Das Corona-Virus philosophisch betrachtet


Bild: NIlses, Wikimedia Commons

18.05.20
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Bestsellerautor Yuval Noah Harari entdeckt ein unbekanntes Wesen - den Tod

Von Klaus Heckel

Der Ausgangspunkt

Im Spiegel Nr.18 vom 25.04.2020 findet sich ein Essay von Harari „Das Virus und der Tod“.

Die Unterüberschrift lautet „Wir werden die Pandemie wahrscheinlich besiegen. Unserer Vergänglichkeit sollten wir uns trotzdem bewusst werden“.

Diese Unterüberschrift ist Programm: Das Bewusstsein unserer Vergänglichkeit sei der Menschheit abhanden gekommen, Corona erinnere nun daran. Diese Chance gelte es zu nutzen, auch und gerade wenn zwar Gesundheitssysteme angesichts von Corona noch weiter verbessert werden, gleichwohl:  „Das Rätsel unserer Existenz könne aber nicht von Ärzten gelöst werden, das sei Sache jedes Einzelnen. Wenn der Tod auch nicht überwunden werden könne, werde - hoffentlich jedenfalls - das längere Leben eine Chance sein, sich mit diesem zu beschäftigen.

Zunächst fällt auf, dass Harari bedeutungsschwer Umdeutungen vornimmt.

Der erste Satz lautet: „Die moderne Welt glaubt, dass der Mensch den Tod überlisten und besiegen kann. Das war eine revolutionär neue Haltung.“

Wer oder was ist genau die moderne Welt, die dann so etwas auch noch glaubt?

Die frühere ummittelbare Gewissheit sei verloren gegangen, abgelöst durch das Paradigma technischer Lösbarkeit.

Und damit ist das zentrale Problem identifiziert:

„Die besten Köpfe verbringen ihre Zeit nicht mehr damit, dem Tod einen Sinn zu geben. Stattdessen beschäftigen sie sich damit, das Leben zu verlängern.

Was hier als zivilisationskritische Klage daher kommt, ist von einem eminent starken antiaufklärerischen Impuls geprägt:

Spätestens seit Darwin ist geklärt, dass wir Menschen wie jedes andere biologische Lebewesen auch einem Verfallsdatum unterliegen, welches sich nicht aus höheren Sinnstiftungsideologien ergibt, sondern aufgrund unserer biologischen Gesetzmäßigkeit eintritt. Die Schuld-, Strafe- und Sühnephantasien insbesondere ausgepinselt im Christentum verlieren damit ihre Basis. Die Religionskritiker des 18. und 19. Jahrhunderts haben dieses mit philosophischen Grundlagen ergänzt, so dass am Ende Nietzsche sagen konnte „Gott ist tot“.

Die philosophische Tradition selektiv betrachtet

Die griechische Antike wird gewöhnlich als Hochkultur bezeichnet und auch als Wiege unserer Kultur. Epikur und seine Schule war nicht ganz unbedeutend.

Diese vertrat allerdings weit vor der wissenschaftlichen Revolution eine anders geartete Position: 

„Das schauerlichste aller Übel, der Tod, hat also keine Bedeutung für uns; denn solange wir da sind, ist der Tod nicht da, wenn aber der Tod da ist, dann sind wir nicht da.“ (Rainer Nickel, Wege zum Glück, 2011, S.117)

Konsequent ignoriert Harari solche Traditionen.

Die Vermengung vom Tod als Existential und dem Tod als vermeidbare Folge zivilisatorischer Errungenschaften

Harari ist sehr daran gelegen, die völlig unterschiedlichen beiden Dinge in einem großen Topf zu verrühren, um eine Einheitssuppe namens der „Tod das unbekannte Wesen“ zu kreieren.

„Im 21. Jahrhundert führt der Tod vieler Menschen automatisch zu Klagen und staatlichen Ermittlungen.“ Als Beispiele führt er an, „ein Zugunfall, ein Hochhausbrand, sogar ein Hurrikan“.

Von welchem Gegensatz lebt hier seine Argumentation? Die Unausweichlichkeit des Todes als menschliches Existential wird hier ins Feld geführt, um gegen zivilsatorisch vermeidbare Todesursachen zu polemisieren. Bei einem Zugunfall stellt sich sehr wohl die Frage, welche technischen Fehler wodurch verursacht wurden, also die Frage der Vermeidbarkeit. Auch ein Hurrikan ist zwar zunächst ein Naturereignis. Unter modernen Bedingungen allerdings würden nicht selten schwerwiegende Folgen nicht eintreten, verhindert beispielsweise durch Warnsysteme und Evakuierungspläne. 

Für Harari stehen die Beispiele für die Unausweichlichkeit des Todes und eine daraus gefolgerte Dringlichkeit sich endlich und verstärkt in der Moderne dem Tod als Sinnfrage zu nähern.

Ein solches Denken verdient dann allerdings den Vorwurf der Affirmation gesellschaftlicher Verhältnisse.

Eine Klage gegen ein marodes Eisenbahnwesen wäre nach ihm ebensowenig angezeigt wie ein Frühwarnsystem in Sachen Hurrikan.

Die Anthropolisierung des Kapitalismus

Die völlig unhistorisch und unter Abstraktion gesellschaftlicher Klassen sich vollziehende Betrachtungsweise ergeht sich in Abstraktionen wie „wir“, „ die Menschheit“, und dem Gegensatzpaar früherer und moderner Mensch.

