Replik zu "Die Methoden von Corona-Skeptikern" von Kai Paulsen

11.09.20
DebatteDebatte, TopNews 

 

Von Artur Aschmoneit

„Die Methoden von ‚Corona-Skeptikern‘“ überschreibt am 23.8. Kai Paulsen einen Debattenbeitrag. Am Beispiel von https://www.corodok.de formuliert er Kritik an der Auseinandersetzung mit dem Thema.

Dabei geht er von dieser These aus: „‚Corona-Skeptiker‘ leiden unter dem Gefühl, nicht durchzublicken angesichts der Komplexität von Virologie und Epidemiologie.“ Ihre Maxime sei „Corona nervt mich, also will ich davon nichts mehr wissen“.

Dem Betreiber des Blogs wirft er vor:

„Die Hilflosigkeit seines Herumbastelns mit den vielen disparaten Informationen erschöpft ihn und macht ihn aggressiv. Den Ausweg sieht er darin, überall bei den weltweit anerkannten Virologen und Epidemiologen Ungereimheiten, ‚Absurditäten‘ und ähnliches zu (er)finden.“

Mit den weltweit anerkannten Experten wird der Autor Christian Drosten und Karl Lauterbach meinen, die in der Tat im Blog des öfteren erwähnt werden. Keineswegs aggressiv werden deren jeweils mit Quellenangaben versehene Positionen in ihrer Widersprüchlichkeit und ja, mitunter Absurdität (1, 2), kommentiert. Dabei wird die Möglichkeit eines Lernweges konzediert, ihre Auffassungen werden aber auch konfrontiert mit denen anderer WissenschaftlerInnen. Man sollte meinen, so könne eine Darstellung eines komplexen Themas gelingen, das lange Zeit in den meisten Medien recht einseitig behandelt wurde. Insofern ist die Vermutung Paulsens erstaunlich: „Vielleicht wird der Blogger demnächst dazu übergehen, seine Suche nach ‚Fehlern‘ und ‚Manipulationen‘ auf die Astrophysik und die Evolutionstheorie auszudehnen.“

Es galt einmal als vernünftig unter Linken, Wissenschaft in einem gesellschaftlichen Kontext zu sehen, danach zu fragen, wer Studien mit welchen Interessen in Auftrag gibt (Kernkraft, Klima, Frieden etc.). Wenn auf Lauterbachs zwölfjährige Tätigkeit im Aufsichtsrat der privaten Rhön AG verwiesen wird (3) oder darauf, daß Drostens Professuren von der Milliardärsfamilie Quandt gesponsert sind (4), dann wertet Paulsen das so:

„So versucht der blogger sich daran, Christian Drosten, Karl Lauterbach und anderen am Zeug zu flicken und gibt den Wadenbeißer.“

Ein schönes Beispiel dafür, wie Paulsen (absichtlich?) mißversteht, ist ein Beitrag, der mit des Bundespräsidenten fehlenden Mundschutz im Tiroler Urlaub aufmacht. Anders jedoch als es der Autor gar unter Hinzuziehung von Hegel aufwändig darzustellen und zu kritisieren versucht, geht es in dem Artikel mit dem Titel „Berliner Senat verplempert Dutzende Millionen für ‚Corona-Notfallklinik’“(5) um Letzteres. Ist Paulsen über den ersten Satz nicht hinausgekommen oder hält er das Thema für abwegig?

„Solche Blogs liefern das geistige Futter für Wirrköpfe. Sie sehen ihren Gegner ausgerechnet in Forschern und Politikern, die sich für Maßnahmen zur Sicherung der Gesundheit in der Bevölkerung einsetzen. Bedient wird der Renitenzmodus von Leuten, die aus Bequemlichkeit, Dummheit oder Egozentrik sich nicht an die Corona-Regeln halten. Eine verwilderte FDP/AfD-Mentalität tobt sich aus, die im ‚Widerstand‘ gegen Maßnahmen zur Sicherung der Gesundheit der Bevölkerung offenbart, was sie für einen Charakter hat: Den Beteiligten ist die Gesundheit anderer egal.“

Starker Tobak ist erlaubt in einer Debatte. Er sollte hingegen begründet werden. Man kann als Linker die Maßnahmen der Regierung für sinnvoll und berechtigt halten. Man darf sie aber auch befragen; wäre das nicht sogar Aufgabe einer sich systemkritisch verstehenden Linken? Wo ist die eigenständige Position dieser Linken erarbeitet worden, deren Konsequenz die Befürwortung von Lockdown und Notstandsvollmachten für den Gesundheitsminister sind?

