Umsturz - Eine Ausstellung über eine Revolution


Foto: René Lindenau

24.11.17
DebatteDebatte, Sozialismusdebatte, Kultur, Berlin 

 

Von René Lindenau

Ich freue mich auch, dass in der letzten Zeit nicht mehr so viel Aufwand mit dem Wort Revolution gemacht wird wie zuerst. […] Man kann revolutionäre Gedanken aussprechen, ohne fortwährend mit dem Wort Revolution um sich zu werfen.“

Friedrich Engels

Wie es sich für ein gutes Haus dieser Museumssparte gehört, hat das Deutsche Historische Museum in Berlin wieder ein herausragendes geschichtliches Jubiläum, nunmehr das des 100. Jahrestages der russischen Oktoberrevolution mit einer Ausstellung (18.10. 2017-15.04. 2018) gewürdigt.

Auf 1000 Quadratmeter finden die Besucher 500 Exponate aus und um die Zeit der Oktoberevolution. Der Rundgang durch die ausgestellte Umsturz–Geschichte macht auf die politischen Vorläufer und ihre tiefgreifenden Folgen aufmerksam.

In Wort und Bild, in Uniformem, Kleidern, Schmuck, Plakaten, Plastiken wird der vorrevolutionäre Zustand illustriert, der dann in die revolutionäre Situation münden sollte, sprich in die Revolution von 1917. Auf der einen Seite unfassbarer Reichtum und auf der anderen Seite unbeschreibliche Armut. Das hält auf Dauer keine Gesellschaft aus, das zerreißt sie irgendwann. Doch während die zaristischen Ketten zerrissen wurden, wurden sie zunehmend nur durch die neuen, der Bolschewiki ersetzt.

Hier ein Zitat der Kuratorin, Kristiane Janeke vor der Ausstellungseröffnung: “Dem Anspruch auf Befreiung und Emanzipation standen immer auch Terror, Gewalt und Repression gegenüber. Beides war untrennbar verbunden, es waren zwei Seiten derselben Medaille“.

Darin besteht meines Erachtens auch die ganze Tragik dieses Aufbruchs in eine neue Epoche, die von Fehlern, Versäumnissen und von Verbrechen erdrückt, doch zum Abbruch einer Alternative führte, die einst mit so viel Hoffnungen und Erwartungen begann. Einen Einblick in die Widersprüchlichkeit der vorrevolutionären wie der revolutionären Abläufe dieser Epoche bietet der Gang durch die Museumsräume. Das heißt, die Exposition zeigt beide Seiten der Medaille.

So bekommt man eine zaristischen Generalsuniform und ein Gemälde mit einem ärmlichen Bauern und seiner kleinen Tochter zu sehen. Im Gegensatz dazu in den grellsten Farben, ein riesiges Bild von der Eröffnung des II. Kongresses der Komintern (Issak Brodski,1924). Doch wer kann an diesem Punkt vergessen, das einer der Komintern-Vorsitzenden, Grigori Sinowjew, 1936 ein Opfer von Stalins Schauprozessen wurde. Allein in den Jahren 1929 bis 1953 sollten nach Angaben von General Dimitri Wolkogonow 21,5 Millionen Menschen Repressionen ausgesetzt werden ( siehe „Lenin Utopie und Terror, ECON Verlag, 1994, S. 312). Exemplarisch dafür steht die Skulptur eines Häftlings, an einen Karren gekettet. Gestaltet hat sie die Bildhauerin Maria M. Strachowskaja ( 1879-1962).

Welche hohe Erwartungen viele Menschen mit dieser Revolution verknüpften, das möge eine Postkarte belegen, die der spätere Regierende Bürgermeister Berlin, Ernst Reuter (SPD), aus der russischen Gefangenschaft (1916) an seine Eltern schrieb: Er habe begonnen die russische Sprache zu lernen und hoffte es gut zu machen, um im Laufe der Jahre als Verwalter von den Bolschewiki eingesetzt zu werden.

Ein Verdienst der Ausstellungsmacher ist, das sie einen Blick über den russischen Tellerrand hinaus, auf andere Länder ermöglichen. Zur Betrachtung kommt somit, welche verschiedenen Reaktionen und Gegenreaktionen die Oktoberrevolution auch andernorts auslösten. Angst, Hysterie, Hass oder Aufbruch, Sympathie, Zuversicht wären nur einige Prädikate, die man da nennen könnte.

Zunächst fühlten sich mit Beginn der Revolution viele Künstler inspiriert neue Wege zu gehen. Architekten ersannen für die damalige Zeit sehr moderne Gebäude. Auch in der Wirtschaft eröffneten sich neue Möglichkeiten.

Doch hier kommt man nicht umhin erneut auf die unangenehme Kehrseite der Medaille zu schauen. Über 1 Million Menschen flohen nach den Oktober-Ereignissen aus Russland, darunter viele Intellektuelle und Künstler. Der Dichter Wladimir Majakowski brachte sich (1930) gleich selbst um und der Ideengeber für die Neue Ökonomische Politik (NÖP), Nikolai Bucharin, wurde von Stalins Knechten (1938) erschossen. Und dann wieder Rotbannerorden, rote Kampfbanner, Lenins Totenmaske, ein Fragment von Eisensteins Panzerkreuzer Potemkin, eine Budjonny-Mütze und vieles andere mehr.

Ein vielleicht symptomatisches Ausstellungsstück ist die Skulptur des russisch-amerikanischen Künstlers Alexander Kosolapow; Hero Leader God ist ihr Titel.Was man sieht ist Lenin, Mickey Mouse und Jesus – alle in Hand in Hand im schönsten Rot.

Wer nun hoffte, jene rote Utopie könne man anno 1917 zu verwirklichen beginnen, sodass sie inzwischen auf festem Fundamenten stehend gesellschaftliche Realität ist, der hat geirrt.

Das Versprechen, eine gerechte, demokratische Welt schaffen zu wollen, konnte bis heute nicht erfüllt werden. Nicht nur in Russland, sondern überall!

 

Cottbus, den 24.11. 2017 René Lindenau







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