Auf die Moderne bezogen existiert die Menschheit aber bestenfalls als sinnvolle Abstraktion in der Gegenüberstellung zu dem Tier. In der nächsten Konkretionsstufe wird man ganz unterschiedliche Menschen vorfinden, z.B. bestimmt durch ihre Klassenzugehörigkeit mit daraus folgend sehr großen Differenzen die Lebensdauer betreffend. Wie dieses nun? Hat das möglicherweise etwas mit dem jeweiligen Einkommen, den Wohn- und Arbeitsbedingungen zu tun? Wie sieht es mit der Lebenserwartung in Afrika aus?

„Bibel und andere Heilige Bücher erzählten den verzweigelten Menschen geduldig, dass wir sterben, weil Gott ....es angeordnet hat, und dass wir dies demütig und gnädig akzeptieren sollten.“

Das Christentum wird hier verwandelt in einen helfenden Erzähler, der dann  Tröstendes vorliest: Zufällig auch und gerade die Ideologien des Christentums mit seinen ausgepinselten Schuld- und Strafphantasien den Tod betreffend.

War das Christentum aber nicht in Wirklichkeit eine flankierende Herrschaftsideologie, die alles ausbeuterische Treiben, was die Menschen über sich ergehen lassen mussten, als quasi natürlich verklärt hat mit der Aussicht auf Entlohnung im Jenseits.   

Für den großen Ausflug durch die Geschichte scheinen solche die Klassengesellschaften  einbeziehenden Besonderheiten für Harari zu spitzfindig zu sein.

Er bedient damit ein antikritisches Bedürfnis, den Kapitalismus mit seinen die Umwelt und den Menschen schädigenden Auswirkungen herauszudefinieren und stattdessen übergreifende Sinn- und Menschheitsfragen zu etablieren. 

Für diese verklärende Botschaft, die nicht wenig Anklang im vorherrschenden Zeitgeist findet, muss nun auch noch Gevatter Tod herhalten. Das klingt besonders tiefschürfend. Ist es aber nicht, im Gegenteil.

Marx hat bereits 1848 im Kommunistischen Manifest unter strikter Anlegung der Klassenfrage gezeigt, was, wie, warum und wieviel sich verändert - mit dem Subjekt Kapitalismus. Dieb Menschheit als klassenlosen Gesamtvater hat er dabei aus guten Gründen ebensowenig bemüht wie einen überhistorischen Fortschritt.

„Die Bourgeoisie kann nicht existieren, ohne die Produktionsinstrumente, also die Produktionsverhältnisse, also sämtliche gesellschaftlichen Verhältnisse fortwährend zu revolutionieren. Unveränderte Beibehaltung der alten Produktionsweise war dagegen die erste Existenzbedingung aller früheren industriellen Klassen. (...)

Das Bedürfnis nach einem stets ausgedehnteren Absatz für ihre Produkte jagt die Bourgeoisie über die ganze Erdkugel. Überall muß sie sich einnisten, überall anbauen, überall Verbindungen herstellen.“  

(Karl Marx/Friedrich Engels - Werke. (Karl) Dietz Verlag, Berlin. Band 4, 6. Auflage 1972, unveränderter Nachdruck der 1. Auflage 1959, Berlin/DDR. S. 459-493.)

Das klingt etwas anders als die moderne und populäre Dauerklage, das eigentümliche Subjekt der Fortschritt (überhaupt) bringe uns zunächst voran, aber dann gehe nicht alles, aber vieles schief und wir stehen da - im Hemd. Jeder müsse sich nun selbst an die Nase fassen, aber bloß nicht dem Kapitalismus.

Resumee:

Hararis Unterfangen, den Fortschritt als solches zu etablieren und ihm ungute Folgen anzundichten - schief gegangen.

Den Tod als Exempel dafür herzunehmen - schief gegangen und dabei Todesursachen und den Tod als Existential zu vermengen - schief gegangen.

Corona als Mittel und Chance über Obiges aufzuklären - schief gegangen.

Den Kapitalismus aus der Schusslinie zu nehmen und in eine ungeschichtliche, überzeitliche Form der Menschheitsorganisation zu verwandeln - schief gegangen.

Aus dieser Kritik eines in der Öffentlichkeit gefälligen, feuilletonistischen, philosophischen  Narrativs wäre abschließend zu folgern: Der Alltagsgedanke das Subjekt „wir“, das es so gar nicht gibt, ist verantwortlich für ihn „den Fortschritt“, den es als „Zeitströmung von uns“ auch so nicht gibt wird von Harari philosophisch hochgeköchelt. 

Zu konstatierendes Resultat: Eine Fortschrittsskepsis, die die unguten und folgenschweren kapitalistisch geprägten Fortschritte auflöst in klassenunspezifische Begründungszusammenhänge. Ausgerechnet dieses wird nun als Lehre aus Corona präsentiert.

So merkwürdig es - jedenfalls, vom Ausgangspunkt meiner kleinen Replik zu Harari erscheint: Letztlich wird die Systemfrage aufgeworfen mit wenig überzeugenden Argumenten für das System.

Der Link zum nicht vollständig einsehbaren Spiegelartikel Yuval Harari „Das Virus und der Tod:

https://www.spiegel.de/kultur/yuval-noah-harari-ueber-corona-zeigen-wir-dem-virus-wer-der-alpha-organismus-ist-a-00000000-0002-0001-0000-000170604505







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