Humanismus als Lehrfach mit Zertifikat?

15.01.21
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Von Georg Korfmacher, München

In ihrem Dezember-Newsletter postuliert die Humanistische Vereinigung K.d.ö.R. (HV): So geht Humanismus! und bietet an: "In sechs Wochen zum Humanismus-Zertifikat". Nach bestandener Abschlussprüfung „gratulieren wir Ihnen zum erfolgreichen Abschluss. Zusätzlich erhalten Sie von uns ein hochwertiges qualifiziertes Zertifikat per Post“. Da stellt sich zwangsläufig die Frage nach der Legitimation des Lehrers und des hochwertig und qualifiziert zertifizierten Lehrstoffes bei der HV. Der hier zur Diskussion stehende aufgeklärte und/oder moderne Humanismus gilt weltweit als Gesinnung, Lebenseinstellung oder Weltanschauung, der an keiner Hochschule der Welt gelehrt oder gar zertifiziert wird.

Der von der HV so titulierte Kurs-Tutor ist Dr. Stefan Lobenhofer. Er „hat im Fach Philosophie promoviert und war an den Universitäten in Erlangen und Braunschweig tätig. Nach dem Motto „Raus aus dem Elfenbeinturm, hinein ins richtige Leben“ arbeitet er seit einigen Jahren bei der Humanistischen Vereinigung als wissenschaftlicher Mitarbeiter und ist zudem als freiberuflicher Dozent tätig“, so die HV auf ihrer Website. Nachdem er sich aus welchem Grund auch immer aus dem Elfenbeinturm der Philosophie an Hochschulen verabschiedet hat, stellt sich erstens die Frage nach seiner Legitimation als Tutor/Dozent der angebotenen Kurse ebenso wie die Frage nach der Qualifikation der HV als Bildungsanstalt mit der Ausstellung von Zeugnissen/Zertifikaten für bestimmte Lehrinhalte.

Ein Humanismuskurs mit Zertifizierung ist ein Bekenntnisunterricht, der den Teilnehmenden aus humanistischer Perspektive die eigene Weltanschauung näher bringen soll. Ein Ziel des Humanismuskurses ist es, die Teilnehmenden zu einem inter-humanistischen Dialog zu befähigen, bei dem humanistische Individuen mitanderen auf humanistischer Ebene ins verstehende Gespräch miteinander kommen. Auch ein Fach wie Humanistische Lebenskunde ist ein Bekenntnisfach und kein Ethik-Fach. Aus dem HVD hervorgegangen, sind die humanistischen Grundsätze im Wesentlichen auch von den Zielen der HV umfasst. Offenbar nicht aber die oben festgestellte und auf der Meinung des HVD fußende Sichtweise eines Humanismuskurses, weil dieser durch das wertvolle und qualifizierte Zertifikat die Teilnehmenden in ein weltanschauliches Bekenntnis zwingt. Und genau das ist dem aufgeklärten oder modernen Humanismus nicht nur fremd sondern abgrundtief zuwider.

Der innere Widerspruch der HV zwischen Ziel und Handeln erklärt sich wohl dadurch, dass Humanismus eben kein Lehrfach ist, das man mit einem Zertifikat abschließen kann. Humanismus ist eine Gesinnung, Überzeugung oder „eine Lebenseinstellung, die auf die größtmögliche Erfüllung durch die Kultivierung eines ethischen und kreativen Lebens zielt“ und eben kein billiger Lehrstoff, den man sich in nur 6 Wochen und ohne jede Vorkenntnis mit einem Abschlusszertifikat aneignen kann.

Insofern ist ein Humanismus-Kurs von 6 Wochen mit einem hochwertigen, qualifizierten Zertifikat ein Hohn. Welcher hohe Wert? Für was und von wem qualifiziert? Eine Lebenseinstellung kann und darrf man nicht zertifizieren! Das ist auch die Meinung der IHEU. Darüber sollten der Kurs-Tutor und die HV einmal gründlich nachdenken, bevor sie ein so vertracktes „Produkt“ auf den Markt bringen. Hier wäre eher Bescheidenheit angezeigt, da ihr Mangel zu jenem Holz führt, auf dem Dummheit und Stolz wachsen.

© 14.1.2021 Georg Korfmacher







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