Zur Methodologie des Aufrufeschreibens

20.01.21
DebatteDebatte, Soziales, TopNews 

 

Eine Nachbemerkung zur ZeroCovid-Initiative

von Detlef Georgia Schulze

Meine Anmerkungen von Sonntag zur ZeroCovid-Initiative schwankte etwas zwischen

•      der Kritik (in Fußnote 2), die „Unterzeichnenden sprechen nicht als Gewerkschaftsmitglieder und Lohnabhängige (die sie vielleicht zu einem gar nicht geringen Anteil sind), sondern erteilen einen ‚aufgeklärten Ratschlag‘ an die werten Mit-Lohnabhängigen und die Gewerkschaften“

und

•      meiner Kritik (am Ende des Textes) daran, „aktuelle, konkrete Reformforderung auch noch ein ‚Übergangsprogramm‘ draufzusatteln“, und meiner These (im vorletzten Absatz [vor Beginn der Fußnoten]): „Eher als solche Träume (‚die Beschäftigten gestalten selber und setzen gemeinsam durch‘) jenseits von Zeit und Raum – ohne Mittel und Wege – dürften sich noch Teile des Kapitals und des Staatsapparates von der simplen Tatsachen überzeugen lassen, daß sich (relativ) niedrige Infektionszahlen schneller wieder auf ein handhabbares Niveau senken lassen als höhere – und daß das herbstliche Zögern der Landesregierungen auch den Kollateralschaden für das Kapital nur erhöht hat.“

Kritische LeserInnen mögen fragen: Läuft nicht meine These am Ende erst recht darauf hinaus, einen ‚aufgeklärten Ratschlag‘ zu erteilen – und in dem Fall, nicht einmal „an die werten Mit-Lohnabhängigen und die Gewerkschaften“, sondern an bestimmte Fraktionen von Staat und Kapital? Even worse?

Ich denke nicht! Mir scheint jede der beiden Möglichkeiten oder Perspektiven

(1)  „als Gewerkschaftsmitglieder und Lohnabhängige“ sprechen

oder

(2)  einen ‚aufgeklärten Ratschlag‘ an bestimmte Fraktionen von Staat und Kapital erteilen,

wäre besser (da klarer und folglich auch verständlicher) als das etwas verunglückte Mischmasch in dem Text zur Unterschriftensammlung.

I. Linke Sprechpositionen

1. ‚aufgeklärte Politikberatung‘

In dem Text gibt es einerseits Passagen, die als ‚aufgeklärte Politikberatung‘ (ich meine den Ausdruck – insbesondere in Zeiten von Verschwörungstheorien und Esoterik – gar nicht besonders kritisch) mehr oder minder in Ordnung wären: „Wir sind […] überzeugt, dass die Eindämmung des Sars-CoV-2 Virus nur gelingen kann, wenn alle Maßnahmen gesellschaftlich solidarisch gestaltet werden.“ Allerdings wäre noch die Fragen: Geht es wirklich nur so (also: solidarisch)? Oder ginge es auch unsolidarisch bzw. noch unsolidarischer als ohnehin? Und was heißt genau „solidarisch“?

Auf alle Fälle ist es aber ein Unterschied, ob die Solidarität um der Solidarität willen gefordert wird oder weil „die Eindämmung des Sars-CoV-2 Virus nur gelingen kann, wenn alle Maßnahmen gesellschaftlich solidarisch gestaltet werden.“ (also als Mittel zum Zweck) – Und schließlich: Ist nicht schon die Bekämpfung der Pandemie als solches ein solidarischer Akt – nämlich mit denen, die sich ansonsten zusätzlich infizieren und ggf. sterben würden?

