nazis sympathisierende Heidegger angeblich besonders für Marx gezeigt haben soll, bleibt Shklar freilich schuldig.

„Spuren von Marx‘scher Klassenanalyse blieben festes Inventar ihrer Schriften, was wenig erstaunt, war doch ein Hass auf Philistertum und Bourgeoisie Teil ihrer Bildung gewesen. In der Tat war Marx einer der wenigen Philosophen gewesen, von denen Heidegger mit einigem Respekt sprach. Jedenfalls kann ein Revolutionär kein Parvenü sein und in der Tat erhielt sich Arendt einen dauerhaften Glauben an die bürgerschaftlichen Tugenden der ‚echten‘ Arbeiterklasse im Gegensatz zum ‚Mob‘. Das war eines ihrer vielen ahistorischen Hirngespinste.“ (Shklar S.88f.)

Hannah Arendt also doch -bei aller Totalitarismustheorie gegen den sozialistischen Widersacher der von ihr vergötterten USA- eine heimliche Sympathisantin des Marxismus? Womöglich gemeinsam mit dem Nazi-Existenzialisten Heidegger, mit dem Freudomarxist Adorno niemals auf einem Podium sitzen wollte? Shklars Rekurs auf eine 'Echte Arbeiterklasse' erscheint einigermaßen abenteuerlich als Beleg, bezeichnet sie doch einige Seiten weiter Hannah Arendt als „Kalte Kriegerin“:

„Ihre eigene Karriere als kalte Kriegerin fand in den 60er-Jahren ihr Ende. Sie war stets erbitterte Feindin der Sowjets, wusste sie doch seit den Moskauer Prozessen um die Natur dieses Regimes, aber sie konnte die meisten Ex- oder Anti-Kommunisten nicht ausstehen. Nur jene deutschen ehemaligen Kommunisten, wie etwa ihr Ehemann, der die Partei früh verlassen hatte, nötigten ihr Respekt ab...“ (Shklar S.96)

Shklar rechnet Arendt der postmarxistischen spekulativen Soziologie zu, die eine im Kern marxistische Vision der modernen Massengesellschaft hegen würde. Das „ausbleibende Aufbäumen des Proletariats“ gegen Faschismus und Kapitalismus wurde dort als Beleg für das Absterben der von Marx beschriebenen Klassengesellschaft interpretiert. Die Klassen seien von einer „unterschiedslosen ‚Masse‘ ersetzt worden“, von einer „Nichtgesellschaft“ völlig desorientierter Individuen, die von „Hassideologien, Propaganda und Terror zusammengehalten werde“ (vgl.Shklar S.96).

Judith Shklar sah in Arendt eine romantisierende Konservative, die in ihren politischen Idealen „zu einem Anarchismus Kropotkin'scher Prägung“ neigte. Der habe sich in den „polisartigen Kibbuz“, den „primitiven Sowjets“ (wohl der vorstalinschen Sowjetunion) und den Arbeiterräten des ungarischen Aufstands (gegen die Sowjetunion) historisch illustriert (Shklar S.102). Insofern hat die erzliberale Shklar im erzkapitalistischen Havard ihre Konkurrentin in Sachen politischer Philosophie doch wieder auf eine tendenziell antikommunistische Weise kritisiert.

Eine heimliche Voraussetzung für eine Universitätskarriere ist bei Intellektuellen ein gewisses Maß an Unterwerfung unter die Machtelite des jeweiligen Regimes. Denn die Universität gehören dem Staat, der den Herrschenden gehört (analoges gilt im Neoliberalismus für Privatuniversitäten und Geldeliten). Heimlich bzw. verheimlicht bleiben diese Machtverhältnisse vor allem im akademischen Betrieb selbst, wo Lehrstuhlinhaber diese Vorhaltung als puren Neid abtun und selbstverständlich auf ihre Integrität, Kompetenz und Kritikfähigkeit pochen. Dennoch ist es auffällig, dass etwa Hegel in Preußen den preußischen Staat als Inkarnation des Weltgeistes proklamierte, Heidegger seine Philosophie begeistert mit dem Regime der Nazis in Einklang brachte und Hannah Arendt in ihrer politischen Philosophie als Gipfel des „revolutionären Geistes“ die amerikanische Revolution entdeckte: Also den hehren Gründungsmythos jenes Regimes der USA, das ihren Lehrstuhl stellte. Bei Shklar tritt an die Stelle eines USA-Patriotismus das Eintreten für einen glorifizierten Liberalismus, dessen heutige Pervertierung zum faschistoiden „Neoliberalismus“ sie zu ihrem Glück nicht mehr miterleben musste. Shklar ging in ihrem Hauptwerk Liberalismus der Furcht davon aus, dass "jeder Erwachsene die Möglichkeit haben sollte, zu jedem Lebensbereich so viele Entscheidungen ohne Furcht und ohne Begünstigung zu fällen, wie es mit der entsprechenden Freiheit der anderen Erwachsenen vereinbar ist." Für sie war das "die ursprüngliche und einzig vertretbare Bedeutung von Liberalismus." (The Liberalism of Fear PDF-Volltext) Mit brutalem Konkurrenzdenken, Hartz IV, Abbau des Sozialstaates steigern heutige "Liberale" (FDP, Grüne) das Furchtpotential für die untere Hälfte der Bevölkerung seit Jahren. Shklar hätte diesen Neoliberalismus verurteilt.

Judith Nisse Shklar: Über Hannah Arendt, aus dem Englischen übersetzt,
herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Hannes Bajohr, Matthes & Seitz, Berlin 2020
189 Seiten, 14 Euro

Siehe auch von den Autorinnen:

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