Das politische System verändern: Das wollen die Gelbwesten!


Bildmontage: HF

18.12.18
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Aufruf der Gelben Westen von Commercy

zu Volksversammlungen im ganzen Land

2. Dezember 2018

Unsere Regierung verlangt nicht deshalb Repräsentanten der Gelben Westen, um unsere Wut und unsere Forderungen besser zu verstehen: ihr geht es darum, uns „einzuhegen“ und uns dann zu „beerdigen“. So wie sie es mit den Gewerkschaftsführern tut, sucht sie Vermittler, also Leute, mit denen sie verhandeln könnte, auf die sie Druck ausüben kann, um die Bewegung zu „besänftigen“. Leute also, die sie vereinnahmen kann und dazu drängen wird, die Bewegung zu spalten und zu „beerdigen“.

Wir verweigern die Vereinnahmung!

Es lebe die direkte Demokratie!

Wir brauchen keine regionalen Repräsentanten!

Seit fast zwei Wochen hat die Bewegung der Gelben Westen Hunderttausende überall in Frankreich auf die Straßen getrieben, für viele ist es das erste Mal. Der Treibstoffpreis war der Benzintropfen, der das Glas zum Überlaufen gebracht hat und einen Flächenbrand erzeugte. Leid, die Schnauze voll haben, Ungerechtigkeit waren noch nie so stark verbreitet. Aber jetzt organisieren sich Hunderte lokaler Gruppen selbst und immer wieder auf andere Art und Weise.

Hier in Commercy, im Departement Meuse, haben wir täglich Volksversammlungen, an denen sich jede Person mit gleichen Rechten beteiligen kann. Wir haben Blockaden in der Stadt organisiert, an Tankstellen, und wir „filtern“ den Verkehr [d.h. wir halten Fahrzeuge an und lassen sie nur ganz langsam wieder weiterfahren]. Dann haben wir eine Holzhütte auf dem zentralen Platz der Stadt gebaut. Dort treffen wir uns jeden Tag, um uns wieder zu organisieren, neue Aktionen zu beschließen, uns mit den Leuten zu unterhalten und um neue Teilnehmer aufzunehmen, die zu uns stoßen. Wir haben auch eine „solidarische Suppenküche“. So entwickeln wir ein schönes Gemeinsamkeitsgefühl und lernen uns gegenseitig kennen. Und dabei begegnen wir uns alle als Gleiche unter Gleichen.

Und da kommt die Regierung und einige Randgruppen der Bewegung daher und schlagen uns vor, regionale Repräsentanten zu benennen. Das heißt, einige Personen, die dann die einzigen Gesprächspartner von Regierung und Behörden wären, und auf die sich dann unsere große Vielfalt reduzieren würde.

Wir wollen aber keine Repräsentanten, die am Ende notgedrungen an unserer Stelle sprechen würden.

Wozu soll das gut sein? Hier in Commercy hat eine spontane gebildete Delegation den Unterpräfekten getroffen, in den großen Städen haben andere direkt den Präfekten getroffen: diese sind sehr wohl schon damit beschäftigt, unsere Wut und unsere Forderungen nach oben weiterzugeben. Sie wissen auch jetzt schon, dass wir fest entschlossen sind, diesen Präsidenten, diese widerliche Regierung und dieses verfaulte System, welches sie verkörpern zu beseitigen.

Und geanu das ist die Angst der Regierung! Denn sie weiß natürlich: wenn sie damit anfängt bei den Steuern auf den Treibstoff nachzugeben, dann muss sie auch bei den Renten, bei den Arbeitslosen, beim Statut der öffentlich Beschäftigten und all den anderen Fragen nachgeben, Und sie weiß auch ganz genau, dass die Gefahr besteht, dass eine breite Protestbewegung gegen das „System“ noch weiter an Kraft gewinnt.

Doch was die Stärke und die Intelligenz unserere Bewegung betrifft, verschätzt sich die Regierung gewaltig. Wir sind sehr wohl dabei, Überlegungen anzustellen, uns zu organisieren, unsere Aktionen weiter voranzutreiben, sodass sie echt Schiss bekommen, und wir sind dabei, die Bewegung noch stärker zu machen.

Vor allem sollte die Regierung eine ganz wichtige Sache nicht vergessen, nämlich die, dass die Bewegung der Gelben Westen viele Dinge fordert, die weit über die Steigerung der Kaufkraft hinausgehen. Diese Sache lässt sich so auf den Punkt bringen: alle Macht dem Volk, alle Macht durch das Volk, alle Macht für das Volk. Das ist ein völlig neues System, in dem die, „die nichts sind“, wie jene voller Verachtung sagen, die Macht übernehmen über jene, die sich mästen, über die „Eliten“ und über die Geldmächte. Das ist Gleichheit. Das ist Gerechtigkeit. Das ist Freiheit. Das ist es, was wir wollen! Und das kommt von der Basis des Volkes.

Wenn man Repräsentanten und Sprecher benennt, dann führt das dazu, dass wir passiv werden. Schlimmer noch: sehr schnell hätte man wieder ein System, das auf allen Ebenen so funktioniert wie die Halunken, die uns dirigieren. Also diese sogenannten „Repräsentanten des Volkes“, die sich die Taschen vollstopfen, die die Gesetze machen, die uns das Leben versauen und die die Interessen der Superreichen bedienen.

Lassen wir uns nicht länger in diese Diskussion der Repräsentation und der Vereinnahmung hineinziehen. Jetzt ist jedenfalls nicht der geeignete Zeitpunkt, unser Anliegen einer Handvoll Leuten anzuvertrauen, auch wenn sie ehrenvolle Absichten haben. Entweder hören die „Dirigenten“ uns allen zu oder sie brauchen überhaupt niemandem zuzuhören!

Nur so werden wir unseren Kampf gewinnen, denn wie man mit dem umgeht, was wir wirklich wollen, haben die da oben, keine Erfahrung. Und das macht denen sehr viel Angst.

Lassen wir uns nicht dirigieren. Lassen wir uns nicht spalten und vereinnahmen.

Wir sagen nein zu den selbsternannten Repräsentanten und Sprechern! Lasst uns unser Leben wieder in die eigene Hand nehmen! Es leben die Gelben Westen in all ihrer Vielfalt!

Alle Macht dem Volk, alle Macht durch das Volk, alle Macht für das Volk!

 

Übersetzung von Franz Schneider, Saabrücken







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