Ähnlich verhält es sich mit den beiden Sätzen: „Maßnahmen können nicht erfolgreich sein, wenn sie nur auf die Freizeit konzentriert sind, aber die Arbeitszeit ausnehmen. Wir müssen die gesellschaftlich nicht dringend erforderlichen Bereiche der Wirtschaft für eine kurze Zeit stilllegen.“

Als ‚aufgeklärte Politikberatung‘ sind sie ziemlich okay und kann ich sie – abgesehen von dem gestern schon kritisierten „müssen“ in dem zweiten Satz – sofort unterschreiben. Aber „solidarisch“ im engeren Sinne (also nicht allein schon wegen der Infektionsreduzierung) sind solche Stillegungen doch wohl erst dann, wenn die Betroffenen währenddessen Lohnfortzahlung, Kurzarbeitsgeld oder – als Abwandlung auf das Krankengeld – Infektionsschutzgeld bekommen, oder nicht?

Das wird so genau aber in dem Text gar nicht gesagt. Bei Punkt 5. heißt es zwar: „Die notwendigen Maßnahmen kosten viel Geld. Die Gesellschaften in Europa haben enormen Reichtum angehäuft, den sich allerdings einige wenige Vermögende angeeignet haben. Mit diesem Reichtum sind die umfassende Arbeitspause und alle solidarischen Maßnahmen problemlos finanzierbar. Darum verlangen wir die Einführung einer europaweiten Covid-Solidaritätsabgabe auf hohe Vermögen, Unternehmensgewinne, Finanztransaktionen und die höchsten Einkommen.“

Aber eine Abgabe wäre auf alle Fälle etwas anderes, als die Unternehmen zur Lohnfortzahlung zu verpflichten; und es wird in dem Text auch nicht genau gesagt, wofür die Abgabe verwendet werden soll – sicherlich u.a. für: „Der gesamte Gesundheits- und Pflegebereich muss sofort und nachhaltig ausgebaut werden. Dies gilt auch für Gesundheitsämter und Behörden, die für das Verfolgen der Infektionsketten zuständig sind. Das Personal muss in diesem Bereich aufgestockt werden. Die Löhne sind deutlich anzuheben.“ Aber was ist nun konkret mit Lohnfortzahlung, Kurzarbeitsgeld oder Infektionsschutzgeld?

Zwar heißt es bei Punkt 2. außerdem: „Menschen können nur zu Hause bleiben, wenn sie finanziell abgesichert sind.“ Aber Höhe und juristische Form der Absicherung bleiben auch dort unklar.

2. „als Gewerkschaftsmitglieder und Lohnabhängige“ sprechen

•      „Als Gewerkschaftsmitglieder und Lohnabhängige“ sprechen, würde demgegenüber heißen nicht mit dem – abgesehen von den Corona-LeugnerInnen – gesamtgesellschaftlichen Ziel der Pandemiebekämpfung zu beginnen, sondern mit der besonderen Betroffenheit von Lohnabhängigen von der Pandemie und von deren Folgen zu beginnen. Das würde heißen, zu thematisieren, daß Leute mit – wegen schlechterer Lebens- und Arbeitsbedingungen – auch schlechterem Gesundheitszustand, schlechtere Chancen haben, eine Infektion mit SARS-CoV-2 zu überleben.

•      „Als Gewerkschaftsmitglieder und Lohnabhängige“ sprechen, würde auch heißen zu thematisieren, in welch erheblichen Ausmaß Unternehmen Umsatzeinbußen erstattet wurden und werden, und in welchem geringerem Ausmaß Lohnabhängigen durch längeres Kurzarbeitsgeld und temporärer Mehrwertsteuersenkung für Einnahmeverluste und Einschränkungen zugunsten der Pandemiebekämpfung entschädigt wurden und werden.

•      „Als Gewerkschaftsmitglieder und Lohnabhängige“ sprechen, würde auch heißen, aus dieser besonderen Betroffenheit heraus Forderung zu stellen (oder meinetwegen – wenn es denn realistisch wäre –: Ziele zu setzen und eigenmächtig durchzusetzen) – und nicht als besseres Gesundheitsamt- oder -ministeriums zu argumentieren[1].

