Polit-Hysteriker betreiben weder Aufklärung noch sind sie wach.


Bild: Nilses, Wikimedia Commons

29.03.20
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Von Franz Witsch

Es tut mir leid, aber mir gehen einige politisch hoch engagierte Aktivisten, die Demokratie, Grundrechte und Freiheit mit der Corona-Hysterie gefährdet sehen, ganz schön auf die Nerven, namentlich Jens Wernicke von der Rubikon-Redaktion, von dem ich täglich zahllose E-Mails bekomme, in denen er ganz sicher ist: Die Corona-Epidemie ist ein groß angelegter Fake mit dem Ziel, die Freiheitsrechte der Bürger einzuschränken.

Dass Bewegungsfreiheiten eingeschränkt werden, steht außer Frage. Auch dass die Corona-Epidemie dafür verantwortlich ist. Ferner, dass sie instrumentalisiert werden könnte, global-totalitäre Strukturen zur Steuerung großer Menschenmassen zu rechtfertigen (vgl. PyVa) und zu implementieren. Alles möglich. Allein muss deshalb das Corona-Virus weniger gefährlich sein als in der veröffentlichten Meinung behauptet? Ich meine, alles laufen zu lassen, könnte sich unverantwortlicher Kurzschluss herausstellen.

Die E-Mails von Jens Wernicke sind jedenfalls in einem Ton gehalten, als sei man sich in der Rubikon-Redaktion ganz sicher: Die Corona-Krise ist ein Fake. Und alle Vorsichtsmaßnahmen zur Verlangsamung der Infektionsraten dummes Zeug, ja sogar gefährlich. Ich würde sagen: gefährlich sind Kurzschlüsse.

Um die Corona-Gefährlichkeit zu beurteilen, bin ich nicht Experte genug. Auch traue ich keiner Statistik, die ich nicht selbst gefälscht habe. Genau das tut Rubikon: mich bombardieren mit Statistiken, die richtig sein können oder auch nicht Hat Jens Wernicke denn im Studium keine Statistik-Seminare besucht; oder sie nicht verstanden?

Und weil alles möglich ist, finde ich es ratsam, mich den angeordneten Vorsichtsmaßnahmen auf keinen Fall zu verweigern und werbe sogar für sie! Und zwar unabhängig von allen Infos, die mich täglich zur Corona Krise erreichen (siehe Quellen). Einige sind geeignet, sich einmal mehr in Verschwörungsfantasien hineinzusteigern, die mit der Anzahl der Informationen, mit denen Rubikon und andere Foren uns erschlagen, den Blick fürs Wesentliche in wachsendem Maße trüben, es selbst einem einigermaßen geübten Beobachter schwer machen, die Orientierung zu wahren.

Ich fürchte, das alles trägt zur Aufklärung nicht sonderlich bei; die wir aber brauchen zur Begründung sozialverträglicher sozial-ökonomischer Strukturen, eine Arbeit, deren Bedeutung im so skandalumwitterten wie hyperaufgeregten Ton untergeht, dazu angetan, die eigene Ohnmacht gegenüber den tatsächlich existierenden grausamen sozialen Verhältnissen zu verhehlen.

Es ist dies eine Ohnmacht, der wir uns stellen müssen; vielleicht in der Art: wir haben keine Chance, aber nutzen sie dennoch, indem wir multiperspektivisch kommunizieren. Dazu scheint die Rubikon-Redaktion im Hinblick auf Corona, aber auch in Bezug auf meine Person, nicht fähig – aus öffentlichkeitswirksamen Gründen, wie man mir bedeutet (vgl. BB169). Anders gesagt: sie haben keine Chance, nutzen sie nicht und verwechseln das mit öffentlichkeitswirksamer Arbeit für eine bessere Gesellschaft.

Die Rubikon-Redaktion ist nur ein Beispiel unter vielen anderen Linken. Ich glaube, ihre verdrängte Ohnmacht besteht im Kern darin, dass man etwas verteidigt, was unsere sozialen und ökonomischen Strukturen nicht hergeben: die Geltung von Grundrechten und Demokratie.

Es ist und war immer so: Grundrechte lassen sich bis heute nicht einfordern oder einklagen in dem Sinne, dass es für ein einzelnes Subjekt von Bedeutung wäre. Dafür müssten Grundrechte sich unmittelbar, sozusagen von heute auf morgen, einklagen lassen. Was soll also der Kampf um Grundrechte, wenn es sie seit Jahrzehnten nur auf dem Papier gibt? Da drängt sich die Frage auf, was unsere Hysteriker eigentlich wollen? Sich wichtig fühlen? Das sind sie nicht! Das lässt sie zuweilen instinktiv hyperhysterisch agieren, vermutlich um die Vergeblichkeit ihres Kampfes zu verbergen. Vielleicht ja auch, um ein schleichend-schlechtes Gewissen zu verhehlen so in der Art: was es nicht gibt, muss man nicht verarbeiten. Darauf werde ich später, in einem K14-Text, ausführlicher zu sprechen kommen.

