Die Privatisierung des Internet, Web 2.0, proprietäre Software & Politische Zensur


Bildmontage: HF

25.09.11
DebatteDebatte, Soziales, Kultur, TopNews 

 

von Jörg Djuren

Stell Dir vor Deine Telefongesellschaft bietet Dir ab sofort an, umsonst zu telefonieren, dafür schneidet sie dann aber alle Deine Verbindungsdaten mit, wertet sie teils auch inhaltlich aus und verkauft sie an Werbeagenturen und läßt zu das Geheimdienste und andere Interessierte sie nutzen. Außerdem nimmt Deine Telefongesellschaft sich das Recht heraus, Deine Gespräche zu zensieren.

Falls Du nach ihrer Meinung inadequates äußerst, wird Dein Gespräch durch ein TUUUT unterbrochen, z.B. falls Du das f-Word (fuck) benutzt. Einspruchsrechte hast Du praktisch keine, die mußt Du vorher alle abtreten.
Würdest Du Dich darauf einlassen?

Oder nehmen wir an Du kaufst Dir einen neues TV-Gerät. Empfangen kannst Du mit dem Gerät bequem nur noch die Sender eines Konzerns, alle anderen Sender sind nur mit komplizierten Umwegen erreichbar.
Machst Du das?

Dies ist aber bildlich das, was zur Zeit im Umfeld von neuen Internetnutzungen (Web 2.0) und neuen internetnahen Produkten (Apple) passiert.

Facebook weiß, was Du letzten Sommer getan hast[1]

Die bekanntesten Web 2.0.-Technologien (Facebook, StudiVZ u.a.) basieren darauf, dass sie im Internet einen zweiten abgeschottenen Bereich öffnen in dem die Regeln vom Betreiber festgelegt und gleichzeitig Möglichkeiten der Interaktion der NutzerInnen organisiert werden.

Diese Bereiche sind Privatbesitz, daß heißt die Mitglieder halten sich hier nicht in einem öffentlichen Raum auf (im Gegensatz zum Internet in dem die allgemeine Gesetzeslage gilt). Alle Regeln, die hier gelten, können praktisch beliebig von Facebook u.a. nach dem Recht der Vertragsfreiheit in den Nutzungsvereinbarungen festgelegt werden.

Ziel der Betreiber ist dabei möglichst viele NutzerInnen an sich zu binden und Monopolstrukturen durchzusetzen und mit den gewonnen Informationen Geld zu verdienen. Gerade im Bereich 'sozialer' Netzwerke ist dabei die Gefahr der Herausbildung eines Monopols hoch, da hier die Menge der NutzerInnen einen wesentlichen Teil der Atrakttivität für weitere NutzerInnen ausmacht. Zwar ist die Teilnahme freiwillig, gerade für Jugendliche beinhaltet aber die Verweigerung eine massives Risiko sozialer Ausgrenzung.'

Aus Mangel an Alternativen gewinnen so zur Zeit wenige Konzerne eine massive Macht über das soziale und kommunikative Verhalten der Menschen. Die Regeln werden von den Konzernen nach kommerziellen Interessenlagen und politischer Ausrichtung der Besitzer festgelegt. Die NutzerInnen haben nur sehr bedingt Einfluß.
Ihre Daten dienen dem 'Datamining' für zielgruppenspezifische Werbung, werden von Arbeitgebern und Geheimdiensten ausgewertet und auch eine Zensur findet statt.

So erlaubte Facebook einem Nutzer nicht, auf eine Seite des Dienstes queer.de zu verlinken, die dokumentiert, wie der Papst gegen die Homoehe hetzt. Er versuchte, in seinen Mitteilungen an seine eigenen Facebook-Freunde einen Link auf die Seite 'Papst nennt Homo-Ehe "Anschlag" auf Schöpfung' anzulegen und bekam die Meldung: "This Message contains blocked content" Es gab keine Möglichkeit, diese Zensur zu umgehen und seine Freunde auf den Link hinzuweisen.[2]

Auch persönliche Nachrichten werden von Facebook auf 'unerwünschte Inhalte' gescannt. Persönliche Nachrichten, die Links zur Pirate-Bay enthielten, wurden abgefangen. Facebooks Privatssphäre-Chef Chris Kelly sah sich im Recht, Nachrichten auf Basis darin enthaltener Links zu blockieren. Schließlich weise Facebook seine Nutzer explizit darauf hin, dass das "Verbreiten von Spam und illegalen Inhalten" verboten sei. Ob die Nachrichten auch etwa auf Hinweise zu illegalem Drogenkonsum gescannt werden, wollte Facebook auf Anfrage (von Wired) nicht kommentieren.[3] Auch Scanns auf Raubkopien sind denkbar.