•      „Als Gewerkschaftsmitglieder und Lohnabhängige“ sprechen, würde schließlich heißen, zu reflektieren, wie das, was gefordert wird, denn durchgesetzt werden soll (‚aufgeklärte Politikberatung‘ kann dagegen auf die Kraft des besseren Arguments hoffen). Als Forderung an den Staat – so wie Höchstarbeitsgrenzen, Mindesturlaub und Arbeitsschutz? Als Forderungen an das Kapital, – wie Tarifverträge – durch Streik?

Aber wieviel Lohnabhängige in der BRD wären wohl bereit, für temporäre Stillungen der Betriebe, in denen sie arbeiten, zu streiken (noch dazu – mutmaßlich – ohne gewerkschaftliches Streikgeld)?

Hinzukommt: Das eine wäre, die Betriebe durch Streik stillzulegen; das wäre noch relativ einfach. Etwas ziemlich anderes wäre, dem Kapital durch Streik zusätzlich Lohnfortzahlung abzutrotzen: Was sollte das Kapital veranlassen, sich darauf einzulassen, wenn die Arbeitskräfte nach Gewährung der Lohnfortzahlung gar nicht an die Arbeitsplätze zurückkommen, sondern die Lohnfortzahlung gewährt werden soll, damit die Arbeitskräfte länger von den Arbeitsplätzen wegbleiben können, als es private Ersparnisse und gewerkschaftliche Streikkassen erlauben?! Das ist doch eine ganz andere Kampf- und Verhandlungssituation, als wenn die Parole lautet: „Wenn Ihr uns mehr Lohn zahlt, mehr Urlaub oder eine kürzere Wochenarbeitszeit gewährt, dann kommen wir zurück an die Arbeitsplätze.“

3. linke Träume

Eine dritte Sprechposition kommt in dem Text noch vor – die (mir nicht sehr fremde ;-)) von linken politischen AktivistInnen und ProgrammatikerInnen, die mit Lohnabhängigen, die mal für dieses oder jenes Ziel streiken, nicht viel zu tun haben (viele Linke arbeiten nicht in größeren Betrieb mit streikfähigen Belegschaften) – und sich statt dessen an weitreichenden Träumen berauschen (eine Praxis, die ich zu vermeiden versuche).

Beispiele:

•      „Wir brauchen drittens auch eine gemeinsame langfristige Vision – und auf deren Basis regionale und nationale Aktionspläne.“

•      „Wir wollen die politische Lähmung in Bezug auf Corona überwinden. Wir wollen uns auch in Deutschland, Österreich und der Schweiz für den nötigen solidarischen ZeroCovid-Strategiewechsel sammeln. Wie unsere Mitstreiter*innen in Großbritannien (https://zerocovid.uk) wissen wir, dass wir den Schutz unserer Gesundheit gegen kurzfristige Profitinteressen und große Teile der Politik erkämpfen müssen.“

•      Und der am Sonntag schon aufgespießte Satz: „Wichtig ist, dass die Beschäftigten die Maßnahmen in den Betrieben selber gestalten und gemeinsam durchsetzen.“

Es wäre ein schlechter Witz diese Sprechblasen („Aktionspläne“, „politische Lähmung […] überwinden“; „Wichtig ist“) „revolutionär“ zu nennen. Aber es ist auch etwas anderes, als zu versuchen, konkrete – klar umrissene – Reformforderungen mit gewerkschaftlichen oder parlamentarischen Mitteln durchzusetzen.

Egal, ob nun „revolutionär“ oder ‚sozial-bewegter Sammlungsversuch‘: Für beides ist die Form einer Petition („We act! Die Petitionsplattform von Campact“) „An: Deutsche Bundesregierung, Schweizer Bundesregierung, Österreichische Bundesregierung, Europäische EntscheidungsträgerInnen“ etwas merkwürdig. Schon die Form „Petition“ wirkt dafür befremdlich; aber wenn schon „Petition“, dann wäre sie wohl eher an die Bundes- und Landesvorstände von DGB und Einzelgewerkschaften und Strukturen der sozialen Bewegungen zu richten gewesen.