Es stellen sich für mich zunächst nur einfache Fragen, z.B. was wir mehr oder weniger sozial engagierte Bürger dazu beitragen, dass Grundrechte und Demokratie unser zukünftiges Leben nicht ausmachen werden. Dafür sprechen Gründe, die einer genaueren Untersuchung harren; die nahelegen, dass das Kind einer möglichen besseren Gesellschaft schon lange in den Brunnen gefallen ist; oder vielleicht gerade dabei ist, in den Brunnen zu fallen auf Nimmerwiedersehen. Warum reflektieren Hyperaktivisten wie Jens Wernicke das nicht und begeben sich damit der Möglichkeit, für sich selbst und andere etwas hinzuzulernen?

Wenn ich zurückdenke, kommt es mir vor, als wären solche linksorientierte Menschen schon immer beratungsresistent, bzw. nicht erreichbar. Um mögliche Gründe sollte man sich bemühen, wie ansatzweise in (T07 und T08) geschehen: Anerkannt linksorientierte Sozialtheoretiker wie Marcuse und Brückner lebten in ihren Wohlfühlblasen, die sie leerbegrifflich – geradezu hermetisch – abriegelten, und wir haben nichts anderes zu tun, als sie unreflektiert zu feiern, um uns mit ihnen “wohl” zu fühlen – unerreichbar für Menschen, die unsere Wohlfühl-Kultur gefährden. In dieser Hinsicht spricht einiges dafür, dass Linke auf ihre Weise genauso wenig erreichbar waren und sind wie ihre politischen Gegner.

Und so finden sie es wohl auch überflüssig zu fragen, was es bedeutet, erreichbar zu sein. Um sich politisch und mental nicht in einer sozialsystemischen Gemengelage von Teile-und-herrsche verheizen zu lassen, setzt Erreichbarkeit primär voraus, Erreichbarkeit für jeden beliebigen Bürger anzustreben; indem man sagt, was man für jeden beliebigen Bürger will: unmittelbar einklagbare Grundrechte: kein Arbeitszwang, körperliche Unversehrtheit (keine Folter, keine Todesstrafe, keine Armut), und zwar unabhängig, ob ein Bürger sie “verdient”, also auch für Kriminelle.

Von einer solchen Eindeutigkeit sind Linke wie ihre politischen Gegner meilenweit entfernt. Von mir, einem Quereinsteiger, wollen sie sich schon gar nicht belehren lassen. Sich einem richtigen und einfachen Argument zu verweigern, weil sie nicht selbst drauf gekommen sind, macht Linke indes in einem verobjektivierenden Sinne unglaubwürdig, wenn auch weniger gefühlt unglaubwürdig. Gefühlte Glaubwürdigkeit ist allerdings vor dem Hintergrund fragwürdig, als dass Gefühle korrumpierbar sind und zwar anders als ein Rechtsgrundsatz, der unverrückbar gilt: die Würde des Menschen ist unantastbar, auch die eines Kriminellen.

Die Geltung eines solchen Rechtsgrundsatzes muss man wollen selbst gegen die eigenen Gefühle. Dazu sind Linke bis heute nicht in der Lage – zu sagen, was sie denn wollen, für alle, und nicht für eine bestimmte Klientel, die Arbeiter. Ohne einen solchen Willen kämpfen Linke seit jeher gegen Windmühlen, um nicht zu sagen: für nichts. In diesem Sinne ist es ein zu wenig reflektiertes Problem, für die Bewahrung von etwas zu kämpfen, was es seit jeher noch nie gegeben hat: unmittelbar einklagbare Grundrechte (Freiheit) für alle, oder es gibt sie nicht: Grundrechte.

Man kann ja der Meinung sein, zumindest in einer Demokratie zu leben, wenn man glaubt, sie wäre gewahrt, wenn man seine Meinung frei äußern kann. Nach meinem Dafürhalten ist es allerdings belanglos, seine Meinung frei äußern zu können, solange sich die überfamiliären Strukturen (Institutionen) für sie nur dann nachhaltig und nicht nur der Form halber interessieren (so seht doch, wir leben in einer Demokratie), wenn sie in ihren jeweiligen Bestandsinteressen geäußert wird.

