'Geschlechterverhältnis' und 'geschlechtliche Arbeitsteilung'


Bildmontage: HF

18.01.19
DebatteDebatte, Feminismus, TopNews 

 

Von systemcrash

Vorbemerkung: dieser Artikel ist aus einem längeren Mailwechsel zwischen TaP und mir zum Thema 'geschlechtliche Arbeitsteilung' entstanden. Bekanntermassen bin ich mit TaP in Sachen 'Geschlechterverhältnisse' nicht einer Meinung; ich teile aber ihre Kritik, dass man die 'Geschlechterhierachie' nicht (nur) aus dem Kapitalverhältnis 'ableiten' kann. Ich lehne aber eine 'Gleichwertigkeit' der drei 'Strukturen' class, gender, race ebenso ab. Dafür versuche ich Begründungsansätze zu entwickeln.

"...der, dem die Natur die Kinder als Gut anvertraut, ist dem anderen dafür verantwortlich.“ (Jean-Jacques Rousseau, zit. nach Klasse Gegen Klasse)

Immer wieder wird von 'feministischer' Seite die 'geschlechtliche Arbeitsteilung' als Ausdruck der 'unterlegenen' Stellung der Frauen[1] kritisiert. Aber was genau hat es mit der geschlechtlichen Arbeitsteilung auf sich und wie hängt diese mit der Gesellschaftsordnung zusammen, in der diese Arbeitsteilung stattfindet?

Dies sind ziemlich grosse Fragestellungen und ich erhebe nicht den Anspruch, diese beantworten (schon gar nicht vollständig) zu können. Es sollen lediglich ein paar Gedanken dazu entwickelt werden.

Sowohl in der feministischen als auch in der marxistischen Diskussion wird der Frage nach den Ursachen der geschlechtlichen Arbeitsteilung nachgegangen.

Von marxistischer Seite wurde das 'Privateigentum' und die Entstehung von 'Klassengesellschaften' angeführt[2]; von feministischer Seite wurde (zu Recht) eingewendet, dass es 'Frauenunterdrückung' auch schon vor der Entstehung von Klassengesellschaften gab[3].

Allein dieses historische Argument zeigt schon, dass eine Verengung der Ursachen der geschlechtlichen Arbeitsteilung allein auf 'Klassengesellschaften' (oder gar den 'Kapitalismus') mindestens schief ist, wenn nicht gar 'falsch'.

Als Ausgangspunkt für diese Fragestellung eignet sich meines Erachtens ein relativ bekanntes Zitat von Friedrich Engels:

"Nach der materialistischen Auffassung ist das in letzter Instanz bestimmende Moment in der Geschichte: die Produktion und Reproduktion des unmittelbaren Lebens. Diese ist aber selbst wieder doppelter Art. Einerseits die Erzeugung von Lebensmitteln, von Gegenständen der Nahrung, Kleidung, Wohnung und den dazu erforderlichen Werkzeugen; andrerseits die Erzeugung von Menschen selbst, die Fortpflanzung der Gattung."

Den Begriff 'Produktion' kann man weitestgehend mit dem dem Begriff 'der Wirtschaft' gleichsetzten.[4]

Bei der 'Reproduktion' kommt noch die 'Erzeugung von Menschen, die Fortpflanzung der Gattung' hinzu.

Nun könnte man (zu Recht) sagen, dass die 'Erzeugung von Menschen' mehr erfordert als nur den sexuellen Akt und die Geburt. Denn schliesslich erfordert die Kinderaufzucht ebenfalls ein gewisses Maß 'wirtschaftlicher'[4] Tätigkeit.

Trotzdem ist die (biologische) Grundlage der geschlechtlichen Arbeitsteilung die Sexualität.