4. „Politik in 1. Person“

Eine vierte Möglichkeit wäre, zunächst einmal nur zu artikulieren, was die Unterzeichnenden selbst wollen – ohne sich groß darum zu scheren, ob sich das Staat und Kapital abringen lassen und/oder relevante Teile der Lohnabhängigen daran ebenfalls Interesse haben. Auch dafür wäre die Form „Petition“ dann eher ungewöhnlich – und nicht ohne weiteres einsichtig.

Die typische Form dafür wäre, einen (vermeintlichen) „Freiraum“ zu erobern, in dem (vermeintlich) nach der eigenen Schnauze gelebt wird; die typische Form wäre vielleicht auch eine kämpferische Demo mit Hassi und – heutzutage – viel Pyrotechnik (statt früher: Steinen) – allenfalls noch eine Unterschriftensammlung + Anzeige in taz oder der Frankfurter Rundschau (oder, wenn ganz viele, ziemlich gut verdienende UnterzeichnerInnen zusammenkommen, vielleicht auch in der Zeit).

II. Schlußfolgerungen (aus der Sprechpositionen-Analyse)

Was ist nun mein Vorschlag, der aus dieser Sortierung der Sprechpositionen bzw. Perspektiven folgt?

1. Nicht diese unterschiedlichen Sprechpositionen und Perspektiven in ein- und demselben Text zu vermengen.

2. Wenn die Absicht ist, etwas für die Interessen von Lohnabhängigen und Gewerkschaften zu tun, dann sollte sich zunächst einmal mit dem auseinandergesetzt werden, was die meisten Lohnabhängigen und Gewerkschaftsmitglieder tatsächlich wollen – und ihnen nicht einfach gesagt werden, was sie wollen sollen.

Das Interesse von Lohnabhängigen, die Betriebe, in denen sie arbeiten, selbst zu verwalten ist aber gemeinhin genauso gering, wie das Interesse von MieterInnen, die Häuser, in denen sie Wohnen, oder von Menschen, die in einem Stadtteil wohnen, ihren Stadtteil gemeinsam selbst zu verwalten.

Die allermeisten sind zufrieden, wenn der Lohn nicht allzu niedrig; die Miete nicht allzu hoch ist; der Parkplatz und der Supermarkt nicht allzu weit weg sind und das Wasser aus dem Wasserhahn fließt und nicht durch die Decke tropft. Und selbst dafür im Konfliktfall zu streiken, ist die Bereitschaft meist nicht allzu groß. Am ehesten wird noch die Rechtsberatung des MieterInnenvereins oder der Gewerkschaft in Anspruch genommen – und auch die schlagen dann nicht Streik, sondern Klage vor einem bürgerlichen Gericht vor.

Nun können immer theoretische Texte geschrieben werden und kann dieses und jenes propagiert werden (mache ich auch gerne); aber ein agitatorischer Text, der zu etwas Konkretem ‚antreiben‘ möchte, muß Zeit und Raum berücksichtigen und kann sich nicht auf ‚ewige Wahrheiten‘ beschränken. Die Etymologie hilft, beides zu unterscheiden:

•      Propaganda: von lat. propagare = weiter ausbreiten, erweitern.

•      Agitation: von lat. agitare = in Bewegung setzen, (an)treiben

Lenin kritisierte 1920 an einem Artikel von „B. K.“ (= Béla Kun): „Gen. B. K. übt Kritik auf Grund von Zitaten aus Marx, die sich auf eine der jetzigen ganz unähnliche Situation beziehen, […]. Er umgeht das, worin das innerste Wesen, die lebendige Seele des Marxismus besteht: die konkrete Analyse einer konkreten Situation.“ (LW 31, 153 - 155 [154])

In welchen Situationen hat es nun Sinn, daß die politische Linke (oder einzelne politische organisierte Linke) in Bezug auf Lohnabhängige / Betrieb & Gewerkschaften auf den Plan treten:

(1)  Wenn sie in dem Betrieb, in dem sie selbst als Lohnabhängige arbeiten, betroffen sind – also nicht als Außenstehende agieren.