Ja, und die eben genannten Grundrechte für Kriminelle sind nicht im Bestandsinteresse überfamiliärer sozialen Strukturen. Und auch nicht in den familiären Strukturen, dort, wo Menschen unmittelbar und primär gefühlsmäßig miteinander verkehren, sind sie bedeutungslos, eben weil dort das Gefühlsmäßige naturgemäß dominiert. Das könnte der tiefere Grund sein, dass Linke sich scheuen, gegen ihre Gefühle für Grundrechte einzustehen, eben weil das öffentlichkeitswirksam für den gefühlssüchtigen Bürger nur schwer vermittelbar ist und deshalb nicht sagen, was wir grundlegend für jedes beliebige Subjekt wollen. Ohne ein solches Wollen bleiben sonstige Meinungsäußerungen, sie mögen noch so frei sein, belanglos; sie versanden so schnell wie sie geäußert werden.

Ich bin überzeugt, dass hysterischer Aktivismus, er mag sich noch so freiheitlich gerieren, nachhaltig sehr wahrscheinlich zu nichts führt, es sei denn, seine Wirkungslosigkeit (Ohnmacht) zu verhehlen. Vielleicht bringt er sogar kontraproduktiv genau das mit hervor, was zu bekämpfen er vorgibt: eine unfreie Gesellschaft; auch weil er, wie Marcuse und Brückner (vgl. T07, T08), glaubt, nicht exakt (grundrechtsspezifisch) spezifizieren zu müssen, was er unter “frei”, “Freiheit” oder “Emanzipation” versteht.

Emanzipation müssen wir für alle fordern, oder wir können uns den Begriff in die Haare schmieren. Ein solcher Ansatz zieht Konsequenzen nach sich, die mental nicht leicht zu bewältigen sind. Solange wir das nicht hinreichend reflektieren, werden überaktive Hysteriker ihren Kampf immer vergeblich führen, weil viele Bürger, man mag sie für unaufgeklärt halten, dieser Hysterie nicht über den Weg trauen; sie würden sich genau wie ich einfach nur unwohl fühlen; vermutlich, weil sie sie sich – wie Kriminelle, mit denen wir in Krimis unwillkürlich mitfiebern – nicht “wirklich” einbezogen fühlen, ohne dieses Gefühl auf einen Begriff bringen zu können, also zu begreifen, warum sie sich unwohl oder nicht einbezogen fühlen. Denn natürlich ist es richtig, Kriminelle aus dem sozialen Leben zu entfernen.

Man könnte noch viele Fragen stellen, zum Schluss so eine letzte, die für mich zentral ist. Könnte es sein, dass irgendwas zwischen Sender (Sprecher) und Empfänger (Hörer) nicht stimmt? Was vielleicht dadurch zum Ausdruck kommt, dass der Sender es ablehnt, zum Empfänger degradiert zu werden von einem verunsicherten Bürger, den der Sender, weil er sich verunsichert zeigt, für unaufgeklärt hält? Ich fürchte, eine Meinung gilt für gewöhnlich nur etwas, wenn sie aus “berufenem” Munde kommt, und der eigenen Meinung nicht widerspricht. Eine alte Wahrheit – immer noch der Reflektion bedürftig.

 

Quellen:

 

BB169: Franz Witsch. Nicht gut gelitten: Die Politisierung des Privaten

http://film-und-politik.de/BB-bis200.pdf (S. 177)

PyVa: Valeriy Pyakin: Covid-19 – Die Welt in Panik.

Youtube vom 16.03.2020

https://www.youtube.com/watch?v=8yZ2LtdPWuE

ergänzend zum Begriff “Globaler Prädiktor”

https://fktdeutsch.wordpress.com/wer-ist-der-globale-pradiktor/

Tp01: Coronavirus: Der kopflose Westen

Telepolis vom 28.03.2020. Von Alexander Unzicker

https://heise.de/-4692647

Tp02: Covid-19: Viele Ärzte und Pflegekräfte in Italien und Spanien infiziert. Telepolis vom 28.03.2020. Von Bulgan Molor-Erdene

https://heise.de/-4692724

Medi01: Coronavirus: Der Hammer und der Tanz. Wie die nächsten 18 Monate aussehen können, wenn Politiker uns Zeit kaufen

medium.com vom 21.03.2020. Von Christina Mueller:

https://medium.com/tomas-pueyo/coronavirus-der-hammer-und-der-tanz-abf9015cb2af

T07: Franz Witsch. Die herrschende Sozialtheorie: nicht gesellschaftsfähig

http://film-und-politik.de/K14.pdf (S. 85)

T08: Franz Witsch. Verlogen auf der Basis einer mit sich selbst identischen Moral

http://film-und-politik.de/K14.pdf (S. 100)

 







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