Die Energie der Sexualität ('Trieb') ist in der biologischen Konstitution (Körper) angelegt, dass sexuelle Verhalten ist aber immer auch von den gesellschaftlichen Umständen geprägt[5]. Die Geschlechterdifferenz ist daher gegliedert ist in einen biologischen und einen 'kulturellen' (gesellschaftlichen) Anteil. Die psycho-Sexualität dient dabei als Scharnier[5] (oder Zwischenglied) zwischen Natur- und Kultur- (oder gesellschaftlichen) Verhältnissen. Bezogen auf unser Engels-Zitat bedeutet das, dass die biologische Reproduktion immer schon innerhalb bestimmter gesellschaftlicher Verhältnisse stattfindet und davon nicht getrennt werden kann.

Wir haben es also streng genommen nicht mit einer 'doppelten Art' der Reproduktion (biologisch und gesellschaftlich) zu tun, sondern mit zwei (unterschiedlichen) Analyseebenen, die auf eigentümliche Art miteinander wechselwirken und verwoben sind; und im Falle der Sexualität steht diese mit einem Bein in der einen (Natur, Biosphäre) und mit dem anderen Bein in einer anderen Sphäre (Gesellschaft, Kultur, Noosphäre[6]). Dies macht die Diskussion der Geschlechterverhältnisse nicht gerade einfacher ;).

Wenn man es ganz zugespitzt sagen will, hat Engels eigentlich den unverzeihlichen 'Fehler'[4] begangen, die biologische Reproduktion von den gesellschaftlichen Bedingungen abzuspalten; denn eine 'reine' biologische Reproduktion gibt es beim Menschen nicht. Es handelt sich immer um eine Natur/Kultur- (oder Gesellschafts)-Verschränkung. (Der Mensch als zoon politikon gedacht.)

„Wer machte den Mann zum Alleinrichter, wenn die Frau mit ihm die Gabe der Vernunft teilt?“ (Mary Wollstonecraft)

Die Unterscheidung von Produktion und Reproduktion bei Engels scheint mir daher bis zu einem gewissen Grad schon die bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse (einschliessliche geschlechtlicher Arbeitsteilung)  zu reflektieren, die auf (scheinbaren) 'Sphärentrennungen' beruhen, und die uns daher nicht auf die 'Urszene[7] der Ursprünglichkeit' zurückzuführen kann.

Denn wer arbeitet, isst und trinkt (und 'liebt'/sexuell verkehrt) macht das ja immer, weil er produzieren und 'konsumieren' (sich also reproduzieren) muss. Diese Trennung dürfte 'ursprünglich' also gar nicht existiert haben. Und was die 'Fortpflanzung der Gattung' betrifft, da kann man nur spekulieren. Der Zusammenhang von Zeugung und Geburt dürfte jedenfalls nur mit einer gewissen zeitlichen Verzögerung bekannt geworden sein und man weiß von vielen 'Naturvölkern', dass auch Frauen, die schwanger sind oder kurz vorher eine Geburt hatten, zum Beispiel im Ackerbau produktiv waren (und keinesfalls auf die Hauswirtschaft reproduktiv beschränkt waren).

Eine vollständige 'Sphärentrennung' zwischen Produktion und Reproduktion dürfte es also historisch nie gegeben haben (wenn sie auch sicherlich in unterschiedlichen Mengenverhältnissen ausgeprägt war).

Allenfalls liesse sich sagen, dass aus den biologischen Bedingungen (Geburt, Stillen, vorgeburtliche emotionale Nähe zum Kind) heraus es naheliegt, dass Frauen eine grössere Verantwortung für die Kinderaufzucht übernommen haben; aber keinesfalls kann damit die geschlechtliche Arbeitsteilung vollständig begründet werden.

Erstens dürften auch Männer ein Interesse daran haben, ihren Erziehungseinfluss auf Kinder geltend zu machen und zweitens streben die Frauen im Zuge der technologischen Entwicklung (Entlastung der körperlichen Kraft durch Maschinen) zu einer immer stärkeren gesellschaftlichen Partizipation. Das heisst, die geschlechtliche Arbeitsteilung, die sich durch die natürliche grössere Nähe der Frauen zu den Kindern ergibt, wird durch die gesellschaftliche (technologische) Entwicklung untergraben und tendiert zu einer grösseren Egalität bei der Verantwortung gegenüber dem Nachwuchs.