Bei Paulsen gilt als gesetzt, was im Blog mit Fragen begleitet wird: „Forscher und Politiker“ haben die Gesundheit „in der Bevölkerung“ im Sinn. Der Begriff „Forscher“ suggeriert Wissenschaftlichkeit und Wahrheit. Wie ambivalent er sein kann, wird im Blog z.B. an der Einbindung von „Forschern“ des RKI und des Bernhard-Nocht-Instituts in den deutschen Faschismus gezeigt (6, 7). Damit wird keine Kontinuität behauptet oder gar die Erzählung eines Corona-Faschismus konstruiert, wie sie auf der Rechten verbreitet wird. Allerdings wird in der Tat das Bild von vermeintlich unpolitischen und nur der Wahrheit verpflichteten WissenschaftlerInnen relativiert.

Soll tatsächlich die Frage nicht mehr gestellt werden, ob Politiker, gegen deren Kaputtsparen nicht nur des Gesundheitssystems und ihre Privatisierungsorgien wir unlängst noch rebelliert haben, sich wirklich von neoliberalen Saulussen zu sozialen Paulussen gewandelt haben? Hat das Virus wirklich Klassengegensätze suspendiert, so daß wir auf einmal von einem Schutz „der Bevölkerung“ sprechen können?

Selbst wenn sich in einer Analyse der medizinischen und soziologischen Situation für Linke herausstellen sollte, die Regierungsmaßnahmen schützten auch die deutsche Arbeiterklasse (es sei hier abgesehen von den vielen Prekären in Nichtregelarbeitsverhältnissen und ohne deutschen Paß): Müßte eine Linke, für die der Begriff der internationalen Solidarität nicht obsolet ist, nicht auch die Auswirkungen wenigstens des von den Industriestaaten verfügten weltweiten Lockdowns auf die Milliarden Menschen außerhalb der Wohlstandsinseln der Welt berücksichtigen? Wäre ihr anderenfalls nicht vorzuwerfen: Ihr „ist die Gesundheit anderer egal“?

Nachgerade spaßig ist der Furor über den „Renitenzmodus von Leuten, die aus Bequemlichkeit, Dummheit oder Egozentrik sich nicht an die Corona-Regeln halten.“ Würde der Autor diesen Modus auch bei KlimaaktivistInnen rügen? Hoffentlich wird er darauf verzichten und die Energieerzeugungs-Regeln für hinterfragbar halten. Doch bei Corona wirkt sein Prinzip, Regeln für alternativlos zu halten und „Widerstand“ für egozentrische „verwilderte FDP/AfD-Mentalität“. Welche Regeln er warum für sinnvoll und befolgenswert hält, muß er nicht begründen. So kann er konsequent anschließen:

„Mit der gleichen Haltung sehen entfesselte Bürger Steuern als Diebstahl am Privateigentum an, Waffengesetze als Einschränkung ihrer Freiheit und Geschwindigkeitsbegrenzungen als Anschlag auf ihre Individualität.“

Warum den Blogger nicht gleich auch noch in den Kontext stellen einer Freigabe von Kinderpornografie und der kostenlosen Verteilung von Rauschgiften jeder Art?

Ausgerechnet Hermann Gremliza als Zeugen zu benennen für die Unterwerfung weiter Teile der Linken in Sachen Corona unter den breitest denkbaren deutschen Mainstream, macht sprachlos.

Wo früher viele Linke wenigstens das (oft mißverstandene) Wort Rosa Luxemburgs von der „Freiheit der Andersdenkenden“ zitierten, landet Paulsen beim Steinmeierschen Liberallala.

„Meinungsfreiheit heißt: Jeder hat das Recht auf Dummheit und darf den größten Unsinn äußern... Die übergroße Mehrheit der Bevölkerung hält die Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Infektionen für richtig.“

Erfreulich wäre, wenn sich LeserInnen eingeladen fühlten, sich ein eigenes Bild von einem Blog zu machen, der von altmodischen linken Positionen aus die Thematik beleuchtet, etwa in den Beiträgen zu „Einfluß von Konzernen, Banken, Hedgefonds auf ‚Corona-Hilfen‘" (8).

Artur Aschmoneit

 

 

 

(1)   https://www.corodok.de/klabauterlach-gegen-viel-zu-praezisen-test/

(2)   https://www.corodok.de/drosten-ist-zurueck/

(3)   https://www.corodok.de/karl-lauterbach/

(4)   https://www.corodok.de/drosten-wundersam-charite/

(5)   https://www.corodok.de/senat-verplempert-millionen/

(6)   https://www.corodok.de/das-rki-im-nationalsozialismus/

(7)   https://www.corodok.de/das-bernhard-nocht-institut-fuer-tropenmedizin-und-seine-nazi-vergangenheit/

(8)   https://www.corodok.de/einfluss-konzernen-banken/

 

 



Die Methoden von „Corona-Skeptikern“ - 23-08-20 20:58




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