(2)  Wenn ein Konflikt bereits aufgebrochen ist (weil der Lohn oder die Pause allzu knapp oder gesundheitsschädliche Arbeitsbedingungen auf Protest stoßen) – sei es, daß dann andere Belegschaften in den Solidaritätsstreik treten oder eh branchenweit gestreikt wird, oder sei es, daß politische organisierte Gruppen Soliarbeit in Bezug auf einen stattfinden Arbeitskampf machen und ggf. mit taktischen oder strategischen Vorschlägen intervenieren (oder sogar versuchen, Kommunismus / Abschaffung der Lohnarbeit als langfristiges Ziel ins Gespräch zu bringen).

Danach – nach einem bereits aufgebrochenen Konflikt – sieht es in Bezug auf Covid-19 aber bisher nicht aus – jedenfalls nicht in dem Sinne, daß sich sonderlich viele Lohnabhängige an zu wenig Gesundheitsschutz stören. Eher haken sie sich – sofern sie den Lauf der Dinge nicht einfach hinnehmen – bei kleinkapitalistischen CoronaleugnerInnen unter, die sich in ihrer privilegierten Freiheitlichkeit tangiert fühlen.

Nun spricht auch nichts dagegen, wenn Lohnabhängige an andere Lohnabhängige herantreten und versuchen, sie auf ein noch nicht erkanntes Ärgernis aufmerksam zu machen – aber: Wenn es eine Klassenperspektive sein soll, dann kann es nicht die Menschheits- oder EuropäerInnen-Perspektive sein, mit der aber der ZeroCovid-Aufruf beginnt: „Nach einem Jahr Pandemie sind wir in ganz Europa in einer äußerst kritischen Situation. Tausende Menschen sterben jeden Tag und noch viel mehr erkranken. […]. Wir brauchen sofort eine gemeinsame Strategie in Europa, um die Pandemie wirksam zu bekämpfen.“

3. Nun muß es durchaus nicht immer die Klassenperspektive sein; in anderen Fällen ist es vielmehr richtig, eine Frauenperspektive oder eine Perspektive von Schwarzen einzunehmen. (Weder ist die kapitalistische Produktionsweise die Ursache aller Ärgernisse, noch sind die Lohnabhängigen das Subjekt universeller Befreiung.[2])

In manchen – seltenen – Fällen mag es sogar richtig sein, die Perspektive ‚der Menschen‘, ‚des Bürgers‘ / ‚der BürgerIn‘ oder von ‚Ich, ein Individuum‘ einzunehmen. In diesen Fällen mag es auch sinnvoll sein, eine Petition an Regierungen zu schicken – aber dann ist es absurd, mitten im Petitionstext einzuschieben: „Wichtig ist, dass die Beschäftigten die Maßnahmen in den Betrieben selber gestalten und gemeinsam durchsetzen.“ Welche (bürgerliche) Regierung sollte das gut finden?

4. Es sollte (in jedem Text) klargestellt werden, um was es geht (vorliegend also): Um die Handhabung der Pandemie? Oder um die Handhabung der Pandemie-Folgen?

Je nachdem, liegen unterschiedliche Sprechpositionen bzw. Perspektiven nahe:

•      An der Pandemie selbst dürften die wenigsten ein Interesse haben – außer diejenigen, die sie bewußt zur RentnerInnen-Liquidierung verwenden wollen. Die Handlungen, die aus der Corona-Leugnerei folgen, befeuern zwar die Pandemie – aber in den meisten Fällen dürfte es an einem Mangel an Einsicht in die Pandemie oder Leugnung der Pandemie [weil sich an der Unbequemlichkeit der Maßnahmen zur Pandemie-Bekämpfung gestört wird] liegen – und es sich nicht um bewußte Affirmation der Pandemie handeln.