Ob das letztlich zu einer vollständigen 50:50-Arbeitsteilung führen wird ist auf dem gegenwärtigen Stand der gesellschaftlichen Entwicklung (noch) eine spekulative Frage. Und sicherlich wäre auch die Frage legitim, ob das überhaupt wünschenswert wäre.

Die geschlechtliche Arbeitsteilung hat nicht als Ursache die Trennung von Reproduktion und Produktion (die es historisch eh nie vollständig gab) [und schon gar nicht die Spaltung von wertförmiger und nicht-wertförmiger Arbeit], sondern strukturiert sich im Wesentlichen entlang der Sexualität (man könnte auch von unterschiedlichen 'biologischen Funktionen' sprechen, wenn dies nicht so [geschlechter-]politisch vorbelastet wäre).

"Jede Sichtweise der Unterdrückung von Frauen als dyadische Herr-Knecht-Beziehung zwischen einem bestimmten Mann und einer bestimmten Frau führt zur Ohnmacht in Bezug auf die Transformation dieser Unterordnungssituation – es sei denn, man versucht, einen Krieg der Hälfte der Menschheit gegen die andere Hälfte zu führen, was nur in aufwändigen dystopischen Fantasien auftritt." (Klasse Gegen Klasse)

Dadurch, dass Frauen die Kinder gebären (Natur), wird auch ihre Verantwortung für die Erziehung (Gesellschaft) 'kurzschlüssig' abgeleitet (was aber eben nicht dasselbe ist). Das heisst, es muss ein (sozialer) Kampf darum geführt werden, den Anteil der Männer an der Kindererziehung (und damit auch der Hausarbeit) zu erhöhen. Dies muss auch nicht zwangsläufig ein weiblich-männlicher Interessengegensatz sein, sofern dies nicht mit Einbußen im Lebensstandard einhergeht.

An dieser Stelle findet man dann vlt auch eine Verknüpfung zwischen 'Frauenkampf' und 'Antikapitalismus'. Denn auch wenn 'der Kapitalismus' nicht die Ursache der geschlechtlichen Arbeitsteilung ist, so ist er dennoch gewiss nicht die beste Gesellschaft auf dem Weg zu mehr (Geschlechter)Egalität.

 

Zum Weiterlesen:

Über Theorie und Strategie im Kampf für eine nicht-patriarchale Gesellschaft

Feminismus und die Befreiung des Mannes

 

[1] Wie aus geschlechtsspezifisch geschlechtshierachisch wird, ist eine zweite Fragestellung.

Die Frage, ob es mehr als zwei Geschlechter gibt, klammere ich hier aus. Ich denke aber, dass man sich darauf einigen können müsste, dass für die biologische Reproduktion zwei Geschlechter notwendig sind. Die 'soziale' Existenz von Zwischen, Misch- oder Übergangsformen muss davon nicht zwangsläufig (negativ) betroffen sein.

[2] Ebenfalls auf den Marxismus beruft sich die Theorie der 'Wertabspaltung', die behauptet, dass die nicht-wertförmige Arbeit an die Frauen (zumindest in der Tendenz) 'delegiert' wird. Eine Ursachen-Erklärung ist das aber auch nicht, selbst wenn die Beschreibung richtig sein mag.

[3] Ich habe mich nicht mit ethnologischer Literatur beschäftigt, aber Frauenraub und Brautpreis sind gewiss ältere gesellschaftliche 'Institutionen' als Privateigentum und Klassengesellschaften.

[4] Auf die Problematik dieser Gleichsetzung komme ich noch zurück.

„aber 'Produktion und Reproduktion des unmittelbaren Lebens' schließt doch wohl auch das Füttern der Kinder ein; nicht nur die ausdrücklich erwähnte Erzeugung der Lebensmittel, sondern auch deren Zubereitung; die nicht nur die ausdrücklich erwähnte Wohnung, sondern auch das Sauberhalten derselben; Erzeugung der Kleidung = u.a. häusliches Weben und Nähen.“ (Detlef Georgia Schulze)[*]

Engels macht hier nichts geringeres als die biologische und die gesellschaftliche (ökonomische) Reproduktion auf eine Stufe zu stellen. Und genau hier scheint mir die 'Ursünde' und/oder der 'heilige Gral' der ganzen Diskussion über das 'Geschlechterverhältnis' zu liegen.

