Offener Brief an Wolfgang Thierse zu dessen Leitkultur


Bildmontage: HF

25.12.17
DebatteDebatte, Antifaschismus 

 

Von Volker Ritter

Sehr geehrter Herr Thierse,

eins der üblicherweise wenig spannenden Interviews von Sigmar Gabriel wird gerade durch einen Beitrag von Ihnen bekannter. Ihre Unterstützung für Gabriel, war vielleicht innerparteilich gemeint, wurde aber zum Medienhype, da Sie die SPD offenbar den „Identitären“ angleichen wollen. Zumindest will ihr Beitrag mit einer Debatte um Begriffe wie „Identität“, „Leitkultur“ oder „Heimat“ die SPD endgültig zur Apologetin der Volksgemeinschaft machen. Seit Gerhard Schröder mit Hartz IV von Ärmsten und Abgehängten das Fordern für die „Solidargemeinschaft“ einführte, war in der SPD noch niemand so nah an faschistischer Ideologie, wie Sie. Daher möchte ich auch öffentlich klären, warum ich nicht zu ihrer Volksgemeinschaft und zu ihrer Kultur gehöre.

Meine Staatsbürgerschaft (altes BRD-deutsch) wollte ich schon gleich nach der Wehrerfassung mit 18 kündigen. Durfte ich aber nicht. Ohne alternative Staatsbürgerschaft will mich die BRD nicht aus ihrem Eigentum entlassen. Eine moderne Form der Leibeigenschaft. Gleichzeitig beansprucht das Staatsbürgerschaftrecht selbst die Ur-Enkel von Auswanderern als Eigentum. Medien berichten gerade über einen Kalifornier, der bei Olympia in Tokio als Golfspieler für die BRD antreten soll. Deutsch spricht der Mann noch weniger, als Schwaben, Bayern oder Sachsen. Genau gesagt gar nicht.

Das Staatsbürgerrecht orientiert sich rein genetisch – also rassistisch – und hat mit Kultur absolut gar nichts zu tun.

Kulturell bin ich nicht „deutsch“, sondern lohnabhängig. Meine Werte entstammen nicht den Fürstenhäusern des „Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation“ sondern der Aufklärung, der französischen Revolution oder der ersten Internationale der Arbeiterbewegung.

Vor rund 120 Jahren gehörte auch die SPD trotz der Differenzen zwischen Marx und Bakunin noch zu dieser Kultur. Dann verkündete Eduard Bernstein, man solle doch die Bourgeoisie umarmen. Seither lag die Rolle der SPD in der Unterstützung für des Kaisers Kriegskredite. 1918 brauchte die Bourgeoisie den Bluthund Gustav Noske um gemeinsam mit dem aufkeimenden Faschismus eine Revolution zu verhindern. Da war die Verweigerung der SPD beim Ermächtigungsgesetz 1933 eher eine Überraschung. Aber nach 1945 konnte die SPD im kalten Krieg ja zu ihren eigentlichen Werten, dem Antikommunismus, zurück finden. Im kalten Krieg hatte die SPD auch ihre Glanzstunde. Sie durfte Brosamen verteilen, die von den berstenden Tischen des Kapitals fielen.

Nach 1989 durfte die BRD mit Gerhard Schröder nur noch einmal auftreten. Über den längst erledigten Mythos, die SPD sei Teil einer Arbeiterbewegung, durfte sie noch mal uns Lohnabhängige an den Neoliberalismus verraten. Aber das wars dann auch. Seither ist die SPD völlig zu recht eine 20-Prozent-Partei für Karrierebeamte und leitende Angestellte, die auf Minderheitenschutz hoffen.

Herr Thierse, ich verstehe ihr Trauma schon. Sie haben das Volksvermögen ihres Staates an die westdeutsche Reaktion verschleudert. Sie haben für Bananen und weiches Klopapier einen eigenen Staat verschenkt. Ihre Karriere oder die von Angela Merkel ändert nichts an den Tatsachen über den Anteil von Eliten im Kohlonalgebiet DDR. Ihre Deutschtümelei, ihre Berufung auf Gene oder „Heimat“ und „Kultur“ mag ja dem Imperialismus dienen – für uns Lohnabhängige ändert es nichts.

Der Kern der Flüchtlingsfrage liegt ja auch in einen Trauma. Europäer fürchten, Einwanderer könnten sich so verhalten, wie Europäer in 500 Jahren Kolonialgeschichte. Also mordend und plündernd durchs Land ziehen und nichts als Elend hinterlassend. Da aber ist die Geschichte doch etwas weiter. Würde der Kapitalstrom so rigoros bekämpft, wie Flüchtlinge, dann wäre Europa kaum attraktiv.

 

Volker Ritter, ver.di-Erwerbslosenausschuss Hannover-Leine-Weser und Nds.-HB

"Das letzte Volk, dass sein Land so billig abgegeben hat, wie die Ostdeutschen, waren die Apachen"
NDR, extra 3



Leserbrief zu: Volker Ritter: "Offener Brief an Wolfgang Thierse zu dessen Leitkultur". - 26-12-17 14:58




<< Zurck
Ja, auch diese Webseite verwendet Cookies. Hier erfahrt ihr alles zum Datenschutz