Insofern kann, was die Handhabung der Pandemie anbelangt, in der Tat so etwas wie eine Perspektive ‚der Menschen‘ oder ‚der BürgerInnen‘ oder wissenschaftlichen Objektivität eingenommen werden (auch einfacher als in Friedens- und Umweltfragen, da sich die Entstehung neuer Viren weitaus weniger als Rüstung und Ressourcenraubbau auf einen Effekt der Herrschaft der kapitalistischen Produktionsweise bzw. des Imperialismus zurückführen läßt; auch eine kommunistische Gesellschaft wäre nicht [grundsätzlich] vor der Entstehung neuer Viren oder Krankheiten gefeit, wenn auch vielleicht manche ‚kapitalistischen Umstände‘ der Entstehung neuer Krankheiten oder Viren förderlich sind).

Was die Pandemie anbelangt, ist es – solange nicht ausreichend Impfstoff, der erst erfunden werden mußte, zur Verfügung steht – in der Tat so banal, wie es verschiedene Wissenschaftsorganisationen in der BRD – von den RegierungschefInnen der Bundesländer übersehen oder überlesen – im Herbst beschrieben hatten:

„Kontakte, die potentiell zu einer Infektion führen, [müssen] systematisch reduziert werden. Nur so werden eine Unterbrechung der Infektionsketten und ein Einhegen der Situation wieder möglich. Je früher und konsequenter alle Kontakte, die ohne die aktuell geltenden Hygiene- und Vorsichtsmaßnahmen stattfinden, eingeschränkt werden, desto kürzer können diese Beschränkungen sein“

(https://www.leopoldina.org/uploads/tx_leopublication/2020_Gemeinsame_Erklaerung_zur_Coronavirus-Pandemie.pdf, S. 1)

Diese ‚Übersehen‘ oder ‚Überlesen‘, war nun allerdings kein Zufall, sondern hat durchaus etwas mit der kapitalistischen Produktionsweise zu tun – denn sie legt den AkteurInnen Kurzsichtigkeit nahe: „Fast alle fürchten sich vor kurzfristigen Verlusten im kapitalistischen Konkurrenzkampf und an Bequemlichkeit – aber sehen nicht, daß ein Lockdown umso länger dauern muß, je höher die Infektionszahlen erst einmal gestiegen sind – sollen sie dann wieder nach unten gedrückt werden.“ (http://www.trend.infopartisan.net/trd1120/Alles_nur_Angsthasen.pdf, S. 2; ausführlicher: S. 15 unten / 16 oben)

Trotzdem spricht insoweit nichts dagegen, es (auch) brav-habermasianisch mit dem ‚zwanglosen Zwang des besseren Argument‘ zu versuchen. In dem Sinne habe ich eine Alternativpetition formuliert und zur Mitunterzeichnung veröffentlicht:

 

#Anti-Covid_effektiv:

Dem Gesundheitsschutz Vorrang geben;

Betriebe schließen; Spaziergangsverbote ad acta legen!

https://weact.campact.de/petitions/dem-gesundheitsschutz-vorrang-geben-betriebe-schliessen-spaziergangsverbote-ad-acta-legen

Ein bißchen ‚Politik in 1. Person‘ ist auch dabei; aber diese Vermengung der Sprechposition mag vielleicht nachgesehen werden, wenn akzeptiert wird, daß eine Petition – durchaus von der Etymologie gedeckt[3] – nicht nur auf Bitten beschränkt werden muß, sondern durchaus auch Forderungen enthalten darf.

•      Ganz anders verhält es sich dagegen mit der Handhabung der Pandemie-Folgen (einschl. der Lasten des Infektionsschutzes). Hier kommen sofort die unterschiedlichen Perspektiven von ProduktionsmittelbesitzerInnen und denen, die an ihnen Arbeiten sollen, von Frauen und Männern zum Tragen. Hier erschöpft sich die Perspektive von ‚die Menschen‘ oder auch ‚wir in ganz Europa‘.