Tatsächlich bin ich der Meinung, dass hier Engels auf der einen Seite etwas sehr Verdienstvolles macht, aber auf der anderen Seite liegt auch ein methodischer Fehler vor.

Das Verdienstvolle besteht darin, darauf hinzuweisen, dass die historische Entwicklung auch einen biologischen 'Unterbau' hat.

Der methodische Fehler besteht darin, ein (biologisches) Naturverhältnis (Geschlechterdimorphismus) mit den gesellschaftlichen (Produktions)verhältnissen auf eine Analyseebene zu setzen (Kategorienfehler).

Diesen 'Fehler' würde ich aber Engels nicht 'persönlich' anlasten wollen. Erstens war die wissenschaftliche Forschung damals nicht so weit wie heute und zweitens bewundere ich eher den Mut (und damals waren die Zeiten vermutlich -- wenigstens öffentlich -- prüder!) von Engels, neben der historischen Fragestellung auch die biologische (in diesem Fall sogar sexuelle) miteinander verknüpft zu haben.

[*] Man könnte noch darüber nachdenken, ob 'produktive' und 'reproduktive' Arbeiten eine unterschiedliche gesellschaftliche 'Wertigkeit' besitzen. Aber selbst wenn das richtig wäre -- und ich denke das --, dann wäre das immer noch keine Erklärung für die geschlechtliche 'Zuweisung' und schon gar nicht dafür, warum Frauen eine 'untergeordnete' Stellung einnehmen (sollten). Das 'Argument' der unterschiedlichen Körperkräfte dürfte zumindest für 'moderne' Gesellschaften nur noch sehr eingeschränkt gelten; in archaischen Gesellschaften könnte es aber ausschlaggebend gewesen sein.

Man könnte noch anführen, dass der 'reproduktive' Teil stärker vom 'produktiven' abhängig wäre; aber auch das würde sich in letzter Instanz als illusorisch herausstellen (auch eine 'patriarchale' Gesellschaft muss sich reproduzieren; die Frage ist eben 'nur', wie sich die 'Machtverteilung' gestaltet. Meist ist der 'Herr' mehr vom 'Knecht' abhängig, als umgekehrt ;) ). Die tendenzielle Trennung von Produktion und Reproduktion ist daher allenfalls ein Symptom, aber keinesfalls eine Erklärung für die 'geschlechtshierachische Arbeitsteilung'. Ich muss daher meine frühere 'positive' Anknüpfung an Nancy Fraser 'relativieren'.

[5] "Die Sexualität dient nach Foucault in den gesellschaftlichen Machtverhältnissen zum einen der Disziplinierung der Körper und zum anderen der Regulierung der Bevölkerung [...]. Sexualität besitzt hier die Funktion eines Scharniers, bei der sich diese beiden Formen der Macht (Disziplinierung des Körpers des Einzelnen und Regulierung der Bevölkerung) koppeln." (Wikipedia, Herv. von mir)

[6] In der integralen Theorie spricht man Physiosphäre [unbelebte Materie], Biosphäre [Lebensformen] und Noosphäre [Bewusstsein im weitesten Sinne] (Wilber, Eros, Kosmos, Logos [2001]), die (qualitativ) unterschiedliche evolutionäre (Entwicklungs)Stufen abbilden. Eng damit verbunden sind die Begriffe 'Hierachie' oder 'Holarchie'; die aber nichts mit dem [marxistischen] Begriff der 'Herrschaft' zu tun haben. Auch das kann leider zu einer Quelle von Missverständnissen in der Diskussion werden.

[7] „Urszene ist ein Begriff der Freud'schen Psychoanalyse, mit dem die Beobachtung des elterlichen Geschlechtsverkehrs durch das kleine Kind bezeichnet wird, wobei dieses Erlebnis real oder auch phantasiert sein kann.“ (Wikipedia)

 







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