Warum Shutdowns nicht wirklich gegen die Corona-Pandemie helfen

19.12.20
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Rezension von Michael Lausberg

Alexander Kekulé: Der Corona-Kompass. Wie wir mit der Pandemie leben und was wir daraus lernen können, Ullstein, Berlin 2020, ISBN: 978-3-550-20140-0, 22 EURO (D)

Alexander Kekulé ist Inhaber des Lehrstuhls für Medizinische Mikrobiologie und Virologie an der Universität Halle-Wittenberg, Direktor des Instituts für Medizinische Mikrobiologie, Virologie und Infektionsepidemiologie. Als Spezialist für Influenza-Pandemieplanung und biologischer Bevölkerungsschutz berät er seit Jahren die Bundesregierung.

In diesem Buch kritisiert er den bisherigen Umgang der Bundesregierung und der Länder in der Coronapandemie und setzt dem eine Strategie entgegen, wie sich ohne Lockdowns, Aktionismus und viele repressive Maßnahmen die Pandemie bekämpfen lässt. Er ist ein umfassender Wegweiser für einen durchgängigen, planvollen und gelassenen Umgang mit dem Virus.

Der Autor führt in die Welt der Viren ein, zeigt wie sich unser Körper wehrt, wie Pandemien entstehen und was die jetzigen Coronaviren so gefährlich machen. Kerkulé stellt die Fortschritte in den Bereichen Diagnostik, Therapie und Impfstoffe vor. Letzteres ist dabei nicht mehr aktuell. Er geht auch kurz auf Verschwörungstheorien und wirre Erklärungsversuche, woher das Virus kam.

Der zentrale Punkt ist aber: Er widerspricht dem Ansatz der Bundesregierung, dass eine Epidemie erst abflachen würde, wenn sich zwei Drittel der Bevölkerung infiziert haben, die Krankheit durchgemacht haben oder geimpft sind. Stattdessen geht er davon aus, dass die täglichen Neuerkrankungen bereits bei einer Immunitätsquote von 30 oder 40 Prozent der Gesamtbevölkerung deutlich zurückgehen würde.

Er plädiert für eine Strategie, die kontinuierlich funktioniert, ohne periodische Hoch- und Herunterfahren staatlicher Maßnahmen. Dazu zeigt er ein Vierphasenmodell und stellt das SMART-Modell vor. Dieses Modell besteht aus fünf Elementen: Schutz der Risikogruppen, Masken im Alltag, Aerogene Übertragung vermeiden, Reaktionsschnelle Nachverfolgung, Tests für alle.

Diese Maßnahmen werden innerhalb eines Staates flächendeckend und kontinuierlich durchgeführt, keine Sonderwege von Ländern oder Kommunen, und kein Shutdown oder Lockerungen nach Fallzahlen. Die Epidemie soll in einem Gleichgewichtszustand bleiben. Die Maßnahmen sind im Wesentlichen Angebote für den Einzelnen, mit denen man sein Verhalten den Risiken anpassen kann und sich eigenverantwortlich gegen Corona schützen kann. Behördliche Anordnungen gibt es nur für Situationen, in den Gefährdeten ein Selbstschutz nicht mehr möglich ist, der Einzelne auf staatliche Hilfe angewiesen ist.

„Damit reduziert SMART staatliche Einschränkungen auf ein Minimum. Restaurants, Theater und Schulen müssen nicht mehr damit rechnen, jederzeit geschlossen zu werden. Kinder können ohne Maske lernen, Sportvereine uneingeschränkt trainieren; und die Wirtschaft fährt wieder hoch auf Normalbetrieb, ohne den nächsten Lockdown fürchten zu müssen.“ (S. 233ff)

Statt drastischer, breit wirkender Eingriffe in Intervallen sieht das Modell gezielte Maßnahmen, die auf den Schutz der Risikogruppen und auf die Vermeidung von Superspreading fokussiert sind. Durch den besonderen Schutz der Risikogruppen, den gezielten Einsatz von Masken und Schnelltests, die Vorbeugung aerogener Übertragungen sowie eine reaktionsschnelle, sich auf die Erkennung von Clustern konzentrierende Nachverfolgung wird ein Gleichgewichtszustand der Neuerkrankungen erreicht. Das bisherige Konzept alternierender Eingriffe soll aufgegeben werden. Der Staat versetzt damit seine Bürger in die Lage, mit der Bedrohung eigenverantwortlich und risikoangepasst umzugehen. Schulen, Kitas, Hotels, Restaurants, Reisebeschränkungen und ähnliches fallen weg. Ein relativ normales Leben mit ein paar Regeln wäre möglich.

Der Nachteil dieser Strategie liegt darin, dass es vergleichsweise teuer ist, ein einstelliger Milliardenbetrag. Dennoch wäre das für die BRD billiger als die pandemiebedingten Verluste.

Er stellt zwei Vorschläge vor, wie man sich in Zukunft besser auf Pandemien vorbereiten kann. Dies ist erstens ein weltweites Frühwarnsystem (Global Surveillance and Response System), das neu auftretende Erreger sofort erkennt und eine augenblickliche Eindämmung ermöglicht. Zweitens sollte eine internationale Organisation für Biologische Sicherheit geschaffen werden, die nach dem Vorbild der Atombehörde unter dem Dach der Vereinten Nationen arbeitet.

Kerkulé hat nichts mit „Querdenkern“, Corona-Leugnern oder anderen, die Corona verharmlosen, zu tun. In diesem Buch wird auf wissenschaftlicher Basis eindrucksvoll gezeigt, dass viele autoritäre Maßnahmen des Staates nicht gerechtfertigt, überflüssig sind und nicht zum Ziel führen. Shutdowns waren, sind und werden keine probaten Mittel sein, auch in künftigen Epidemien oder Pandemien.

Die hier beschriebene Strategie zerlegt die bisher von der Regierung verfolgte argumentativ durch Zahlen, Fakten und bisherigen Wissen und entlarvt die Torheit der Verantwortlichen.

 







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