Dieser Kampf um die Handhabung der Pandemie-Folgen wird auch dann noch zu führen sein, wenn pharmazeutische (Impfen) und nicht-pharmezeutische (Kontaktreduzierungen) Maßnahmen das aktuell drängendste Problem (MaoistInnen, die den Unterschied zwischen Haupt- und Grundwiderspruch verstanden haben[4], würde vielleicht: sagen: den aktuellen, historisch-konjunkturellen Hauptwiderspruch) – die Bedrohung durch die Pandemie – beseitigt haben werden. Und in diesem Rahmen soll – gerne auch jetzt schon – weiterhin darüber diskutiert werden, was und wie die Lohnabhängigen selbst etwas gestalten wollen. Aber bitte sehr unter Beachtung von Raum und Zeit – und das heißt u.a. auch

  • nicht via Petition „An: Deutsche Bundesregierung, Schweizer Bundesregierung, Österreichische Bundesregierung, Europäische EntscheidungsträgerInnen“

und

  • unter Berücksichtigung, daß die linke Sprechblasen-Lyrik in der Bandbreite von Vagheit bis Utopismus nicht bereits die Lösung ist, sondern bestenfalls auf Probleme anspielt, die erst noch zu bearbeiten sind.

 


[1] Wie gesagt: Meines Erachtens spricht im vorliegenden Fall gar nichts dagegen, als besseres Gesundheitsamt- oder -ministeriums zu argumentieren. Nur sollte die Sprechposition offengelegt und durchgehalten werden. Denn ‚aufgeklärte Politikberatung‘ kann in der Tat auf das bessere Argument setzen; alles andere bräuchte eine Durchsetzungsstrategie. Statt dessen versucht der Text den Spagat zwischen ‚besseres Gesundheitsamt‘ und ‚die Beschäftigten sollen gemeinsam durchsetzen und selber gestalten‘, ohne sich aber mit dem tatsächlichen Bewußtseinsstand und dem, woran die Lohnabhängigen tatsächlich (und nicht bloß zugeschriebenermaßen) interessiert sind, auseinanderzusetzen.

[2] Siehe dazu bspw. meinen Text: Warum ich (auch) keinE FT-CI-TrotzkistIn bin… Zur Kritik des Manifestes der Trotzkistischen Fraktion / Vierte Internationale,der in Deutschland RIO angehört, in: trend. onlinezeitung 4/2016, S. 17 - 19 (Abschnitt 5.).

[3] von lat. pet?tio = Bitte, Verlangen, Ansuchen, Bewerbung, Anspruch; zu lat. petere = zu erreichen suchen, streben, fordern, bitten, sich bewerben (https://www.dwds.de/wb/etymwb/Petition; meine Unterstreichungen).

[4] „Der Grundwiderspruch im Entwicklungsprozeß eines Dinges und das durch diesen Grundwiderspruch bedingte Wesen des Prozesses verschwinden nicht, solange der Prozeß nicht abgeschlossen ist; doch weisen die Umstände in den einzelnen Etappen dieses langen Entwicklungsprozesses oft Unterschiede auf. […]. Mehr noch, unter den größeren und kleineren Widersprüchen, die durch den Grundwiderspruch bedingt sind oder sich unter seinem Einfluß befinden, verschärfen sich die einen, während andere zeitweilig oder teilweise gelöst oder gemildert werden und wieder andere, neue Widersprüche entstehen. Daher tritt ja der Prozeß etappenweise in Erscheinung. Wer auf die Etappen des Entwicklungsprozesses eines Dinges nicht achtet, ist nicht imstande, die dem Ding innewohnenden Widersprüche in angemessener Weise zu behandeln.“ (MAW I, 365 - 408 [381] – Über den Widerspruch)







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