Die imperialistische Einheit ist in den Köpfen der Ostdeutschen gescheitert.
Von Reinhold Schramm
Eine aktuelle Studie der Otto Brenner Stiftung. Die deutsche Einheit zwischen Lust und Frust. Ergebnisse der "Sächsischen Längsschnittstudie".
Ein Quellenauszug: Die Sächsische Längsschnittstudie dokumentiert den Wandel, der sich bei jungen Ostdeutschen des Geburtsjahrganges 1973 zwischen ihrem 14. und 34. Lebensjahr in Bezug auf ihr politisches Bewusstsein vollzogen hat, ausgelöst durch das Ende der DDR und des realen Sozialismus, die schockartigen Veränderungen in der Wendezeit und das unmittelbare Erleben des realen Kapitalismus., den sie bisher nur aus den Medien und ihren Lehrbüchern kannten.
Vertrauen zu den demokratischen Parteien ist kaum vorhanden. Eine Trendwende ist nicht in Sicht. In den letzten Jahren hat sich der Anteil der jungen Erwachsenen, die zu keiner der etablierten Parteien Vertrauen haben, ständig erhöht. Die meisten meinen, dass die heute herrschenden Politiker in erster Linie die Politik der Reichen und Mächtigen vertreten.
Beim Systemvergleich DDR - heutige Bundesrepublik schneidet die DDR in sozialer Hinsicht von Jahr zu Jahr besser ab - eine nach dem Untergang eines Landes historisch einzigartige Erscheinung. Dies gilt vor allem in Bezug auf die soziale Sicherheit, die Betreuung der Kinder, das Verhältnis der Menschen untereinander, die Förderung der Familie, den Schutz gegenüber Kriminalität, die Schulbildung, die soziale Gerechtigkeit. - Dabei wird die DDR umso positiver beurteilt, je negativer die heutigen Erfahrungen der jungen Leute mit den Folgen des Systemwechsels und der Vereinigung sind. Diese positiven Erinnerungen bedeuten keine ideologische Verklärung der DDR.
Die überwiegende Mehrheit hält den Sozialismus für eine gute Idee, die bisher nur schlecht verwirklicht wurde. Die grundsätzliche Frage "Kapitalismus oder Sozialismus?" ist für sie noch nicht beantwortet. - Dass die sozialistischen Gesellschaftsideale sich eines Tages durchsetzen werden, glauben gegenwärtig allerdings ebenso wenige wie das jetzige Gesellschaftsmodell für zukunftsfähig halten. - Die persönliche Zukunftszuversicht der 34-Jährigen hat nach der Wende und der deutschen Einheit erheblich abgenommen. Immer weniger der 34-Jährigen verbinden ihre Zukunft mit Ostdeutschland, insbesondere mit Blick auf den Arbeitsmarkt. Eine Mehrheit der Frauen, im Gegensatz zu den Männern, sieht sich nicht als (sozialökonomische) Gewinner der Einheit.
Bei weit mehr als der Hälfte der PanelteilnehmerInnen haben sich die langjährigen Erfahrungen mit Arbeitslosigkeit inzwischen zu der Auffassung verdichtet, dass ohne menschenwürdige und auskömmliche Arbeit keine Freiheit existiert.
Fazit: Die in der DDR erfahrene Sozialisation der heutigen 34-Jährigen hat bis in die Gegenwart nachweisbare Langzeitwirkungen. Das betrifft vor allem damalige Alltagserfahrungen in sozialer Hinsicht, insbesondere die erlebte soziale Sicherheit. Die vorliegenden Trends führen zu der Feststellung, dass der Zeitraum von zwei Jahrzehnten nicht ausgereicht hat, um einen nennenswerten Teil der jetzt 34-Jährigen politisch für das jetzige Gesellschaftssystem und dessen Werte und Perspektiven einzunehmen. - Diese kritische Haltung verstärkte sich bereits am Ende der Regierungszeit von Schwarz-Gelb, den kurzfristig wachsenden Hoffnungen nach dem Regierungswechsel 1998 zu Rot-Grün folgte ein noch stärkerer Absturz als zuvor, der sich auch nach den Bundestagswahlen von 2005 fortzusetzen scheint. - Besonders augenfällig ist die signifikant zurückgehende Bejahung der Wende, dem bisher folgenreichsten politischen Ereignis im Leben dieser jungen Ostdeutschen, nachweislich vor allem hervorgerufen durch die stark gestiegene persönliche Betroffenheit von Arbeitslosigkeit (u.a.: weniger als 10 Prozent glauben daran, dass das System des Kapitalismus die dringenden Menschheitsprobleme lösen wird). Die Arbeitslosigkeit hat maßgeblich zu einer "Entzauberung der Verheißungen des Kapitalismus" beigetragen. - Das betrifft in besonderem Maße die Frauen, die der jetzigen kapitalistischen Gesellschaft von Anfang an noch kritischer gegenüberstanden als die jungen Männer.
Anm.: Bitte den gesamten Text im Original nachlesen und prüfen.
Quelle: Otto Brenner Stiftung. OBS-Arbeitsheft 60.
Die deutsche Einheit zwischen Lust und Frust. Ergebnisse der "Sächsischen Längsschnittstudie".
Zusammenfassung für die Otto Brenner Stiftung, Frankfurt am Main, 2009.
AutorInnen:
Prof. Dr. Sc. paed. Peter Förster, Forschungsstelle Sozialanalysen, Leipzig.
PD Dr. phil. habil. Yve Stöbel-Richter, Dipl.-Soz., Uni. Leipzig, Selbständige Abt. für Med. Psychologie und Med. Soziologie, Leipzig.
Dr. rer. medic. habil. Hendrik Berth, Dipl.-Psych., Universitätsklinikum Carl Gustav Carus Dresden, Med. Psychologie und Med. Soziologie am Zentrum für Seelische Gesundheit, Dresden.
Prof. Dr. rer. biol. hum. habil. Elmar Brähler, Universität Leipzig, Selbständige Abteilung für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie, Leipzig.
Herausgeber:
Otto Brenner Stiftung. Jupp Legrand/Wolf Jürgen Röder, Frankfurt am Main.
E-Mail: obs@igmetall.de / www.otto-brenner-stiftung.de
15.10.2009 / Reinhold Schramm