Dabei steht Facebook hier nur als Beispiel, auch andere Konzerne unterscheiden sich in diesen Punkten von Facebook nur marginal. Durch die Vermischung von Netzbetrieb und inhaltlichem Angebot wird letztendlich die Grundlage der Meinungsfreiheit außer Kraft gesetzt. Die Web 2.0 Bereiche sind halt gerade KEINE öffentlichen Orte, sondern sie stehen größten Teils unter Kotrolle von Konzernen als Privatbesitz, die ein kommerzielles und politisches Interesse haben bestimmte Inhalte zu unterdrücken (z.B. auch Informationen über Konkurrenzprodukte) und die Kommunikation zu steuern und dies auch tun.
Und das Problem ist auch nicht auf die Web2.0-Technologien einschränkbar, auch Google und Apple werden zunehmend zu einer Gefahr für die Freiheit der NutzerInnen. Auch bei diesen Konzernen besteht der Wille bestimmte Bereiche des Internet bzw. der Anwendungen im Umfeld unter Kontrolle ihres Monopols zu bekommen oder zu halten.

I-Pod, I-Pad, I-Zensor


Die neuen Apple-Angebote basieren auf der Verknüpfung von Abspielgeräten mit dem inhaltlichen Angebot (z.B. propriäterer Software - Apps -). Und auch Apple strebt ein Monopol an und kontrolliert die Inhalte um den Profit zu maximieren. Auch Apple übt politische Zensur aus. So wurde ein religionskritisches App für das I-Phone von Apple verboten, da es Apple zu blasphemisch erschien,[4] außerdem wurde eine Programm verboten, mit dem Bücher vom deutschen Gutenberg-Projekt (einem nichtkommerziellen hochangesehenen Projekt, dass Klassiker der Weltliteratur im Netz verfügbar macht) lesbar wurden, da Apple diese Weltliteratur moralisch als zu anrüchig vorkam (insbesondere das Kamasutra).

Dies wurde zwar inzwischen zurückgenommen, aber nur weil das Kamasutra nicht zum Standardpaket des Readers gehörte.[5] Auch andere Bücher, die als Apps angeboten wurden, wurden von Apple zensiert.[6] In China wurde von Apple Apps entfernt, die Zitate des Dalai Lama zugänglich machten.[7] Ob Apple diese Zensurpolitik auf den I-Pad übetragen will ist nicht klar, die Möglichkeit besteht aber rechtlich jeder Zeit, da es sich auch hier um einen privatrechtlichen Rahmen handelt. Und auch hier sind die Alternativen denkbar dünn.

Die Entwicklung, die das Internet mit technischem Umfeld zur Zeit mit Facebook, Apple, Google & Co. nimmt, ist aber nicht alternativlos. Vergleichbar dem politischen Kampf für dezentrale Energieversorgung und -netze ist es überfällig die Auseinandersetzungen auch im Internet aufzunehmen.
Was wir brauchen sind auch im Internet basisdemokratisch bestimmte dezentrale Netzwerke die kooperativ zusammenarbeiten statt monopolistischer Konzerne und außerdem eine basisdemokratische und selbstbestimmten Technologieweiterentwicklung. Möglich ist dies, Ausgangspunkte könnten Projekte wie die Suchmaschine YACI oder das Helloworld-Network sein.[8]

http://www.irrliche.org/politische_kritik/apple_zensur.html

Fußnoten
[1] Ich weiß, was du letzten Sommer getan hast ist ein US-amerikanischer Horrorfilm und der erste Teil einer Trilogie aus dem Jahre 1997 -
de.wikipedia.org/wiki/Ich_wei%C3%9F,_was_du_letzten_Sommer_getan_hast -
[2] Freiheit stirbt mit Sicherheit! - Mittwoch, 13. Januar 2010 -
direkteaktion.over-blog.de/article-facebook-zensiert-eine-deutsche-schwulenseite-42878069.html -
[3] Facebook’s E-mail Censorship is Legally Dubious, Experts Say – Wired, May 6, 2009 by Ryan Singel -
www.wired.com/epicenter/2009/05/facebooks-e-mail-censorship-is-legally-dubious-experts-say/ -
[4] Aufstand gegen Apples App-Zensur – Spiegel, 23.02.2010 - von Matthias Gebauer und Frank Patalong -
www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,679750,00.html -
[5] Apple zensiert Apps mit nackter Haut, sogar Bikini-Fotos – von Jason D. O'Grady, Jan Kaden – zdnet, 22.02.10 –& Abgelehnter E-Book-Reader fürs iPhone darf jetzt doch in den App Store – von Steven Musil, Florian Kalenda – zdnet, 25.05.09  -
tinyurl.com/3vw4m83
[6] Censoring books? - by Elisabeth Oppenheimer - futureoftheinternet.org, February 24th, 2009 -
futureoftheinternet.org/censoring-books - futureoftheinternet.org/censoring-books -
[7] Apple censors Dalai Lama iPhone apps in China – CIO, 30.12.2009 -
www.cio.de/news/cio_worldnews/2219101/ -
[8] Yaci ist eine Suchmaschine in der Entwicklung die dezentral funktioniert z.B. -
yacy-websearch.net/wiki/index.php/De%3AStart
-Das Helloworld-Network ist ein Beispiel für den Ansatz der Entwicklung eines dezentral organisierten 'sozialen' Netzwerks-
www.helloworld-network.org/de/
-Solche Ansätze gilt es zu unterstützen und politisch kritisch zu begleiten.


VON: JÖRG DJUREN






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