Kunst und (politische) Macht

18.10.18
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Von systemcrash

Bernd Stegemann, wohl so etwas wie der Kopf hinter der Sammlungsbewegung 'aufstehen', schreibt im Tagesspiegel (16.10.2018):

"Die Machtlosigkeit ist womöglich die Bedingung für Kunst. Wenn die Kunst anfängt, nach Macht zu schielen, wird sie tendenziös. Der Erbauer des Petersdoms, die Maler der Päpste – reine Machtkunst, begleitet von obszönem Reichtum. Die Moderne hat dazu ja klare Unterscheidungen getroffen, denken Sie an die Künstlerkritik des 19. Jahrhunderts: Der Künstler ist derjenige, der nicht dazugehört, sein Ruhm sollte sich nie in Macht umsetzen. Sobald das eben doch geschieht, wird es problematisch."

Ich finde diese Ausführungen -- gelinde gesagt -- ebenfalls problematisch. Dass auch die Kunst ein Produkt ihrer jeweiligen Zeit ist und damit auch die Macht- und Herrschaftsverhältnisse reflektiert, ist eigentlich von der Aussagequalität her eine Binsenwahrheit. Aber darauf lässt sich die Kunst niemals reduzieren. Weder der Petersdom noch die Bilder und Statuen in ihm sind 'reine Machtkunst'. Und selbst der 'obzöne Reichtum' hat, was immer er auch sonst bedeuten mag, immer auch noch eine 'künstlerische' (oder -- wenn man es so nennen möchte -- transzendente) Dimension. Wer diese nicht sieht, landet bei der 'Kunstkritik' der 'Bilderstürmer' [1]. Das würde dann aber zumindest politisch passen zum 'Populismus' von 'aufstehen'

Ebenfalls kritikabel finde ich diese Aussage:

"Es sind zwei verschiedene Sphären, das Politische und die Politik. Ich kann im Prinzip jeden Raum zu einem politischen machen, indem ich Widersprüche öffentlich zur Verhandlung stelle. Das ist natürlich noch nicht Politik. Die ist tatsächlich gekoppelt an Macht. Wer hat das Amt, wer die Mehrheit, wer darf das Gesetz erlassen? Je mehr ich mich mit Politik befasse, desto mehr verstehe ich die Scheu derer, die lieber im Raum des Politischen bleiben möchten. Er ist viel freier und viel schöner – in einem ästhetischen Sinne."

Auf die Unterscheidung von 'Politik' und dem 'Politischen' könnte ich mich zur Not noch einlassen, aber meine Begründung fiele anders aus. Wenn man Politik auf das 'Staatshandeln' beschränken will (was meines Erachtens eine sehr verkürzte Politik-Definition ist), dann wäre das 'Politische'in der Sphäre des 'Alltagslebens' zu Hause. Aber sowohl das Alltagshandeln als auch die Kunst nehmen teil am diskursiven Kampf (oder – etwas friedlicher ausgedrückt ;) – am Wettbewerb) um gesellschaftliche Hegemonie, auch wenn das nicht immer bewusst intendiert sein sollte. Von daher finde ich die These, dass 'Machtlosigkeit womöglich die Bedingung für Kunst ist' eher tendenziell naiv.

Man könnte diese These vlt. insofern 'retten', dass Kunst immer auf der Seite der Herrschafts- und Machtkritik stehen sollte (oder sich zumindest von den Machtzentren fernhaltend), wenn sie einen gewissen moralischen Anspruch erfüllen will [2]. Aber auch das wäre von der Sache her etwas anderes als 'Machtlosigkeit'. Man sollte den Machtbegriff durchaus wörtlich nehmen im Sinne von der Fähigkeit zum 'machen' (den man dann wieder vom 'Aktionismus' abgrenzen müsste): Machtlosigkeit -- und dazu in enger Verbindung stehend 'Ohnmacht' -- sind selten eine Quelle grosser intellektueller und/oder künstlerischer Inspirationen (eher trifft das Gegenteil zu).

Denn auch das Geistesleben braucht die Bewegungsmöglichkeit und Betätigungsfreiheit in der realen Welt und im 'echten Leben'. Weltanschauung bedeutet eben auch, die Welt auch anschauen zu können – und zu dürfen.

 

[1] Für die Bilderstürmer gilt das Gleiche, was Marx über die 'rohen Kommunisten' gesagt hat:

"Dieser Kommunismus – indem er die Persönlichkeit des Menschen überall negiert – ist eben nur der konsequente Ausdruck des Privateigentums, welches diese Negation ist. Der allgemeine und als Macht sich konstituierende Neid ist die versteckte Form, in welcher die Habsucht sich herstellt und nur auf eine andre Weise sich befriedigt. Der Gedanke jedes Privateigentums als eines solchen ist wenigstens gegen das reichere Privateigentum als Neid und Nivellierungssucht gekehrt, so daß diese sogar das Wesen der Konkurrenz ausmachen. Der rohe Kommunist ist nur die Vollendung dieses Neides und dieser Nivellierung von dem vorgestellten Minimum aus. Er hat ein bestimmtes begrenztes Maß. Wie wenig diese Aufhebung des Privateigentums eine wirkliche Aneignung ist, beweist eben die abstrakte Negation der ganzen Welt der Bildung und der Zivilisation, die Rückkehr zur unnatürlichen Einfachheit des armen, rohen und bedürfnislosen Menschen, der nicht über das Privateigentum hinaus, sondern noch nicht einmal bei demselben angelangt ist."

[2] Aber was ist mit der (faschistischen) Ästhetik einer Leni Riefenstahl? Hat diese nicht auch eine gewisse künstlerische 'Qualität', auch wenn die politischen Zwecke dahinter noch so verabscheuungswürdig sind?

Es wäre völliger Reduktionismus, Kunst allein anhand politischer Kriterien zu bewerten. Kunst ist von ihrem Wesen her immer die Überschreitung von allem Bestehenden. In diesem Sinne ist sie die 'ästhetische Schwester' der (permanenten) 'Revolution'.

"Ich bin der Geist, der stets verneint!
Und das mit Recht; denn ALLES, was entsteht,
Ist wert, daß es zugrunde geht;" (Goethe; Herv. von mir)

Erst ein solcher Standpunkt darf sich wirklich 'radikal' (an die Wurzel gehend) nennen!

 

 







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